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Moritz Czarny: Humor im Fokus fallrekonstruktiver Sozialer Arbeit

Cover Moritz Czarny: Humor im Fokus fallrekonstruktiver Sozialer Arbeit. Eine Einzelfallstudie im Kontext jugendlicher Devianz und Wohnungslosigkeit. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2016. 232 Seiten. ISBN 978-3-943084-38-2. 24,90 EUR.

Reihe Fallrekonstruktive Soziale Arbeit Bd. 4. Herausgegeben von Klaus Kraimer.
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Thema

Der Autor diskutiert die Bedeutung von Humor und Komik für die Entwicklung einer Professionstheorie für die Soziale Arbeit

Autor

Moritz Czarny ist Erzieher (Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe), hat einen B.A. in Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit sowie einen M.A. in Erziehungswissenschaft. Zuletzt hat er im Bereich der ambulanten Behindertenhilfe gearbeitet.

Entstehungshintergrund

Die Studie ist im Rahmen einer Masterarbeit 2015 an der Universität Trier entstanden. Für die Veröffentlichung wurde sie überarbeitet und ergänzt.

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber der Reihe, Klaus Kraimer, führt zunächst in die Bedeutung dieser Studie für die Fallrekonstruktive Soziale Arbeit ein. Diese sieht er in der Erweiterung der Fallrekonstruktiven Sozialen Arbeit um den Aspekt des Humors für das professionelle Fallverstehen.

Die Studie gliedert sich in einen Theorieteil, einen Empirieteil und einen Schlussteil.

Ausgehend von der These, dass die Soziale Arbeit „professionalisierungsbedürftig“ ist, geht der der Autor der Frage nach, was diese Professionalisierungsbedürftigkeit der Sozialen Arbeit mit Humor zu tun hat. Die Professionalisierungsbedürftigkeit sieht er – Oevermann folgend – vor allem „in dem noch unzureichenden Gewahrsein für den Zusammenhang von disziplinärer Theoriebildung und praktisch-kunstlehrhaftem Fallverstehen.“ (19) Es geht ihm um den Zusammenhang von Erkenntnis- und Professionslehre. Professionspraxen dieser Art haben nach Oevermann die Aufgabe stellvertretender Krisenbewältigung. Darin, dass sich sowohl die Soziale Arbeit als auch der Humor „auf die Bewältigung von Krisen der Lebenspraxis“ beziehen, sieht er die Grundlage für seine Fragestellung: „Welche Formen von Humor und Komik besitzen die Adressaten spezifischer Handlungsfelder, wie eignen sie sich diese im Laufe ihrer schwierigen Lebensbedingungen an und können sie jene als Bewältigungsstrategien im Kontext ihrer krisenhaften Situation nutzen?“ (23f.)

Er konstatiert zu Recht, dass das Thema Humor und Komik in der Sozialen Arbeit in der wissenschaftlichen Literatur eher ein Randthema ist. Die wenigen Texte würden sich bisher auf die Bedeutung des Humors für die Resilienz der Professionellen sowie als Haltung gegenüber ihren Adressaten und ihren Methodenkoffer reduzieren. Über die Bedeutung des Humors für die Adressaten gäbe es bisher keine empirischen Studien. Diese Forschungslücke versucht er mit seiner Studie zu schließen.

Dazu geht der Autor zunächst auf die Begriffsgeschichte und die unterschiedlichen Humortheorien ein und entwickelt sein leitendes Verständnis von Humor und Komik. In Abgrenzung zu negativen und asozialen „Humor“formen wie Sarkasmus oder Zynismus ist für ihn immer dann von Humor die Rede, „wenn eine persönliche Haltung zum Ausdruck kommt, in welcher Krisenhaftes in gelassener und ‚vernünftiger‘ Weise – mit Orientierung an humanistischen Werten – integriert wird.“ (41) Nach Czarny entsteht Humor aus Komik. Unter Komik versteht er ganz allgemein eine Widerspruchs- oder Konflikterfahrung zwischen dem Erwarteten und dem Eingetretenen. Wieder mit Verweis auf Oevermann „konstituiert sich das Komische als Abweichung von der Norm“. „Humor (…) ist demnach eine ‚gelungene‘ Integration von Krisenhaftem und Widersprüchlichem (…), das aus einer ‚erfolgreichen‘ Bewältigung ‚komischer‘ Konflikte hervorgeht.“ (89).

