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Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann (Hrsg.): Symphonie – Drama – Powerplay (Haupt-/Nebenamt in der Kirche)

Cover Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann (Hrsg.): Symphonie – Drama – Powerplay. Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 248 Seiten. ISBN 978-3-17-032216-5. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.
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Thema

Gegenwärtig erleben wir eine neue Phase der theoretischen Auseinandersetzung mit dem Ehrenamt bzw. dem freiwilligen Engagement. Die globalen Erkenntnisse zum Strukturwandel des Ehrenamtes können als gesichert gelten und haben sowohl auf politischer wie auf verbandlicher Ebene nachhaltige Impulse gesetzt. In der aktuellen Phase des Diskurses werden nun einzelne Themenaspekte und spezifische Besonderheiten differenzierter analysiert. Differenzierung erfolgt in Einzelstudien zu spezifischen Handlungsfeldern des Ehrenamtes aber auch im theoretischen Zugang. So werden organisationssoziologische Studien zu den Rahmenbedingungen des Ehrenamtes, neue professionstheoretische Analysen zur Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen aber auch sozialphilosophisch begründete Ansätze zum Thema Anerkennungskultur vermehrt veröffentlicht.

In diese Phase der Differenzierung kann auch das vorliegende Buch eingegliedert werden. Das spezifische Handlungsfeld ist hier die Kirche, die sowohl in Bezug auf ihre Tradition wie auch das zahlenmäßige Engagement von Ehrenamtlichen eine herausragende Rolle spielt. Das ehrenamtliche Engagement in der Kirche wird in erster Linie theologisch aber darüber hinaus auch gesellschafts- und berufspolitisch begründet. Neben dieser Besonderheit der Debatte in dem Handlungsfeld der Kirche hat die Diskussion über das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt aber auch eine handlungsfeldüberschreitende Bedeutung, die für andere soziale Felder richtungsweisend sein kann. Die Metaphern des Buchtitels weisen darauf hin: Das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt kann dramatische Züge annehmen, wenn es zu wechselseitiger Überforderung und Enttäuschung kommt und es kann zu einem Spiel degenerieren, in dem Machtgebärden ein konstruktives Miteinander gefährden. Es kann aber auch – trotz nicht zu unterschätzender Paradoxien – in der Harmonie einer Symphonie ihre Gestalt finden, woran Ehrenamtliche wie Hauptamtliche gleichermaßen interessiert sein sollten.

Das Buch vermittelt ein Bild davon, wo das Ehrenamt in der Kirche aktuell steht und was die gegenwärtigen und was die zukunftsgerichteten Bedingungen für ein gelingendes Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt sind. Es will zum „Nachdenken“ zum „Querdenken“ und zum „Diskutieren“ anregen und damit Impulse in den kirchlichen und den gesellschaftlichen Raum senden.

Herausgeberinnen und Autoren/Autorinnen

Die Herausgeberinnen des Buches kommen beide aus dem kirchlichen Kontext und sind als Expertinnen ausgewiesen.

Cornelia Coenen-Marx war bis 2015 als Oberkirchenrätin in der EKD für das Ehrenamt zuständig und ist nun Inhaberin der Agentur „Seele und Sorge“ mit einem Schwerpunkt in der Begleitung von Ehrenamtsprojekten.

Beate Hofmann ist Praktische Theologin und Professorin für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. Sie hat an verschiedenen Studien zum Thema Ehrenamt in der Kirche mitgewirkt.

Neben den Herausgeberinnen liefern 28 Autorinnen und Autoren 25 Eigenbeiträge. Die Biogramme dazu sind am Ende des Buches eingestellt.

Entstehungshintergrund

In der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es auf der Ebene der EKD, in den verschiedenen Landeskirchen und auf Gemeindeebene seit längerer Zeit eine Diskussion über den Wandel des Ehrenamtes und über neue Formen der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen. So haben beispielsweise die Evangelischen Kirchen in Bayern sowie in Hessen und Nassau schon vor längerer Zeit ein eigenes Ehrenamtsgesetz verabschiedet, das die Unterstützung und Begleitung der Ehrenamtlichen verbessern soll. Die EKD-Synode hat 2009 in einer Erklärung die generelle Bedeutung des Ehrenamtes für die Kirche hervorgehoben.

2012 führte das Sozialwissenschaftliche Institut der Kirche (SI) eine repräsentative Erhebung zum ehrenamtlichen Engagement in Kirchengemeinden durch. Der vorliegende Band knüpft an diesen Entwicklungen und Debatten an, sortiert sie, ordnet sie ein und gibt Anstöße für strukturelle Veränderungen. Er geht damit weit über einen individuellen Blick auf das Thema hinaus und spiegelt den institutionellen Diskurs der Kirche auf das Thema wider.

