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Werner Bleher, Stephan Gingelmaier (Hrsg.): Kinder und Jugendliche nach der Flucht

Cover Werner Bleher, Stephan Gingelmaier (Hrsg.): Kinder und Jugendliche nach der Flucht. Notwendige Bildungs- und Bewältigungsangebote. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 267 Seiten. ISBN 978-3-407-25765-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Geflüchtete Kinder und Jugendliche unterliegen vielfältigen Belastungsfaktoren: oftmals haben sie potentiell traumatische Erlebnisse im Herkunftsland und auf der Flucht erlebt, müssen die Ungewissheit im Asylverfahren aushalten, leben in Flüchtlingsunterkünften und befinden sich im Zwiespalt zwischen zwei Kulturen. Diese Belastungsfaktoren können sich auf das Verhalten und die Leistungsfähigkeit auswirken und werden spätestens im stark reglementierten Schulalltag auch für Lehrer/innen und Mitschüler/innen spürbar. Mit diesem Sammelband möchten die Herausgeber einerseits über die Lebenswirklichkeit geflüchteter Kinder und Jugendlicher informieren und andererseits Handlungskonzepte für den pädagogischen Alltag vorstellen.

Herausgeber

Die Herausgeber sind beide an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg tätig. Prof. Dr. Werner Bleher ist Professor für Pädagogik und Didaktik und Stephan Gingelmaier ist Juniorprofessor im Bereich Psychologie und Diagnostik.

Aufbau

Der Sammelband ist in vier Themenbereiche gegliedert:

  1. Rechtswissenschaftliche Aspekte,
  2. Psychologische / Soziologische Aspekte,
  3. Erziehungswissenschaftliche Aspekte und
  4. Praxisaspekte.

Aus folgenden siebzehn Einzelbeiträgen besteht der Sammelband:

  1. Vorboten einer neuzeitlichen Völkerwanderung – Ein nachdenklicher Zwischenruf eines ehemaligen Asylrichters (Peter Vonnahme)
  2. Die prekäre soziale Lage junger Flüchtlinge – Eine Strukturell bedingte Wirkungsgröße der extremen Belastungssituation (Lorenz Gitschier)
  3. Bedrohtes Zuhause und der Verlust von Heimat. Existenzielle (Lebens-)Themen auf Nebenwegen im Unterricht (Martina Hoanzl)
  4. (Wie) Kann Unterricht mit Vorurteilen aufräumen? – Ein sozialpsychologisch-mentalisierungsbasierter Zugang über das Eigene und das Fremde im Unterricht mit Flüchtlingskindern (Stephan Gingelmaier)
  5. Das Konzept der Sequentiellen Traumatisierung und seine Bedeutung für die pädagogische Arbeit in der Schule (Lorenz Gitschier / Stephan Gingelmaier)
  6. Trauma und Traumafolgen – Konsequenzen für die pädagogische Arbeit mit Kinder und Jugendlichen mit Kriegs- und Fluchterfahrungen (Claudia Kranz)
  7. »Kann ich irgendein Interesse an uns nicht finden« – Die Trennung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge im Rahmen der Umverteilung (Susanne Leitner)
  8. »Du musst irgendwo anders hin, weil wir können dich hier nicht ertragen« – Abschiebung bei delinquenten jungen Männern mit Migrationshintergrund als Problemlösungsstrategie? Eine kritische Betrachtung (Susanne Leitner)
  9. Bildung und Bewältigung im Kontext von Flucht – Theoretische Perspektiven und Implikationen für die pädagogische Arbeit mit jungen Flüchtlingen (Wolfang Mack)
  10. Förderung von Alltagskompetenzen bei Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen – eine Ideensammlung (Werner Bleher)
  11. Zweitspracherwerb in Vorbereitungsklassen (Stefan Jeuk)
  12. »Spielen kann doch jeder!« – Ein interaktionistischer Zugang zur Begegnungsgestaltung mit fluchterfahrenen Menschen (Christoph Schiefele)
  13. Pädagogik im Übergang vom Asyl in die Arbeitswelt (Joachim Schroeder)
  14. Traumatische Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen durch Krieg, Gewalt und Flucht – ein Einblick (Dorothea Merz)
  15. Zugänge zu begleiteten minderjährigen Flüchtlingskindern – Erlebnispädagogik als Chance? (Debora Yacoub)
  16. Reflexionen eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings über seine erste Zeit in Deutschland – eine Fallvignette (Susanne Leitner)
  17. Mediale Momentaufnahme: Ein Vormittag im Leben eines Flüchtlings (Martin Besinger)

