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Carola Dietze: Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858-1866

Cover Carola Dietze: Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858-1866. Hamburger Edition (Hamburg) 2016. 750 Seiten. ISBN 978-3-86854-299-8. D: 38,00 EUR, A: 39,00 EUR.
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Thema

Ausgehend von der Frage, wann, wo und auf welche Weise entstand der Terrorismus, untersucht die Autorin das Phänomen des Terrorismus, dabei die gesellschaftlichen Strukturen, die technisch-medialen Entwicklungen und Konstellationen, politische Dynamiken, soziale Bewegungen, Gruppen und Netzwerke, individuelle Akteure, politisch-soziale Ideen, gesellschaftliche und mediale Ereignisse sowie nationale und transnationale Rezeptionsprozesse für Europa, Russland und die USA vergleichend und im nationalen wie auch transnationalen Zusammenhang analysierend (vgl. Einleitung S. 22). Methodisch wählt Dietze den Weg der Verknüpfung einer vergleichenden Politik-, Sozial- und Ideengeschichte mit biografischen Fallstudien sowie mit der transnationalen Kommunikations-, Medien und Ideengeschichte.

Autorin

Carola Dietze studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Sozialwissenschaften, Philosophie und Slawistik an den Universitäten St. Petersburg, Göttingen und Groningen. Weitere Studien erfolgten als Stipendiatin des British Council und des DAAD am Corpus Christi College an der University of Cambridge; sie promovierte 2005 an der Georg August Universität Göttingen, nahm als Postdoktorandin am Graduiertenkolleg der Justus-Liebig-Universität Gießen teil, war von 2006 – 2010 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historical Institute Washington D.C. tätig, habilitierte sich 2013 für Neueste und Neuere Geschichte, übernahm 2014/15 die Vertretung des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und hat gegenwärtig die Lehrstuhlvertretung Neuere Geschichte am Institut für Geschichtswissenschaft der TU Braunschweig inne.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit ist die gekürzte und überarbeitete Fassung der 2013 an der Justus-Liebig-Universität Gießen eingereichten Habilitationsschrift: „Taten statt Worte. Acht Jahre in der Erfindung des Terrorismus“, welche wiederum auf ein Forschungsprojekt zurückgeht, das sich aus einer Projektskizze des Jahres 2005 entwickelte.

Aufbau

Nach umfangreichen einleitenden Ausführungen wird das Thema in sechs Hauptkapiteln mit jeweils diversen Untergliederungen abgehandelt und zusammenfassend abgeschlossen. Letztendlich erfolgen Quellen- und Literaturhinweise, Danksagung und ein Personen- und Sachregister.

Inhalt

Die Autorin greift in ihrer Habilitationsschrift ein uns in aller Welt seit geraumer Zeit bedrückendes Phänomen – die Einsetzung brutaler terroristischer Mittel zur Beeinflussung bzw. Gestaltung von extremistischer politischer und religiöser Machtausübung – auf, um sodann der Erfindung des Terrorismus in seinen Ursprüngen in Europa, Russland und den USA in der knappen Dekade der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts nachzuspüren.

In einem ersten Kapitel werden die theoretischen und historischen Voraussetzungen für die Entstehung des Terrorismus durch die Auswertung relevanter sozialwissenschaftlicher und geschichtsphilosophischer Fachliteratur näher beleuchtet; dabei geht es um Begriffsklärung, Ursachen und Wirkungen, wie auch um die Zusammenhänge zwischen Freiheitsstreben, Nation und Gewalt, um daraus Konturen einer Geschichte des Terrorismus ableiten und zum einen die Erkenntnis, „dass die öffentlichen und politischen Reaktionen unabdingbar zur Analyse terroristischer Gewaltakte gehören“ (S. 83) gewinnen zu können, zum anderen aber auch die im 19. und 20. Jahrhundert wirkmächtigen sozialrevolutionären, ethnisch-nationalistischen und rechtsradialen terroristischen Ausprägungen herauszustellen

Die nachfolgenden Teile wenden sich konkreten terroristischen Entwicklungen zu. So geht die Autorin in Kapitel II dezidiert auf das Attentat von Felice Orsini auf Napoleon III im Zusammenhang mit der Nationwerdung Italiens ein, referiert in einem weiteren Kapitel über die Berichterstattung über Orsinis Attentat in den USA, dabei zu dem Schluss kommend, dass dieses Attentat sowohl in Europa wie auch in den USA die Politik radikalisierte und polarisierte

