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Britt Großmann: Elisabeth Busse-Wilson (1890-1974)

Cover Britt Großmann: Elisabeth Busse-Wilson (1890-1974). Eine Werk- und Netzwerkanalyse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 482 Seiten. ISBN 978-3-7799-1325-2. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR, CH: 87,60 sFr.
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Autorin

Britt Großmann, Jg. 1967, ist Lehrkraft im Fachbereich Sozialwesen/ Erzieher/-in an einer Fachschule in freier Trägerschaft der DPFA-Akademiegruppe, Dresden.

Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch ist die Veröffentlichung der 2015 eingereichten Dissertation von Britt Großmann an der Fakultät Erziehungswissenschaften der TU-Dresden. Die Autorin erarbeitete eine wissenschaftliche Biografie über Elisabeth Busse-Wilson (1890-1974). Busse-Wilson war eine der ersten Frauen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein sozialwissenschaftliches Studium mit der Promotion abschlossen. Sie machte sich anschließend als Chronistin der deutschen Jugendbewegung einen Namen und publizierte über das Geschlechterverhältnis innerhalb der Jugendbewegung und der frühen bürgerlichen Frauenbewegung. Elisabeth Busse-Wilson strebte nach gleichberechtigter Teilhabe an der männlich dominierten Gesellschaft ihrer Zeit. Bildung war für sie der Schlüssel zur Emanzipation und sie sehnte sich nach einem geistigen Austausch innerhalb einer Gemeinschaft von Intellektuellen. Die Geschlechterdivergenz erlebte sie vor dem Hintergrund bürgerlicher Sozialisation und Rollenverteilung. Busse-Wilson kämpfte in ihrem Leben mit dem Gefühl, Außenseiterin zu sein.

Für die Dissertation musste die Autorin die Handschrift von Busse-Wilson entschlüsseln, was ein Problem darstellte. Sie hinterließ eine umfangreiche Korrespondenz und Tagebuchaufzeichnungen, die eine bisher noch unveröffentlichte Quelle der Selbstdarstellung darstellen. Konrad Busse, der Sohn von Elisabeth Busse-Wilson, stellte das Material zur Verfügung, noch bevor er 2013 starb. Großmann nähert sich der Biografie über eine Netzwerk- und Werkanalyse. Ein Netzwerk, so die Autorin, besteht aus Akteuren, die miteinander durch Beziehungen verbunden sind (vgl. S. 27). Für die Rekonstruktion des Lebenslaufs wurde zu dem die Promotionsakte verwendet und zahlreiche Manuskripte durchgesehen. 1969, im Alter von 79 Jahren verfasste Busse-Wilson eine Selbstdarstellung. Die meisten Kapitelüberschriften des vorliegenden Buches entstammen diesem autobiografischen Text (vgl. S. 30).

Die Dissertation sollte einer Diskusgeschichte der Sozialarbeit „zuarbeiten“. Weil Elisabeth Busse-Wilson sich ebenfalls mit dem Prinzip der „geistigen Mütterlichkeit“ beschäftigte und das Verhältnis des Menschen zur Gesellschaft thematisierte, eigne sich, so Großmann, ihre Lebensgeschichte, um die Ausformung der Sozialpädagogik noch besser zu bestimmen (vgl. S. 18). Die Suche nach einer Lösung der „sozialen Frage“ beschäftigte während der Weimarer Republik nicht nur Sozialreformer/-innen, sondern wurde auch in verschiedene Studiengängen thematisiert. Außerdem war ein sozialwissenschaftliches Studium eng mit der Geisteswissenschaft verbunden. Das Studium glich einem wissenschaftlichen Laboratorium, das kultur- und ethnologische, soziologische und individualpsychologische sowie künstlerische Perspektiven miteinander verknüpfte. Busse-Wilson studierte in einer Zeit, in der Frauen ihre Mutterrolle nicht mehr als naturgegeben begreifen wollten. Viele setzten sich immer stärker für die sexuelle Befreiung der Frau ein. Der Feminismus und die Emanzipation der bürgerlichen Frau bestimmte das alltägliche Leben und Elisabeth Busse-Wilson „bewegte sich gleichzeitig als Frau innerhalb nicht weniger als vier Gesellschaftsordnungen und den von diesen Ordnungen geprägten Geschlechterverhältnissen“ (vgl. S. 21).

