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Nina Baur, Cristina Besio u.a. (Hrsg.): Wissen - Organisation - Forschungspraxis

Cover Nina Baur, Cristina Besio, Maria Norkus, Grit Petschick (Hrsg.): Wissen - Organisation - Forschungspraxis. Der Makro-Meso-Mikro-Link in der Wissenschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 420 Seiten. ISBN 978-3-7799-2730-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Thema des Buches ist der Mehrebenen-Charakter von Wissenschaft als Forschungsgegenstand. Im Zuge der zunehmenden Selbstreflexivität steht auch die Wissenschaft selbst im Fokus der Forschung. Die Institutionen, Organisationen und Akteure, die Wissenschaft maßgeblich mitprägen, sind nicht erst kürzlich selbst Gegenstände von Forschung und Theoriebildung. Der Band von Nina Baur, Cristina Besio, Maria Norkus und Grit Petschik positioniert sich mit einem breiten Spektrum soziologischer Beiträge in diesem Forschungsfeld. Der Band setzt am Problem der zahlreichen bislang unverbunden bleibenden Beiträge zum Thema Forschung und Wissenschaft an und setzt sich zum Ziel, „Wissenschaft als Mehrebenen-Phänomen“ (14) in den Blick zu nehmen.

Entstehungshintergrund

Angestoßen durch die Frage, wie Forschung am besten organisiert werde (10), zielt der Band darauf ab nicht nur die Prozesse zu beleuchten, die sich auf den verschiedenen analytischen Ebenen abspielen, sondern es geht vor allem auch um die Prozesse und Wechselwirkungen, die sich zwischen der Makro-, Meso- und der Mikroebene abspielen.

Aufbau

Der Aufbau des umfangreichen Sammelbandes spiegelt diese Zielsetzung wider.

  1. Auf die ausführliche und konzeptuell fundierende Einführung folgt der erste Teil des Buches, der verschiedene Beiträge vereint, die sich mit Phänomenen der Makro-Perspektive auf Wissenschaft beschäftigen und dabei unter anderem die Themen Europäisierung und Globalisierung, sowie Wissenschaftskommunikation und Wissenskulturen aufgreifen.
  2. Die Beiträge im zweiten Teil des Buches stellen die Meso-Ebene mit spezifischen Organisationsformen, Infrastrukturen und Netzwerken in den Vordergrund.
  3. Der dritte Teil fokussiert dementsprechend Praktiken der Information, Kommunikation, Publikation und Verwaltung, die auf der Mikro-Ebene zu verorten sind.
  4. Der Band schließt mit einem vierten Teil zum Thema wissenschaftliche Karriereverläufe und thematisiert abschließend verschiedene Dimensionen sozialer Ungleichheiten. Hierbei knüpfen die Autoren an jeweils unterschiedliche Ansätze an, wodurch die Bandbreite und Vielgestaltigkeit der Forschung zu Wissenschaft und Hochschulen deutlich wird.

Das konzeptuell vereinende Band stiftet hierbei die Einleitung, die die Beiträge und die verschiedenen Analyseebenen zueinander ins Verhältnis setzt.

Wissenschaft und Universitäten im makroperspektivischen Anforderungsgeflecht

Der erste Teil des Bandes versammelt Beiträge, die sich mit verschiedenen Phänomenen auseinander setzen, die der Makro-Ebene zuzuordnen sind.

Werner Reichmann und Karin Knorr Cetina vergleichen die Wissenskulturen in natur- und wirtschaftswissenschaftlichen Fächern und geben neben den empirischen Einsichten in die Heterogenität naturwissenschaftlicher und wirtschaftswissenschaftlicher Wissenskulturen einen Überblick über das Konzept der Wissenskulturen, welches Akteurspraktiken mit Makro-Ordnungen verbindet. Melanie Wenzel und Nina Baur ergänzen den theoretischen Kanon der makro-Perspektiven um eine Betrachtung der Wissenschaftskommunikation am Beispiel des Diskurses um Trinkwasserqualität. Der Beitrag von Richard Münch umreißt die Entwicklungen, die mit dem Stichwort „akademischer Kapitalismus“ (95 ff.) in Verbindung gebracht werden. Brigitte Aulenbacher, Kristina Binner, Birgit Riegraf und Lena Weber nehmen die Umgestaltung der Universität aus einer wohlfahrtsstaatlichen Perspektive in den Blick, indem sie die Entwicklungen in Großbritannien, Schweden, Deutschland und Österreich gegenüberstellen. Somit setzen die Veränderungen im Bereich der Wissenschaft auf diese Weise mit gesamtgesellschaftlichen Phänomenen in Verbindung. Sie gehen davon aus, dass sich die „forcierte Ökonomisierung der Gesellschaft“ (126) auch in der Wissenschaft und den Universitäten spiegelt. Der Beitrag von Georg Krücken thematisiert die Globalisierung von Wissenschaft im Bereich privatwirtschaftlicher Forschung und Entwicklung, im Zusammenspiel von Wissenschaft und Politik sowie die Globalisierung von Wissenschaft innerhalb der Universität. Abschließend betrachten Christian Baier und Nilgun Massih-Tehrani in ihrem Beitrag aus einer feldtheoretischen Perspektive die Auswirkungen der Forschungsförderung auf der europäischen Ebene am Beispiel des ERC und seiner Auswirkungen auf die Forschungslandschaft an deutschen Universitäten.