Damit findet Dietze den Übergang zu einer Analyse des Terrorismus in den USA. Sie wendet sich in Kapitel IV dem Überfall von John Brown auf Harpers Ferry und dessen Ziel zu, mit dem „Gewaltakt die politische Blockade zu durchbrechen, die sich in den USA aus der anhaltenden Auseinandersetzung um die Abschaffung der Sklaverei ergeben hatte“ (S. 207). Dezidiert geht die Autorin dabei auf die Person des John Brown als einem amerikanischen Revolutionär und dessen Plan für einen Guerillakrieg zur Sklavenbefreiung, der schließlich von einer terroristischen Taktik abgelöst wurde, ein. Dabei ging es letztlich bei dem Überfall auf Harpers Ferry um ein brutales, öffentlichkeits- und medienwirksames Spektakel (vgl. S. 316), ohne zunächst politische Wirksamkeit zu erzielen., wenngleich Brown im weiteren Verlauf trotz der militärisch-taktischen Niederlage letztlich der politisch-symbolische Erfolg mittels einer positiven Resonanz der sklavereikritischen Bevölkerung im Norden der USA gelang – ohne jedoch der Exekution im Dezember 1859 entrinnen zu können. Wenige Jahre danach erfüllte sich der Auftrag Browns durch die Befreiung der Sklaven und damit der Beendigung der Sklaverei durch Abraham Lincoln mit der 'Emancipation Proclamation' vom Januar 1863.

Im fünften Kapitel wendet sich Dietze der Aufnahme des Ereignisses von Harpers Ferry durch die Berichterstattung in Europa zu. Brown wurde in den Medien als Freiheitsheld und Bibelchrist und als wahrer Michel Kohlhaas gefeiert. Dadurch, dass er nun durch seine Tat und deren Wirkung als Vorbild begriffen wurde, fanden sich in der Weiterentwicklung Nachahmer, mit dem Ergebnis einer Universalisierung der terroristischen Taktik. Im Kapitel VI unternimmt es die Autorin genau diese Entwicklung einer fundierteren Untersuchung zu unterziehen, um dann im nachfolgenden Kapitel die Berichterstattung zum Überfall auf Harpers Ferry in Europa unter dem Aspekt einer transatlantischen Kommunikation zu referieren. Dabei erkennt sie, dass sich in der europäischen Presse eine positive Beurteilung des John Brown durchgesetzt hatte, die wiederum auf die USA zurückwirkte (vgl. S. 429 f.). Interessanterweise fielen die Ereignisse um den Überfall auf Harpers Ferry unerwartet gerade in Russland auf fruchtbaren Boden und führten letztlich zur Aufhebung der Leibeigenschaft für die rund 22 Millionen Bauern gegenüber dem Adel.

Das Kapitel VI befasst sich mit der Weiterentwicklung und Universalisierung der terroristischen Taktik und geht näher auf die terroristischen Attentate durch den Studenten Oskar Wilhelm Becker 1861 auf den preußischen König, des Schauspielers John Wilkes Booth 1865 auf Abraham Lincoln und des Studenten Dmitrij Vladimirovic Karakozov 1866 auf den russischen Zaren Aleksandr II ein. Dabei stellt die Autorin heraus, dass es sich bei all diesen terroristischen Gewaltakten durchaus um politisch motivierte Handlungen gehandelt habe, die jedoch mangels eines politischen (Veränderungs-)Erfolges gescheitert sind und somit auch nur unzureichend in die Entstehungsgeschichte des Terrorismus eingeordnet worden seien (vgl. S. 489) – wenngleich ihre Handlungen aufgrund des Zusammenwirkens von sensationeller Tat, Propaganda und Opferbereitschaft als terroristische Taten zu charakterisieren seien (vgl. S. 542). Es ist sicher nicht uninteressant zu wissen, dass aus jenen Ereignissen auch die Erfindung des Bekennerschreibens im Sinne einer „Publizitätsverschaffung“ (Hermann Lübbe) hervorgegangen ist.