Aufbau

Nach einer Danksagung und dem Vorwort von Christian Niemeyer, folgt Kapitel 1, die Einleitung. Hier erfahren die Leser/-innen, wer Elisabeth Busse-Wilson (1890-1974) war, und welche Fragestellung die Dissertation der Autorin verfolgt.

Kapitel 2 „Die glückselige Zeit“ (1890-1914) thematisiert die Ausbildung, die für den Lebenslauf von Elisabeth Busse-Wilson entscheidend war. Sie gehörte zu den Frauen, die seit 1907 zum Abitur 1907 zugelassen wurden. Sie studierte Philologie, Kultur- und Kunstgeschichte, Ethnologie und Geschichte. Ihr Studium qualifizierte sie nicht für einen spezifischen Beruf. 1914 promovierte sie, ohne eine akademische Laufbahn im Blick zu haben, auch wenn sie die Konsequenzen erst viel später erlebte.

Kapitel 3 „Die politischen Jahre“ (1915-1920) greift ihre Aktivitäten in der Jugendbewegung auf. Busse-Wilson lernte in Jena den Sera-Kreis kennen und darüber hinaus traf sie den Mann, mit dem sie 1915 eine Ehe einging, Kurt Heinrich Busse. Er war bereits als Jugendlicher im Wandervogel aktiv. Großmann entfaltet in diesem Kapitel die Thesen von Elisabeth Busse-Wilson zur Bedeutung der Jugendbewegung als Reformbewegung.

Kapitel 4 „Incipt vita nuova“ (1921-1926) widmet sich der beruflichen Tätigkeit von Elisabeth Busse-Wilson. 1921 lebte sie in Hannover und arbeitete dort als Dozentin in der Volksbildungsarbeit, dem Vorläufer der heutigen VHS. Sie schrieb Rezensionen, hielt Vorträge und publizierte in Zeitschriften, die sich mit Frauen- und Jugendfragen beschäftigten. Von 1919-1930 arbeitete sie als Autorin für die Zeitschrift „Tat“. Diese wurde von Eugen Diederich herausgegeben, um einer geistigen Elite eine Plattform zu bieten (vgl. S. 193). Elisabeth Busse-Wilson analysierte und kritisierte die Jugend- und Frauenbewegung. Sie reflektierte das Geschlechterverhältnis entsprechend des Zeitgeistes auch als „Krise der Familie“.

Kapitel 5 „Die besten Jahre“ (1926-1931) beschäftigt sich mit der Verbindung einer akademischen freiberuflichen Tätigkeit und der Mutterrolle. Durch ihr Interesse an einer Neugestaltung der Gesellschaft kam Elisabeth Busse-Wilson mit der „Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost“ in Kontakt. Zweimal besuchte sie das Forscherheim Assenheim, während sie intensiv an ihrem Buch über „Das Leben der Heiligen Elisabeth“ arbeitete. 1929 bekam sie ihren Sohn Konrad in Hannover. Das Buch über die Heilige Elisabeth von Thüringen wurde 1931 veröffentlicht. Sie wird als thüringische Landesmutter und fromme Wohltäterin bis heute verehrt und repräsentiert eine sozial-karitative Fürsorge, die von Elisabeth Busse-Wilson kritisch dekonstruiert wurde. Sie deutete die Taten der Heiligen sogar als neurotischen Versuch der Selbsterhaltung (vgl. S. 303). Daraufhin erntete sie sowohl Lob und vernichtende Kritik (vgl. S. 308). Um Geld zu verdienen arbeitete sie zeitweise an einer Pädagogischen Akademie, ohne jedoch eine Festanstellung zu bekommen, die sie mittlerweile anstrebte. Wie viele Intellektuelle ihrer Zeit, beschäftigte sie sich mit der Psychoanalyse Freuds, die sie allerdings ablehnte. Mit der individualpsychologischen Perspektive von Alfred Adler, kam sie besser zu Recht.