Aufbau

Das Buch vereint 25 Beiträge unterschiedlicher Autoren und Autorinnen zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche aus unterschiedlichen Perspektiven. Dies mag auf den ersten Blick verwirrend erscheinen. Dank einer hervorragenden Dramaturgie der Herausgeberinnen verliert der Leser oder die Leserin aber zu keiner Zeit die Orientierung.

Ein Prolog eröffnet den Band. Darin wird das Thema in seinen Bezügen vorgestellt, theoretisch verortet und die Intentionen des Buches dargelegt. Anschließend werden die einzelnen Beiträge in drei grundlegende Themenbereiche gegliedert.

  1. In einem ersten Themenbereich werden Analysen zur Veränderung im Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche vorgestellt. Die binnenkirchliche Perspektive ist hier tragend.
  2. In dem zweiten Themenbereich erfolgen Seitenblicke von außen auf das kirchliche Ehrenamt. Die gesellschaftspolitische Perspektive steht hier im Vordergrund.
  3. Der dritte Themenbereich ist der Suche nach Lösungen für ein künftiges Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche gewidmet.

In einem Epilog werden nächste Schritte und offene Fragen angesprochen.

Inhalte

In dem ersten Themenbereich werden zunächst verschiedene Studien über das Ehrenamt in der Kirche vorgestellt und diskutiert. Dabei wird deutlich, wo die Stärken des kirchlichen Ehrenamts liegen, wie vielfältig die Tätigkeitsfelder des Ehrenamtes sind aber auch, wo bisher ungenutzte Potentiale des ehrenamtlichen Engagements liegen. Die Beiträge zeigen, dass der Wandel des Ehrenamtes auch in der Kirche angekommen ist. Dies wird u.a. in einer Pluralisierung der Motive des ehrenamtlichen Engagements mit kirchlicher Ausprägung sichtbar. Der Wandel tangiert aber auch das Rollenverständnis von Haupt- und Ehrenamtlichen sowie die Formen der Unterstützung, Förderung und Weiterentwicklung des kirchlichen Ehrenamtes. Neue Formen der Unterstützung und Begleitung werden in einem Modell der systematischen Ehrenamtsförderung in Württemberg deutlich, zeigen sich aber auch in Erfahrungen mit ausgebildeten Ehrenamtsmanagern und Ehrenamtsmanagerinnen. In einem weiteren Beitrag wird danach gefragt, welche Kompetenzen Hauptamtliche benötigen, um Ehrenamtliche als ehrenamtliche Seelsorger und Seelsorgerinnen zu qualifizieren. In einem grundsätzliche Beitrag wird die Engagementpolitik der Kirche im Kontext gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen untersucht und daraus ein Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Ehrenamt in der Kirche begründet. Schließlich runden drei kurze Beiträge zu den Themen Engagement älterer Menschen, zur Inklusion im Ehrenamt und zur Flüchtlingsarbeit den ersten Themenbereich ab.

In dem zweiten Themenbereich wird der Blick über den kirchlichen Tellerrand gewagt. Die Hintergrundfolie dazu bilden gesellschaftliche Strukturveränderungen, die mit Begriffen wie Individualisierung, Pluralisierung, Ökonomisierung und demografischer Wandel beschrieben werden. Die aktuelle sozialpolitische Debatte hat als eine Antwort auf den Strukturwandel das Konzept der „Sorgenden Gemeinschaften“ (neu) entdeckt. Dieses Konzept rückt den Begriff der „Mitverantwortung“ (Hannah Arendt) verbunden mit dem Gedanken der sozialräumlichen Nähe stärker in den Mittelpunkt und ist in Teilen auch auf Kirchengemeinden übertragbar. Allerdings ist dabei zu beachten, dass diese Art des zivilgesellschaftlichen Engagements nicht ohne eine hauptamtliche Struktur auskommt. Spannend ist auch der Blick auf die Schnittstelle zwischen bürgerschaftlichem und kirchlichem Engagement, der die Verantwortung der Kirche als zivilgesellschaftlicher Akteur unterstreicht. Wie sieht es aber mit der ökumenischen Zusammenarbeit aus? Auch hier werden gemeinsame Interessen und strukturelle Unterschiede ausgelotet. Schließlich erfolgt noch ein Blick auf das Milizsystem der Schweiz, das nicht nur bzgl. der allgemeinen Wehrpflicht dort eine Rolle spielt, sondern auch für die Schweizer Bürgergesellschaft insgesamt bedeutsam ist.