Ausgewählte Inhalte

Aus diesem Sammelband sollen folgende Beiträge, mindestens je ein Beitrag aus jedem der vier Themengebiete, exemplarisch vorgestellt werden:

Die prekäre soziale Lage junger Flüchtlinge – Eine strukturell bedingte Wirkungsgröße der extremen Belastungssituation: Dieser Beitrag von Lorenz Gitschier thematisiert die Strukturen, durch welche geflüchtete Kinder und Jugendliche in ihren Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt und oftmals in eine prekäre Lage versetzt werden. Anhand eines Fallbeispieles wird dargestellt, welche rechtlichen Rahmenbedingungen die Lebenswirklichkeiten der Menschen beeinflussen. Das Aufenthaltsgesetz, das Asylgesetz und das Asylbewerberleistungsgesetz werden in zentralen Aspekten beschrieben um zu verdeutlichen, in welchem Umfang die Lebenssituation geflüchteter Menschen von ihrem ausländerrechtlichen Status abhängig ist. Im darauffolgenden Teil des Beitrages thematisiert der Autor die Aspekte: Leben in der Fremde, Leben in Unsicherheit und Leben in der Sammelunterkunft um zu beschreiben, durch welche weiteren Umstände die psychosoziale Situation der jungen Menschen beeinflusst wird. Aus diesen Darstellungen zieht der Autor einerseits die Schlussfolgerung, dass Lehrkräfte über die Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler mit Fluchthintergrund umfassend informiert sein sollten, andererseits plädiert er dafür, dass Lehrkräfte aktiv Partei für die jungen Menschen ergreifen und ausgehend von ihren täglichen Erfahrungen Forderungen gegenüber der Politik formulieren, um die Lebenssituation geflüchteter Kinder und Jugendlicher zu verbessern.

Trauma und Traumafolgen – Konsequenzen für die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Kriegs- und Fluchterfahrungen: Claudia Kanz definiert in ihrem Beitrag zunächst den Begriff des Traumas und beschreibt die Vorgänge im Gehirn während eines potentiell traumatisierenden Ereignisses. Als Beispiel für eine Traumafolgestörung thematisiert sie die Posttraumatische Belastungsstörung und die möglichen damit einhergehenden Symptome. Aus den Darstellungen der Traumaforschung folgernd formuliert Claudia Kanz Konsequenzen für die pädagogische Arbeit: Durch Rahmenbedingungen wie u.a. Gewaltfreiheit, Rituale, Transparenz und Partizipation soll ein sicherer Ort geschaffen werden. Die Kinder und Jugendlichen sollen durch die Fachkräfte in pädagogischen Einrichtungen Unterstützung und Förderung erhalten, um das Vertrauen in sich und die Umwelt wiederherstellen zu können. Psychoedukation soll betrieben werden, damit die jungen Menschen bzw. die Fachkräfte Flashbacks und dissoziative Zustände als solche erkennen und einen angemessenen Umgang damit finden können. Schließlich wird auch die Selbstfürsorge der Fachkräfte thematisiert.

»Kann ich irgendein Interesse an uns nicht finden« – Die Trennung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge im Rahmen der Umverteilung: Zum 01.11.2015 gab es eine umfassende Gesetzesänderung, in Folge dieser nun auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bundesweit nach dem Königssteiner Schlüssel umverteilt werden können. Susanne Leitner stellt detailliert den Ablauf des Verteilverfahrens und die hierfür notwendigen Arbeitsschritte der Jugendämter dar. Im Anschluss berichtet die Autorin über die Erfahrungen aus der Praxis, mit denen sie im Zuge der Gesetzesänderung konfrontiert wird. Sie kritisiert unter anderem, dass den jungen Menschen erst nach abgeschlossenem Verteilverfahren, oft erst nach mehreren Wochen, ein Vormund zur Seite gestellt wird, der sie in rechtlichen Belangen vertritt. Außerdem wird thematisiert, dass die Partizipationsmöglichkeiten junger Flüchtlinge im Rahmen des Verteilverfahens sehr eingeschränkt sind, was wiederum einen wichtigen Aspekt der Traumapädagogik torpediert, nämlich, die seelische Gesundheit der jungen Menschen durch Mitbestimmungsmöglichkeiten, nicht durch neue Ohnmachtserfahrungen, zu fördern. Eine weitere Beobachtung aus der Praxis ist, dass zwar familäre Bindungen respektiert werden, jedoch oftmals nicht darüber hinausgehende soziale Bindungen unter Jugendlichen, wie sie beispielsweise nach einer gemeinsamen Flucht vorliegen können.