Kapitel 6 „Die lastenden Jahre“ (1932-1945) beschreibt die Lebenssituation von Familie Wilson-Busse, die zu Beginn der 1930er Jahre nach Berlin Zehlendorf gezogen war. Kurt Busse hatte bei der Post eine Stelle bekommen, dennoch war das familiale Leben von finanziellen Engpässe gekennzeichnet. Absagen in Bezug auf Festanstellungen belasteten die Familie und durch die spürbare nationalsozialistische Entwertung der „Intellektuellen“ und geistig tätigen Frauen fühlte sich Elisabeth Busse-Wilson immer mehr entwertet. Sie war 50 Jahre alt, als sie an einem Aufsatz und einer Biografie über die Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff arbeitete. Sie brauchte aber auch eine Anstellung, um Geld zu verdienen. 1937 hatte ihre Bewerbung am „Deutschen Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie“ Erfolg. Dabei wurde sie von einem Bekannten finanziell unterstützt. Das sogenannte „Göhring-Institut“ ersetze das geschlossene Berliner Psychoanalytische Institut. Die Lehranalyse von Busse-Wilson scheiterte jedoch: Differenzen mit dem Ausbildungsleiter beendeten ihren Versuch, sich therapeutisch beruflich umzuorientieren. Ihre Ehe wurde 1938 geschieden. Noch ein weiterer Schicksalsschlag musste verkraftet werden. Elisabeth Busse-Wilson wurde aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Die Anzahl der Publikationen reichte nicht, um weiterhin als Mitglied in der Gruppe der Schriftsteller geführt zu werden (vgl. S. 360). Durch die finanzielle Notlage musste sie „in ihrem beharrlichen Kampf gegen die Aufgabe ihres ‚bildungsbürgerlichen Status‘ doch kapitulieren“ (S. 364). Sie verdiente etwas Geld, weil sie eine private Bibliothek auflöste. Dennoch musste sie mit ihrem Sohn zur Mutter ziehen. Dann arbeitete sie für kurze Zeit als Lehrerin und Hausmutter im Lietzschen Landerziehungsheim Haubinda (vgl. S. 366). 1942 schloss sich für drei Monate ein Wechsel an das Landerziehungsheim Gaienhofen am Bodensee an (vgl. S. 368). Elisabeth Busse-Wilson lebte während der letzten Kriegsjahre in Überlingen am Bodensee.

Kapitel 7 „Die glücklosen Jahre (1945-1974). In diesem Kapitel wird die Zeit nach 1945 aufgegriffen. Das Buch über Annette von Droste-Hülshoff war nach über zehnjähriger Arbeit 1948 fertig geworden. Kein Verlag wollte es verlegen. Weitere Texte und Studien von Busse-Wilson wurden ebenfalls abgelehnt. Seit den 1950er Jahren bekam sie finanzielle Unterstützung von ihrem Sohn und zog 1960 sogar in dessen Wohnung nach Bonn Bad-Godesberg, da er für die UNESCO nach Paris ging (vgl. S. 386). 1962 wandte sich Werner Kindt an sie, weil er ihre Zustimmung für den Neudruck ihrer Aufsätze „Freideutsche Jugend 1920“ und Liebe und Kameradschaft“ bekommen wollte. Kindt war zwischen 1963 und 1974 Herausgeber einer dreibändigen Quellensammlung zur deutschen Jugendbewegung. 1970 bat er Elisabeth Busse-Wilson sogar um einen neuen Beitrag für seinen dritten Band. Sie schlug vor, die Schule Schwarzerden vorzustellen, die 1923 von Marie Bucholdt und Elisabeth Vogler gegründet wurde. Die Frauen kannten sich. Elisabeth Busse-Wilson stellte die Bemühungen um die Frauensiedlung und Bildungsarbeit als eine „primitive Lebensform“ vor, woraufhin es zum Konflikt zwischen den noch lebenden Gründerinnen, Werner Kindt und Elisabeth Busse-Wilson in Bezug auf diese Interpretation kam (vgl. S. 396). 1974 entzog Kindt ihr sogar den Auftrag. Im gleichen Jahr starb Elisabeth Busse-Wilson in Oberursel in einem Altenheim.

