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Beate Martin, Jörg Nitschke: Sexualität und Schule

Cover Beate Martin, Jörg Nitschke: Sexualität und Schule. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 204 Seiten. ISBN 978-3-17-032471-8. D: 28,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Sexualerziehung in der Schule ist kein unbeachtetes Thema mehr im gesellschaftlichen Diskurs. Aktualisierte Lehr- und Bildungspläne vieler Bundesländer und der mediale Wirbel um diverse Gegeninitiativen vermeintlich besorgter Eltern wie auch der AfD sowie bildungspolitische Aktionspläne zur Prävention sexueller Gewalt mittels (auch) schulischer Sexualaufklärung haben das Thema ins öffentliche Gespräch gebracht.

Umso unverständlicher ist es, dass seit der Veröffentlichung von Karlheinz Valtls „Sexualpädagogik in der Schule“ von 1998 im Juventa-Verlag kein Versuch mehr unternommen wurde, eine Didaktik und Methodik schulischer Sexualpädagogik zu konzipieren. Wahrscheinlich liegt es gerade an der inhaltlichen und methodischen Ausweitung und Transformation von Sexualaufklärung zur sexuellen Bildung und die noch sehr frischen Debatten um ihre bildungspolitische Ausrichtung, dass niemand den Versuch wagte.

Umso mutiger und lobenswerter ist das hier zu besprechende Werk von Beate Martin und Jörg Nitschke. Laut Klappentext gibt das Buch „eine kleine Einführung in die Sexuelle Bildung in der Schule, wobei vor allem die Rolle der Lehrkraft thematisiert wird.“ Der Untertitel kündigt eine „themenorientierte Einführung und Methoden“ an. Damit ist ziemlich genau charakterisiert, was die Schrift will und tatsächlich auch leistet.

Autor und Autorin

Beate Martin und Jörg Nitschke sind beide Mitarbeitende des bundesweit agierenden Instituts für Sexualpädagogik, ausgebildet in Sexualberatung und erfahren in der Praxis schulischer Sexualerziehung wie auch der Weiterbildung von schulischen und außerschulischen Fachkräften. Das Buch ist entsprechend ein Werk aus der Praxis und für die Praxis.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer didaktisch-methodischen Einleitung in die Bedeutung und den Nutzen schulischer Sexualerziehung, die vermittlungspraktischen Besonderheiten der Methodenauswahl und die Berücksichtigung sexueller Vielfalt angesichts einer heterogenen Schülerschaft.

Jedes der nachfolgenden Kapitel konzentriert sich auf ein spezifisches Thema mit immer gleichem Aufbau:

  • fachwissenschaftlich-didaktische Einleitung,
  • Praxistipps und
  • Methodenteil.

Behandelt werden in plausibler Reihenfolge

  • Sexualität und Sprache,
  • Körper- und Sexualaufklärung,
  • Fruchtbarkeit und Verhütung,
  • sexuell übertragbare Infektionen,
  • Körper und Sinnlichkeit,
  • sexuelle Identitäten,
  • Liebe, Freundschaft und Partnerschaft,
  • sexuelle Vielfalt,
  • Sexualität und Medien sowie
  • sexuelle Gewalt.

Obwohl das Thema „sexuelle Gewalt“ gegenwärtig im medialen Diskurs dominant vorkommt, wird es gemäß fachpädagogischer Übereinkunft erst im letzten Kapitel behandelt. Kindern und Jugendlichen soll der Einstieg in die sexuelle Bildung nicht unter dem Vorzeichen der dunklen Seite des Themas vermittelt werden. Dennoch weisen der Autor und die Autorin zu Recht darauf hin, dass sich die Lehrkräfte je nach praktischen Erfordernissen des Lehrbuchs bedienen und die Reihenfolge der Themen in den Schulalltag einpassen können.

Inhalt

Der auf Schule zugeschnittene didaktisch-methodische Anfang liefert eingangs viele Anlässe und fachpädagogische Argumente für Sexualerziehung, die für Lehrkräfte nützlich sind, um das Thema gegenüber dem zurückhaltenden oder kritischen Teil des Kollegiums plausibel zu machen. Die Rolle der Lehrkraft wird motivierend aber realistisch umrissen und gleichzeitig die Bedeutung der Kooperation mit außerschulischen Fachkräften illustriert und begründet. Es wird deutlich, dass Sexualität nicht wie alle anderen Themen des Unterrichts bearbeitet werden kann, sondern eigener methodisch-didaktischer Reflexionen und Kompetenzen bedarf. Reagierend auf die öffentliche Debatte um angemessene oder möglicherweise grenzüberschreitende Methoden werden Kriterien der Methodenauswahl und -anwendung sachgerecht beschrieben. Ebenso aktuell sind ein komprimiertes Kapitel zur Medienkompetenz und eine ebenso informative wie unaufgeregte Begründung des gesellschaftlich erregt debattierten Themas der „Vielfalt von Lebens- und Liebesformen“ (S. 19).