Organisationsformen, Infrastrukturen und Netzwerke als Bindeglieder im Mehrebenensystem Wissenschaft

Wie bereits erwähnt nehmen die Beiträge im zweiten Teil des Buches die Meso-Ebene in den Blick.

Eva Barlösius legt in ihrem Beitrag eine soziologische Konzeption von wissenschaftlichen Infrastrukturen vor. Dabei analysiert sie die Veränderungen, die sich im Regime der wissenschaftlichen Infrastrukturen vollziehen sowie die damit verbundenen Wechsel zwischen den verschiedenen Ebenen. Im Beitrag von Frank Meier steht die Universität im Mittelpunkt. Er beleuchtet verschiedene Ansätze, die die in Universitäten stattfindende Forschung als „Forschung in organisierten Kontexten“ (253) in den Blick nehmen. Neben organisationstheoretischen Ansätzen wird auch die aktuelle Governance-Forschung einer kritischen Betrachtung unterzogen. Die Schwächen der aktuellen Governance-Forschung im Hochschulbereich verortet Frank Meier dabei in der fehlenden Konturierung der Organisationsforschung, die beispielsweise Unschärfen hinsichtlich der jeweiligen Analyse-Ebenen nach sich zieht. Eine Weiterentwicklung erfährt die Governance-Forschung in Authority Relations-Ansatz, der die Akteure stärker in den Blick nimmt. Im Anschluss entwickelt Frank Meier programmatische Anregungen für weitere Forschungen und zeigt Anknüpfungspunkte auf. Thomas Heinze wendet sich konkreten Fallbeispielen zu und ermittelt am Beispiel von zwei staatlichen Großforschungszentren die unterschiedlichen Faktoren, die auf die organisationale Entwicklung von Forschungsinstituten Einfluss nehmen. Im Beitrag von Raphael H. Heibringer und Jan R. Riebling werden die Kooperationsbeziehungen in der Wissenschaft in den Vordergrund gerückt. Am Beispiel der Wirtschaftswissenschaften nehmen sie eine netzwerktheoretische Betrachtung der Kooperationsbeziehungen zwischen einzelnen Wissenschaftlern und der daraus entstehenden sozialen Netzwerke vor. Diese Kooperationsbeziehungen operationalisieren sie als das Veröffentlichen einer gemeinsamen Publikation durch mehrere Wissenschaftler*innen. Diese Netzwerke prägen die Forschungslandschaft maßgeblich. Der letzte Beitrag zur Meso-Ebene vertritt die systemtheoretische Perspektive. Cristina Besio, Maria Norkus und Nina Baur greifen die seit einigen Jahrzehnten stetig zunehmende Projektförmigkeit von Forschung auf und eruieren deren Auswirkung auf die Makro-, die Meso- und die Mikroebene. Sie kommen zu dem Schluss, dass Projekte für die Beteiligten sowohl Chancen als auch Risiken bergen und die Beschaffenheit der (organisationalen) Umwelt eines Projekts und Aspekte der Stabilität eine enorme Rolle für die Auswirkungen desselben haben. Eine geschickte Kombination aus dauerhaften und temporären Strukturen, so die Autorinnen, böte die Gelegenheit auch in projektförmigen Strukturen ausreichend Autonomie zu gewährleisten und gleichzeitig eine stabile Wissensakkumulation sicherzustellen (368).

Aspekte der Mikroebene von Wissenschaft und Forschung

Der dritte Teil des Buches ergänzt den vorliegenden Band um Beiträge, die Phänomene der Mikroebene in den Blick nehmen.

