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Angelika Zegelin, Sabine Bohnet-Joschko u.a.: Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger

Cover Angelika Zegelin, Sabine Bohnet-Joschko, Tanja Segmüller: Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger. Herausforderungen und Chancen für Kommunen und Pflege-Unternehmen. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2017. 128 Seiten. ISBN 978-3-89993-385-7. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 56,90 sFr.
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Thema

Die zukünftige Versorgung pflegebedürftiger Menschen stellt ein immer drängenderes, gesellschaftliches Problem dar. Die demographische Entwicklung in Deutschland und die Individualisierung der persönlicher Lebensgestaltung machen alte Versorgungsstrukturen zunehmend unmöglich. Die dafür notwendigen familiären Strukturen und Verbindlichkeiten verlieren an Bedeutung und treten hinter wirtschaftliche Notwendigkeiten zurück.

Seit geraumer Zeit suchen die Wissenschaft und die Politik nach neuen Versorgungsformen, die auf gesellschaftlicher Ebene, die entstandene Versorgungslücke versprechen zu schließen. Eine solche Versorgungsform ist die quartiernahe Unterstützung von pflegenden Familien. Vor allem im städtischen Bereich sind in den letzten Jahren eine Reihe von Quartierprojekten durchgeführt worden.

Autorinnen

  • Prof. Dr. Angelika Zegelin ist Krankenschwester und Pflegewissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre am Department Pflegewissenschaft der Universität Witten-Herdecke geforscht und gelehrt. Seit August 2015 ist sie im Ruhestand.
  • Dr. Tanja Segmüller ist Krankenschwester und Pflegewissenschaftlerin. Sie hat eine Vertretungsprofessur Alterswissenschaften am Department of Community Health der Hochschule für Gesundheit in Bochum übernommen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Pflegende Angehörige, Häusliche Pflege, Gesundheitsversorgung älterer, pflegebedürftiger Menschen im Quartier, Patientenedukation.
  • Prof. Dr. Sabine Bohnet-Joschko lehrt und forscht an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Witten-Herdecke. Dort ist sie Leiterin der Forschungsgruppe Management im Gesundheitswesen.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf dem Projekt „Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger“ (Quart-UpA), das im Jahr 2011 von der nordrhein-westfälischen Landesregierung initiiert wurde. Ziel des Projekts war die Entwicklung innovativer Projekte speziell für die vielen kleinstädtischen und ländlichen geprägten Kreise in Nordrhein-Westfalen. Das Projekt startete im März 2013 und endete im Juni 2016.

Aufbau

Der Aufbau des Buches folgt dem Design des Projektes, das in mehrere Arbeitspakete gegliedert war. Im Teil 1 werden in einem Projektbericht folgende sechs Arbeitspakete beschrieben:

  • Arbeitspaket 0: Steuerung, Öffentlichkeitsarbeit und Recherchen
  • Arbeitspaket 1: Bewusstsein für die Bedürfnisse pflegender Angehöriger bei den Akteuren in den Kreisen schaffen
  • Arbeitspaket 2: Aufbau der Arbeitskreise
  • Arbeitspaket 3: Leitung und Durchführung der Arbeitsgruppen
  • Arbeitspaket 4: Angehörigenfocusgruppen
  • Arbeitspaket 5: Angebote für Migranten prüfen und erweitern
  • Arbeitspaket 6: Verbesserung an der Schnittstelle Klinik und häusliche Pflege

In einer Schlussbetrachtung berichten die Autorinnen Zegelin und Segmüller von der Abschlusstagung und ziehen ein zusammenfassendes Resümee.

Im Teil 2 des Buches beschreibt die Autorin Bohnet-Joschko das Arbeitspaket, das zu möglichen monetären Auswirkungen der zunehmenden Pflegebedürftigkeit in den Projektlandkreisen eine Prognose trifft.

Zu Teil 1

In der Einleitung zum Teil 1 werden der Projektrahmen beschrieben und Entscheidungen zum Projektdesign dargelegt. Methodisch entschied man sich für die Aktionsforschung, die dem kooperativen Ansatz im Projekt einen Rahmen gegeben hat.

Die Projektbeteiligten und Projektinstanzen werden zusammen mit den vielfältigen Aktivitäten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit im Arbeitspaket 0 erläutert. Darin geben die Autorinnen einen Einblick in die Komplexität des Projekts und in aufkommende Fragestellungen (z.B. der der Telefonseelsorge).

Als wesentliche Grundlage für das Projekt wurde die Sensibilisierung der Akteure in den beteiligten Kreisen angesehen. Dieser Aufgabe hat sich das Arbeitspaket 1 gewidmet. Darin werden die Überlegungen der Autorinnen zu den Einstellungen der Projektakteure dargelegt und welche Aktivitäten zu ihrer Sensibilisierung ergriffen wurden.

Die eigentliche Projektarbeit fand in den beiden Arbeitskreisen statt, von denen einer in jedem beteiligten Landkreis eingerichtet wurde. Die dazu notwendigen Schritte behandelt das Arbeitspaket 2.