Kapitel 8 Zusammenfassung. Wie die Überschrift anzeigt, fasst die Autorin Britt Großmann den Lebenslauf von Elisabeth Busse-Wilson nochmals zusammen. Sie pointiert manche Argumente, wiederholt aber im Wesentlichen die Informationen, die bereits gegeben wurden.

Inhalt

Zum Lebenslauf erfahren die Leser/-innen, dass Elisabeth Wilson als zweites Kind in Thüringen geboren, und evangelisch getauft wurde. Der Vater arbeitete als Landgerichtsrat, während die Mutter trotz der Lehrerinnenausbildung Hausfrau war. Nach der Höhere Mädchenschule in Erfurt besuchte sie einen Kurs des Vereins Frauenbildung-Frauenstudium, um 1909 die externe Abiturprüfung abzulegen. Die Eltern erhofften sich die Ehe, doch zunächst studierte die Tochter in Jena Philologie und nach einem Semester Kultur- und Kunstgeschichte. Sie lernte den Sera-Kreis kennen, der vom Verleger Eugen Diederich gegründet wurde. Hier trafen sich Studierende zum Wandern, zum Tanzen auf Waldwiesen, zu Singabenden und Sonnwendfeiern. Vermutlich hatte Elisabeth den keuschen Umgang zwischen den Geschlechtern missachtet, weil sie plötzlich nach Leipzig zog (vgl. S. 49). Hier hörte sie Vorlesungen im Bereich der experimentellen Psychologie bei Wilhelm Wundt und bei den Kunsthistorikern Georg Graf Vitzthum und August Schmarsow. Sie studierte darüber hinaus bei den Historikern Erich Brandenburg und Karl Lamprecht. Dann wechselte sie nach Bonn und München, um 1914 in Leipzig die Dissertation über Ornamentik mit dem Titel „Der Ursprung der Zierkunst“ an der Universität einzureichen. Die Dissertation wurde mit magna cum laude (Note gut) bewertet.

Busse-Wilson schrieb drei Bücher:

  1. „Die Frau und die Jugendbewegung“ 1920 erschien im Freideutschen Jugend Verlag von Adolf Saal.
  2. 1925 veröffentlichte sie das Buch „Stufen der Jugendbewegung“.
  3. 1931 wurde ihr Buch über „Das Leben der Heiligen Elisabet von Thüringen“ im Beck-Verlag herausgegeben.

Von 1916-1926 publizierte sie regelmäßig Aufsätze in der von Eugen Diedrich herausgegebenen Zeitschrift „Die Tat“, einer damals stark beachteten Kulturzeitschrift.

Ihre Überlegungen zum Geschlechterverhältnis bezogen sich vor allem auf den Umgang der Geschlechter. In „Die Frau und die Jugendbewegung“ thematisierte sie das kameradschaftliche Geschlechterverhältnis, das von einem asketischen Umgang zwischen den Geschlechtern geprägt gewesen sei. Die Jugendbewegung habe, so Busse-Wilson, einen a-sexuellen Mädchentyp hervorgebracht (vgl. S. 17). Elisabeth Busse-Wilson vertrat die Überzeugung, dass die Jugendbewegung entgegen der Meißner Formel von 1913 keine Bildungsambitionen hatte. Der erste „Freideutsche Jugendtag“ endete zwar mit dem Ausruf: „Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.“ Im März 1914, bei der Marburger Versammlung, sei der Wunsch nach Eigenständigkeit bereits zurückgenommen worden (vgl. S. 71). Der Erste Weltkrieg stärkte das nationale Überlegenheitsgefühl vieler Deutscher, auch das von Busse-Wilson. Doch im November 1916 setzte durch die Kämpfe bei Verdun eine Desillusionierung ein.

