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Bärbel Völkel, Tony Pacyna (Hrsg.): Neorassismus in der Einwanderungs­gesellschaft

Cover Bärbel Völkel, Tony Pacyna (Hrsg.): Neorassismus in der Einwanderungsgesellschaft. Eine Herausforderung für die Bildung. transcript (Bielefeld) 2017. 262 Seiten. ISBN 978-3-8376-3454-9. D: 29,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.

Kultur und soziale Praxis.
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Thema

Das Buch will mit Artikeln verschiedener Autoren/innen zur Diskussion von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Europa zur Frage beitragen, „welche Bevölkerungsgruppen Träger dieser Vorbehalte sind.“ (S. 7)

Herausgeberin und Herausgeber

Bärbel Völkel ist Professorin für Geschichte und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Sie hat geforscht und veröffentlicht zur subjektorientierten Geschichtsdidaktik, zu Luther im multikulturellen Geschichtsunterricht und zu einer inklusiven Geschichtsdidaktik.

Tony Pacyna ist Philosoph und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie der Universität Heidelberg, wo er insbesondere Dogmatik und Religionsphilosophie vertritt. Er hat zu Wittgensteins Kultur der Einstellung promoviert und veröffentlicht, sowie zu den Sprachspielen der New Atheists.

Entstehungshintergrund

Hierzu wird wenig gesagt, nur dass im Februar 2015 an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg eine Tagung unter der Fragestellung „Neorassismus in Einwanderungsgesellschaften – ein Bildungsproblem?“ stattfand, auf der Personen aus verschiedenen Disziplinen referierten.

Die Referenten/innen kamen allerdings zu einem großen Teil aus der Geschichtswissenschaft oder der Philosophie – letztere häufig in Verbindung mit Religionswissenschaften und/oder der Theologie, was in einigen Fällen zu relativ eng fachbezogenen Beiträgen führt und die Frage der eventuellen Herausforderung für die Bildung wurde auch nur zum Teil thematisiert.

Zielgruppen

Vor diesem Entstehungshintergrund erscheint das vorliegende Buch weniger gedacht für Personen, die sich mit dem Thema Rassismus bzw. seinen neueren Formen in unserer aktuellen Gesellschaft zum ersten Mal näher beschäftigen wollen. Meines Erachtens ist es eher für Personen geeignet, die sich mit speziellen Unterpunkten wie z.B. Erscheinungsformen von Kolonialismus und Nachkolonialismus oder mit der Frage „einer im-werden-begriffenen multiplen Identität“ (S. 127 ff.), auseinandersetzen wollen.

Aufbau und Inhalt

Über die Tagung, über deren Diskussionen sonst nichts berichtet wird, wird gesagt, dass der Geschichtstheoretiker Jörn Rüsen die Idee des Historismus vertrat und sie scharf abgrenzte von den ansonsten vertretenen postkolonialen Ansätzen. Ihm wurde daher im Anschluss an die Tagung noch ein Streitgespräch mit Bärbel Völkel zugestanden, das auch im vorliegenden Band abgedruckt ist. Das Ergebnis ist für mich eine weitgehend enge fachbezogene Diskussion und deren Ausrichtung drei Generationen Geschichtslehrende nach der NS-Zeit, die so definiert werden:

  1. Beschweigen des NS,
  2. Moralisieren,
  3. Historisieren.

Rüsen ist dabei der Überzeugung, dass die doppelte Nationalität Konflikte verstärkt, Völkel fragt nach neuen Konzeptionen, bei denen das Loyalitätsproblem nicht mehr an Nationen gebunden ist.

Doch ich will versuchen, die durchaus auch vorhandenen Beiträge zu analysieren, die vor allem der Frage nachgehen, welchen Bezug sie zu einer gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit ausgerichteten Bildung im schulischen wie außerschulischen Bereich haben und/oder was sie von einer solchen Bildung fordern.

Dazu gehört für mich in der Einleitung der Beitrag des Realschullehrers und Lehrbeauftragen an der PH Ludwigsburg, der sich mit dem 2016 verabschiedeten neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg und den gängigen Schulbüchern für dieses Fach auseinandersetzt. Er kommt zu dem Schluss, dass die Lehrpläne weiterhin deutlich eurozentrisch und nationalstaatlich orientiert sind und liefert hierfür Beispiele, wie etwa, dass der Umgang mit Minderheitern vernachlässigt wird oder gar nicht thematisiert wird, wie auch Beispiele vom erfolgreichen menschlichen Zusammenleben oder gewaltfreien Konfliktlösungsstrategien aus anderen Teilen der Welt. Preuß schließt damit, dass der vorgesehene neue Lehrplan keinen Beitrag zur Völkerverständigung oder Toleranz leisten werde. Dies ist für mich ein wichtiger und allgemein verständlicher Beitrag