Die eigentliche Entwicklungsarbeit im Projekt erfolgte in den Arbeitskreisen. Deren Leitung und deren Arbeit nimmt den größten Umfang im Teil 1 ein. Dazu werden die Entwicklungen in den beiden Landkreisen getrennt vorgestellt. Zunächst die Projektentwicklung im Kreis Mettmann. In chronologischer Abfolge der Arbeitsgruppentreffen werden Überlegungen thematisiert und Probleme im Projekt offen gelegt. Gleiches gilt für die aus der Arbeitsgruppe heraus gebildeten Unterarbeitsgruppen. Sie bearbeiteten die Themen

  • Übersichtsflyer
  • Stundenweise Entlastung
  • Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Velbert

Darüber hinaus widmen sich die Autorinnen auch der Frage nach bestehenden Pflegekursen und der Quartiersentwicklung in der Stadt Heiligenhaus sowie der Stufen der Kooperation und der Relevanz von pflegefachlichen Themen im Projektverlauf.

Das Resümee für die beiden Projektstandorte Heiligenhaus und Wüfrath stellt die Probleme dar, die im Projektdesign begründet lagen. Beide Städte fanden sich in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zusammen. Dabei wurde außer Acht gelassen, dass zwar beide im gleichen Kreis liegen, jedoch kaum Kontakte zwischen ihnen bestehen. Diese Tatsache verursachte eine Folge von Problemen, die sich negativ auf das Projekt auswirkten. Eine Fortsetzung der im Projekt begonnen gemeinsamen Arbeit über den Projektzeitraum hinaus wurde nicht von der Arbeitsgruppe beschlossen.

Die Darstellung des Projektverlaufs in der zweiten Arbeitsgruppe im Märkischen Kreis ist chronologisch gegliedert. Auch hier wurden Unterarbeitsgruppen gebildet, die sich mit den folgenden Themen beschäftigten:

  • Tag der pflegenden Angehörigen
  • Ehrenamtlicher Besuchsdienst
  • Übersichtsflyer

Darüber werden die Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Lennethal, die Tagespflege in der Stadt Altena, Öffentlichkeitsarbeit und Stadtbücherei sowie die Angebote für pflegende Migranten und Nachtpflege-Angebote thematisiert.

Das Resümee für diese Arbeitsgruppe fällt positiv aus, da die Arbeit am Thema über das Projekt hinaus fortgesetzt werden soll und auch die Gruppendynamik bessere Arbeitsergebnisse hervor brachte.

Eine ausführliche Schlussbetrachtung mit kritischer Würdigung der Projektentwicklung schließt dieses Arbeitspaket ab.

Das Projekt sah auch die Einrichtung von je einer Angehörigenfocusgruppe vor. Mit dieser Aufgabe beschäftigte sich das Arbeitspaket 4. Die Autorinnen schildern darin, den Verlauf der Treffen der beiden Gruppen und die aufgetretenen Probleme im Hinblick auf eine kontinuierliche Teilnahme der Angehörigen.

Das Projektdesign sah vor, dass spezielle Angebote für Migranten vor Ort etabliert werden sollten. Dafür war das Arbeitspaket 5 vorgesehen. Die Autorinnen berichten von den Problemen, die dieses Arbeitspaket in der Praxis versachte und die seine explizite Bearbeitung unmöglich machten. So wurde dieses Thema zwar im Projektverlauf mit bearbeitet. Spezielle Angebote wurden jedoch nicht entwickelt.

Schließlich wird im Arbeitspaket 6 noch von der Verbesserung der Schnittstelle Klinik und häusliche Pflege berichtet. Im Ergebnis kam es dabei zu einer Auslage der im Projekt erarbeiteten Flyer mit örtlichen Unterstützungsangeboten in den ansässigen Kliniken.

Im zusammenfassenden Resümee werden allgemeine Trends und Entwicklungen im Bereich der Altenpflege im weiteren Kontext es Projekts ausgeführt. Der direkte Projektbezug fehlt an vielen Stellen. Nur selten wird auf Aussagen oder Feststellungen aus dem Projekt hingewiesen.

Zu Teil 2

Der Teil 2 des Buches ist losgelöst vom beschriebenen Projekt. In ihm geht es um eine Prognose der kommunalen Ausgaben auf Bundesebene und auf Ebene der am Projekt beteiligten beiden Landkreise.

Dazu hat die Autorin die Datenbasis des Statistischen Bundesamtes 2010 herangezogen und stellt ihre Prognose für vier Szenarien vor:

  1. Szenario: Viel mehr pflegende Angehörige
  2. Szenario: Mehr pflegende Angehörige
  3. Szenario: Nicht weniger pflegende Angehörige
  4. Szenario: Viel weniger pflegende Angehörige

Wie schon die Bezeichnungen erahnen lassen, unterscheiden sich die Szenarien durch die Annahmen zum Potenzial pflegender Angehöriger. Durch eine lineare Trendextrapolation wurden Ergebnisse gewonnen, die eine Aussage für die Ausgaben der Kommunen für die Pflege bis zum Jahr 2030 machen.

