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Erika Güroff: Selbstsicherheit und soziale Kompetenz

Cover Erika Güroff: Selbstsicherheit und soziale Kompetenz. Das Trainingsprogramm mit Basis- und Aufbauübungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 207 Seiten. ISBN 978-3-608-89174-4. D: 32,95 EUR, A: 33,90 EUR.
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Thema

Selbstsicherheit und soziale Kompetenz sind zentrale Themen der klinischen Psychologie, der pädagogischen Arbeitsfelder oder des Personalwesens. Einschränkungen werden als Selbstunsicherheit oder soziale Inkompetenz, aber auch unter den Titeln ‚Schüchternheit‘, ‚Selbstwertprobleme‘ und ‚soziale Phobie‘ behandelt. In der psychoanalytischen Terminologie sprach man früher von ‚Ich-Schwäche‘. Die Verhaltenstherapie hat seit Jahrzehnten klinische und pädagogische Trainingsprogramme zum Aufbau von Selbstsicherheit entwickelt. Dabei wurden alle möglichen Zielgruppen zu Adressaten von spezialisierten Programmen. So existieren Trainings für Rollstuhlfahrer ebenso wie solche für Strafgefangene. Einen Überblick über die Entwicklungen findet man in den Handbüchern. Viele der Trainings sind zudem gut evaluiert und können als sehr wirkungssicher angesehen werden.

Autorin

Frau Güroff arbeitet als verhaltenstherapeutische Psychotherapeutin in München. Sie ist zudem Lehrtherapeutin, Supervisorin sowie Dozentin in der Psychotherapieausbildung. Zu ihren Lehrern zählte Rüdiger Ullrich, der Nestor des Selbstsicherheitstrainings in Deutschland.

Entstehungshintergrund

Das lange Zeit bekannteste Selbstsicherheitstraining in Deutschland, das Assertiveness-Training-Programm (ATP) von Rita de Muynck und Rüdiger Ullrich ist 1976 in der Reihe ‚Leben lernen‘ des Pfeiffer-Verlags erschienen. Eine letzte gründliche Überarbeitung besorgten die Autoren für die 7. Auflage, die zwischen 1998 und 2006 zusammen mit dem inhaltlich sehr reichen, aber nicht leicht zu lesenden Band ‚Anleitung für den Therapeuten‘ sowie einer Testmappe erschienen ist. ‚Leben lernen‘ wurde inzwischen bei Klett-Cotta fortgeführt, aber trotz des erheblichen Aufwandes für diese Ausgabe ‚letzter Hand‘ lief ein anderes Trainingsprogramm dem ATP den Rang ab.

Das Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK) von Rüdiger Hinsch und Ulrich Pfingsten erschien 1983 und erreichte 2015 seine 6. Auflage, während das ATP nicht mehr aufgelegt wurde. Das GSK ist kürzer, handlicher, aber auch weniger gut evaluiert als das ATP. Zudem war es als Buch, zumindest seit der Auflage von 2002, sehr viel hübscher aufgemacht, didaktisch geschickter und – mit vielen sinnvollen Ergänzungen durch Arbeitsblätter auf einer beiliegenden CD oder später im Internet – auch praktischer.

Im Vergleich zu der Reihe der Psychotherapiebüchern der Psychologie-Verlags-Union, die nun im Beltz-Verlag läuft, wirken die Bücher von ‚Leben lernen‘ alle etwas vergilbt und gestrig. Mit dem Buch von Güroff wird nun bei ‚Leben lernen‘ die Tradition der ATP-Bände wieder aufgenommen. Das Buch ist eine deutlich abgespeckte Fassung des dreibändigen ATP von Ullrich und de Muynck.

Aufbau

Das Trainingsprogramm soziale Kompetenz (TSK) von Güroff ist dreiteilig aufgebaut:

  1. Im ersten Teil geht es um die Konzepte der Selbstsicherheit und der sozialen Kompetenz, ihre Entstehung und das Prinzip des Übungsprogramms.
  2. Im zweiten Teil folgen die einzelnen Übungen in kleineren Kapiteln mit Basisübungen, Aufbauübungen und einer Anleitung zum freien Training.
  3. Der dritte Teil bietet dann noch Informationen für Therapeuten mit Hinweisen zur Diagnostik und Indikation sowie zur Durchführung des TSK.

Auf einer beiliegenden DVD kann man die Ausführung der Übungen im Rollenspiel ansehen.

Inhalt

Im Einführungsteil werden die Begriffe der Selbstsicherheit und der sozialen Kompetenz erläutert und die möglichen Nutzer des Trainingsprogramms angesprochen. Das sind zum einen Psychotherapiepatienten, die das Programm in Begleitung ihrer Therapie absolvieren, sodann Menschen, die ihre sozialen Kompetenzen verfeinern möchten, und – schließlich – Eltern, die ihren Kindern mehr soziale Kompetenz vorleben wollen. Die Bedeutung eines sozial kompetenten Rollenmodells bei der Entstehung von Selbstsicherheitsproblemen wird eigens hervorgehoben. Mit Erläuterungen zum Zusammenhang von Denken, Fühlen, körperlichem Spüren und Tun wird in knapper Weise eine Therapietheorie entwickelt. Durch eine Achtsamkeitsübung, den Body Scan, wird den Lesern dann auch eine ‚Anti-Panik-Strategie‘ an die Hand gegeben, mit der bei den zunehmend schwieriger werdenden Übungen die emotionale Selbstregulation gestärkt werden soll. Der nächste Abschnitt geht dann auf die Entstehung und Aufrechterhaltung der Selbstsicherheitsprobleme ein und benennt vier zwischenmenschlichen Bereiche, die Selbstsicherheitsprobleme bereiten können. Das sind Situationen,

  • in denen Kontakte aufgenommen werden,
  • in denen man mit öffentlicher Beachtung und möglichen Fehlschlägen konfrontiert wird,
  • in denen man Forderungen stellt oder
  • in denen man sich abgrenzen muss.

