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Erhard Wiersing: Theorie der Bildung

Cover Erhard Wiersing: Theorie der Bildung. Eine humanwissenschaftliche Grundlegung. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2015. 1140 Seiten. ISBN 978-3-506-76653-3. D: 128,00 EUR, A: 131,60 EUR, CH: 160,00 sFr.
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Thema

Das zu besprechende Buch stellt, wie angekündigt, eine Theorie der Bildung dar, genauer eine „humanwissenschaftliche Grundlegung von Menschenbildung im weitesten Sinne des Begriffs“ (S. 11). Das Besondere dieser Theorie der Bildung besteht in ihrer breiten humanwissenschaftlichen Grundlegung und darin, dass sie über tausend Seiten hinweg nur ein Autor verfasst, dafür nahezu alle Humanwissenschaften befragt und dazu auf den auch wörtlichen Sinn von „Bildung“ zurückgegriffen hat.

Autor

Dr. Erhard Wiersing, geboren 1940, ist nach Jahren als Lehrer in Hameln und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hannover 1978 Professor für Allgemeine Pädagogik an der Hochschule für Musik Detmold geworden und bis 2005, also über ein Vierteljahrhundert, geblieben. Der Umstand, an der Musikhochschule stets allein Pädagogik gelehrt haben zu müssen und zu dürfen, gepaart mit einem breiten humanwissenschaftlichen Interesse, führte nach der Emeritierung zu einem auf drei Bände veranschlagten, die vielen Jahre der Lehre und Forschung resümierenden Publikationsprojekt.

  1. Der erste Band, die „Geschichte des historischen Denkens, zugleich eine Einführung in die Theorie der Geschichte“, erschien 2007, wie das zu besprechende Buch mit über tausend Seiten.
  2. Die „Theorie der Bildung. Eine humanwissenschaftliche Grundlegung“ wurde 2015 veröffentlicht.
  3. Auch noch den dritten Band, die „Geschichte und Theorie des pädagogischen Denkens und Handelns. Vom klassischen Altertum bis zur Gegenwart“, zu schreiben, dazu sieht sich Wiersing zu seinem eigenen Bedauern altersbedingt nicht mehr in der Lage – obwohl dieser letzte Band, historisch wie systematisch, die eigentliche Allgemeine Pädagogik hätte werden sollen.

Immerhin haben noch Teile dieser ungeschriebenen Allgemeinen Pädagogik in den zweiten Band Eingang gefunden.

Aufbau

Das Buch besteht aus vierzehn Kapiteln und wird zusätzlich zum Literaturverzeichnis mit einem Personen- und einem Sachregister abgeschlossen. Dass und wie einzelne Kapitel inhaltlich zusammenhängen, wird erst nach einer anfänglichen Lektüre des Buches deutlich. Um solche Zusammenhänge zu veranschaulichen, gruppiere ich Kapitel visuell zu Clustern und markiere Bildung als Oberbegriff (A) und die anderen, Bildung inhaltlich auffächernden (B bis D und F bis H) und sozial erweiternden (L bis N) prozessualen Grundbegriffe in fetter Schrift:

  1. Bildung: Annäherung an Begriff und Theorie

  2. Anthropogenese: Naturgeschichtliche Grundlagen

  3. Entwicklung: Die Ontogenese des menschlichen Individuums
  4. Personalisation: Die Entwicklung der personalen Grundbefähigungen
  5. Erkennen, Denken, Handeln: Ein epistemologischer Exkurs zum intentionalen Bewußsein
  6. Spracherwerb: Die Aneignung der verbalen Kommunikation
  7. Sozialisation: Die Vergesellschaftung des Individuums
  8. Kulturation: Aneignung von und Bildung an Kultur

  9. Ethnizität: Lebensformen als Bildungsformen in traditionalen Gesellschaften
  10. Zivilisation: Menschenbildung in frühen Hochkulturen

  11. Bildungshandeln: Erziehung, Unterricht, Selbstbildung
  12. Erziehung: Das Grundphänomen verantworteter Menschenbildung noch Unmündiger
  13. Unterricht: Das durch Lehren inhaltlich und methodisch angeleitete Lernen
  14. Selbstbildung: Die an sich selbst bewirkte Bildung

Im ersten Kapitel (A) wird der Begriff der Bildung ausgelegt. Es folgt ein Kapitel, das der Phylogenese bzw. „Naturgeschichte“ des Menschen (B) gewidmet ist, bevor seine Ontogenese in den Fokus gerät. Die wird im Anschluss unter fünf verschiedenen Aspekten untersucht (C bis H). Die nächsten beiden Kapitel haben die ersten beiden Stufen der Kulturgenese bzw. „Kulturgeschichte“ der Menschen zum Thema (I, J). Die letzten vier Kapitel des Buches sind dem „Bildungshandeln“ (K) in drei Grundformen gewidmet: der „Erziehung“, dem „Unterricht“ und der „Selbstbildung“ als Bildung im engeren Sinne. Diese vier Kapitel können als Andeutung des dritten, leider ungeschrieben bleibenden Bandes von Wiersings Publikationsprojekt (s. Autor) verstanden werden.