Im Ergebnis kommt die Autorin zum Schluss, dass in allen Szenarien es zu einer hohen Zunahme der Empfängerzahlen und damit auch der Ausgaben kommt. Dies jedoch unter der Einschränkung, dass sich die angenommenen Rahmenbedingungen (z.B. Morbiditätsstruktur, medizinische Möglichkeiten, Bevölkerungsschwankungen u.a.) bis 2030 nicht ändern. Auf diese Schwäche ihrer Studie weist die Autorin ausführlich ihn. Darüber hinaus trifft die Studie keine Aussagen zu Instrumenten und Maßnahmen, die in der Altenpolitik in Zukunft ergriffen werden können und zu deren möglichen ökonomischen Effekten.

Diskussion

Das Buch erfreut durch seine gute Lesbarkeit. Die Autorinnen haben auf wissenschaftliche Fachsprache weitgehend verzichtet und haben eine gut verständliche Sprache gewählt. Ebenso wurde auf Ausführungen zur Forschungsmethodologie verzichtet und methodische Erklärungen sind auf ein Mindestmaß reduziert worden. Sie wurden nur insoweit einbezogen, wie sie zum Verständnis des Projektes notwendig sind. So ist es nicht verwunderlich, dass das Buch eher ein Projekt- als ein Forschungsbericht geworden ist.

Teil 1 des Buches setzt in erster Linie auf die Sprache. Auf erläuternde grafische Elemente wurde weitgehend verzichtet. Das ist schade, da die ein oder andere Grafik zum Verständnis des Projektaufbaus und der Projektabfolge hilfreich wäre. So ist es mühevoll, das Projektdesign und den -verlauf zu rekonstruieren. Dies erschwert das Verständnis unnötig. Darüber hinaus lässt das Buch Schlussfolgerungen aus einzelnen Interventionen offen. Dem Leser ist es selbst überlassen, welche Schlussfolgerungen er aus der ein oder andern Phase des Projekts zieht.

Erfreulich sind demgegenüber die offenen Beschreibungen der Schwächen und mißglückten Anteile. Dies erhöht die Praxisrelevanz für all jene, die sich selbst anschicken, Quartiersprojekte anzuschieben. Was jedoch gänzlich fehlt sind Ausführungen zu den eigentlichen Quartieren und ihre Festlegung oder Bestimmung. Sie werden kaum erwähnt.

Die Studie, die im Teil 2 des Buches beschrieben wird, beruht auf mathematisch einfachen Berechnungen, die gut nachzuvollziehen sind und im Lauf der Zeit mit anderen Zahlen gut neu zu berechnen sind. Dies ist Absicht der Autorin gewesen, da sie den beteiligten Kreisverwaltungen eben dies ermöglichen wollte. Daraus folgt jedoch auch, dass die möglichen Aussagen recht schlicht daher kommen. Die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt, so werden auch die Ausgaben für Pflege steigen. Interessant ist, dass dies auch bei Berücksichtigung der vier unterschiedlichen Szenarien der Fall sein wird. Die Autorin weist selbst auf die Schwächen der Studie hin, die die Aussagekraft der Ergebnisse erheblich schmälern. Es bleibt die Frage kritisch zu stellen, ob es dazu einer eigenen wissenschaftlichen Studie bedurft hat.

Fazit

Das vorliegende Buch ist ein Bericht über ein Projekt, das der Auftraggeber mit den von ihm gesetzten Rahmenbedingungen erheblich beeinflusst hat. Dies hat sich maßgeblich negativ auf den Projektverlauf ausgewirkt. Die deskriptive Stärke des Buches ist die Schilderung des Projektverlaufs. Schwächen zeigen sich in seiner analytischen Kraft hinsichtlich der durchgeführten Maßnahmen. Dadurch muss der Leser anhand der nicht immer einfach nachzuvollziehenden Schritte selbst seine Schlüsse für eigenen Projekte ziehen. Hier wäre eine schärfere Analyse und ggf. Hypothesenbildung notwendig gewesen. Der quantitative Prognoseteil enthält keine Überraschungen und ist hinsichtlich seiner Methodik hinterfragbar.

Das Projekt hat Gesamtausgaben in Höhe von 267.679 € verursacht, wie die Projektbeschreibung angibt (https://goo.gl/gMxkqd – aufgerufen am 12.10.2017). Es bleibt festzustellen, dass auch für hohe Forschungssummen manchmal nur schlichte Ergebnisse zu Tage zu fördern sind.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
Homepage www.adservio.de
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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 24.11.2017 zu: Angelika Zegelin, Sabine Bohnet-Joschko, Tanja Segmüller: Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger. Herausforderungen und Chancen für Kommunen und Pflege-Unternehmen. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2017. ISBN 978-3-89993-385-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22386.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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