Sexuelle Bildung beginnt selbstverständlich mit dem Sprechen über Sexualität: verbal, nonverbal, lebensweltbezogen und doch allgemein verständlich, taktvoll und dennoch eindeutig, vielfältig, angemessen sinnlich und kreativ aber auch nicht alles zerredend. Das will geübt sein, und der Methodenteil im Text bietet erste Hilfen an für den Unterricht.

Körper- und Sexualaufklärung bleiben trotz bzw. gerade wegen eines Überangebots medialer Bebilderung und Beschreibung sexueller Phänomene und gut gemeinter Beratungsangebote ein wichtiges Aufklärungsthema von Schule. Immerhin brauchen alle diese Sozialsationseinflüsse der orientierenden Reflexion – auch angesichts heterogener Zielgruppen. Die vorgeschlagenen didaktischen Impulse dienen der Erhebung bisheriger Lernerfahrungen und der Behebung von Defiziten.

Lobenswert ist das Kapitel über „Fruchtbarkeit, ein vernachlässigtes Thema in der sexuellen Bildung“ (S. 56). Und zwar deshalb, weil es nicht einseitig um die Problematisierung von Frühschwangerschaften und die richtige Nutzung von Verhütungsmitteln geht, sondern um die „Akzeptanz vielfältiger Lebensentwürfe“ (S. 59) auch hinsichtlich der Frage, wann sich jemand für Kinder entscheidet. Die Entwicklung einer Berufs- und Lebensperspektive einschließlich der Familiengründung wird gendersensibel erörtert und im Methodenteil didaktisiert.

Im Gegensatz zur repressiven Sexualprävention hat sich eine emanzipative sexualfreundliche Bildung gern um das unangenehme Thema der sexuell übertragbaren Krankheiten herumgedrückt. Erfrischend klar und präzise, sogar eingebettet in einen Moralkodex sexueller Gesundheit referieren Frau Martin und Herr Nitschke über die wichtigsten Ansteckungsgefahren und ihre Vermeidung. Selbst die didaktischen Impulse sind so gestaltet, dass sie den Schüler*innen nicht unangenehm sein müssen.

Wesentlich schwieriger noch ist die sinnliche Dimension des sexuellen Körpers in der Schule zu behandeln. Kaum ein Teilthema hat die Gegner*innen sexueller Bildung so erregt wie die Thematisierung und möglicherweise sogar übende Begleitung sinnlicher Körper- und Beziehungserfahrungen. Das entsprechende Kapitel ist daher auch recht lang geraten, um Vorurteilen entgegen zu wirken, den schulischen Erfahrungsraum sensibel auszuloten und dennoch an der Sinnlichkeitsdimension von sexueller Bildung zumindest theoretisch festzuhalten. Im Unterkapitel „Sport tut gut“ (S. 102) werden die entsprechenden Fachlehrkräfte in die Pflicht genommen, mit den Schüler*innen über ein angemessenes Nähe- und Distanzverhältnis zu reden und den angenehmen und unangenehmen Gefühlen Raum zu geben. Das sehr knappe Methodenkapitel mag ein Ausdruck davon sein, dass die sinnliche Dimension sexueller Bildung in der Schule im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs nur metakommunikativ zur Sprache kommen kann.

Viel überzeugend-legitimierende Aufmerksamkeit richten der Autor und die Autorin der schulischen Bildung als „Ort der Auseinandersetzung mit den Themen Geschlecht und sexuelle Orientierung“ (S. 114). Sachlich-sensibel und undogmatisch, ohne Missionierungshaltung wird über „sexuelle Identitäten“ (S. 109ff) vor allem im Sinne sexueller Orientierungen berichtet und wichtige Lernprozesse didaktisch angeregt. Logisch angeschlossen hätte sich das Kapitel über „sexuelle Vielfalt“ (S. 138) mit dem Schwerpunkt auf Queer, Inter- und Transsexualität sowie Transgender, da alle diese Identitätsvarianten in einem systematischen Zusammenhang stehen.

Frau Martin und Herr Nitschke haben sich anders entschieden und das Thema „Liebe, Freundschaft und Partnerschaft“ (S. 125) dazwischengeschoben. In der Tat fühlen sich manche Angehörige von LGBTTI*Q-Identitäten gesellschaftlich zu sehr auf ein enges Verständnis von Sex reduziert und vielleicht sollte dem gesamten – für Angehörige der heterosexuellen „Normalbevölkerung“ leicht verwirrenden – Themenkomplex auch die Brisanz genommen werden. Im Kapitel über „Liebe, Freundschaft und Partnerschaft“ jedenfalls geben sich die Autorin und der Autor Mühe, mit vielen empirischen Hinweisen die Beziehungsorientiertheit jugendlichen Sexualitätserlebens zu betonen, als müsste immer noch – die Gemüter beruhigend – gegen das Verwahrlosungsstereotyp argumentiert werden. Tatsächliche, auch von Jugendlichen schon erlebte – Konfliktanlässe kommen in diesem komplizierten Sexualitäts- und Liebessektor dann auch leider zu kurz.

