socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mathias Siedhoff: Zur Bedeutung von Außenwanderungen für die demographische Entwicklung Deutschlands

Cover Mathias Siedhoff: Zur Bedeutung von Außenwanderungen für die demographische Entwicklung Deutschlands. Modellrechnungen bis zum Jahr 2040. Qucosa Sächsische Landesbibliothek (Dresden) 2017. 330 Seiten.

Online-Publikation bei Qucosa; download unter www.qucosa.de.


Thema

Das Fertilitätsniveau der Bundesrepublik Deutschland liegt seit 1970 unterhalb der Bestandserhaltung. Zwei unmittelbare, wenn auch erst zeitverzögerte demographische Folgen sind

  1. die Abnahme der Bevölkerungszahl und
  2. die Alterung der Bevölkerung.

Als potenzielle Quelle einer Bevölkerungsdynamik verbleiben Überschüsse bei den Außenwanderungen. Tatsächlich waren über viele Jahre die Wanderungsgewinne größer als die Sterbeüberschüsse, so dass die Bevölkerungszahl weiter wuchs. Dies wird langfristig anders werden, da die natürliche Bevölkerungsentwicklung einen exponentiellen Schrumpfungsprozess darstellt und immer größer wird.

Autor

Dr. Mathias Siedhoff, Professur für Wirtschafts- und Sozialgeographie an der TU Dresden, langjähriger Geschäftsführer des Zentrums Demographischer Wandel (ZDW) der TU Dresden, aktuell Vorstandsmitglied des Centrums für Demografie und Diversität (CDD) ebenda, belegt die Forschungsthemen und -schwerpunkte Bevölkerungsgeographie, Demographischer Wandel, Stadt- und Wohnungsmarktforschung. Während seiner Zeit beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Bonn, war er intensiv beteiligt an der Erstellung regionalisierter Bevölkerungsprognosen für die Bundesrepublik Deutschland und an der Konzeption des hierfür verwendeten mathematischen Prognosemodells.

Entstehungshintergrund

Bereits im Jahr 2000 veröffentlichte die Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen den Bericht „Replacement Migration: Is it a Solution to Declining and Ageing Populations?“ und löste damit eine lebhafte Diskussion aus. Die Grenze der Studie lag in ihrer Beschränkung auf den demographischen Aspekt des insgesamt komplexeren Problems Zuwanderung. Gleichwohl liefert eine solche Betrachtungsweise wichtige Einsichten.

Siedhoff greift jene Diskussion für die Bundesrepublik Deutschland wieder auf und erweitert sie um einige Dimensionen. Ob und mit wie hohen internationalen Wanderungsgewinnen der Schrumpfung und der Alterung der Bevölkerung wirkungsvoll begegnet werden kann, will der Autor mit Modellrechnungen ergründen. Er benutzt hierfür das methodische Instrumentarium, mit dem ansonsten Bevölkerungsprognosen durchgeführt werden. Dabei dreht er die für Prognosen übliche Sichtweise um und fragt, wie viele Außenwanderungen stattfinden müssten, damit sich eine Bevölkerung mit bestimmten Eigenschaften ergibt. Die Ergebnisse werden auf Plausibilität geprüft, so dass die Komponenten des Demographischen Wandels auf ihre Stabilität und Beeinflussbarkeit hin eingeschätzt werden können.

Aufbau

Drei einführende Kapitel definieren die Thematik der Arbeit, deren Einbindung in die aktuelle politische Diskussion und die zentralen Bestandteile des Demographischen Wandels als Auslöser der aktuellen Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland.

Schwerpunkt der Arbeit bilden die dann folgenden drei Kapitel mit der Darstellung des verwendeten Instrumentariums, mit der Diskussion von getroffenen Annahmen, mit der Ergebnisdarstellung jener Modellrechnungen und schließlich mit einem Fazit.

Inhalt

Die Arbeit befasst sich mit der sog. „Replacement Migration“, d.h. sie geht der Frage nach, welche Bedeutung den internationalen Wanderungen für die Größe und die Altersstruktur einer Bevölkerung zukommt. Dazu werden Modellrechnungen durchgeführt, die zwischen den dynamischen Elementen (Geburten, Sterbefälle, Wanderungen) einerseits und dem künftigen Bevölkerungsbestand sowie dessen innerer Zusammensetzung andererseits einen Zusammenhang herstellen und auch quantifizieren. Besondere Aufmerksamkeit erhalten die Bereiche Fertilität, internationales Wanderungsgeschehen sowie die Aktivitäten auf dem Arbeitsmarkt (die Erwerbsbeteiligung). Die Entwicklung der Lebenserwartung und auch das Binnenwanderungsgeschehen innerhalb Deutschlands werden ebenfalls – wenn auch mit gedämpftem Eifer – berücksichtigt. Die zahlreichen Modellparameter wie auch das Bündel an Annahmen führen zu einer Vielfalt an Ergebnissen, die durch eine Systematisierung und Vergröberung in Szenarien didaktisch fassbar und untereinander vergleichbar gemacht werden. Dies geschieht mit der Standardisierung des Ergebnisteiles, was sowohl die Inhalte als auch deren Darstellungen in tabellarischer, graphischer und kartographischer Form betrifft.