Elisabeth Busse-Wilson lebte im Bewusstsein, Akademikerin zu sein. Während des Ersten Weltkrieges 1915 heiratete sie Kurt Heinrich Busse, der zu der Zeit eine Habilitation anstrebte, die aber nicht zustande kam. Für kurze Zeit arbeitete er als Schriftleiter der Universitätszeitung in Frankfurt a.M. Im Herbst 1917 reiste das Ehepaar zur ersten „Freideutschen Woche“ in Holzminden. Hier artikulierte sich innerhalb der Jugendbewegung „eine Politisierung in Form einer Distanzierung von Militarismus und Chauvinismus“. Der Wunsch nach einer Neugestaltung der Gesellschaft, die der Philosoph Paul Natorp und der Reformpädagoge Gustav Wyneken sowie der Schriftsteller Arthur Bonus aussprachen, sei eine Projektion und Vereinnahmung der Jugendbewegung (vgl. S. 83).

Familie Busse-Wilson lebte jetzt in Berlin. Dort erlebten sie 1918 die Abdankung des deutschen Kaisers Wilhelm II und den Ausruf der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht. Im April 1919 sprach Busse-Wilson beim Jugendtreffen in Jena und erinnerte an die vielen Toten des Krieges. Sie warnte vor dem Verdrängen der Kriegserlebnisse. Skeptisch blickte sie aber auf die Verwirklichung des Sozialismus durch die Parteiorganisation (vgl. S. 99). Während dieser Zeit kamen vermutlich unüberbrückbare Differenzen zwischen Kurt und Elisabeth Busse auf. Die politische Lage zu Beginn der Weimarer Republik wirkte sich vermutlich auf ihre Ehe und auch bei einer Tagung der Freideutschen Jugendbewegung in Hofgeismar aus. Der bürgerliche Flügel und die revolutionären sozialistischen Kräfte der Jugendbewegung drohten sich zu spalten. Kurt Busse fühlte sich zur sozialistischen Seite der Jugendbewegung hingezogen. Gleichzeitig verehrte er den Reformpädagogen Gustav Wyneken. Dieser war aus der freien Schulgemeinde Wickersdorf wegen sexueller Belästigungen von Schülern entlassen worden, aber 1919 als Direktor zurückgekehrt. Ende der 1920er Jahre wurde er erneut verdächtigt, sexuelle Beziehungen zu Schülern gehabt zu haben. Die Homosexualität wurde als ein Ideal der männlichen Jugend und Ausdruck der geistigen Beziehung nach antikem Vorbild verehrt. Auch Elisabeth Busse-Wilson, so Großmann, war gegenüber Wyneken ambivalent eingestellt. Einerseits widmete sie 1920 ihr Buch „Die Frau und die Jugendbewegung“ Gustav Wyneken. Obwohl sie in vielem uneins mit ihm war, teilte sie seine Ansicht, dass die Jugendkultur der Jugendbewegung Ausdruck eines Emanzipationskonzeptes sei. Kritisch war sie in Bezug auf die Vorstellung, die Jugendbewegung sei von der Jugend entdeckt worden und erneuere die Gesellschaft (vgl. S. 116). Darüber hinaus missfielen ihr die ordensähnliche Struktur der Schulgemeinde und Wynekens Sendungsbewusstsein (vgl. S. 121).

In Bezug auf die Frauenbewegung stand für Busse-Wilson fest, dass das seit 1918 eingeführte Frauenwahlrecht Frauen den Eintritt ins öffentliche Leben erleichtert habe und ihnen höhere Stellungen und Ämter ermöglichte. Dennoch thematisierte sie in ihrem Buch „Die Frau und die Jugendbewegung“ vor allem die Geschlechterbeziehung und kritisierte die bürgerliche Doppelmoral. Männern werden Seitensprünge im Sinne eines Kavaliersdeliktes erlaubt, während Frauen ihre Sexualität erst nach der Verlobung und in der Ehe entdecken müssten. Ihnen werde damit ein wichtiger Erfahrungsraum genommen. Die Kameradschaftsbeziehung verschleiere die Sexualität und zwinge ein asketisches, den bürgerlichen Normen entsprechendes Leben auf. Die Geschlechterfrage, die häufig biologisch triebhaft determiniert betrachtet werde, hindere Frauen, ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben zu führen. Der Antifeminismus sei im Grunde frauenverachtend und erkläre nur, wie Frauen durch die Dominanz der Männergesellschaft gesehen werden sollten (vgl. S. 127). Für Busse-Wilson waren Eros und Logos zwei wichtige Polaritäten und Urkräfte des Lebens, die Individualität eines Menschen prägen (vgl. S. 129). Die Unterdrückung von Frau könne nur beendet werden, so Busse-Wilson, „wenn die Mutterschaft von ihrer Gebundenheit an die Privatsphäre losgelöst und unter die Verantwortung der Gesellschaft gestellt werde“ (S. 134). Die neue Gesellschaft müsse dahin entwickelt werden, dass die Frau aus der Abhängig des Mannes befreit werde und die Ehe nicht als einzige Lebensform betrachtet werde, um die soziale und wirtschaftliche Sicherheit von Frauen zu sichern (vgl. S. 135). Keuschheit, so schrieb sie, sei der Preis für die Ehe, und sie beschränke Frauen und besonders Mädchen in ihren Erlebnismöglichkeiten (vgl. S. 137).

Elisabeth Busse-Wilson war mit einem Mann verheiratet, dessen Einkommen nicht reichte, um die Familie zu ernähren. Er hatte offenbar keine feste berufliche Anstellung und nahm verschiedene Tätigkeiten an. Die Leser/-innen erfahren nicht, was er studierte, und warum er so oft die Stellen wechselte. Er arbeitete im Studentenrat, war Mitglied des Arbeitsausschusses der „Sozialistischen Studentenpartei Berlin“ und wollte eine Arbeiterhochschule gründen (vgl. S. 91). Von 1921-1924 war er Studienleiter der Leibniz Akademie in Hannover (vgl. S. 181) 1931 nahm er eine Stelle an der Polizeischule in Berlin an. 1938 schrieb er Artikel für Schulungsblätter der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront und Artikel für das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe (vgl. S. 365).

In Bezug auf das Netzwerk hatte Elisabeth Busse-Wilson engen Kontakt zum Bruder ihres Mannes, zum Verleger Eugen Diederich, zu Ernst von Harnack und Getrud Bäumer sowie dem Ehepaar Bittel, das sie aus der Jugendbewegung kannte.

Diskussion

Britt Großmann bringt viele Informationen zusammen und erläutert in Fußnoten wichtige Hintergrundinformationen zum Netzwerk von Busse-Wilson oder zu Ereignissen, die ihr Leben betrafen. Dennoch bleiben viele Fragen offen, die für eine Biografie entscheidend sind. Mir ist diese Frau nicht nah gekommen. Was fühlte sie? Weshalb gelang es Elisabeth Busse-Wilson nicht, ihren Lebenstraum vom geistigen und selbstbestimmten Leben zu realisieren? Wie war das Verhältnis zu ihrem Ehemann und Sohn? Der Sohn wird nur dreimal erwähnt nämlich in Bezug auf seine Geburt, das Leben am Bodensee und die Unterstützung der Mutter am Ende des Lebens. Die Lerser/-innen erhalten Informationen und können diese schwer einordnen. Wie vereinbarte Elisabeth Busse-Wilson Familie und Berufstätigkeit? Wie dachte sie über den Nationalsozialismus? Immerhin begann sie im nationalsozialistischen Institut von Göring, einem Vetter von Hermann Göring, eine therapeutische Ausbildung. Auch ihr Ehemann arbeitete im nationalsozialistischen Umfeld.

