socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Emra Ilgün-Birhimeoğlu: Frauen mit Migrations­hintergrund und Freiwilliges Engagement

Cover Emra Ilgün-Birhimeoğlu: Frauen mit Migrationshintergrund und Freiwilliges Engagement. Eine empirische Untersuchung zu Teilhabechancen in Vereinen im Spannungsfeld von Migration und Geschlecht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-3443-1. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch stellt Emra Ilgün-Birhimeoglus Dissertation „Frauen mit Migrationshintergrund und Freiwilliges Engagement“ zur Erlangung des Doktorgrades (Dr. phil.) dar. Das Werk wurde 2015 bei der Universität Duisburg-Essen eingereicht.

Aufbau

In einem ersten Teil beschreibt Emra Ilgün-Birhimeoglu den Forschungsstand zum Freiwilligen Engagement von Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Anschliessend geht sie im Besonderen auf die Situation von Frauen mit Migrationshintergrund im Freiwilligen Engagement ein. Im folgenden Teil steckt Emra Ilgün-Birhimeoglu den theoretischen Rahmen ab; hier stützt sie sich insbesondere auf das Konzept der deliberativen Demokratie nach Jürgen Habermas. Zudem klärt sie hier ihren Begriff von Engagement. In den nächsten beiden Kapiteln werden die empirischen Ergebnisse präsentiert. Das sind zum einen die Ergebnisse einer quantitativen Befragung von Vereinen in Deutschland, zum andern jene einer (qualitativen) Befragung von Expertinnen und Experten. Im letzten Kapitel werden die empirischen Ergebnisse zusammengeführt und vor dem Hintergrund des theoretischen Rahmens und des Forschungsstands diskutiert.

Inhalt

Freiwilliges Engagement wird heutzutage als wertvoller Beitrag, ja als eine tragende Säule einer funktionierenden Demokratie gesehen. Dementsprechend gelten Vereine als wichtige „Bindeglieder“ zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Basis und Staat. Dies, obwohl historisch manche im Kontext von Zünften oder Ständen gebildete Vorläuferorganisation heutiger Vereine bei den jungen nationalstaatlichen Strukturen durchaus auf ein gewisses Misstrauen stiessen.

In der Einwanderungsgesellschaft von heute jedoch gilt: „Das freiwillige und bürgerschaftliche Engagement gilt sowohl als Motor als auch Indikator für Integration.“ So äußerte sich die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration im Jahr 2014. Wer sich also freiwillig engagiert, beschleunigt den eigenen Integrationsprozess und zeigt damit gleichzeitig eine – willkommene, ja erwartete und geforderte – Bereitschaft zur Integration (in die Mehrheitsgesellschaft).

Dass dieser Forderung oder Erwartung im Alltag bisweilen einige Barrieren im Wege stehen mag dieser anekdotisch berichtete Vorfall ebenfalls aus dem Jahr 2014 bezeugen: Nachdem in Westfalen ein türkeistämmiger Dorfbewohner aufgrund seiner Treffsicherheit am alljährlichen Schützenfest zum Sieger erkoren worden war, fiel findigen Verantwortlichen des übergeordneten Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften auf, dass eigentlich nur Christen Mitglieder der dort organisierten Schützenvereine werden können – eine Voraussetzung, welche auf den Gewinner nicht zutraf. In einem schildbürgerhaft anmutenden Vorstoss forderten die Verantwortlichen vom Schützenkönig die Königskette zurück. Der Schützenkönig selber und immerhin auch sein Verein protestierten. Es wurde in der Folge ein Kompromiss gefunden. Dieser sprach ihm zwar den Titel nicht ab; der rechtmässige Schützenkönig musste jedoch versprechen, nicht auf Bezirksebene mit dem Titel aufzutreten.