Für die Modellrechnungen wurden insgesamt vier Szenarien durchgeführt. Die ersten beiden haben den üblichen wenn-dann-Charakter von Modellinput und Modellergebnis: Wenn sich die Außenwanderungen in der vorgegebenen Art einstellen werden, dann wird die künftige Bevölkerung die Eigenschaften des Modellergebnisses besitzen. Die beiden folgenden Szenarien drehen den Bezug zwischen Input und Output um: Welche Außenwanderungen müssten stattfinden, damit als Ergebnis sich eine Bevölkerung bildet, die vorgegebene Eigenschaften bezüglich Größe und innerer Zusammensetzung besitzt?

Szenario 1 ist das einer fast „geschlossenen Gesellschaft“ mit nahezu keinem Netto-Wanderungsvolumen mit dem Ausland. Die Dynamik der Bevölkerung ist weitgehend das Resultat der Geburten und der Sterbefälle. Das Modellergebnis zeigt Umfang und Verlauf der Bevölkerungsabnahme unter der aktuellen Rahmenbedingung, dass – wie seit mehr als vierzig Jahren – das Fertilitätsniveau um ein Drittel unterhalb der Bestandserhaltung liegt. Der Leser erhält einen Einblick über das von der Fertilität und der Mortalität verursachte Ausmaß der Bevölkerungsabnahme, die altersstrukturellen Veränderungen, die räumlichen Umverteilungsprozesse, die Auswirkungen auf einer Seite des Arbeitsmarktes, die Relationen zwischen Bevölkerungsteilen mit und ohne Migrationshintergrund.

Szenario 2 ist das einer „heilen Welt“. Dort finden Außenwanderungsgewinne statt, doch lediglich in einem Ausmaß, das dem niedrigen Niveau der späten 1990er Jahre entspricht und der rasanten Entwicklung der letzten Jahre keine Fortdauer zuweist. In vier Jahrzehnten käme es dann zu lediglich sieben Mio. Wanderungsgewinnen gegenüber dem Ausland. Die demographischen Auswirkungen wären entsprechend moderat. Die Bevölkerungsabnahme verliefe langsamer, ebenso der Alterungsprozess. Auch Auswirkungen auf das Erwerbspersonenpotenzial wären schwächer im Vergleich zu Szenario 1, doch stärker im Vergleich zur Bevölkerung von Szenario 2. Andererseits steigt der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund.

Szenario 3 ist das einer „stabilen Bevölkerungszahl“. Dort werden die internationalen Wanderungsgewinne immer genau so dosiert, dass sie die jährlichen Sterbeüberschüsse ausgleichen. Dies führt zwar zu einer konstanten Bevölkerungsgröße, doch deren andere Eigenschaften wie die Altersstruktur, die räumliche Verteilung etc. verändern sich gleichwohl. Als Zuwanderungsbedarf für eine stabile Bevölkerungsgröße ergibt sich so eine Größenordnung von ca. dreizehn Mio. Personen in vier Jahrzehnten, das sind im Durchschnitt etwa dreihundert Tsd. Nettowanderungen jährlich.

Szenario 4 ist das einer Bevölkerung mit „stabiler Altersstruktur“, wobei diese komplexe Eigenschaft verkürzt ist auf den Indikator „Altersquotient“, der die Relation zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen abbildet, die (a) sich im erwerbsfähigen Alter befinden und (b) aus diesem Lebensabschnitt bereits hinaus gealtert sind. Der Zuwanderungsbedarf dieses Szenarios der Altersstrukturstabilisierung sprengt die Größenordnungen der bisher erlebten Wanderungstätigkeit. Jedes Jahr müssten netto ca. zwei Mio. Personen zuwandern, um die aktuelle Altersstruktur zu stabilisieren. Zugleich würde sich die Bevölkerungszahl gegenüber dem Jahr 2000 mehr als verdoppeln. Hier wird der Modellcharakter der Arbeit besonders deutlich. Die eigentliche Botschaft des Ergebnisses besteht darin, dass der Alterungsprozess durch internationale Wanderungen so gut wie nicht aufzuhalten ist.

Siedhoff stellt deshalb als zentrales Ergebnis der Modellrechnungen heraus, dass Zuwanderungen in einem Umfang, der als gesellschaftlich vertretbar vermutet wird, den Demographischen Wandel nicht annähernd stoppen, sondern allenfalls abschwächen. Das gilt für die Bundesrepublik als Gesamtes, wenn es um die Vermeidung von Schrumpfung und Alterung geht. Das gilt noch mehr hinsichtlich der regionalen Differenzierung der künftigen Bevölkerungsentwicklung: Die demographischen Folgen der Zuwanderungen zeigen starke räumliche Unterschiede. Selbst bei einer stabilen Bevölkerungszahl auf Bundesebene wären zahlreiche Regionen Deutschlands von weiterhin starker Bevölkerungsabnahme, von einer Minderung des Erwerbspersonenpotenzials sowie von deutlich beschleunigter demographischer Alterung betroffen.