Elisabeth Busse-Wilson überlebte zwei Weltkriege und die Leser/-innen erfahren nicht, wie sie die Kriege erlebte, mit Ausnahme einiger Hinweise zum Patriotismus des Ersten Weltkrieges. Wie dachte sie über Homosexualität? Wie ging das Ehepaar mit der eigenen Sexualität um, angesichts der scharfen Wahrnehmung des Themas im Kontext der Frauenbewegung? Was war mit ihren Eltern und der Beziehung zu ihrer Schwester?

Auf 440 Seiten bekommt man keinen menschlichen Zugang zu dieser Frau, die so offensichtlich im Konflikt mit ihrer Umwelt lebte. Offensichtlich schaffte sie es, die Intellektualität über das emotionale Erleben zu stellen und damit viele Dimensionen des Lebens auszublenden. Sicher lebte sie in einer Zeit, in der die Freiheit von Frauen begrenzter war, als heute. Doch das Anliegen der Autorin Britt Großmann bezieht sich auf die Fragestellung, ob biografisches Handeln durch das soziale Umfeld begünstigt oder eingeschränkt wird, weshalb sie die Netzwerkanalyse nutzte. Das Material macht Elisabeth Busse-Wilson nicht sichtbarer, so dass davon auszugehen ist, dass ihr Handeln auch intrapsychisch reflektiert werden muss. Deshalb überzeugt mich nicht, dass die Autorin den emanzipatorischen Gewinn ihrer Persönlichkeit darin wahrnimmt, dass Elisabeth Busse-Wilson Autoritäten abgelehnt und an der geistigen Freiheit des Individuums festgehalten hat (vgl. S. 444). Genauso plausibel wäre die Annahme, dass gerade das eines ihrer Probleme war, weshalb sie sich immer wieder als Außenseiterin sah und zu dieser auch machte. Das Buch zeigt die Verbindung von persönlichen und wissenschaftlichen Themen auf. Es lässt die Lerser/-innen Anteil nehmen an der Tragik dieser Person, ohne darüber zu spekulieren oder Thesen aufzustellen, warum Elisabeth Busse-Wilson ihrem Traum nach intellektueller Gemeinschaft nicht nahegekommen ist. Allerdings liest sich das Buch gerade deshalb und aufgrund der wissenschaftlichen Interessen nicht einfach.

Fazit

Christian Niemeyer hebt in seinem Vorwort hervor, dass es der Autorin gelungen sei, die Leser/-innen am Leben von Elisabeth Busse-Wilson teilhaben zu lassen. Großmann gelinge, so Niemeyer, die zeitgeschichtlich relevanten Ereignisse mit biografischen Konstellationen zusammenzubringen. Bemerkenswert sei, so Niemeyer, die Gründlichkeit der Autorin, mit deren Hilfe sie die vielen Details vorstellt, damit ein zeitgeschichtlich relevantes Portrait entsteht. Ich komme zu ähnlichen Ergebnissen. Gleichzeitig gibt es ein Bedürfnis, gerade über das „nicht gelebte Leben“ und „die Brüche“ im Leben von Elisabeth Busse-Wilson Ideen zu sammeln und darüber nachzudenken, was ihr geholfen hätte.

Wer sich für die Jugendbewegung interessiert, wird in diesem Buch Details erfahren. Die Auseinandersetzung der Geschlechter hat sich weiterentwickelt und Frauen können heute selbstbestimmt mit ihrer Sexualität umgehen. Fast hundert Jahre nach den Überlegungen von Busse-Wilson verwirklichen Frauen ihre Mutterschaft und vereinbaren ihre berufliche Tätigkeit mit dem Wunsch nach Sexualität und Gleichberechtigung. Das Buch erinnert an den langen Weg und die Kämpfe, die dazu nötig waren.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 30.03.2017 zu: Britt Großmann: Elisabeth Busse-Wilson (1890-1974). Eine Werk- und Netzwerkanalyse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-1325-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22413.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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