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Werner Thole, Nicolle Pfaff u.a. (Hrsg.): Fußball als Soziales Feld

Cover Werner Thole, Nicolle Pfaff, Hans-Georg Flickinger (Hrsg.): Fußball als Soziales Feld. Studien zu Sozialen Bewegungen, Jugend- und Fankulturen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 280 Seiten. ISBN 978-3-658-11678-1. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Die soziologische Forschung zu Personen und Gruppen, die auf unterschiedliche Weise Teil des „sozialen Feldes“ Fußball sind, hat sich mit ihrem Gegenstand mittlerweile gut bekannt gemacht. Zumindest die „fremde Welt der Fußballfans“ (so noch der Titel eines Sachbuchs von 1980) ist im Grunde entschlüsselt. ‚Typische‘ Inszenierungsleistungen und Praktiken werden im Regelfall auch nicht mehr als Folklore, sondern in ihren Bezügen auf Populärkultur, soziale Zugehörigkeit und sozialen Konflikt betrachtet. Es geht also heute weniger allein um ethnologische Entdeckungen als um Sortierungen, Ein- und Zuordnungen. Auf Grundlage dieses Standes präsentiert der im Folgenden besprochene Sammelband Versuche der Betrachtung und Analyse von Fußballfankultur und Fußballindustrie in ihrem sozialen Kontext. Er enthält Beispiele aus zwei (bzw. drei) Ländern und unterschiedlichen thematischen Blickwinkeln. Zugleich, das kann man vorwegnehmen, wirft er auch Fragen auf: zum Beispiel nach der Dichte der einzelnen Befunde, nach dem Zusammenhang der Perspektiven sowie nach den Linien, die das „Feld“ im Inneren strukturieren und nach außen begrenzen.

Entstehungshintergrund

Der Band ist das Ergebnis einer Tagung der Hans-Böckler-Stiftung, der Universität Kassel und der Pontifícia Universidade de Católica do Rio Grande do Sul in Porto Alegre, die parallel zur Fußball-WM der Männer 2014 stattfand. Er enthält zusätzlich zu der von zwei der drei Herausgebenden in das Thema geleisteten Einführung 15 Beiträge von insgesamt 19 Autorinnen und Autoren aus Politikwissenschaft, Pädagogik, Sozialer Arbeit, Kulturwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und weiteren benachbarten (Sub)Disziplinen. Die Mehrzahl der Beiträge geht auf Vorträge zurück, die im Rahmen dieser Tagung gehalten wurden. Die Herausgeber/innen selbst verzichten, abgesehen von der genannten Einleitung, auf eigene Beiträge, was man mit Blick auf deren Expertise und das Gesamtbild übrigens ausdrücklich bedauern kann.

Aufbau

Der Band gliedert sich, neben der erwähnten thematischen „Annäherung“, in drei große Teile:

  1. Der erste Block enthält mit Fokus auf das „Spannungsfeld“ zwischen Fußball als Praxis und fußballbezogener Fankultur fünf Beiträge.
  2. Der zweite Block bietet sechs Beiträge mit exemplarischen Darstellungen der Praktiken von Fußballfans im „Spannungsfeld“ von „politischer“ Bewegung und (professionellen) Interventionen.
  3. Im dritten Block beschäftigen sich drei, ausschließlich auf Brasilien bezogene, Beiträge mit Fußballevents und ihren gesellschaftspolitischen Implikationen.

Inhalte

Werner Thole und Nicolle Pfaff nehmen in ihrem eröffnenden Beitrag einen historisch-thematischen Abriss vor, der Thema und Gegenstand einordnet. Sie gehen kurz auf die Entstehung des organisierten Fußballwesens ein (wobei die Entwicklung in Brasilien eher nur stichwortartig Erwähnung findet) und skizzieren anschließend Bezüge des Themas zu „sozialer Emanzipation“, sozialen Bewegungen und Fankulturen.

