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Astrid Elsbernd, Katrin Bader: Curriculares Konzept ... (Bachelorstudiengang "Pflege")

Cover Astrid Elsbernd, Katrin Bader: Curriculares Konzept für einen primärqualifizierenden Bachelorstudiengang "Pflege". Esslinger Standortbestimmung. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2017. 376 Seiten. ISBN 978-3-89918-253-8. D: 24,90 EUR, A: 26,90 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Spätestens seit der Einführung sogenannter Modellklauseln in die Berufsgesetze der Altenpflege, Gesundheits- und Krankenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, hat die hochschulische Ausbildung der Pflegeberufe auch in Deutschland Konjunktur. Im Anschluss an die Bologna-Reform beteiligen sich immer mehr Hochschulen und Universitäten an der Entwicklung von Pflegestudiengängen. Dabei sind unterschiedliche Studienmodelle auf Bachelorebene entstanden, deren Klassifizierung sich teilweise als schwierig herausstellt.

Hierzu gehört das primärqualifizierende/praxisintegrierte Modell, dessen Kern wie folgt zu umreißen ist: Die Pflegeausbildung findet ausschließlich in Form eines Studiums im tertiären Bildungssektor statt, wobei integrierte und curricular eingebundene Praktika von den Studierenden zu absolvieren sind. Durch die Verschränkung von theoretischer und praktischer Ausbildung ergeben sich folglich Herausforderungen auf organisatorisch-struktureller und vor allem auf curricularer Ebene. Doch die Suche nach geeigneten Lösungsansätzen und Perspektiven gestaltet sich für Studiengangentwickler*innen oft schwierig. So werden zwar immer mehr Pflegestudiengänge angeboten, doch wird in Deutschland eher selten über den Prozess der Entwicklung, damit verbundenen bildungswissenschaftlichen und didaktischen Überlegungen oder Problemen berichtet.

Diesem Problem begegnen die Autorinnen. Mit ihrer Publikation zum curricularen Konzept eines primärqualifizierenden Bachelorstudiengangs „Pflege“ gewähren Astrid Elsbernd und Katrin Bader einen Einblick in die Studiengangentwicklung und bieten anderen Hochschulen potenzielle Anknüpfungspunkte. Somit wird der Akademisierung der Pflege Vorschub geleistet.

Autorinnen

Astrid Elsbernd ist als Professorin für Pflegewissenschaft und Dekanin der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen tätig. Neben Bildungsfragen beschäftigt sie sich unter anderem mit der Theorie- und Qualitätsentwicklung in der Pflege.

Katrin Bader sammelte Berufserfahrung als Krankenschwester und beschäftigt sich als Pflegepädagogin mit der Akademisierung der Gesundheitsfachberufe. Sie ist an der Hochschule Esslingen als Lehrbeauftragte tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst insgesamt 376 Seiten. Den fünf Kapiteln schicken die Autorinnen neben dem Inhaltsverzeichnis ein Vorwort voraus. Darin legen sie den Hintergrund des Buches und ihr bildungswissenschaftliches Verständnis dar.

Den umfangreichsten Teil des Buches nimmt Kapitel 3 mit dem darin beschriebenen Modulhandbuch ein. Im Anschluss an die Kapitel folgt das Literaturverzeichnis sowie Verzeichnisse für Abkürzungen, Tabellen und Abbildungen.

Zu Kapitel 1: Einordnung des primärqualifizierenden Bachelorstudiengangs „Pflege“ (S. 18-31)Im ersten Kapitel skizzieren die Autorinnen den Anforderungswandel in der Pflege und im Pflegebildungssystem. Daraus werden Konsequenzen für den Beruf abgeleitet. Es folgt ein Abriss zum deutschen Bildungssystem, zur Bildungsdurchlässigkeit und den Zugängen zum Pflegebildungssystem. Außerdem wird die bildungssystematische Vorortung der Gesundheitsberufe und des Pflegestudiums vorgenommen. Den Abschluss bildet die Vorstellung der drei häufigsten Formen primärqualifizierender Pflegestudiengänge in Deutschland.

Kapitel 2: Theoretischer Begründungsrahmen des Curriculums (S. 32-153) Das zweite Kapitel beinhaltet fünf thematische Abschnitte.