Inhalt

Da eine eingehende Besprechung aller Kapitel im Einzelnen aufgrund des Umfangs des Werkes und seiner Materialfülle den Rahmen jeglicher Rezension sprengen würde, beschränke ich mich auf den roten Faden des Buches. Das ist nicht nur eine aus diesem quantitativen Gesichtspunkt notwendige, sondern auch eine aus inhaltlicher Perspektive hilfreiche Einschränkung. Denn die Struktur des Werkes und damit der grundlegende Gedankengang des Autors erschließt sich noch nicht nach anfänglicher Lektüre. Aus diesem Grund darf die vorliegende Besprechung auch als Lesehilfe verstanden werden.

Als Einstieg seien die Kapitel A2 (Bildungswissenschaft) und aus dem Kapitel D (Personalisation) die Seiten 241 f. und 247 f. empfohlen.

Wer aufgrund des Titels „Theorie der Bildung“ eine pädagogische Theorie erwartet, vielleicht noch eine von Erziehung abgegrenzte Theorie, sieht seine Erwartung durch die Lektüre schnell, wenn auch nur zum Teil enttäuscht. Ihr entspricht nur der letzte, mit dem Begriff des Bildungshandelns (K) eröffnete Teil des Buches, der eigentlich Inhalt des dritten Bandes des ursprünglich geplanten Publikationsprojektes hätte sein sollen (s. Autor). Hier ist Erziehung mitgemeint. Pädagogisch ist die Theorie (im Hauptteil des Buches) nicht nur deswegen nicht, weil nur der personale, nicht auch der soziale Prozess thematisiert wird: in der Hauptsache nur die Bildung, weniger das auf Bildung bezogene fremde (L und M) oder auch eigene (N) Handeln. Pädagogisch ist sie auch nicht, weil Wiersing postuliert, dass Bildung kein genuin pädagogischer Begriff ist und stattdessen allen Humanwissenschaften ‚gehört‘: in allen Dimensionen und in gewisser Weise auch auf den Ebenen der Phylogenese (B) und Kulturgenese (I und J). Mit Krassimir Stojanow, dessen Position Wiersing nur noch nachträglich in seinem Vorwort andeuten konnte, hält er Bildung für einen „Grundbegriff der Humanwissenschaften“ insgesamt (in: Erwägen, Wissen, Ethik. Heft 2, 2014). Zumindest plädiert er für die „Begründung einer von der Pädagogik ausgehenden allgemeinen Bildungswissenschaft“ (S. 41). Innerhalb der Erziehungswissenschaft wird Bildung dagegen fast immer auf die Ebene der Ontogenese eingeschränkt, meist auf die Dimension der Kultur bezogen und obendrein nicht selten zusätzlich oder sogar ausschließlich normativ diskutiert.

Bildungshandeln“, wie Wiersing neutral und formal das pädagogisch relevante Handeln insgesamt nennt, hat Bildung zu seinem Gegenstand. Ohne Bildung gibt es kein Bildungshandeln, aber Bildung ohne Bildungshandeln durchaus. In diesem Sinne ist Bildungshandeln der abgeleitete bzw. sekundäre, Bildung der zentrale bzw. primäre Begriff. Und Pädagogik wäre besser als „Bildungswissenschaft“ (A2) denn als „Erziehungswissenschaft“ zu bezeichnen. Zum Bildungshandeln will ich hier nur erwähnen, dass der Autor auf der einen Seite ein „lebensweltliches Bildungshandeln“ (S. 858) „im bloßen Umgang“ (S. 859) und ein intendiertes bis institutionalisiertes „pädagogisches Bildungshandeln“ (S. 858) unterscheidet, auf der anderen Seite Erziehung, Unterricht und Selbstbildung. Der Begriff der Selbstbildung hat dabei nicht nur vom Wort her, sondern auch in der Sache eine gewisse Ähnlichkeit mit klassischen Bildungsbegriffen. Die Erziehung kann man sich hauptsächlich lebensweltlich, Unterricht ausschließlich pädagogisch und Selbstbildung als Amalgam von beiden Formen vorstellen.