Den ersten Abschnitt des Bandes eröffnet Luiz Rhoden mit spieltheoretisch untersetzten philosophischen Überlegungen zum Fußballspiel, die mehr als nur andeuten, welche Weite das Thema besitzen kann. Daran anschließend finden sich Beiträge, die kleinformatigere, vor allem aber auch ganz andere Perspektiven einnehmen: Reiner Becker thematisiert den Zusammenhang zwischen Fußball(szenen), Sozialisation und politischer Kultur. César Augusto Barcellos Guazelli und Rafael Belló Klein geben (unter Nicht-Berücksichtigung der Fankultur) einen Überblick über die Geschichte und heutige Verfasstheit des brasilianischen Fußballwesens. Vinzenz Thalheim behandelt (mit Blick auf Deutschland) Praktiken von Ultras im Stadion. Cristiane Sanders Beitrag fokussiert (in Ausblendung des thematischen Kontextes) Prozesse non-formaler Bildung am Beispiel eines Jugendzentrums in Brasilien.

Auch der zweite Block enthält sehr unterschiedliche Zugänge, Themen und Perspektiven. Zunächst beschäftigt sich Jonas Gabler mit der (deutschen) Ultra-Kultur unter dem Gesichtspunkt sozialer Kontrolle und rechtlicher Intervention. Im folgen mehrere Beiträge, die direkte Zusammenhänge zwischen Fankultur und Politik behandeln. Andreas Kahrs beschreibt polnische Fußballfans als Teil der dortigen extremen Rechten. Florian Schubert widmet sich Abwertungspraktiken und neonazistischen Strategien in Deutschland. Alice Blum skizziert in allgemeiner Weise den Zusammenhang von Fußballfanszene und politischer Praxis. Gesa Köbberling beschäftigt sich mit Rassismus in Fankulturen und Möglichkeiten pädagogischer Intervention. Der Beitrag von Silke Jacob behandelt schließlich die Wahrung von Kinderrechten im Kontext von Fußball(weltmeisterschaften).

Vergleichsweise schmal fällt der dritte Block aus. Arlei Sander Damo beschreibt die Vergabepraxis der Fußball-WM am Beispiel Brasiliens. Yuji Gushiken, Celso Francisco Gayoso und Quise Gonçalves Brito untersuchen, wie in Werbekampagnen für die WM in Brasilien gezielt auf Ressourcen der ‚Volkskultur‘ und Natur zurückgegriffen wird. Alexandre Fernandez Vaz beendet den Band mit einem Überblick zur politisch-gesellschaftlichen Situation in Brasilien während der WM.

Diskussion

Unbestritten eröffnet der Band einen breiten Blick auf das, was man sich unter dem Begriff „Fußball als soziales Feld“ vorstellen kann (oder möchte). Für sich genommen ist diese maximale Perspektivenoffenheit sicher ein Pluspunkt. Allerdings kommen, wie eingangs erwähnt, doch diverse Fragen und kritische Anmerkungen auf, die unterschiedliche Aspekte betreffen.

Zunächst einmal stellt sich die Frage, warum Begriffe aus dem Titel nicht genauer eingeführt, voneinander abgegrenzt und in Bezug zu den Beiträgen gesetzt werden. So sucht man in der Einleitung – bei allen klugen Hinweisen und guten Beispielen – vergeblich nach der Skizze einer ‚Feldtheorie‘, die die verschiedenen Teilaspekte und Abschnitte des Bandes systematisch zusammenführt, sowie nach einer genaueren Vorstellung des Bewegungskonzepts und seiner Potenziale. Was das „soziale Feld“ nun genau umfasst, wie sich der Sport, der Sportbetrieb, die Fankulturen, politisches Handeln, das sich auf den Betrieb bezieht und politisches Handeln, das aus dem Betrieb heraus entsteht, zueinander verhalten, wird zumindest nicht explizit ausgeführt. Diese Unschärfe hat zumindest beim Rezensenten Folgen. Er fragt sich nämlich: Geht es im Folgenden um Proteste „gegen unterschiedliche ökonomische, soziale und kulturelle Entwicklungen“ (S. 10) innerhalb des Feldes? Geht es mehr um kulturelle Praktiken und deren Kontrolle und Bearbeitung? Geht es um die ‚Logik‘ des Spiels selbst? Geht es um die Rahmung all dessen? Oder – und so ist es dann auch – um alles gleichzeitig?