  1. Im ersten Abschnitt werden Zielsetzungen hochschulischer Pflegebildung ausgeführt. Die Autorinnen beschreiben dazu die für die Studiengangentwicklung herangezogenen Richtlinien und Rechtsgrundlagen. Danach werden nationale und internationale Diskurse zur Ausgestaltung hochschulischer Pflegeausbildung aufgegriffen und der Umriss einer wissenschaftlichen Berufsqualifikation gezeichnet. Für die Beschreibung der Aufgaben künftiger Hochschulabsolvent*innen wird Krohwinkels Managementmodell genutzt (S. 47). Abschließend wird betont, dass der geplante Studiengang für die unmittelbare Patient*innenversorgung qualifiziert und drei Profilbereiche vorgesehen sind: Krankenhausversorgung, Kinderkrankenpflege und ambulante/stationäre Pflege in der Altenhilfe (S. 53).
  2. Der zweite Abschnitt hat die Kompetenzen und Rollen von Pflegenden zum Gegenstand. In diesem Rahmen erfolgt die Auseinandersetzung mit dem Prinzip der Kompetenzorientierung. Die Autorinnen wählen für ihr Curriculum den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR), die Kompetenzebenen des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin und die Rollendefinition des CanMEDS-Modells. Des Weiteren wird für die Festlegung zu erreichender Abschlusskompetenzen das Schweizerische Eidgenossenschaft Modell herangezogen. Sowohl die Wahl als auch die Integration der Modelle werden erläutert und begründet.
  3. Curriculare Strukturierungsprinzipien werden im dritten Abschnitt behandelt. Dabei nehmen die Autorinnen berufspädagogische Diskurse auf und beschreiben, wie die gewählten Strukturierungsprinzipien und Inhalte bei der Curriculumkonstruktion in Einklang gebracht wurden. Daneben finden sich Ausführungen zu involvierten Expert*innen und herangezogenen Pflegecurricula. Der Verbindlichkeitsgrad des Curriculums wird beschrieben und begründet. Aus pflegedidaktischer Perspektive suchen die Autor*innen Anschluss an Karin Wittnebens heuristischem Modell multidimensionaler Patientenorientierung (S. 93). Abschließend werden die Spezifika der Lernorte (Hochschule und Praxis) und damit verbundene Lernmöglichkeiten reflektiert.
  4. Abschnitt Vier befasst sich mit dem Aufbau des Curriculums. Hier finden die Leser*innen Aussagen zum Theorie- und Praxiscurriculum und zu den Modulhandbüchern. Der Aufbau des Studiums wird skizziert und eine Beschreibung der Lernbereiche für Hochschule und Praxis vorgestellt.
  5. Den Abschluss des zweiten Kapitels bilden Hinweise zur methodischen Umsetzung und Formen der Leistungsmessung (fünfter Abschnitt). Dabei gehen die Autor*innen auf methodische Ansätze der Lehr-Lern-Arrangements an der Hochschule (Fallarbeit, POL, Skills-Lab) und für den Lernort Praxis ein. Darüber hinaus werden Anmerkungen zur Qualifizierung der Praxisanleiter*innen und deren Aufgaben im Rahmen der Praxisphasen gegeben. Abschließend wird der Einsatz performanzorientierter Prüfverfahren (bspw. OSCE) diskutiert (S. 150).

Kapitel 3: Modulhandbuch (S. 154-331) Das dritte und umfangreichste Kapitel beinhaltet die vorläufigen Moduldeskriptoren des Theorie- und Praxiscurriculums. Ihnen geht eine tabellarische Übersicht des Grund- und Hauptstudiums voraus. Je Semester sind ebenso die Modulbeschreibungen der drei Vertiefungsrichtungen aufgeführt.

Kapitel 4: Organisation des Studiums (S. 332-345) In diesem Kapitel legen die Autorinnen zunächst Berechnungen der Stunden und ECTS für den theoretischen und praktischen Teil des Studiums vor. Dabei wird auf Konformität zu europäischen und nationalen Richtlinien geachtet. Danach folgen Ausführungen zur Organisation der theoretischen und praktischen Studienanteile sowie zur Lernortkooperation. Weiterführende Überlegungen zur Zusammenarbeit mit den Praxisanleiter*innen und deren Qualifizierung schließen das Kapitel ab.

Kapitel 5: Ausblick (S. 346-355) Im letzten Kapitel zeigen Elsbernd und Bader Herausforderungen bzgl. der erfolgten curricularen Arbeit auf. Sie formulieren Schwerpunkte, die weiterer Bearbeitung bedürfen und bisher noch nicht im Curriculum berücksichtigt wurden. Darauf folgt eine Zusammenfassung und abschließende Begründung der formulierten Qualifikationsziele des Studiums.

Diskussion

Astrid Elsbernds und Katrin Baders „Curriculares Konzept für einen primärqualifizierenden Bachelorstudiengang Pflege“ entspricht im Kern dem Aufbau eines Curriculums. Strukturiert werden die Leser*innen an zentrale Überlegungen und wichtige Referenzrahmen für die Studiengangentwicklung herangeführt. Den Autorinnen gelingt es die begründeten Planungsschritte durch einen logischen Aufbau ihres Buches und leicht verständliche Ausführungen zu vermitteln. Selbst Leser*innen ohne umfangreichen bildungswissenschaftlichen Hintergrund können der Argumentationslinie folgen. Dies unterstützen zudem Schaubilder, in denen komplexe Sachverhalte zusammengefasst werden.

Das Buch überzeugt durch die aufgegriffenen Kompetenz- und Rollenmodelle sowie deren schlüssigen Transfer auf das geplante Pflegestudium. Ferner loten die Autorinnen aktuelle curriculare Strukturierungsprinzipien der beruflichen Bildung auf ihre Nutzbarkeit hin aus und ziehen Erkenntnisse der Modellprojekte zur generalistischen Pflegeausbildung hinzu. Die detaillierten Modulbeschreibungen vermitteln, welche Kompetenzen durch die Auseinandersetzung mit vorgegebenen Inhalten erreicht werden sollen. Dabei beziehen sich die Autorinnen konsequent auf den DQR und unterstreichen das Bildungsziel des Studiums an zahlreichen Stellen.

Problematisch erscheint dagegen die Nutzung von Krohwinkels Managementmodell zur Beschreibung der Aufgaben künftiger Absolvent*innen des Bachelorstudiengangs Pflege. Aus den darin genannten Aufgaben geht der Mehrwert eines Studiums im Vergleich zur regulären vollzeitschulischen Ausbildung noch nicht überzeugend genug hervor.

Positiv fällt wiederum das Bemühen nach einer pflegedidaktischen Fundierung der Bildungsprozesse ins Gewicht. Ob Karin Wittnebens heuristisches Modell multidimensionaler Patientenorientierung hier als geeigneter Ansatz dienen kann, bleibt allerdings umstritten. Dieses wird zumindest von einigen deutschen Pflegedidaktiker*innen kontrovers diskutiert [1] und greift mit dem zugrunde liegenden Pflegeverständnis womöglich für ein generalistisch ausgerichtetes Pflegestudium zu kurz.

Lobenswert ist in jedem Fall die gesundheitswissenschaftliche Orientierung des Studiums und der Versuch eine Ausgewogenheit zwischen Krankenhaus fokussierter und ambulanter Pflege über die Praktika herzustellen. Klar fällt auch die Positionierung für die umstrittene Profilbildung im Studium aus. Die Begründung wird mit internationalen Erfahrungen gestützt und für die geplante Umsetzung legen die Autorinnen eine interessante Lösungsmöglichkeit vor.

Fazit

„Rezepte“ für die Entwicklung von Pflegestudiengängen sind in Deutschland noch immer rar. Astrid Elsbernd und Karin Bader legen mit ihrem Buch kein Rezept, sondern einen wohl durchdachten Curriculumentwurf vor, der sich besonders durch die vielversprechende Synthese aktueller Kompetenz- und Rollenmodelle auszeichnet. Darüber hinaus werden gegenwärtige und künftige Problemlagen des beruflichen Handlungsfelds analysiert und mit curricularen Entscheidungen beantwortet. Den klaren Ausführungen der Autorinnen lässt sich leicht folgen, wodurch das Buch Studiengangentwickler*innen wertvolle Anregungen liefern dürfte.


[1] Ertl-Schmuck R., Fichtmüller F. (2010): Zur Einführung: Auswahl und Begründung ausgewählter Theorien und Modelle der Pflegedidaktik. In: Ertl-Schmuck R., Fichtmüller F. (Hrsg.): Theorien und Modelle der Pflegedidaktik. Eine Einführung. Weinheim, München: Juventa, S. 9-12.


Rezensent
Stefan Burba
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Zitiervorschlag
Stefan Burba. Rezension vom 23.02.2017 zu: Astrid Elsbernd, Katrin Bader: Curriculares Konzept für einen primärqualifizierenden Bachelorstudiengang "Pflege". Esslinger Standortbestimmung. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2017. ISBN 978-3-89918-253-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22348.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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