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Daniel Timmermann, Klaus Kraimer (Hrsg.): Erlebnispädagogik

Cover Daniel Timmermann, Klaus Kraimer (Hrsg.): Erlebnispädagogik. Eine Rekonstruktion von Anforderungen und Optionen in der außerschulischen Jugendbildung zwischen Bildungs- und Normierungsanspruch. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2016. 112 Seiten. ISBN 978-3-943084-37-5. 17,50 EUR.
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Thema

Einführungen in die Erlebnispädagogik gibt es zuhauf (Baig-Schneider 2012, Eisinger 2016, Heckmair / Michl 2012, Michl 2015, Paffrath 2013 u.v.a.m.), und natürlich haben alle Autoren dabei Schwerpunkte gesetzt. Nun liegt ein schmales Buch vor, das offensichtlich, interpretiert man den etwas komplizierten Titel richtig, den Stellenwert der Erlebnispädagogik in der außerschulischen Bildung prüfen will. Die Veröffentlichung ist der Band 3 der Buchreihe „Fallrekonstruktive Soziale Arbeit – Krisenbewältigung im Lebenslauf“, herausgegeben von Klaus Kraimer, Professor im Arbeitsgebiet Sozialpädagogik an der Universität Osnabrück.

Autor

Daniel Timmermann ist Jugendbildungsreferent in der Arbeitsstelle Freiwilligenarbeit der Diözese Osnabrück und hat sein Studium an der Universität Osnabrück mit dem Master abgeschlossen.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist ist eine überarbeitete Fassung der Masterarbeit.

Aufbau

Das Werk ist nach dem Vorwort von Klaus Kraimer, der Danksagung und der Einleitung mit römischen Buchstaben in drei große Abschnitte unterteilt:

  1. „Darstellung der Untersuchungsgegenstände“,
  2. „Darstellung der Untersuchungsperspektive“ und
  3. „Ergebnisse und Optionen“.

Die gesamte Gliederung ist aber dezimal mit arabischen Ziffern. Nach der Einleitung wird im zweiten Kapitel die Kinder- und Jugendarbeit dargestellt – Geschichte, Gesetze, Träger und Konzepte. Dann erfolgt eine Einführung in die Erlebnispädagogik. Der vierte Abschnitt handelt von der „Jugendbildung in der Krise“. Danach wird die Untersuchungsperspektive beschrieben. Dabei geht es u.a. um die Professionalisierungsbedürftigkeit der Sozialen Arbeit und um die Struktur der sozialpädagogischen Arbeitsbeziehung. Im siebten und abschließenden Kapitel werden „Anforderungen und Optionen an eine professionalisierte (erlebnis-)pädagogische Praxis“ diskutiert.

Inhalt

Klaus Kraimer spricht im Vorwort von aktionistischen Varianten der Erlebnispädagogik (S. 7). Vielleicht ist damit die Szene der Freizeitpädagogik, der Events und Incentives gemeint. In erlebnispädagogischen Kreisen ist jedoch klar, dass dies nicht zur Erlebnispädagogik gehört, weil das erste Ziel der Erlebnispädagogik Erziehung und die persönliche Entwicklung ist, oder die Teamentwicklung oder die Organisationsentwicklung. Man kann sich genauso wenig eine „Erlebnispädagogik der Macher“, die Leistungsideologien verfolgt (S. 7), vorstellen.

In der Einleitung geht es unter anderem auch um die professionstheoretische Sicht der Sozialen Arbeit. Hier wäre ein Einblick in die Arbeit des Bundesverbandes Individual- und Erlebnispädagogik (be) eine gute Ergänzung gewesen. Der be setzt sich seit geraumer Zeit mit dem Berufsbild Erlebnispädagoge, mit Qualität und Zertifizierung von Weiterbildungen und Trägern der Erlebnispädagogik auseinander. Dann werden einige Marksteine der Geschichte der Jugendarbeit beschrieben und die gesetzlichen Grundlagen der Jugendhilfe dargestellt. Im § 14 Erzieherischer Kinder-und Jugendschutz geht es nicht darum, Kinder und Jugendliche vor gefährdenden Einflüssen zu schützen, sondern vielmehr darum, sie so zu stärken – es geht hier um Resilienz – , dass sie diesen Einflüssen widerstehen können. Beim Kapitel „2.5 Außerschulische Jugendbildung“ sollte mehr die Praxis der Jugendbildung beschrieben werden.