Eine Einführung in den Aufbau und die Bearbeitung der Übungssituationen schließt dann den ersten Teil ab. Das Training besteht aus einer Folge von sozialen Übungsszenen, die zunehmend schwieriger werden. Jede Szene soll zunächst erarbeitet und am Modell beobachtet werden. Danach folgen eine persönliche Zielsetzung, die Einschätzung der Schwierigkeit und sodann die Durchführung und eine Ergebnissicherung, in der vor allem eine Selbstbekräftigung an die Stelle gut eingeübter, aber destruktiver Kritikroutinen treten soll.

Im zweiten Teil folgt dann die Beschreibung der einzelnen Übungen, die immer zuerst im Rollenspiel und dann in der Realität, soweit das möglich ist, zu üben sind. Zwischen die einzelnen Übungen sind kurze Texte zur Psychoedukation dort eingestreut, wo sie dem Verständnis der anstehenden Übungen dienen. Hier geht es dann zum Beispiel um Perfektionismus, Schuldgefühle, Ärger und Aggressivität, den Umgang mit hartnäckigen negativen Gedanken oder den zwei Ebenen der Kommunikation. Die Übungen sind in Blöcken gruppiert, nach jedem Block stehen größere Belohnungen an. Nach den hochgradig vorstrukturierten Basis- und Aufbauübungen stehen im letzten Übungsteil persönliche Übungsszenen an, für deren individuelle Entwicklung und Bearbeitung eine Anleitung gegeben wird.

Der letzte Abschnitt enthält Informationen für Therapeuten. Hier werden Einzelheiten zur Verhaltensanalyse und zur Indikation anschaulich dargelegt. Den Abschluss des Buches bilden dann noch weitere Hinweise für die Therapeuten zur Durchführung des Trainings in Ergänzung zu den Hinweisen weiter vorne für die Trainierenden.

Diskussion

Die Autorin ist mit Ullrich und de Muynck sowie vielen anderen Psychotherapeuten und Therapieforschern von der zentralen Rolle der sozialen Probleme für das psychische Wohlbefinden überzeugt. Mit ihrem ‚Praxishandbuch‘ will sie eine Hilfestellung mit einer breiten Anwendung für diese sehr häufigen Probleme geben. Das Buch ist daher in einer besonders gut zugänglichen Weise geschrieben. Das psychologische Wissen, das darin ausgebreitet wird, wird sehr gut verständlich gemacht. Dabei ist der verhaltenstherapeutische Ansatz sehr übersichtlich gehalten, er trägt aber doch erstaunlich weit. Gegenüber anderen Trainingsansätzen hält das TSK an den erarbeiteten Erkenntnissen zum Wert der systematischen Desensibilisierung fest. Die Unterscheidung in Situationstypen, die bei Pfingsten und Hinsch die Übungen strukturiert, wird hier außer Acht gelassen. Das Training arbeitet mit sehr gut evaluierten Therapietechniken: dem Rollenspiel, der graduierten Konfrontation, der Löschung des Vermeidungsverhaltens und der Belohnung. Kleinere Ergänzungen aus der kognitiven Verhaltenstherapie und der ‚dritten Welle der Verhaltenstherapie‘ kommen noch hinzu. Es zielt damit nicht auf Innovation, sondern auf die Aufbereitung und ein Relaunch von sehr gut Bewährtem.

Die Durchführung des ausgefeilten Programms ist aber nicht nur Arbeit: „Das Training darf Spaß machen!“ (p. 44). Dass es das wirklich kann, ist auf der beiliegenden DVD deutlich zu sehen. Den Akteuren haben die Aufnahmen offensichtlich viel Freude bereitet. Gerade für das Selbststudium bietet die DVD die Modellvorgaben, die sonst von Therapeuten oder der Therapiegruppe geboten werden.

Fazit

Ein übersichtliches Buch, das das schon ältere, aber nach wie vor hochaktuelle Programm der sozialen Entängstigung mit einer wissenschaftlich sehr gut untermauerten Methodik in eine zeitgemäße Form bringt. Das Buch ist sehr gut zugänglich und eignet sich für Patienten, Klienten und Leute, die an einer gründlichen Selbsterfahrung und Selbstentwicklung interessiert sind.

Therapeuten und anspruchsvollen Klienten, denen der Ansatz zu schlicht ist, bietet es einen Einstieg, der mit dem elaborierteren ATP-Programm beliebig erweiterbar ist. Das ATP war, nach der Einsicht von Serge Sulz, das erste Manual, das zur Behandlung einer Persönlichkeitsstörung, nämlich der selbstunsicheren, entwickelt wurde.


Rezensent
Prof. Dr. Carl Heese
Professur für Rehabilitation an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/de/nc/kontakt/contact/
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Zitiervorschlag
Carl Heese. Rezension vom 31.03.2017 zu: Erika Güroff: Selbstsicherheit und soziale Kompetenz. Das Trainingsprogramm mit Basis- und Aufbauübungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-89174-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22351.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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