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Andrea Riecken, Katrin Jöns-Schnieder u.a. (Hrsg.): Berufliche Inklusion

Cover Andrea Riecken, Katrin Jöns-Schnieder, Mirko Eikötter (Hrsg.): Berufliche Inklusion. Forschungsergebnisse von Unternehmen und Beschäftigten im Spiegel der Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 315 Seiten. ISBN 978-3-7799-3375-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Mit der Forderung nach einem „labour market and work environment that is open, inclusive and accessible to persons with disabilities“ (Artikel 27 UN-Behindertenrechtskonvention) wird das Thema Inklusion auf einen Kernbereich gesellschaftlicher Teilhabe in kapitalistischen Arbeitsgesellschaften bezogen und zugleich auf das System, das Ausgrenzung weit über die Erwerbsarbeit hinaus bewirkt. Aktuelle Daten verweisen darauf, dass das Risiko der Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen mehr als doppelt so hoch ist, wie das anderer Erwerbspersonen. Menschen mit Behinderungen werden zudem in besondere Beschäftigungsverhältnisse wie Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) und in die Beantragung der Erwerbsunfähigkeit gedrängt. Während die ausgrenzende Wirkung von kapitalistischen Arbeitsmärkten hinlänglich bekannt ist, besteht ein großer Forschungsbedarf hinsichtlich der Möglichkeiten sozialstaatlicher Handlungsstrategien zur Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen und den Erfahrungen von Betroffenen in Arbeitsverhältnisse. Dazu will der Sammelband einen Beitrag leisten.

Entstehungshintergrund und Herausgeber/innen

Im Einführungsbeitrag legen die Herausgeber dar, dass die Veröffentlichung im Kontext des Binnenforschungsschwerpunktes ‚Inklusive Bildung – Teilhabe als Handlungs- und Organisationsprinzip‘ der Hochschule Osnabrück entstanden ist (www.hs-osnabrueck.de). Das Vorhaben gliedert sich in die Bereiche Kindertageseinrichtungen, Schulen und schulbezogene Kinder- und Jugendhilfe sowie Berufsbildung und Arbeit. Seit 2014 entsteht in diesem Zusammenhang die Buchreihe ‚Inklusive Bildung‘ im Verlag Beltz Juventa.

Die Herausgeberin Andrea Rieken ist Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule Osnabrück. Katrin Jöns-Schnieder und Mirko Eikötter sind dort wissenschaftliche Mitarbeiter/innen.

Aufbau

An den meisten Beiträgen sind die Herausgerber/innen und andere Mitarbeiter/innen des Forschungsschwerpunktes beteiligt und präsentieren Ergebnisse ihrer empirischen Forschung.

Das Buch gliedert sich im Anschluss an zwei einführende Beiträge in die Teile

  1. ‚Inklusionssituation der Unternehmen‘ und
  2. ‚Inklusionssituation von Beschäftigten mit Beeinträchtigung‘

und umfasst jeweils einen Abschnitt zu ‚Forschung‘ und einen zu ‚Praxis‘.

Zum Einführungsteil

In ihrem Einführungsbeitrag konstatieren die Herausgeber/innen ein Forschungsdesiderat zu der Frage, „wie und unter welchen Voraussetzungen berufliche Inklusion gelingen kann“ (S. 8). Der oben zitierte Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention legt eine Doppelstrategie der beruflichen Rehabilitation und der Förderung der Inklusionsbereitschaft von Unternehmen nahe.

Mirko Eikötter erläutert in einem weiteren Einführungsbeitrag die gesetzlichen Grundlagen und die Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation. Er bezieht sich dabei auf die aktuelle Gesetzeslage und bezieht die Veränderung durch das schrittweise in Kraft tretende Bundesteilhabegesetz noch nicht ein. Der Beitrag gibt einen kompakten Überblick über das sehr ausdifferenzierte System der beruflichen Rehabilitation, hebt aber zugleich hervor, dass „die unterschiedlichen Zuständigkeiten und die Vielzahl an Ermessensvorschriften“ (S. 51) Schwierigkeiten hervorrufen, die Leistungen in Anspruch zu nehmen.