Die Erörterungen zur Erlebnispädagogik lehnen sich größtenteils an die „Einführung in die Erlebnispädagogik“ von Bernd Heckmair und Werner Michl an. Leider wird die 5. Auflage aus dem Jahr 2004 verwendet. Auch das kleine Buch „Erlebnispädagogik“ von Werner Michl wird häufig zitiert – leider nur aus der ersten Auflage. Als Rezensent ist man geschmeichelt, weiß aber, dass es eine ganze Reihe von Publikationen gibt, die wesentliche Beiträge zu diesem Thema geliefert haben. Ausführlicher als Mark Rutkowski (S. 51) hat sich Jörg Friebe (2010) mit dem Thema Reflexion und Transfer beschäftigt.

Dann wird im nächsten Kapitel die „Jugendbildung in der Krise“ thematisiert. Wie in Kapitel 2 stehen diese Ausführungen nur in losem Zusammenhang zum Generalthema der Erlebnispädagogik. Timmermann hebt vor allem die Bedeutung von John Dewey hervor, den er als Begründer der Reformpädagogik bezeichnet (S. 64). Da kann man anderer Meinung sein. Trotzdem sind diese Ausführungen zu Dewey durchaus anregend.

Im 5. Kapitel wird die „Soziale Arbeit als Profession“ beschrieben. Lohnenswert wäre ein Nachdenken über die Profession der Erlebnispädagogik gewesen. Im dritten Abschnitt (Kap. 6 und 7) werden die Ergebnisse zusammengefasst. Durchaus anregend sind die Rückblicke auf Adorno und Oevermann und die Rückbesinnung auf die Begriffe Autonomie und Mündigkeit, die in der erlebnispädagogischen Diskussion eine zu geringe Rolle spielen. Die Dominanz des Lernbegriffes wird zurecht kritisiert, auch dass Bildung zu oft auf Lernen reduziert wird (S. 103). Die Anregung, dass „das Pädagogische in der Erlebnispädagogik bisher auch zu wenig Raum eingenommen hat.“ (S. 103) ist berechtigt und ernst zu nehmen.

Diskussion

Eine sehr gute Masterarbeit kann durchaus eine Grundlage für ein gutes Buch werden, allerdings zeigen viele Erfahrungen, dass das selten gelingt. Auch in diesem Fall ist der Transfer nur bedingt gelungen. Zu sehr stehen die einzelnen Kapitel wie erratische Blöcke für sich. Als Leser fragt man sich, ob man wirklich allgemeine Einblicke in das SGB VIII, vor allem in die Hilfen zur Erziehung, braucht. Oder ob die Geschichte der Jugendarbeit, die sich schwerlich auf 1,5 Seiten zusammenfassen lässt, notwendig ist.

Fazit

Interessanter wäre eine Analyse gewesen, die einerseits den Stellenwert der Erlebnispädagogik, des bewegten Lernens (Heckmair / Michl 2013), von aktivierenden Methoden (Waldherr / Walter 2014) im Rahmen der außerschulischen Jugendarbeit diskutiert hätte. Andererseits hätte die berechtigte Kritik vom Mangel an pädagogischen Konzeptionen innerhalb der Erlebnispädagogik durchaus vertieft werden können.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 28.02.2017 zu: Daniel Timmermann, Klaus Kraimer (Hrsg.): Erlebnispädagogik. Eine Rekonstruktion von Anforderungen und Optionen in der außerschulischen Jugendbildung zwischen Bildungs- und Normierungsanspruch. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2016. ISBN 978-3-943084-37-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22403.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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