In ihrem Schlusskapitel geht es sowohl um Ursachenermittlung von Terrorismus wie auch um die daraus resultierende Entwicklung von Perspektiven auf die Terrorismustheorie. Die Autorin sieht hier den Terrorismus des 19. Jahrhunderts als Produkt der europäisch-amerikanischen Moderne und der Herausbildung eines gemeinsamen Kommunikationsraumes, in welchem politisch-ideologische Inhalte und soziale Anforderungen über Grenzen hinweg transferiert werden konnten. Dabei postuliert sie, dass den Vereinigten Staaten von Amerika eine zentrale Stellung im Erfindungsprozess des Terrorismus zukommt, somit die Erforschung des modernen Terrorismus an dessen Ausgangspunkt zu erfolgen habe, und schließlich der 'four wave theory' von David C. Rapaport, mit dessen Einteilung in eine anarchistische, eine antikoloniale, eine neu-linke und eine religiöse Welle, zuzustimmen sei (vgl. S. 649) und kommt schließlich zu dem Schluss, dass „terroristische Anschläge .. nicht selten eine Provokation zu einer Überreaktion an Repression und Gewalt sowie zum Krieg“ seien, was wiederum von „den öffentlichen, intellektuellen und politischen Reaktionen“ (vgl. S. 664) abhängen würde.

Diskussion

Auch wenn Dietze sich in ihrer umfangreichen Erforschung des Terrorismus auf die Untersuchung der Attentate von (lediglich) fünf Gewalttätern beschränkte und damit ein spezifisches sozialwissenschaftliches Bild für das 19. Jahrhundert gezeichnet hat, so erscheint diese Grundlagenarbeit doch äußerst sinnvoll hinsichtlich des Versuchs, das Phänomen Terrorismus – auch und gerade, wie es sich in unserer heutigen Zeit zeigt – verständlicher, wenn auch nicht begreifbarer zu machen. Überträgt man die Erkenntnisse von Dietze hinsichtlich eines gemeinsamen europäisch-amerikanischen Kommunikationsraumes auf das 21. Jahrhundert, so wird man begreifen, dass eine verglobalisierte Welt auch zugleich eine Globalisierung des Terrorismus zur Folge haben muss – und dies nicht zuletzt wiederum aufgrund einer hochtechnisierten, weltweiten Vernetzung, mit den daraus resultierenden Steuerungs- und Aktivierungsmechanismen.

Gerade hier hätte man sich durchaus wünschen können, dass sich Dietze in einem weiteren Kapitel mit den Entwicklungen des Terrorismus bis in die heutige Zeit exemplarisch vertiefend zusätzlich auseinandersetzt – auch wenn man zugestehen muss, dass dies mit großer Wahrscheinlichkeit den Rahmen des Zieles gesprengt hätte und über das ursprünglich gesetzte erkenntnisleitende Interesse hinausgegangen wäre. Eine stärker herausgestellte evaluierende Transformation der Forschungsergebnisse hinsichtlich Entstehung und Entwicklung terroristischer Gewalt in die Gegenwart wäre jedoch allenthalben für jetzige und künftige Deutungen hilfreich.

Fazit

Der Arbeit von Carola Dietze kommt in unserer Zeit eine besondere Bedeutung zu. Vermag der Hinweis darauf, dass das Phänomen Terrorismus eigentlich erst über seine historische Entwicklung erfasst und in gewisser Hinsicht auch erst gedeutet, wenn auch nicht begreifbar gemacht werden kann, seine Berechtigung hat, so ist es umso wichtiger, dies in so profunder Weise darzulegen, wie dies die Autorin gemacht hat.

Es erscheint unabdingbar, dass sich alle jene, die sich aus welchen Gründen und Befindlichkeiten auch immer, mit dem Terrorismus unserer Zeit auseinanderzusetzen haben, mit dem Werk von Dietze und den dort gewonnen Erkenntnissen beschäftigen. Doch aufgrund der äußerst umfangreichen Forschungsarbeit muss dies wohl Wunschdenken bleiben – auch, wenn konstatiert werden muss, dass sich der Text beinahe romanhaft flüssig und nicht ohne eine gewisse Spannung aufbauend liest.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 07.02.2017 zu: Carola Dietze: Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858-1866. Hamburger Edition (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-86854-299-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22365.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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