Das Hauptthema der „Theorie der Bildung“ ist aber der zentrale bzw. primäre Begriff der Bildung. „Unter Bildung wird … jener alles umfassende Wirkungs- und Handlungszusammenhang verstanden, in dem das menschliche Individuum von Anbeginn seines Lebens bis zu seinem Tode geformt wird und sich selbst formt.“ (S. 11) Diesen lebenslangen Prozess fächert Wiersing, vergleichbar mit Wilhelm Flitners „vierfacher Auffassung des Menschen“ aus seiner Allgemeinen Pädagogik von 1950, in individuelle, und zwar biotische und psychische Aspekte auf der einen, und kollektive, nämlich soziale und kulturelle Aspekte auf der anderen Seite auf. Den biotischen-individuellen Aspekt nennt er „Entwicklung“ (C), den psychisch-individuellen „Personalisation“ (D, auch „Personagenese“), den sozial-kollektiven „Sozialisation“ (G) und den kulturell-kollektiven „Kulturation“ (H, auch „Lernen, Enkulturation“). Die bekannten Trias von Person, Gesellschaft und Kultur und die von Gerhard Wurzbacher 1963 eingeführte begriffliche Dreiheit von „Personalisation“, „Sozialisation“ und „Enkulturation“ lassen sich problemlos in diese Quaternität einschreiben. Nicht klar wird, wie sich Wiersings fünfter Prozess, derjenige des „Spracherwerbs“ (F) in diese Vierheit einordnen lässt. Der Sache nach wohl als bedeutsamer Teil der Kulturation, insofern Sprache eine zentrale Dimension von Kultur ausmacht.

Damit dürfte die Struktur der „Theorie der Bildung“ deutlich geworden sein einschließlich der Inhalte auf kategorialer Ebene. Die weiteren Inhalte des opulenten Werks muss ich dem Leser überlassen. Es wäre, wie gesagt, im Rahmen einer Besprechung nicht leistbar, sie alle oder auch nur in Auswahl vorzustellen.

Diskussion

Wiersing selbst changiert gerade im entsprechenden Kapitel C zwischen einem engen biotischen und einem weiten biopsychosozialen Begriff der Entwicklung. Im ersten Fall ist Entwicklung als Teil der Bildung zu verstehen, im zweiten in gewisser Weise als Bildung selbst. Mit dem entsprechenden Fremdwort „Evolution“ wäre Bildung in der zweiten Variante sogar an die biotische (B) und kulturelle Evolution (J, K) anschlussfähig. In diesem weiten Sinne wäre die Theorie der Bildung eine humanwissenschaftlich interdisziplinäre Theorie der Humanontogenese (Dieter Lenzen) bzw. des menschlichen Lebenslaufs (z.B. Werner Loch).

Die Lektüre des Werks wird dadurch erschwert, dass Wiersing mit Begriffen sozusagen spielt und die dabei diffus bleiben und sich gegenseitig überlappen. Der sprachliche Duktus ist mehr beschreibend, mitunter fast erzählend, weniger unterscheidend oder gar erklärend. Definitionen, die angesichts der Fülle an Begriffen hilfreich gewesen wären, fehlen. Hinzu kommen Doppeldeutigkeiten wie z.B. diejenige des Entwicklungsbegriffs. Eine andere Zweideutigkeit besteht darin, dass Bildung einmal, allgemein humanwissenschaftlich, losgelöst vom Bildungshandeln thematisiert wird, dann wieder in pädagogischer Manier in enger Verbindung damit. Soll Bildung nun ein humanwissenschaftlich interdisziplinärer Grundbegriff oder „pädagogischer Oberbegriff“ (S. 39) sein, die Pädagogik „Bildungswissenschaft“ oder Bildungshandlungswissenschaft?

Man kann und sollte vielleicht auch Wiersings „Theorie der Bildung“ als eine Einführung in Grundbegriffe der Pädagogik lesen. Für eine geschlossene Theorie fehlt es an Zusammenhang, während es im Detail viel zu entdecken gibt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Fülle des Materials zu Lasten der Klarheit der Form gegangen ist.

Fazit

Die „Theorie der Bildung“ ist ein voluminöses Werk zu den verschiedensten pädagogisch relevanten Prozessen. Es erinnert in gewisser Weise an den Integrationsimpetus mehrbändiger Werke wie der „Pädagogischen Anthropologie“ (1966/71) von Heinrich Roth, später der „Pädagogik“ (199696/99) von Erich Weber. Der Bogen der Begriffe und Inhalte ist weit gespannt, das verarbeitete Material beeindruckend. Wer nicht, wie im Titel angedeutet, eine geschlossene „Theorie der Bildung“ erwartet und sich stattdessen an einer interdisziplinären Breite an Kenntnissen und Einsichten erfreuen kann, kommt voll auf seine Kosten.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 14.03.2018 zu: Erhard Wiersing: Theorie der Bildung. Eine humanwissenschaftliche Grundlegung. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2015. ISBN 978-3-506-76653-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22379.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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