Nach diesem umfassenden Blick auf die Innen- und Außenperspektive wird in einem dritten Themenbereich danach gefragt, wie das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche „symphonischer“ gestaltet werden kann. Im Mittelpunkt der Beiträge stehen zwei zentrale Themen: „Die Frage nach dem Verständnis von Rollen und Aufgaben im Miteinander von Haupt- und Ehrenamt und die Diskussion um angemessene Anerkennungsformen.“ (154) In einigen Beiträgen werden grundsätzliche ekklesiologische Fragestellungen über das Grundverständnis von Kirche diskutiert. So finden sich im dritten Themenbereich Beiträge zum Zusammenspiel von Ämtern, Diensten und Engagierten, darüber hinaus Reflexionen zur gemeinsamen Leitung der Kirche im Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt und schließlich organisations- bzw. institutionstheoretische Betrachtungen, die unterschiedliche Ansprüche und Erwartungen von Beteiligten deutlich machen. Auch das Thema Anerkennungskultur ist mit sozialphilosophischen Überlegungen vertreten. Darüber hinaus findet man Beispiele für erfolgreiche Praxismodelle und die Reflexion von Erfahrungen mit neuen Formen des Zusammenspiels von Haupt- und Ehrenamt.

Ein kurzer Epilog beschließt die Betrachtungen und formuliert nächste Schritte und offene Fragen.

Diskussion

Um meinen Gesamteindruck gleich vorweg zu nehmen: Den Herausgeberinnen gebührt große Anerkennung und Dank für dieses Buch. Dies bezieht sich zum einen auf den fundierten sozialwissenschaftlichen und theologischen Theoriehintergrund, der das ganze Buch durchzieht und als „versteckter roter Faden“ die Dramaturgie und die Aussagekraft des Buches prägt. Man erkennt sehr deutlich, wie fest verankert und wie kompetent die Herausgeberinnen in den einschlägigen Diskursen sind. Gleiches wird aber auch in den Beiträgen der vielen Autoren und Autorinnen der Einzelkapitel deutlich. Diese Kompetenz wirkt positiv auf die fachliche Substanz des Buches.

Die Anerkennung bezieht sich aber auch auf die didaktische Gestaltung des Buches. Mit profunder Sachkenntnis führen die Herausgeberinnen in das Thema ein und strukturieren es. Jedem Themenbereich wird eine Einleitung vorangestellt, die bei der Einordnung des Themas hilft und einen Überblick zu den folgenden Beiträgen gibt. Dieses Engagement ist nicht selbstverständlich. Die Leser werden es aber danken.

Die große fachliche Bedeutung dieses Bandes sehe ich in seiner Wirkung auf einen offenen Diskurs in der Kirche über das Ehrenamt. Sicher, es gibt schon viele verheißungsvolle Ansätze und neue Modelle, manche strukturelle Änderungen sind auch auf den Weg gebracht. Das Buch aber bündelt diese Ansätze und ordnet sie in zukunftsweisende Theoriedebatten ein. Der Leser und die Leserin erhalten so einen differenzierten Blick auf die aktuelle Bühne des kirchlichen Ehrenamtes und bekommen Anstöße für eigene Reflexionen und Möglichkeiten des Querdenkens. Zu diesen Anstößen gehören innovative Entwicklungen im Ehrenamt gleichermaßen wie die Herausarbeitung von kirchlichen Eigenlogiken und Paradoxien des kirchlichen Handlungsfeldes. Mit ihrem Buch zeigen die Herausgeberinnen, wie weit der Wandel des Ehrenamtes in der Kirche schon vorangeschritten ist. Mögliche Konflikte und unterschiedliche Interessen werden damit aber nicht nivelliert.

Die innerkirchliche Wirkung ist die eine Seite, der Diskurs in den Fachdisziplinen eine andere. Auch hier liefert das Buch wichtige theoretische Impulse. Es steht damit auch als Beispiel für eine neue Qualität in dem Diskurs zum Ehrenamt. In dem vorliegenden Buch wird deutlich, wie neben den allgemeinen sozialwissenschaftlichen Strukturanalysen zunehmend auch spezifische Erkenntnisse aus theologischen, philosophischen, soziologischen und psychologischen Blickwinkeln gewinnbringend genutzt werden können.

Fazit

Den Herausgeberinnen und den Autoren und Autorinnen ist ein enorm spannendes und anregendes Werk gelungen. Das Buch macht allen Mut, die im Ehrenamt oder an den Schnittstellen tätig sind. Es zeigt aber auch realistisch, wie weit der gemeinsame Weg noch ist, um innerkirchliche Veränderungen nachhaltig zu verankern. Dem Buch wünsche ich eine weite Verbreitung und eine offene und konstruktive Auseinandersetzung mit den vielen anregenden Impulsen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 21.03.2017 zu: Cornelia Coenen-Marx, Beate Hofmann (Hrsg.): Symphonie – Drama – Powerplay. Zum Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt in der Kirche. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-032216-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22388.php, Datum des Zugriffs 20.09.2017.


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