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Sandra Fietkau: Unterstützer*innen­kreise für Menschen mit Behinderung im internationalen Vergleich

Cover Sandra Fietkau: Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung im internationalen Vergleich. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 337 Seiten. ISBN 978-3-7799-3607-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Sandra Fietkau untersucht, im internationalen Vergleich der Länder England, Kanada, USA und Deutschland, Spezifika und Charakteristika von sozialen Netzwerken aus ehren- und hauptamtlichen Unterstützungsleistungen. Diese Spezifika und Charakteristika konkretisiert und fokussiert Sandra Fietkau mit einer empirischen Studie auf das Modell und Konzept der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung.

Autorin

Dr. Sandra Fietkau ist Sozialpädagogin (FH) mit MBA´s in Sozialarbeit/-Pädagogik im Schwerpunkt Heilpädagogik und Rehabilitation sowie General Management, Akademische Mitarbeiterin am Institut für angewandte Forschung (IAF) der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg sowie Lehrbeauftragte an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungsinstituten.

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegend rezensierten Studie handelt es sich um die Dissertationsschrift von Dr. Sandra Fietkau am Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Sozialpädagogik, der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel eingeteilt.

Im Kapitel 1 leitet Fietkau mit einer Standortbestimmung als Diskussion zum „zeitgemäßes Verhältnis von Behinderung“ (S. 105) und Diskurs um die historische Entwicklung des Behinderungsbegriffs, in die Thematik ein und bezieht diesbezüglich internationale und landesspezifische Ansätze und Angebote sozialer Dienstleistungs- und Unterstützungssysteme.

Im Kapitel 2 stellt Fietkau methodischen Zugang zum internationalen Vergleich der politischen Systeme ausgewählter Länder (England, USA, Kanada und Deutschland), als „sozialwissenschaftliche Komparatistik“ (S. 103), dar. Die Autorin bezieht zum jeweiligen Land Modell- und Projektbeispiele aus politischer und gesellschaftlicher Förderung, wobei das politische und soziale Staatssystem des jeweiligen Landes mit international vergleichendem Ansatz von u.a. Esping-Andersen untersucht sowie die Relevanz und Relation zum Thema Behinderung herleitet wird. Hierbei werden historische, neuere sowie internationale Erkenntnisse u.a. zum Aufbau und zur Integration des dritten Sektors sowie zur Lebenslage von Menschen mit Behinderung im jeweiligen Vergleichsland bezogen und Eckpunkte politischer Förderprogramme der Vergleichsländer beleuchtet. Zusammenfassend und ins nächste Kapitel überleitend stellt Fietkau jeweilige Systeme, Lebenslagen und Förderprogramme eines Vergleichslandes im Verhältnis zu den anderen drei Vergleichsländern, unter besonderer Beachtung informeller und individueller Unterstützungssystemen für Menschen mit Behinderung, dar.

Das Kapitel 3 ist theoretischen Belegen zu Unterstützer*innenkreisen für Menschen mit Behinderung als soziale Netzwerke vorbehalten. In diesem Kapitel werden u.a. folgende Themenpunkte diskutiert:

