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Robin Shapiro: Ego-State-Interventionen – leicht gemacht

Cover Robin Shapiro: Ego-State-Interventionen – leicht gemacht. Strategien für die Teilearbeit. G.P. Probst Verlag GmbH (Lichtenau) 2017. 208 Seiten. ISBN 978-3-944476-18-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Thema

Jeder Mensch trägt verschiedene Persönlichkeitsanteile, sog. „Ego-States“ in sich. Im Allgemeinen stehen diese im Einklang miteinander und werden von der Person bewusst gelenkt. Anders ist es bei Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen, sie teilen ihre Anteile zum Schutz der eigenen Persönlichkeit unbewusst in verschiedene „Ich-Anteile“, die gegeneinander wirken. Eine Ego-State-Therapie hilft, diese Ich-Anteile in eine harmonische Beziehung zueinander zu bringen. Damit ist die Ego-State-Therapie eine sehr wirksame und äußerst flexible Therapiemethode, sie hilft Klient*innen, die verschiedenen Aspekte ihrer Person zu integrieren und miteinander zu versöhnen.

Autorin

Die Autorin Robin Shapiro nutzt die Ego-State-Methode seit 35 Jahren in klinischen Kontexten. Sie hat zwei Bücher, „EMDR Solutions“ und „EMDR Solutions II“, herausgegeben und ist Autorin von „The Trauma Treatment Handbook“, in dem Traumata und Dissoziation und deren Behandlung beschrieben werden. Daneben bietet Robin Shapiro Beratungen und Workshops für Psychotherapeut*innen an, in denen sie sich mit Themen wie Suizidprävention, Ego-State-Therapie, EMDR, Trauma Behandlung, Bindungsstörungen und Gegenübertragungsproblemen beschäftigt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Softcover Format erschienen. Es hat einen Umfang von 208 Seiten und gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil umfasst vier Unterkapitel, der zweite Teil fünf Unterkapitel. Am oberen linken Seitenrand findet man die jeweilige Kapitelüberschrift, auf der rechten Seite den Titel des Unterkapitels, was die gezielte Suche enorm erleichtert. Der Fließtext ist durch zahlreiche Zwischenüberschriften gut gegliedert. Fallvignetten (von der Behandlung von Traumata, über Borderline bis hin zu suizidalen Klient*innen) sind eingestreut (am Ende des Buches findet man eine Liste aller 18 Beispiele), Dialoge aus der therapeutischen Arbeit heben sich durch eine kursive Schreibweise hervor. Die meisten Kapitel enden mit einer Zusammenfassung.

  1. Der Beginn der Ego-State-Arbeit: Grundlagen

  2. Problemspezifische Interventionen

Als Einleitung lädt die Autorin die Leserschaft zu einer Intervention ein, mit deren Hilfe es gelingt, eigene Ich-Zustände zu kontaktieren und mit diesem einfachen Einstieg eine Vorstellung davon zu bekommen, was mit Ich-Zuständen gemeint ist.

Teil I beinhaltet die Grundlagen „Der Beginn der Ego-State-Arbeit“. Einstieg bildet die Definition und das Diagnostizieren von Ego-States, das Erschließen positiver Ich-Zustände, das Kreieren sicherer Orte und innerer Versorger sowie die Arbeit mit Säuglings- und Kind-Zuständen.

Dysfunktionale Zustände verfestigen sich als Verhaltensweisen und Gefühle, die in der Vergangenheit nützlich waren, es aber in der Gegenwart nicht mehr sind. Oft tauchen sie nach Triggern auf, mit denen das alte Programm abläuft.

Von problemspezifischen Interventionen handelt der Teil II. Dazu gehört die Teilearbeit bei Traumata, die Teilearbeit bei schwerwiegenden Beziehungsproblemen, die Teilearbeit bei Persönlichkeitsstörungen, die Teilearbeit mit suizidalen Klient*innen und die Teilearbeit mit kulturellen, familialen und missbrauchsbedingten Introjekten. Das Buch schließt mit dem Verzeichnis der 18 Fallbeispiele ab, die mit Titel und Seitenzahl gekennzeichnet sind und dadurch leicht nachzuschlagen sind. Zudem enthält das Buch ein Literatur-, Personen- und Stichwortverzeichnis.

Nach der Erklärung der Ego-State-Arbeit zeigt Shapiro auf, was man mit diesem Ansatz bewirken kann, indem zwischen normalen oder pathologischen Zuständen gezwitcht wird. Durch diesen Wechsel erfährt man, dass man Kontrolle erlangen kann, in dem man sich Dinge bewusst macht. Über diesen Weg können reife Erwachsenenzustände ins Bewusstsein geholt werden, um sich mit Menschen, Situationen und Emotionen auseinander zu setzen. Die Arbeit mit Ego-States hat sich in der Heilung von Traumata bewährt, indem sie eine duale Aufmerksamkeit kreiert, die einerseits auf einem traumatischen Ereignis verhaftete Anteile fokussiert und andererseits auf den Erwachsenen im Hier und Jetzt in einer relativ sicheren Welt. Dadurch werden traumatisierte Anteil in integrationsfördernder Weise in die sichere Gegenwart gezogen. Ältere Ressourcen können in aktuellen Situationen nutzbar gemacht werden z.B. in dem mit dem Anteil des spielerischen Kind in seinem Inneren in Kontakt getreten wird.