Eine unglaubliche Geschichte? Wohl letztlich eher Normalität in der Vereinslandschaft Deutschlands (und sicher auch anderer europäischer Länder, aber Deutschland, genauer Nordrhein-Westfalen, wurde hier untersucht). Dies zeigt Emra Ilgün-Birhimeoglus unaufgeregt und sorgfältiges angelegtes Buch klar und deutlich auf. Ob auf der Mikro-Ebene der Vereine, der Meso-Ebene der Vereine oder der Makro-Ebene der Gesellschaft: Es kann nicht von einem Bewusstsein für die Chancen und Bedingungen einer Beteiligung von Migrantinnen im Freiwilligen Engagement in Deutschland gesprochen werden.

Gender-mainstreaming und interkulturelle Öffnung sind für die Mehrheit der deutschen Vereine weder prioritär noch überhaupt Thema. Emra Ilgün-Birhimeoglu beschreibt aufgrund ihrer quantitativen Erhebung bei Vereinen und ihren Interviews mit Expertinnen und Experten, wie „doppelt von Abwertung Betroffene“, nämlich Frauen mit Migrationshintergrund keinen tatsächlichen Zugang zu vielen deutschen bürgerschaftlichen Organisationen haben. Ihnen bleibt oft keine andere Möglichkeit, als sich in Migrantinnenorganisationen selber zu organisieren – was nichts Schlechtes ist, aber der Integration, wie sie von der Beauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration gefordert ist, nicht entspricht.

Eine Bürgergesellschaft wie sie im deliberativen Demokratieverständnis von Jürgen Habermas gemeint ist, basiert auf dem offenen Zugang aller Gruppen einer Gesellschaft zum öffentlichen Diskurs. Diese Bedingung ist zurzeit in der Einwanderungsgesellschaft Deutschlands nicht gegeben, nicht gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und speziell nicht für Frauen mit Migrationshintergrund, welche gleichsam zwei Barrieren oder Schranken von zwei Seiten überwinden müssen.

Organisationen von Freiwilligen brauchen Sozialkapital sowohl in Form von bonding als auch von bridging capital. Das heisst, sie sind darauf angewiesen, sowohl ihre Mitglieder untereinander zu binden (bonding) als auch „Brücken“ zu anderen Organisationen und Gruppen schlagen zu können (bridging). Der Befund in diesem Bereich ist besonders kritisch zu sehen: Während die Migrationsvereine durchwegs an Kooperationen mit deutschen Organisationen interessiert sind und diese auch pflegen, sieht die Mehrheit der deutschen Vereine hier gegenüber Migrationsvereinen keinen Handlungsbedarf.

Diskussion

Sehr überzeugend gelingt es Emra Ilgün-Birhimeoglu darzulegen, dass Personen mit Migrationshintergrund und ganz besonders Frauen mit Migrationshintergrund vom öffentlichen Diskurs weitgehend ausgeschlossen sind und auch durch Vereinsstrukturen abgewertet werden. Solange ihnen aber der Zugang zu deutschen Vereinen und Organisationen des Freiwilligen Engagements nicht oder nur teilweise oder erschwert möglich ist, sind selbstorganisierte Migrantinnenorganisationen die einzige Möglichkeit, sich am gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen.

Dieses Manko betrifft aber auch die Gesellschaft als Ganzes, welche nicht als Bürgergesellschaft im Sinne Habermas´ gesehen werden kann, solange grosse Gruppen von Menschen wie jene der Menschen mit Migrationshintergrund systematisch von der Beteiligung an der deliberativen Politik ausgeschlossen sind.

Fazit

Ein wunderbar einfach und klar zu lesendes Buch, welches sehr gut im Unterricht beispielsweise in Politikwissenschaften oder in der Sozialen Arbeit eingesetzt werden kann. Das Buch sollten auch alle Vereine und Dachverbände des Freiwilligen Engagements auf ihre Leseliste setzen!


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
E-Mail Mailformular


Alle 34 Rezensionen von Simone Gretler Heusser anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 09.03.2018 zu: Emra Ilgün-Birhimeoğlu: Frauen mit Migrationshintergrund und Freiwilliges Engagement. Eine empirische Untersuchung zu Teilhabechancen in Vereinen im Spannungsfeld von Migration und Geschlecht. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3443-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22409.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Jesteburg

Leiter/in für Schulkindbetreuung, Freiburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!