  • Fietkau stellt Aspekte von u.a. Zusammensetzung, Struktur, Inhalten, Herausforderungen, Settings, Bedeutung, internen Rollen, Zielen, Nutzen und (nicht rein monetärem) Ertrag der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung dar, wobei Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung mit u.a. strukturellen, interaktionalen, funktionalen und qualitäts- sowie quantitätsbezogenen Merkmalen vorgestellt und u.a. in Unterscheidung zu professionellen sozialen Dienstleistungen betrachtet werden. Hierbei wird die Orientierung und Bedeutung intern der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung an gemeinsamen Interessen, Werten, Normen in Zusammenhang der Wirkungsgrade und Wirkungsmechanismen von „Homogenität, Stabilität und Reziprozität“ (S. 146) sowie der Möglichkeit von persönlicher und individualisierter Hilfeleistung betont.
  • Mit theoretischen Erkenntnissen der Netzwerkforschung untersucht Fietkau weiter Merkmale und Charakteristika der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung als soziale Netzwerke, stets in Erkenntnissen des internationalen Vergleiches einerseits sowie aus Gemeinwesen- und Familien-Perspektive des direkten sozialen Umfeldes der Menschen mit Behinderung andererseits. Hierbei wird u.a. die Konstituierung, Aufgabenteilung, Struktur und Erwartung sowie das Potenzial und die Möglichkeit zur individuellen Ausrichtung des Grundkonzeptes der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung als „komplexes Geflecht aus Personen“ (S. 166) primärer und sekundärer sozialer Netzwerke, zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung in sozialen Lebenslagen individueller und ressourcengebundener Bedingungen, vorgestellt.
  • Einen weiteren Fokus legt Fietkau auf theoretische Erkenntnisse zu Ehrenamt und sozialem Engagement, wobei u.a. allgemeine, gesellschaftliche, historische und behinderungsspezifische Rahmenbedingungen, Chancen und Herausforderungen des Sozialen als innere und äußere Bedingungen für Ehrenamt und Engagement in Unterstützer*innenkreisen für Menschen mit Behinderung benannt werden, jeweils bezogen auf Erkenntnisse aus den vier Vergleichsländern.
  • Des Weiteren geht Fietkau genauer auf Zusammenhänge des Konzeptes „Persönliche Zukunftsplanung“ (S. 189) und des Konzeptes der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung ein. Hierbei werden u.a. Unterschiede zwischen der persönlichen Zukunftsplanung und klassischer Hilfeplanung aufgezeigt und Eckpunkte des Konzeptes zur persönlichen Zukunftsplanung kohärent zu Charakteristiken und Potenzialen der Planungs- und Unterstützungsleistung von Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung bezogen.
  • Anschließend führt Fietkau, zur Überleitung der empirischen Inhalte, je ein praktisches Beispiel zu den vorherigen theoretischen Belegen sowie praxisbezogene Modelle, Projekte und Konzepte als Anschauungs- und Anwendungsbeispiele an, wobei u.a. Synergieeffekte herausgestellt werden. Diese praxisbezogenen Beispiele aus den vier Vergleichsländern sind u.a. formaler, informeller, individueller, sozialer sowie gesundheits- und behinderungsbezogener Art.

Das Kapitel 4 ist empirischen Befunden der Praxisforschung per Studie der Autorin in den vier Vergleichsländern vorbehalten, in Kohärenz vorheriger theoretischer Belege. Hierfür sind u.a. folgende Themenpunkte gewählt:

  • Fietkau beschreib zuerst das Forschungsdesign zu „leitfadengestützen Interviews“ (S. 213) als „Expert*innen-Interviews“ (S. 214) sowie als „problemzentrierte Befragung“ (ebd.) von folgenden Beteiligten der Unterstützer*innenkreise: (a) Menschen mit Behinderung als Hauptperson, (b) weitere Mitglieder, (c) Moderator*innen, sowie (d) Beteiligte von professionellen Sozialdienstleistungen. Bei der Befragung stand die Erfahrung in und mit Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung im Fokus (vgl. S. 213) und es wurden weiterhin u.a. Zugangs-, Bestands-, Entwicklungs- und Zukunftsfragen sowie (gesellschaftliche) Rahmenbedingungen und (persönliche) Anforderungen der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung in den Vordergrund gestellt, wobei die Befragten u.a. im Herkunfts- und Heimatland interviewt wurden. Zum Forschungsdesign der Auswertung der Interviews beschreibt Fietkau „strukturierende qualitative Inhaltsanalyse“ (S. 217) nach Mayring, mit methodischer Herleitung, Umsetzung und Durchführung. Anschließend stellt Fietkau die Ergebnisse der empirischen Untersuchung in den vier Vergleichsländern, entlang gewählter Kategorien im Forschungsprozess, vor und bezieht mit ausgewählten Interviewpassagen Kernaussagen zu Potenzialen und Herausforderungen von Faktoren des Gelingens, u.a. bezüglich Außenvertretung, Einbezug professioneller Dienstleistender, Kommunikation über Moderator*innen sowie zur Personenzentrierung der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung.
  • Die Rekonstruktion theoretischer und empirischer Inhalte der Studie, erweitert Fietkau mit zahlreichen Informationen und Handlungsempfehlungen zur praktischen Umsetzung und Gestaltung von Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung, wobei teils differenzierende Interviewausweise einzelner Vergleichsländer mit abgewogen werden, sodass eine differenzierte Betrachtung gelingender Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung ausgewiesen wird.
  • Im Weiteren geht Fietkau auf die Verbreitung, die Häufigkeit und den Bekanntheitsgrad der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung in den vier Vergleichsländern ein und betont dabei Herausforderungen und Anforderungen zur Verbesserung der Verbreitung.
  • Anschließend greift Fietkau einerseits weitere Aspekte aus Theorie und Empirie auf, welche die im Forschungsprozess kategorisierten Ausweise ergänzen, andererseits stellt Fietkau bestehende Rückmeldungen von Studienbeteiligten sowie weiteren Interessierten dar.

