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Hermann Günter Faber: Gefangen im Netz? Pflegefamilien und Smartphone

Cover Hermann Günter Faber: Gefangen im Netz? Pflegefamilien und Smartphone. Ergebnisse der empirischen Studie "Status: Online". Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2016. 139 Seiten. ISBN 978-3-943084-39-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Autor

Hermann Günter Faber ist Mitglied in der Geschäftsleitung der Kinder- und Jugendhilfe ‚tibb‘ (Therapie, Integration, Beratung, Betreuung) und Geschäftsführer des Vereins ‚confugium‘ in Ibbenbüren, der Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien, Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften und Intensivgruppen unterstützt.

Entstehungshintergrund

Das Ziel dieser quantitativen Studie war es, in einem Vergleich mit anderen Kindern, Jugendlichen und Eltern herauszufinden, ob Pflegekinder im Umgang mit Handy und mobilem Internet stärkeren Gefährdungen ausgesetzt sind. Die Forschungsresultate hofft der Autor, für die konkrete Begleitung und Information von Pflegeeltern verwenden zu können.

Aufbau und Inhalt

Einsteigend ins Thema liefert Faber die für Deutschland gültigen rechtlichen Hintergründe zu Platzierungen in Pflegefamilien aus dem Sozialgesetzbuch SGB VIII, Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere § 33 und 34.

Danach befasst sich der Autor mit gesundheitlichen Aspekten in der Pflegekinderhilfe und diskutiert die Bindungsstile nach Bowlby und Ainsworth, sowie Traumata und Folgestörungen. Da Pflegekinder davon besonders oft und stark betroffen sind, könnte dies Auswirkungen auf ihre Handynutzung und ihr Verhalten im Netz haben. Dies zu prüfen macht sich Faber mit sieben Hypothesen zur Aufgabe.

Der aktuelle Forschungsstand stützt sich auf die KIM-Studien (Kinder und Medien, Computer und Internet), die JIM-Studien (Jugend, Information, (Multi-) Media), die FIM-Studie (Familie, Interaktion und Medien), sowie die EXIF-Studie (Exzessive Internetnutzung in Familien) der Universität Hamburg. Anhand dieser vorhandenen Daten kann die besondere Situation von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien mit den Resultaten der Gesamtbevölkerung verglichen und beurteilt werden. Zu diesem Zweck wurde im Rahmen der Studie „Status: Online“ eine Vollerhebung bei 135 Kindern und 48 Pflegeeltern durchgeführt.

Die Auswertung der erhobenen und der Vergleich mit bereits existierenden Daten zeigen, dass die Kinder in Pflegefamilien weniger oft und durchschnittlich in späterem Alter über ein Handy oder Smartphone verfügen als andere Kinder. Dies liegt aber keineswegs an Technikfeindlichkeit oder Verboten der Pflegeeltern – diese sind gut mit internetfähigen Geräten ausgestattet und betreiben eher weniger Handyerziehung als andere Eltern – sondern an mangelndem Interesse der Kinder selber, gesundheitlichen Einschränkungen oder psychischen Problemen. Andererseits gibt es, je jünger die Kinder sind, desto häufiger Konflikte um Handy- oder Internetnutzung. Gruppennormen, Anpassungsdruck und das Bedürfnis nach Selbstdarstellung spielen bei Pflegekindern eher eine untergeordnete Rolle, hingegen ist ihnen die Erreichbarkeit der Eltern in Notsituationen wichtig. Die beliebtesten Apps sind wie bei anderen Kindern WhatsApp, YouTube und Facebook. Eine besondere Gefährdung für dysfunktionale und/oder exzessive Nutzung konnte die Studie nicht bestätigen, aber wie bei Kindern im Allgemeinen gilt es bei Pflegekindern im Besonderen aufmerksam zu sein bei Kontakten mit Unbekannten.

Diskussion

Die Studie „Status: Online“ schliesst eine Lücke der bisherigen Datenerhebung, indem sie die Situation von Pflegekindern bezüglich Handy- und Internetnutzung mit jener anderer Kinder in Deutschland vergleicht. Die Resultate sollen gezielt für entsprechende Schulungen in der Pflegekinderhilfe genutzt werden können. Fragestellung und Hypothesen sind daher stark auf diese Bedürfnisse zugeschnitten, die geschlossenen und hoch standardisierten Fragebogen machen seriöse Vergleiche mit anderen Studien möglich, bieten aber keinen Raum für überraschende Erkenntnisse – beispielsweise gibt es bei der Frage, welche Apps wie oft genutzt werden, abschliessend fünf Vorgaben (WhatsApp, Facebook, Instagram, Snapchat und You Tube) und keine Rubrik für ‚andere‘ – ausgefallene Beschäftigungen wie etwa eine App zur Bestimmung von Vogelstimmen können deshalb nicht erfasst werden. Der Auswertungsteil des Buches benötigt ein gewisses Verständnis und Fachwissen für Statistik und quantitative Studien, ohne dieses ist das Buch zu grossen Teilen nur schwer verständlich.

Obwohl darauf geachtet wurde, dass die Eltern bei der Befragung der Kinder und Jugendlichen möglichst nicht anwesend waren, könnte dennoch eine gewisse soziale Erwünschtheit mitspielen, da aus Kostengründen die Fragen den Eltern und Kindern durch Familienberaterinnen und Familienberater vorgelegt wurden. Diese Einschränkungen vorbehalten, überzeugt das Buch durch seine klare Fragestellung und die logische, transparente Vorgehensweise bei der Datenerhebung und Auswertung.

Fazit

Das Buch behandelt, wie der Autor selber vermerkt, ein sehr spezielles und weitgehend unerforschtes Gebiet der Pflegekinderhilfe. Die Ergebnisse der quantitativen Studie werden detailliert und übersichtlich dargestellt. Das Buch ist sicherlich ein wichtiger Beitrag für alle, die sich für das spezifische Thema der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien interessieren, kann aber aufgrund der sorgfältigen und schrittweisen Darstellung auch für Studienzwecke als Musterexemplar einer quantitativen Untersuchung verwendet werden.


Rezensentin
Ursula Christen
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Zitiervorschlag
Ursula Christen. Rezension vom 30.05.2017 zu: Hermann Günter Faber: Gefangen im Netz? Pflegefamilien und Smartphone. Ergebnisse der empirischen Studie "Status: Online". Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2016. ISBN 978-3-943084-39-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22402.php, Datum des Zugriffs 19.07.2018.


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