Pädagogik im Übergang vom Asyl in die Arbeitswelt: Joachim Schroeder, Professor an der Universität Hamburg, stellt in seinem Beitrag zunächst vor, wie er einen Roman über eine mehr als zehn Jahre andauernde Flucht eines jungen Mannes aus Afghanistan nutzt, um den Studierenden einerseits die biographischen Auswirkungen einer Flucht vor Augen zu führen, andererseits um sie über die pädagogischen Ansätze im Aufnahmeland reflektieren zu lassen. Er stellt die These auf, dass Übergangspädagogik mit Asylsuchenden angesichts der ungewissen Zukunftsperspektive sowohl auf die Integration in der neuen Gesellschaft vorbereiten muss, als auch auf eine mögliche Rückkehr in das Herkunftsland. Schroeder thematisiert die bundesweit unterschiedlichen Angebote, welche junge Geflüchtete auf den Einstieg in eine Beschäftigung vorbereiten sollen. Darüber hinaus werden die Hürden beleuchtet, die oftmals abhängig vom Aufenthaltsstatus sind. Schließlich gibt Schroeder Anregungen, wie die Übergangspädagogik für geflüchtete junge Menschen optimiert werden kann und welche Barrieren berücksichtigt und abgebaut werden sollten.

Zugänge zu begleiteten Flüchtlingskindern – Erlebnispädagogik als Chance?: Die Autorin Debora Yacoub hat vier Jahre lang Erfahrungen als Ehrenamtliche mit geflüchteten Menschen in der Stadt Ludwigsburg machen können. In ihrem Beitrag wird das Augenmerk bewusst auf begleitete Kinder und Jugendliche gerichtet, die nicht per se Kontakt zu dem Jugendamt haben und den örtlichen Bedingungen daher umso mehr ausgesetzt sind. Das Leben in Gemeinschaftsunterkünften sei demnach oftmals gekennzeichnet durch ein Zusammenleben verschiedenster Menschen auf kleinem Raum, teilweise an abgelegenen Standorten; fehlende Privatsphäre und hohe Fluktuation der Mitbewohner/innen und Fachkräfte. Die Autorin thematisiert vor diesem Hintergrund die Erlebnispädagogik als Chance für die Freizeitgestaltung geflüchteter Kinder und Jugendlicher und teilt ihre Erfahrungen aus der Praxis in Bezug auf die Vorbereitung, die Durchführung, die Reflexion und den Transfer erlebnispädagogischer Angebote.

Diskussion

Die Beiträge in diesem Sammelband stammen überwiegend von Akteuren und Akteurinnen des Bildungssystems, die teilweise selbst geflüchtete Kinder und Jugendliche beschulen und teilweise jene Fachkräfte ausbilden, deren Aufgabe es später einmal sein wird, geflüchtete Kinder und Jugendliche in das hiesige Bildungssystem zu integrieren. Insofern ist der Sammelband sehr praxisorientiert und stellt neue Ansätze zur Verfügung, um vorhandene Bildungsangebote zu verbessern. Darüber hinaus werden in vielen Beiträgen die Lebenswelten geflüchteter Kinder und Jugendlicher thematisiert, um das Verstehen, z.B. im Hinblick auf Traumatisierung und das Leben in Gemeinschaftsunterkünften, zu fördern.

Fazit

Interessant ist der Sammelband insbesondere für Fachkräfte aus dem formalen Bildungsbereich, doch auch Fachkräfte aus anderen Disziplinen, wie z.B. in der Betreuung und Beratung Asylsuchender in Gemeinschaftsunterkünften, im Jugendamt, in der Betreuung geflüchteter Kinder und Jugendlicher im Rahmen der Jugendhilfe sowie in der Migrationsberatung und im Jugendmigrationsdienst können hier fündig werden. Der Sammelband kann dabei behilflich sein, lediglich das eigene Wissen zu erweitern und so auf verschiedene Herausforderungen im Alltag besser reagieren zu können, aber auch dabei, neue Ansätze in die Praxis umzusetzen und so vielleicht einen Beitrag dazu zu leisten, das Bildungssystem für geflüchtete Kinder und Jugendliche zugänglicher und ihrer besonderen Lebenssituation Rechnung tragend zu gestalten.


Rezensentin
Larissa Gregarek
Sozialarbeiterin (B.A.),
derzeit Sozialarbeiterin im Jugendamt der Stadt Darmstadt, Sachgebiet umA (unbegleitete minderjährige ausländische Kinder und Jugendliche)
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Zitiervorschlag
Larissa Gregarek. Rezension vom 26.05.2017 zu: Werner Bleher, Stephan Gingelmaier (Hrsg.): Kinder und Jugendliche nach der Flucht. Notwendige Bildungs- und Bewältigungsangebote. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-25765-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22349.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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