Czarny stell dann in seinem Kapitel über Humor in der Sozialen Arbeit heraus, dass diese strukturbedingt „hauptsächlich mit Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen zu tun hat“ (54) und daher eigentlich immer komisch sei und deswegen auch für den Einsatz von Humor prädestiniert sein müsste.

Im sehr ausführlichen empirischen Teil entwickelt der Autor sein Untersuchungsdesign in Form einer ‚qualitativen‘ Einzelfallstudie. Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie sich bei jungen Wohnungslosen in schwierigen Lebensbedingungen Humor konstituiert. Für seine Studie hat er zwei narrative Interviews mit deviant gewordenen jungen Männern durchgeführt. Diese Männer hat er im Kontext seiner Arbeit in einer Beratungs- und Hilfestelle für wohnungslose Jugendliche kennengelernt. Die Erhebungs- und Auswertungsmethode wird umfänglich vorgestellt.

Im Ergebnis arbeitet Czarny heraus, dass für beide Interviewpartner Humor ein eher „latentes und weniger bewusstes Thema“ sind (184). Humor in devianten Kontexten zu bewahren sei in beiden Fällen schwierig und bedrohe auch eine Humorhaltung als Mittel der Krisenbewältigung. Als Ressource könne Humor nur genutzt werden, „so lange er noch vorhanden ist.“ (190) Für ihn ist Humor keine „numinose Veranlagung oder Gabe, sondern vielmehr eine Kompetenzdisposition, die durch autonomiefördernde Sozialisationsbedingungen konstituiert wird.“ (205) Humor könne sich nur durch die Erfahrung und den Umgang mit Krisen und Widersprüchlichem herausbilden, wenn die Bewältigung dieser Krisen und Widersprüche auch durch Humor erfolgreich gelungen sei. Diese Kompetenz könne, bedingt durch schwierige Umstände, auch wieder verloren gehen. Soziale Arbeit mit oder am Humor könne daher nur dann erfolgreich sein, „wenn der Fall als Einzelfall betrachtet wird und die stellvertretende Krisenbewältigung ganzheitlich ausgerichtet ist.“ (208)

Am Ende stellt der Autor die These auf, dass die Professionalisierungsbedürftigkeit der Sozialen Arbeit auch eine Folge ihrer Humorlosigkeit sei (210); denn offensichtlich sei es der Profession bis heute kaum gelungen mit den strukturbedingten Widersprüchen und Ambivalenzen humorvoll oder auch gelassen umzugehen. Arbeitsbeziehungen ohne einen „Funken Humor“ dürften nach Czarny nicht den Anspruch auf Professionalität genügen. (211). Da seine Studie nur ein begrenztes Handlungsfeld der Sozialen Arbeit in den Blick genommen habe, schlägt er weitere Studien in anderen Handlungsfeldern vor.

Diskussion

Der Autor hat eine interessante Studie vorgelegt. Positiv hervorzuheben ist zunächst der Versuch, die unterschiedlichsten Begriffe von Humor und Komik vor dem Hintergrund verschiedener Humortheorien zu ordnen und für die Studie auch handhabbar zu machen. Hier gefällt mir insbesondere die Fokussierung auf Humor als einer humanistisch begründeten Haltung im Umgang mit Widersprüchlichem, Mehrdeutigem und Konflikthaftem im Kontext autonomer Lebenspraxis.