Zu den Beiträgen in Teil I

Der Abschnitt ‚Forschung‘ im Schwerpunkt ‚Inklusionssituation der Unternehmen‘ wird eingeleitet durch einen Beitrag von David J. G. Dwertmann, Miriam K. Baumgärtner und Stephan A. Böhm zum Beitrag des Personalmanagements zur Inklusion von Menschen mit Behinderungen. Die Autorinnen sind alle drei nicht am Schwerpunktbereich der Hochschule Osnabrück tätig, sondern forschen an anderen Hochschulen zum Personalmanagement. Es überrascht etwas, dass der Artikel nicht empirisch argumentiert, sondern mit einem stark normativen Ansatz die Potentiale des Human Ressource Ansatzes herausstellt. So wird die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen zur Erweiterung des „Talent-Pools“ (S. 66), mit dem Unternehmen die Folgen des demografischen Wandels bewältigen können. Der Beitrag bleibt die Antwort auf die Frage schuldig, warum dies nicht zu einer Verbesserung der Beschäftigungssituation von Menschen führt, wie die folgenden empirischen Beiträge belegen.

Über eine bundesweite Untersuchung zur Inklusionsbereitschaft von Unternehmen, die im Rahmen des Forschungsschwerpunktes an der Hochschule Osnabrück durchgeführt wurde, informiert der Beitrag von Andrea Rieken, Katrin Jöns-Schnieder und Marianne Walk. Die Studie reagiert auf das im Forschungsschwerpunkt der Hochschule Osnabrück identifizierte Forschungsdesiderat zur beruflichen Inklusion. Es wird das ambitionierte Ziel verfolgt, einen Fragebogen zur Messung beruflicher Inklusion in Unternehmen zu entwickeln. Der entwickelte Fragebogen richtet sich an Personalmanager und umfasst 44 Items, die in der Auswertung zu vier Skalen (Positive Einstellung und Umsetzungsmotivation; Inklusion und Diversität als wirtschaftliches Instrument; Innerbetriebliches positives Handeln I: Personalentwicklung; Innerbetriebliches positives Handeln II: Strukturentwicklung) zusammengefasst werden. Bereits bei der Gewinnung von teilnehmenden Unternehmen zeigt sich das Problem eines mangelnden Interesses. Auch die „Studienergebnisse spiegeln das oftmals politisch vermittelte und durch Best-Practice-Beispiele illustrierte Bild von sich stärker engagierenden Unternehmen nicht wider“ (S. 109). Insbesondere bestätigt sich die Annahme nicht, dass eine hohe Schwerbehindertenquote in einem Betrieb die Zustimmung zu der Intention der Inklusion erhöht. In anderen Punkten wie dem positiven Einfluss der Unternehmensgröße auf die Beschäftigung von schwerbehinderten Mitarbeiter/innen können die Ergebnisse vorliegender Studien wie insbesondere das Inklusionsbarometer der Aktion Mensch bestätigt werden.

Mit den gleichen Daten wie in dem vorherigen Beitrag arbeiten Regina Kempen, Rike Wolters und Tammo Straatmann in ihrem Beitrag zum Zusammenhang von Organisationskultur und Einstellungen zu Diversität. Im Unterschied zu den Auswertungen für den ersten Beitrag wurden integrationsähnliche und Integrationsunternehmen nun in die Berechnung einbezogen. Im Ergebnis kann gezeigt werden, dass nur diese Unternehmen eine positivere Einstellung zu Diversität aufweisen. Des Weiteren belegt die Studie einen Einfluss kultureller Werte für die Ausbildung diversitätsförderlicher Einstellungen.

Im Praxisteil des ersten Themenschwerpunktes wird zunächst das Projekt ‚Wirtschaft inklusiv‘ von Petra Künsemüller vorgestellt. Es handelt sich um ein Projekt, dass neben Eigenbeiträge aus Mitteln des Ausgleichsfonds finanziert und in acht Bundesländern durchgeführt wird. Im Mittelpunkt steht eine arbeitgeberorientierte Beratung. In einem weiteren Beitrag werden von Katrin Jöns-Schnieder und Andrea Rieken vier Unternehmen vorgestellt, die im Zusammenhang der Entwicklung des in den vorherigen Beiträgen genutzten Unternehmensfragebogens interviewt werden. Es wird die unternehmenseigene Sicht unterschiedlich großer Unternehmen auf den Umgang mit dem Thema Inklusion wiedergegeben ohne diese zu kommentieren oder auszuwerten.

Zu den Beiträgen in Teil II

Der zweite Teil des Buches zur Inklusionssituation von Beschäftigten mit Beeinträchtigungen wird eröffnet durch den Beitrag von Angela Rauch zur beruflichen Rehabilitation als Aufgabe der Bundesagentur von Arbeit. Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Auf der Grundlage vorliegender Leistungsstatistiken wird ein Überblick über die Zusammensetzung der Teilnehmer/innen an Rehabilitationsmaßnahmen gegeben und es werden Zahlen zur beruflichen (Wieder-)Eingliederung präsentiert.