Hochaktuell ist der Buchabschnitt über „sexuelle Bildung und Transkulturalität“, der gerade deshalb noch etwas mehr theoretische Klärung und politische Reflexion benötigt hätte, auch mehr didaktische Anregungen zur Thematisierung von Rassismus, Intersektionalität und soziokultureller wie auch ethno-nationaler Auseinandersetzung und Begegnung.

Das heiße Thema „Pornografie“ ist geschickter Weise in den Kontext „Sexualität und Medien“ eingebettet worden und zwar mit der Hauptbotschaft, weniger zu verdrängen und mehr realistisch aufzuklären und die entsprechende Medienkompetenz zu vermitteln. Fachliche Einleitung und Methoden sind auf der Höhe der Zeit und angemessen ausführlich für eine Einleitung in die sexuelle Bildung durch schulische Anregungen.

Der Abschnitt über „sexuelle Gewalt“ enthält in unaufgeregter Präsentation alle wichtigen Grundlagen für eine mehrdimensionale Gewaltprävention und einen etwas dünnen Methodenteil. Die vielen Hinweise in den „weiterführenden Informationen/Anlaufstellen“ (S. 198ff) enthalten aber genügend Anregungen für weitere didaktische Impulse zu diesem wichtigen Thema. Vielleicht hätte im Theorieteil der Wert sexueller Bildung im Zusammenhang mit der Prävention sexueller Grenzüberschreitungen und sexualisierter Gewalt noch etwas stärker herausgestellt werden können. Kleine Verweise auf die vorangegangenen Kapitel hätten geholfen, diese Verbindung ins Bewusstsein zu rufen.

Diskussion

Wie schon eingangs betont, liefert das Buch eine knappe, das Wesentliche enthaltene Einführung in schulische Sexualpädagogik: Informierend, praxisnah und motivierend für alle Lehrkräfte sich aus ihrer jeweiligen fachspezifischen Perspektive dem Thema zuzuwenden. Die methodischen Anregungen sind vielfach erprobt und haben sich als Einstiegsimpulse für weitergehende Informationen und Reflexionen bewährt.

Manche Lehrkräfte hätten sich vielleicht im Anschluss an die einzelnen Übungen noch mehr auswertende Praxiserfahrungen gewünscht, um auf nicht vorhersehbare Eventualitäten vorbereitet zu sein. Die einzelnen Fachlehrkräfte sind nun gefordert, ihre jeweils besonderen Kompetenzen mit den im Buch angebotenen theoretischen und methodischen Impulsen zu verbinden, auf situative sexualitätsrelevante Anlässe einzugehen und sich für eine alters- und lebensweltgemäße sexuelle Bildung einzusetzen.

Einzelne kritische Anmerkungen und Fragen an den Aufbau der Buchkapitel sind schon im vorhergehenden inhaltlichen Teil angemerkt worden. Und natürlich hätte vieles noch ausführlicher und in die Tiefe gehend bearbeitet werden können und neben den angegebenen Internetadressen fehlt manchem sexualpädagogisch Interessierten noch weiterführende methodische und didaktische Literatur. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der breite und neue Fokus auf schulische Sexualerziehung mit dem Label der sexuellen Bildung noch sehr jung ist und sich entsprechende Konzepte erst aktuell im Theorie-Praxis-Dialog herausbilden. Viele der damit verbundenen Erfahrungen müssen noch empirisch erhoben und didaktisch-methodisch wie auch organisationspraktisch ausgewertet werden. Das bleibt weiteren Veröffentlichungen überlassen.

Fazit

Das Werk von Beate Martin und Jörg Nitschke ist die momentan einzige aktuelle Einführung in die sexuelle Bildung in der Schule. Die Autorin und der Autor wissen, wovon sie schreiben. Sie sind theoretisch-didaktisch kompetent und praktisch erfahren. Die fachdidaktischen sexualpädagogischen Informationen sind ebenso wie die methodischen Anregungen und praktischen Hinweise jeder Lehrkraft zu empfehlen, die sich dem immer noch vernachlässigten aber hochaktuellen Themenbereich der sexuellen Bildung zuwenden möchte. Eine zielgruppenorientierte und persönlichkeitsbildende Schulpädagogik braucht mehr von solchen Praxishilfen.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Sielert
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Zitiervorschlag
Uwe Sielert. Rezension vom 31.07.2017 zu: Beate Martin, Jörg Nitschke: Sexualität und Schule. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-032471-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22344.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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