Interessant und wichtig finde ich auch die Aufarbeitung des NSU-Komplexes durch den Politologen und Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha. Er bezeichnet den NSU-Komplex als „ein bizarres wie tödliches Kultur- und Politikphänomen…, in der politischer Wahnsinn und gesellschaftliche Realität sich auf eine Weise rassistisch überlappen, die im Post-Holocaust-Deutschland… für nicht mehr möglich gehalten wurde.“ (S. 36) Die Tatsache, dass es sich um eine zusammenhängende anti-migrantische Mordserie handelte, wurde bis zuletzt von der Politik wie z.B. von dem damaligen Innenminister Schily ebenso geleugnet, wie die Mordopfer und ihre Familien von den deutschen Geheimdiensten als Kriminelle diskriminiert wurden. Dies ist laut Kien Nghi Ha die Folge der personellen und weltanschaulichen Kontinuität aus der NS-Zeit, da Ende der 50er bis zu Beginn der 70er Jahre 70% des Bundeskriminalamtes Alt-Nazis waren und auch für die Führungsriege des Verfassungsschutzes galt dies. Der Autor beschreibt Verstrickungen der Sicherheitsorgane mit rechtsextremen Netzwerken, gezielte Sabotage der polizeilichen Ermittlungen bis hin zu Aktenvernichtungen als Untersuchungsausschüsse schließlich Akteneinsichten verlangten. (Wer sich mit der Nicht-Aufarbeitung der NS-Zeit und der Weiterbeschäftigung von NS-Kadern in der Nachkriegszeit näher beschäftigen will, empfehle ich das nach wie vor aktuelle Buch von Ralph Giordano, die zweite Schuld der Deutschen oder Von der Last, ein Deutscher zu sein. Kindler 1987)

Die Auseinandersetzung mit der kolonialen Mentalität in nachkolonialer Zeit, beschreibt die Professorin für Geschichte des Mittelalters, Bea Lundt, detailliert und kenntnisreich vor allem am Beispiel Afrikas und zeigt unter anderem auf, dass „Stämme“ erst durch europäische Wissenschaftler definiert wurden, ebenso wie sie künstliche „Nationalstaaten“ schufen, ihre Sprache und Systeme den Kolonien aufzwangen und ihre rassistische Überlegenheit betonten. Sie zeigt aber auch an den Beispielen von Franz Fanon, Kwame Nkrumah und Paulo Freire wie eine „Dekolonialisierung des Denkens“(S. 76), die es systematisch bis heute nicht gibt, aussehen könnte.

Bärbel Völkel schreibt über die Schattenseiten des Nationalstaates und beginnt mit dem Phänomen PEGIDA, das seit Ende 2014 von Menschen, die durchaus gebildet sind und einen Arbeitsplatz haben und „sich als gesellschaftliche Avantgarde verstehen, die als erste die Gefahr der muslimischen Zuwanderung für Deutschland erkannten.“ (S. 105) Sie macht die Ordnungsfunktion der Nationalgeschichte deutlich, die dazu führen kann, das soziale Bindung von kultureller Übereinstimmung abhängt und Kulturen sich daher nicht mischen sollten, was letztlich zu „Ethnozentrismen, Xenophobie und Rassismus als die ‚schmutzige‘ Seite einer in Nationalstaaten organisierten Welt führt.“ (ebenda). Es handelt sich um einen sehr differenzierten Text, der auch aktuelle Diskussionen über die Bedeutung und Rolle der Geschichtswissenschaft thematisiert. Zuletzt diskutiert sie noch, wozu ein interkultureller Dialog um das Verstehen des Anderen führen könnte.

Ram A. Mall, Professor der Philosophie und Religionswissenschaft bezieht sich im Artikel „Kulturelle Selbstvergewisserung und die Identitätsproblematik“ auf interkulturelle Kommunikation am Beispiel der Hindu-Identität, die keine Superioritätsansprüche gegenüber anderen Kulturen vertreten soll. Ram A. Mall sagt, wichtiger sei es mit Dissens friedlich umzugehen.

Der Philosoph Fabian Lehmann versucht verschiedene Plädoyers über das Missverstehen in interkulturellen Begegnungen daraufhin zu analysieren, dass sie etablierte Handlungs- und Denkweisen in Frage stellen und damit revitalisierend wirken können.

Hans Schelkshorn, Professor für christliche Philosophie will im Artikel „ Eine Gigantomachia über Europa“ Enrique Dussels Philosophie der Befreiung genauer darstellen. Dussels ist argentinischer Theologe und Philosoph und gilt als einer der großen südamerikanischen Denker und seine Kritik bezieht sich auf den Hegemonieanspruch Europas. Schelkshorn kritisiert, dass Dussels sich nur auf Europa konzentriert und andere imperialistische Mächte wie z.B. Russland auslässt. Es handelt sich um einen stark philosophisch geprägten Text, der Vorkenntnisse voraussetzt.

Ähnliches gilt für den Artikel des Religionsphilosophen Tony Pacyna. Er will die Vorstellung der ethischen Logik erläutern, die seiner Überzeugung nach „in der Reflexion eine normative Funktion erhält.“ (S. 196). Zum Schluss bemerkt er „Neorassismen sind damit in erster Linie…kein Bildungsproblem, weil deren Behandlung nicht …statisch vermittelbar ist“ (S. 209), sie sollten aber Teil des Bildungsprozesses werden.

Über das Streitgespräch am Schluss des Bandes habe ich schon am Anfang meiner Inhaltsangaben hingewiesen, das ich für eine enge geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung halte.

Fazit

Die Beurteilung dieses Bandes ist für mich schwierig, weil sich durchaus lesenswerte Beiträge mit solchen abwechseln, die enger fachbezogen sind und zum Teil auch Vorkenntnisse voraussetzen. Von daher, wie bereits gesagt, eher für diejenigen geeignet, die sich für die genannten speziellen Fragen interessieren.


Rezensentin
Prof. Dr. Christine Labonté-Roset
Emeritierte Professorin für internationale Sozialpolitik der Alice-Salomon-Hochschule Berlin
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Zitiervorschlag
Christine Labonté-Roset. Rezension vom 30.06.2017 zu: Bärbel Völkel, Tony Pacyna (Hrsg.): Neorassismus in der Einwanderungsgesellschaft. Eine Herausforderung für die Bildung. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3454-9. Kultur und soziale Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22337.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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