Diskussion

Das methodische Instrumentarium des Autors ist ein mathematisches Gleichungssystem, mit dem der Bevölkerungsprozess abgebildet wird. Siedhoff führt indes keine Prognosen durch, sondern reine Modellrechnungen. Ein Teil der Annahmendiskussion wird dadurch für die Ergebnisbewertung obsolet. Denn manche der Modellinputs ergeben sich nicht aus der Nähe zur Realität, sondern aus dem didaktischen Anspruch an die beabsichtigte Verwendung der Modellergebnisse. Hier wäre – nach dem Abschluss der Dissertation – eine Schwerpunktverlagerung der Arbeit vorstellbar gewesen. Die Modellrechnungen steigern ihren Erkenntniswert dadurch, dass man die Ergebnisse der Szenarien intensiv miteinander vergleicht, dass man die Sensitivität zwischen Annahmen und Ergebnissen als weiteres Ergebnis ermittelt. Solche Informationen wären hilfreich für Plausibilitätsüberlegungen in Richtung Handlungsempfehlungen zur Gestaltung des Demographischen Wandels.

Der Demographische Wandel führt in weiten Teilen der Welt zu grundlegenden Veränderungen der dort lebenden Bevölkerungen. Dies erzeugt Anpassungsdruck auf verschiedenen Ebenen. Man tat sich oftmals schwer mit dieser Einsicht. In Deutschland wurden über lange Jahrzehnte gleich zwei politische Lebenslügen propagiert, die mit der normativen Betrachtungsweise der demographischen Entwicklung zusammen hängen:

  1. „Die Rente ist sicher.“ Und
  2. „Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland.“

Beide erschwerten im politischen wie gesellschaftlichen Kontext eine offene, faktenbezogene und angstfreie Diskussion darüber, ob und wie dem Demographischen Wandel zu begegnen sei.

Die Arbeit von Siedhoff liefert Material für eine solche Diskussion. Hier wird keine Prognose der künftigen Bevölkerungsentwicklung präsentiert. Und doch haben die Modellrechnungen einen wichtigen Bezug zur Realität. Dieser ergibt sich aus dem Vergleich von vier Szenarien, die einen Zusammenhang herstellen zwischen der Dynamik der Bevölkerung und ihren demographischen Eigenschaften. Dem Leser werden Hilfen gegeben für die Abschätzung, ob bestimmte demographische Trends mehr oder weniger hart sind, ob der Vermeidung oder der Gestaltung des Wandels eine Chance einzuräumen ist, welchen Preis die Verfolgung von Zielen bei der Außenwanderung für die Bevölkerung selber und die Erwerbspersonen hat. In diesen Zeiten, wo mehr und mehr die Abschottung einzelner Staaten gegenüber der internationalen Migration diskutiert wird, bekommt selbst das Szenario einer geschlossenen Gesellschaft eine Bedeutung für Einsichten.

Fazit

Diese Publikation ist weniger für den schnellen Leser gedacht, dem es an fertigen Einsichten gelegen ist. Sie ist eher für den Tüftler, der sich aus dem umfangreichen Material seinen eigenen Reim machen will. Die Arbeit ist im Internet verfügbar und kann von jedem herunter geladen werden. Dadurch bekommt der empirische Teil mit den zahlreichen Tabellen, Abbildungen und Karten einen zusätzlichen Wert als leicht zugängliche Fundgrube für weiter führende Fragen.


Rezensent
Dr. rer. pol. Hansjörg Bucher
Jg. 1946, Diplom-Volkswirt (Universität Mannheim), Dr. rer. pol. (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) war bis 2011 mehr als dreißig Jahre lang in der Politikberatung tätig als Mitarbeiter des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bzw. dessen Vorgängerinstitutionen BfLR und BBR in Bonn-Bad Godesberg. Er war dort verantwortlich für den Aufbau des Prognosesystems ‚Raumordnungsprognose‘ zur Einschätzung von Eckwerten der künftigen räumlichen Entwicklung – als prospektiver Teil des räumlichen Beobachtungssystems ‚Laufende Raumbeobachtung‘. Seine inhaltlichen Schwerpunkte lagen im regionaldemographischen Bereich, betrafen aber auch die Wohnungsmärkte und die Arbeitsmärkte. Er war langjähriges Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Demographie und auch deren Vorgängerin Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft
E-Mail Mailformular


Alle 9 Rezensionen von Hansjörg Bucher anzeigen.


Zitiervorschlag
Hansjörg Bucher. Rezension vom 21.02.2017 zu: Mathias Siedhoff: Zur Bedeutung von Außenwanderungen für die demographische Entwicklung Deutschlands. Modellrechnungen bis zum Jahr 2040. Qucosa Sächsische Landesbibliothek (Dresden) 2017. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22378.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung