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Franz Knieps (Hrsg.): Gesundheitspolitik. Akteure, Aufgaben, Lösungen

Cover Franz Knieps (Hrsg.): Gesundheitspolitik. Akteure, Aufgaben, Lösungen. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2017. 269 Seiten. ISBN 978-3-95466-279-1. D: 39,95 EUR, A: 41,15 EUR, CH: 48,00 sFr.
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Thema

Das Buch „will einen Einstieg bieten“ „für Entscheider und Verantwortliche in Politik, Administration und Selbstverwaltung“ (S. 2) in eines der Konflikt behaftetsten Felder der deutschen Politik: Die Gesundheitspolitik.

Herausgeber und AutorInnen

Franz Knieps, aktueller Vorstand des BKK Dachverbandes e.V. und ehemaliger Mitarbeiter im Bundesgesundheitsministerium (BMG) unter Ulla Schmidt, hat als Herausgeber des Bandes 22 weitere AutorInnen für diesen Sammelband gewonnen, zwölf davon sind seine MitarbeiterInnen aus der dem Interessenverband der Betriebskrankenkassen (BKK), die mit ihm die elf Kapitel der ersten beiden Buchabschnitte geschrieben haben. Für die vier Kapitel des dritten Abschnitts konnten jeweils Akteure aus dem Gesundheitswesen gewonnen werden.

Entstehungshintergrund

Agendasetting für die Bundestagswahl im Herbst 2017 ist das Ziel des Buches. Es stellt die Probleme und Lösungsansätze für gesundheitspolitische Themen insbesondere aus der Sicht eines relevanten Players im System dar.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt:

Im ersten Abschnitt „Grundlagen“ gibt Franz Knieps zunächst auf sieben Seiten einen geschichtlichen Überblick von den Anfängen sozialer Sicherung im 13. Jahrhundert bis in unsere Tage. Anschließend wird auf 50 Seiten die „Organisation des Gesundheitssystems“ in fünf Beiträgen beschrieben. Es geht um Akteure und ihre Aufgaben, Gesetzliche Krankenkassen im Wettbewerb, die Gesetzgebung des Bundes sowie die Gesundheitswirtschaft in Deutschland und die Funktionsweise des Gesundheitsfonds.

Das umfangreichste zweite Kapitel ist mit „Handlungsfelder in der Gesundheitspolitik“ überschrieben. Die Überzeugung, dass der Patient nicht wirklich im Zentrum der Versorgung steht, führt im ersten Beitrag zum Konzept einer patientenzentrierten und teambasierten Versorgung, für deren Realisierung neun Forderungen für eine „konsistente Wettbewerbsordnung“ erhoben werden (S. 103f). Der anschließende Beitrag zum morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich plädiert dafür, das Thema nicht nur unter Aspekten der Verteilungsgerechtigkeit, sondern auch der Wettbewerbswirkungen zu betrachten. Die Zunahme der chronischen Krankheiten mit Multitmorbidität und degenerativem Verlauf steht im Mittelpunkt des Beitrags zum Krankheitspanorama im Wandel. Darin wird konstatiert, dass trotz aller Bemühungen die Strukturen des Systems noch nicht hinreichend an die sich daraus ergebenden Herausforderungen angepasst sind. Im Beitrag zur Arzneimittelversorgung wird das Spannungsfeld zwischen Innovation und Finanzierbarkeit ausgeleuchtet und es werden Impulse zu einem gesellschaftlichen Diskurs gegeben zu der Frage, was sie bereit ist zu finanzieren. „Kleine gesetzgeberische Nachjustierungen“ erwartet der Autor des anschließenden Beitrags zur sozialen Pflegeversicherung (S. 172). Der siebte Beitrag in diesem Abschnitt fordert neue Heilberufe: „Nicht die Delegation, sondern die Substitution ärztlicher Leistungen durch Gesundheitsberufe ... ist das Gebot der Stunde“ (S. 175). Um Digitalisierung, Internetmedizin und eHealth geht es im vorletzten Beitrag dieses Abschnitts. Die Autorin wünscht sich, dass „die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen zu einem Exportschlager“ wird (S. 202), muss aber konstatieren, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen den Erfordernissen hinterherhinken. Um eine Verbesserung der Steuerungsfähigkeit des deutschen Gesundheitswesens geht es im abschließenden Beitrag dieses Kapitels, der sich mit der „Selbstverwaltung unter Druck“ beschäftigt und für eine Stärkung der Selbstverwaltung sowie mehr Attraktivität ihrer Ehrenämter plädiert.

Im dritten Abschnitt „Einsichten: Der Blick der Akteure auf das System“ hat zunächst der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Wolfgang Eßer, das Wort, der den Bogen von der Bedeutung der Selbstverwaltung bis zu Leistungsverbesserungen bei Paradontitis spannt. Neben seinem Bekenntnis zur Selbstverwaltung beschäftigt sich der Beitrag von Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses sowie ehemaliger Landessozialminister im Saarland und Präsident des Bundesversicherungsamtes, mit Themen wie Versorgung ländlicher Regionen, der Attraktivitätssteigerung ärztlicher und pflegerischer Tätigkeit sowie der Problematik von maximal-invasiven Therapien am Lebensende. Kritischer bewertet die gemeinsame Selbstverwaltung der Geschäftsführer der „Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e.V.“, Dr. Martin Danner, der moniert, dass Entscheidungen „oft nicht dem fachlichen Optimum entsprechen“ (S. 235). Er plädiert außerdem für mehr Transparenz und die Stärkung der Patientenautonomie.

Das letzte Wort haben die Politiker. „Politische Positionen und Programme“ ist der Beitrag überschrieben, in dem der Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen, Jens Spahn MdB, Michael Hennrich MdB, beide von der CDU, die bayrische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, Melanie Huml von der CSU, der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Karl Lauterbach MdB, Kathrin Vogler MdB von der Fraktion DIE LINKE sowie Maria Klein-Schmeink MdB für Bündnis 90/Die Grünen ihre Positionen darlegen können.

Diskussion

Es ist eine Respekt abnötigende Leistung, ein solches Übersichtswerk zu erstellen und durchweg fundierte Beiträge zeitgerecht zum Wahljahr abzuliefern. Bei der Lektüre muss man sich allerdings bewusstmachen, dass die Beiträge nicht nur abwägend informieren wollen, sondern Teil der Einflussnahme der Interessenvertretung der Betriebskrankenkassen in Deutschland auf die Gesundheitspolitik sind. Dazu stehen die Autoren der ersten beiden Abschnitte. Im Einzelfall ist es aber für den unkundigen Leser sehr schwer zu erkennen, wo der Beitrag gerade dezidiert Interessenpolitik formuliert.

Interessant ist auch die Beschäftigung mit der Frage, wer schreibt im dritten Abschnitt mit und wer nicht. Die Auswahl ist recht subjektiv, außerdem ist nicht bekannt, wer als Autor angefragt wurde, wer nicht; wer hat abgelehnt zu schreiben und wer hat einfach nur nicht pünktlich abgeliefert. Das sicher von vielen Zufällen mitgeprägte Bild ist dennoch spannend. So schreibt der Vorsitzende der Kassenzahnärzte (KZBV) mit, aber kein Vertreter der Ärzteschaft wie der KBV Vorsitzende Andreas Gassen oder der Präsident der Bundesärztekammer Ulrich Montgomery. Auch die Krankenhäuser haben mit Georg Baum von der Deutschen Krankenhausgesellschaft einen wirkmächtigen Vertreter, der aber nicht mitschreibt. Zwar wird im Text eine Aufwertung der nichtärztlichen Heilberufe gefordert, ein Repräsentant dieser Berufsgruppe schreibt im dritten Kapitel aber nicht mit. Besonders subjektiv gefärbt ist die Auswahl bei denen, die für die CDU schreiben. Diese Partei stellt mit Annette Widmann-Mauz die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, es schreibt aber ihr Pendant aus dem Finanzministerium. Außerdem ist diese Partei gleich zweimal vertreten. Aus dem Gesundheitsausschuss schreibt der Abgeordnete Hennrich und nicht die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Gesundheit der Fraktion, Maria Michalk.

Fazit

Wer im Wahljahr zur Gesundheitspolitik mitreden will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Es nicht nur für den Einstieg in das komplexe Themenfeld geeignet, auch Fachleute werden Gewinn aus der Lektüre ziehen.


Rezensent
Dr. phil. Andreas Meusch
Direktor WINEG
Homepage www.andreas-meusch.de
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Zitiervorschlag
Andreas Meusch. Rezension vom 01.03.2017 zu: Franz Knieps (Hrsg.): Gesundheitspolitik. Akteure, Aufgaben, Lösungen. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2017. ISBN 978-3-95466-279-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22346.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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