Diese sozusagen ungerahmte Weitläufigkeit spiegelt sich in den Beiträgen noch auf andere Weise. Von einem Sammelband lässt sich schwerlich ein umfassender Überblick erwarten.

Aber es fällt doch ein gewisses Auseinanderdriften auf. Überblicksartige Beiträge, die eher zu kurz ausfallen, stehen neben spezialisierten Betrachtungen. Einige Punkte und Linien aus der Einleitung werden in den Beiträgen aufgenommen, andere, die relevant erscheinen, finden keine Erwähnung. Dies gilt insbesondere für Aspekte, die Bezüge zu Protest und sozialen Bewegungen herstellen. Die Heterogenität der Perspektiven führt zudem auch dazu, dass innerhalb der auf Deutschland und Brasilien konzentrierten Darstellung kaum die Möglichkeit eröffnet wird, Vergleiche in Bezug auf Szenen, Sozialisation, Konflikte und kulturelle Rahmungen anzustellen.

Hinzukommt die doch auch schwankende Qualität der Beiträge. In Teilen fallen diese stark deskriptiv, manchmal leider auch oberflächlich aus, und streifen den Forschungsstand mehr als dass sie auf ihm aufbauen. Richtiggehend bedauerlich ist aber, dass zwar im Titel von „Studien“ die Rede ist (viele Beitragende beziehen sich auf eigene Dissertationsvorhaben), zum Zeitpunkt der Abfassung (2014) aber offenbar noch keine empirischen Befunde vorlagen. Dies ist in manchen Fällen (Köbberling, Schubert, Thalheim) heute anders, eine Überarbeitung der Beiträge hat aber nicht stattgefunden. Genau sie hätte aber, in Verbindung mit einem etwas ‚strengeren‘ Lektorat, der Qualität des Bandes sicher gutgetan.

So bleibt unter dem Strich ein doch eher gemischter Befund, was Inhalte, Zusammenstellung und auch Aktualität betrifft: gehaltvolle Beiträge (insbesondere jene zur brasilianischen Situation) stehen Beiträgen gegenüber, die mehr den Charakter von Überblicksartikeln haben, die einen ersten Einstieg in bestimmte Facetten des Themas ermöglichen. Der große zeitliche Abstand zwischen Tagung und Veröffentlichung dürfte dazu geführt haben, im Titel eine von den jeweiligen Kontexten abstrahierende Perspektive einzunehmen. Die Beiträge selbst lösen dieses Versprechen jedoch nur eingeschränkt ein.

Fazit

Der Sammelband entwirft eine lohnenswerte Forschungsperspektive auf Fußball als „soziales Feld“. In diesem Rahmen präsentiert er Schlaglichter auf verschiedene Teilaspekte des Geschehens in unterschiedlicher Qualität. Die Beiträge machen einerseits deutlich, dass erst im Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven und Dimensionen die spezifischen Logiken und Dynamiken dieses Feldes erkennbar werden. Andererseits zeigt sich aber auch, dass es dafür einer stringenten analytischen und theoretischen Rahmung bedarf, innerhalb derer Ereignisse, Konflikte und Bewegungen platziert werden können. Das Fazit lautet: Eine solche systematische Kartierung des „sozialen Feldes“ Fußball steht weiterhin aus.


Rezensent
Dr. rer. pol. Nils Schuhmacher
Wiss. Mitarbeiter Universität, Hamburg Kriminologische Sozailforschung
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Zitiervorschlag
Nils Schuhmacher. Rezension vom 03.07.2019 zu: Werner Thole, Nicolle Pfaff, Hans-Georg Flickinger (Hrsg.): Fußball als Soziales Feld. Studien zu Sozialen Bewegungen, Jugend- und Fankulturen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-11678-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22415.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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