Im empirischen Teil kann Czarny deutlich machen, von welchen biografischen und strukturellen Bedingungen die Entstehung und der Einsatz von Humor für eine autonome Lebenspraxis abhängen. Ob der hierfür gewählte Bezug auf die Fallrekonstruktive Soziale Arbeit der einzige Weg zu einem besseren Humorverständnis und zu einer besseren professionellen Krisenbewältigung darstellt, darf jedoch auch in Frage gestellt werden.

Im Kontext dieses Theoriebezuges zeigt sich beim Autor eine Inkonsequenz. Grundsätzlich ist er der Auffassung, dass die Soziale Arbeit viel mehr lernen müsse, mit ihren strukturbedingten und unauflösbaren Widersprüchen, Ambivalenzen und Paradoxien umzugehen. Gleichzeitig aber plädiert er dafür, das „handlungslogische Dilemma von Hilfe und Kontrolle“ zugunsten der Abspaltung des Kontrollauftrages aufzulösen, da Sozialarbeiter mit beiden Loyalitätsanbindungen nicht professionell handeln könnten. (60) Eine solche Abspaltung (wohin eigentlich?) scheint mir recht idealistisch und sie widerspricht m.E. auch seinen eigenen Schlüssen. Diese doppelte Loyalitätsanbindung ist ja gerade ein für die Soziale Arbeit typisches und konstitutives Element. Ohne den gesellschaftlichen Auftrag gäbe es keine stellvertretende Krisenbewältigung. Einige Studien (z.B. Heiner 2007; Kähler/Zobrist2013; Klug/Zobrist 2013; Conen/Ceccin 2011) zeigen durchaus, wie man Zwangskontexte und solche widersprüchlichen Loyalitätsanbindungen konstruktiv nutzen kann.

Fazit

Die Studie ist allen in disziplinären Kontexten der Sozialen Arbeit und der Pädagogik zu empfehlen, die sich auf die Spurensuche nach der Bedeutung des Humors in Theorie, Forschung, Ausbildung und Praxis begeben wollen. Für die Weiterentwicklung Fallrekonstruktiver Sozialer Arbeitet liefert sie ebenso viele Anregungen wie allerdings auch Hinweise auf die Grenzen und Widersprüchlichkeiten dieses Ansatzes stellvertretender Deutung und stellvertretender Krisenbewältigung.

Literatur

  • Conen, Marie-Luise/ Cechin, Gianfranco (2013): Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Therapie und Beratung mit unmotivierten Klienten und in Zwangskontexten. Heidelberg: Carl-Auer, 4. Auflage
  • Heiner, Maja (2007): Soziale Arbeit als Beruf. Fälle-Felder-Fähigkeiten. München: Reinhardt
  • Kähler, Harro/ Zobrist, Patrick (2013): Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Wie unerwünschte Hilfe erfolgreich sein kann. München und Basel: Reinhardt, 2. überarb. Aufl.
  • Klug, Wolfgang/ Zobrist, Patrick (2013): Motivierte Klienten trotz Zwangskontext. München: Reinhardt

Rezensent
Prof. (em) Dr. Herbert Effinger
Diplomsozialpädagoge (DBSH, Supervisor (DGSv), Case Management Ausbilder (DGCC), Professor für Sozialarbeitswissenschaft/Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Dresden
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Zitiervorschlag
Herbert Effinger. Rezension vom 03.04.2017 zu: Moritz Czarny: Humor im Fokus fallrekonstruktiver Sozialer Arbeit. Eine Einzelfallstudie im Kontext jugendlicher Devianz und Wohnungslosigkeit. Klaus Münstermann Verlag (Ibbenbüren) 2016. ISBN 978-3-943084-38-2. Reihe Fallrekonstruktive Soziale Arbeit Bd. 4. Herausgegeben von Klaus Kraimer. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22404.php, Datum des Zugriffs 19.07.2018.


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