Vanessa Kubek stellt in ihrem Beitrag die Ergebnisse einer Befragung von etwa 50 Beschäftigten mit geistiger oder psychischer Behinderung vor, die sie im Rahmen ihrer Dissertation durchgeführt hat. Sie fragte danach, was ‚gute Arbeit‘ ist und will so das Inklusionserleben der Beschäftigten erfassen. In dem Beitrag werden sowohl methodische Aspekte der Befragung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen bearbeitet als auch Kriterien für ‚humane berufliche Teilhabe‘ entwickelt. Als wichtige Kriterien stellt sie die Arbeitsgestaltung, die psychische Regulation der Arbeitsbeziehung, inner- und außerbetriebliche Kooperation, betriebliche Arbeitsbeziehungen, personale Faktoren und gesellschaftliche Rahmenbedingungen heraus.

Katrin Jöns-Schnieder und Andrea Rieken stellen die Ergebnisse einer im Forschungsschwerpunkt an der Hochschule Osnabrück durchgeführten Studie zur Inklusionszufriedenheit von Menschen mit Behinderungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vor. Neben soziodemografischen Daten, Angaben zu den Unternehmen und Kontakte zu Leistungsträgern und -erbringern werden drei „Inklusionsfelder“ (Arbeitsplatzbedingungen, Teamzugehörigkeit sowie Arbeitsleistung und -mitgestaltung) abgefragt. Hinzugenommen wurden Fragen zur Lebenszufriedenheit, Selbstwirksamkeit, Selbsteinschätzung der Gesundheit und Leistung sowie zum beruflichen Werdegang. Über Verteiler der Gewerkschaften konnten 292 auswertbare Fragebögen gewonnen werden. Einen großen Einfluss auf die Inklusionszufriedenheit haben nach den Auswertungen strukturelle Maßnahmen von Unternehmen, die als Signale einer offenen Haltung gegenüber Inklusion gedeutet werden.

Der Praxisteil des zweiten Abschnitts bezieht sich auf die Arbeit des Integrationsfachdienstes am Beispiel des Dienstes in Osnabrück, der in einem Beitrag von Katrin Jöns-Schnieder, Heinz Walczak, Alice Meyer, Anette Ostendorf, Olaf Piek und Mounir Wojtun vorgestellt wird und Erfahrungsberichte von Menschen mit Beeinträchtigungen die im Zusammenhang der Entwicklung der Studie zu Inklusionserfahrungen gesammelt wurden.

Der Sammelband endet mit einem Beitrag der Herausgeber/innen, in dem die behandelten Themen zusammenfassend als Forschungs- und Gestaltungsfelder dargestellt werden.

Fazit

Die Anlage des Sammelbandes mit Arbeiten zur Inklusionssituation in Unternehmen und zur Inklusionssituation von Beschäftigten mit Beeinträchtigungen ist überzeugend und vereint die beiden für die Forschung und Praxis relevanten Perspektiven. Die einzelnen Beiträge sind jedoch hinsichtlich ihres Beitrages zur Bearbeitung zentraler Fragen beruflicher Inklusionsforschung und -praxis sehr unterschiedlich. Hervorzuheben sind vor allem die Arbeiten, die im Zusammenhang empirischer Forschung des Binnenforschungsschwerpunktes ‚Inklusive Bildung – Teilhabe als Handlungs- und Organisationsprinzip‘ der Hochschule Osnabrück entstanden sind. In der Forschung werden neue methodische Zugänge zum Forschungsfeld erprobt. In Bezug auf die Erforschung der Inklusionssituation ergibt sich ein sehr ernüchterndes Bild hinsichtlich der Inklusionsbereitschaft von Unternehmen. Die dargestellten Praxisbeispiele können nicht die Zweifel ausräumen, dass diese Bereitschaft sich in Zukunft verändern wird. Es ist schade, dass in keinem der Beiträge ein Blick auf die veränderten Ansätze zur beruflichen Inklusion geworfen wird, die das Bundesteilhabegesetz eröffnen soll. Dennoch bietet das Buch sowohl für Forschung, Sozialpolitik und Praxis wertvolle Hinweise zur Einschätzung der Ausgangsbedingungen der beruflichen Inklusion.


Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
Homepage www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/rohrmann/
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 26.05.2017 zu: Andrea Riecken, Katrin Jöns-Schnieder, Mirko Eikötter (Hrsg.): Berufliche Inklusion. Forschungsergebnisse von Unternehmen und Beschäftigten im Spiegel der Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3375-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22406.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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