Im Kapitel 5 fasst Fietkau die theoretischen Belegen des Kapitels 3 mit den empirischen Belege des Kapitels 4 zusammen. Hierbei werden u.a. einerseits die Personenzentrierung sowie andererseits die interne Zusammenarbeit von Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung fokussiert, erweitert um nähere theoretische Ausführungen und der Betonung von Potenzialen und Herausforderungen als Divergenz und Kohärenz zu Zielvorstellungen der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung. Aus der Zusammenführung der theoretischen und empirischen Ausweise der Studie bildet Fietkau Kernaussagen und „zentrale Ergebnisse“ (S. 288), welche wiederum u.a. auf historischen, entwicklungsbezogenen und identifizierenden Aspekten der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung basieren, um aus den komprimierten empirischen Ergebnissen einen prospektiven und konstruktiven „Leitrahmen“ (S. 295) für Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung vorzustellen.

Im Kapitel 6 zieht Fietkau ein Resümee zu den beschriebenen Qualitätsmerkmalen und Entwicklungspotenzialen der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung und zeigt gleichsam per Ausblick Potenziale und Auswirkungen für weitere und zukünftige Forschung und Entwicklung auf, unabhängig und in Bezug auf vorgestellte Studie sowie zukünftiger Vorhaben der Autorin, in Anschlussfähigkeit der vorliegend rezensierten Dissertationsschrift. Abschließend erstellt die Autorin eine Prognose zur zukünftigen Entwicklung der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung, mit einem Verweis auf die Bedeutsamkeit von Wissen und Informationszugängen bspw. durch Weiterbildungs- und seminaristische Angebote. Die Studie wird komplettiert durch die nach Kapitel 6 folgenden Anlagen.

Diskussion

Fietkau stellt in der Studie vielfältige theoretische und empirische Informationen und Erkenntnisse zu Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung bereit. Hierbei stehen u.a. stets die Maximen der Personenzentrierung sowie interne und externe Zusammenarbeit im Fokus, wobei die Autorin mit dieser Studie multiperspektivisch interne sowie externe Bedingungen und Entwicklungspotenziale der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung im internationalen Vergleich ausweist.

Fazit

Die Studie ist für Neuinteressierte sowie für bereits in (affinen) Fachgebieten Tätige aus Theorie und Praxis empfehlenswert. Durch einen klaren, strukturierten und konsequent genderspezifischen Schreibstil sind die Inhalte gut zugänglich. Die Herleitung theoretischer Belege und empirischer Befunde per Studie sowie der praxisbezogene Inhalt bietet Möglichkeit sich umfassende Informationen und Erkenntnisse zu Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung anzueignen, wobei in der Studie stets auf strukturierte Offenheit und personenzentrierte Orientierung der Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung in der Praxis verwiesen wird.


Rezensent
Salim Schneider
B.A.
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften - Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
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Zitiervorschlag
Salim Schneider. Rezension vom 26.09.2017 zu: Sandra Fietkau: Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung im internationalen Vergleich. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3607-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22408.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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