In der Regel konzentriert sich die Ego-State-Arbeit auf zwei Arten von Zuständen: auf Zustände mit positiven Ressourcen und auf dysfunktionale, reaktive, nicht mit der gegenwärtigen Realität verbundene Zustände. Ressourcenreiche Zustände können kompetente Erwachsenenzustände oder, falls es sich um dissoziierte Zustände handelt, sog. ANPs sein, was für „anscheinend Normale Persönlichkeiten“ steht.

Therapeut*innen arbeiten wie die Anthropologie es tut, sie erforschen Verhalten und finden dabei verschiedene Anteile heraus. Auf diesem Weg gelingt es, in Kontakt zu kommen und diese für sich zu nutzen z.B. indem imaginiert wird, wie man sich bei einem Triumph gefühlt hat. Aber nicht nur innere Ressourcen können nutzbar gemacht werden, auch äußere lassen sich nutzen, indem imaginierte Beschützer, nährende oder spirituelle Gestalten herbeigerufen werden.

Das Buch enthält zahlreiche Beispiele von der anspruchsvollen Arbeit mit DIS Klient*innen berichten. Oftmals wird synonym der veraltete Begriff der multiplen Persönlichkeitsstörung verwandt. Gemeint ist eine dissoziative Störung, bei der Wahrnehmung, Erinnerung und Erleben der Identität der eigenen Person betroffen sind. Sie gilt als die schwerste Form der Dissoziation. Klient*innen haben abwechselnde, unterschiedliche Vorstellungen von sich selbst, wobei scheinbar unterschiedliche Persönlichkeiten entstehen, die wechselweise die Kontrolle über das Verhalten übernehmen. An das Handeln der jeweils „anderen Persönlichkeit(en)“ können sich die Betroffenen entweder nicht oder nur schemenhaft erinnern oder sie erleben es als das Handeln einer fremden Person. Es hat handelt sich um ein komplexes Krankheitsbild, dass mit Folgestörungen wie Depressionen, psychosomatische Körperbeschwerden, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Suchterkrankungen und Beziehungsprobleme einhergehen kann.

Diskussion

Das Buch von Robin Shapiro enthält eine Fülle von Ego-State-Interventionen, Techniken, die einfach in verschiedenen Situationen einsetzbar sind. Die Autorin berichtet davon, wie die Ego-State-Arbeit sich mit anderen Therapieansätzen verbinden lässt. Dabei verwendet sie eine verständliche Sprache. Anhand zahlreicher Fallbeispiele wird das Vorgehen plausibel erläutert und vorgestellt. Die Interventionen zeigen, dass sie Klient*innen dabei unterstützen können, sich als wertvoll und kompetent zu erleben

Bei der Arbeit mit Ich-Zuständen ist eine Einordnung von dissoziativen Anteilen und Ich-Zuständen zentral. Alle dissoziativen Anteile sind Ich-Zustände, aber nicht alle Ich-Zustände sind dissoziative Anteile. Der Unterschied liegt z.B. darin, dass Ich-Zustände (anders als dissoziative Anteile) durchlässige Grenzen haben, bei Ich-Zuständen gibt es keine Amnesie, keiner von ihnen agiert in der äußeren Welt, ohne eines anderen Ich-Zustandes gewahr zu sein. Ich-Zustände dringen nicht plötzlich in das Erleben der Person ein, so wie dissoziative Anteile es tun.

Shapiro zieht auch eine Grenzlinie von Ich-Zuständen zur Schizophrenie: Ich-Zustände lassen einen Menschen nicht Symptome erleben wie Stimmen hören, Kontrolle über den Körper durch einen Anderen oder separate Selbstempfindungen erleben, anders als bei dissoziativen Anteilen. Ich-Zustände erleben Menschen als die Person, der sie zugehören, allerdings eventuell in einem anderen Zustand, Alter oder zu einem anderen Zeitpunkt des Lebens dieser Person. Dissoziative Reaktionen können abdriften oder einschließen, diese Zustände sind komplexer: sie verfügen oft über eine eigene Identität und ein eigenes Selbstempfinden, sie haben charakteristische Selbstrepräsentationen, die nicht unbedingt der Selbstrepräsentationen der Gesamtpersönlichkeit entspricht, sie haben eigene autobiographische Erinnerungen, die sich von denjenigen anderer dissoziativer Anteile unterscheiden können.

Fazit

Jeder Mensch trägt verschiedene Persönlichkeitsanteile, sog. „Ego-States“ in sich. Im Allgemeinen stehen diese im Einklang miteinander und werden von der Person bewusst gelenkt. Anders ist es bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen, sie teilen ihre Ich-Zustände zum Schutz der eigenen Persönlichkeit unbewusst in verschiedene „Ego-States“, die gegeneinander wirken. Eine Ego-State-Therapie hilft, diese Ich-Zustände in eine harmonische Beziehung zueinander zu bringen. Damit ist die Ego-State-Therapie eine sehr wirksame und äußerst flexible Therapiemethode, sie hilft Klient*innen, die verschiedenen Aspekte ihrer Person zu integrieren und miteinander zu versöhnen. Die Autorin Robin Shapiro nutzt die Ego-State-Methode seit 35 Jahren in klinischen Kontexten. Das Buch ist verständlich geschrieben und es gewährt einen guten Einblick in das Wissen und die Erfahrung der Autorin. Das Buch versteht sich als pragmatische Einführung in die Teilearbeit (Klappentext).


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 22.01.2018 zu: Robin Shapiro: Ego-State-Interventionen – leicht gemacht. Strategien für die Teilearbeit. G.P. Probst Verlag GmbH (Lichtenau) 2017. ISBN 978-3-944476-18-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22396.php, Datum des Zugriffs 22.02.2018.


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