Cornelia Thierbachs Beitrag dreht sich um die raumsoziologische Untersuchung eines Exzellenzclusters. Raum als soziologisches Konzept ist auf der Meso- und der Mikroebene relevant, doch fokussiert Cornelia Thierbach vor allem die letztgenannte und fragt, wie Raum den Alltag von wissenschaftlich arbeitenden Personen beeinflusst. Auch Leila Akremi und Pia Wagner nehmen die Verwobenheit der unterschiedlichen Ebenen in den Blick und zeichnen anhand von Daten zur Praxis der Recherche und Informationsbeschaffung von Wissenschaftler*innen disziplinspezifische Praktiken der Informationsbeschaffung nach. Dabei wird deutlich, dass die Rahmenbedingungen, die sie der Mesoebene zuordnen, und auch wissenschaftliche sowie gesellschaftliche Entwicklungstendenzen, die sie der Makroebene zuordnen, einen Einfluss auf die jeweiligen Praktiken der Akteure haben.Die Kommunikationspraxis von Wissenschaftler*innen nehmen Eric Lettkemann und René Wilke vor dem Hintergrund des Kommunikativen Konstruktivismus in den Blick. Am Beispiel der Computional Neuroscience geben sie mit einer ethnografischen Vorgehensweise einen Einblick, wie lokal erzeugtes Wissen, das sie auf der Mikroebene verorten, auf der Meso- und der Makroebene verfestigt und tradiert wird. Und auch Grit Petschik wählt eine ethnografische Herangehensweise um die in der Chemie und der Physik üblichen Publikationspraktiken nachzuzeichnen. Im letzten Beitrag im dritten Teil des Bandes zeigen Oliver Wieczorek und Len Ole Schäfer die Auswirkungen von Verwaltungspraktiken am Beispiel der Research Assessment Exercise und des Research Excellence Framework in Großbritannien.

Ungleichheitsaspekte wissenschaftlicher Karriereverläufe

Im vierten Teil des umfangreichen Bandes wird ein aktuell stark diskutiertes Querschnittsthema verhandelt. In fünf Beiträgen werden wissenschaftliche Karriereverläufe unter jeweils anderen Gesichtspunkten in den Blick genommen.

Den Auftakt machen Walter R. Heinz, Kolja Briedis und Georg Jongmanns mit ihrem Beitrag über die Bedeutung von „Alter als (institutionelle[m]) Referenzkriterium und als (individuelle) Reflexionskategorie“ (576) in wissenschaftlichen Karriereverläufen. Dabei betrachten sie sowohl das Eintritts- und Austrittsalter als auch dazwischenliegende Qualifikationsstufen und binden die Problematik an die analytische Mehrebenenperspektive zurück. Wodurch die Tragweite des Phänomens nochmal deutlich wird. Auch Mike Laufenberg hinterfragt die Gültigkeit des meritokratischen Prinzips in wissenschaftlichen Karriereverläufen und beleuchtet in Anlehnung an Bourdieu die soziale Klasse als Ungleichheitskategorie. Vor dem Hintergrund der den Band prägenden analytischen Unterscheidung von Makro-, Meso- und Mikroebene zeichnet er die soziale Selektivität der Wissenschaft auf den drei Ebenen nach und kommt zu dem Schluss, dass eine „Dialektik aus Öffnungs- und Schließungsprozessen“ (597) besteht, die auf der Ebene der Studierendenschaft und des Mittelbaus durchaus soziale Öffnungsprozesse zulässt, höhere Statuspositionen jedoch exklusiv werden lässt. Der Beitrag von Heather Hofmeister beleuchtet den Aspekt der Gender-Inequality in der Wissenschaft im Format eines fiktiven Gerichtsprozesses, in dem zwischen Anklage und Verteidigung Argumente über die Unterrepräsentation von Frauen in den (Natur-)Wissenschaften ausgetauscht werden, und bereitet dieses mittlerweile stark diskutierte Thema innovativ auf. Nina Baur findet in ihrer Auseinandersetzung mit der Ungleichheitskategorie Ethnizität deutliche Hinweise darauf, dass Personen mit Migrationshintergrund im deutschen Wissenschaftssystem benachteiligt sind. Der vierte Teil des Bandes schließt mit einem Beitrag von Jannis Hergesell zur Auswirkung von Gesundheit auf akademische Bildungs- und Karriereverläufe und einem Überblick über Inklusionspolitiken von Hochschulen. Doch stößt die Betrachtung immer wieder auf die Problematik, dass zu diesem Thema bislang wenige bis gar keine Daten vorliegen, was allerdings auf einen bestehenden Forschungsbedarf hinweist.

Diskussion und Fazit

Die Zusammenschau verschiedener Ansätze und unterschiedlicher theoretischer sowie empirischer Herangehensweisen im Band zeigen die Vielfalt der Hochschulforschung. Dabei gelingt es, den Anspruch des Bandes, nämlich die Wechselwirkungen zwischen der Makro-, der Meso- und der Mikroebene in den Blick zu bekommen, einzulösen. Auch wenn am Ende der Lektüre kein klares Konzept der Wechselwirkungen steht – was bei der gebotenen Perspektivenvielfalt sogar wohl eher bedenklich wäre – können sich die Leser*innen je nach eigenem Interessengebiet ein Bild des möglichen Zusammenspiels machen. Gerade die Beiträge im vierten Teil, die wissenschaftliche Karriereverläufe im Hinblick auf verschiedene Ungleichheitskategorien in den Blick nehmen, beziehen ihren jeweiligen Gegenstand auf die Mehrebenenperspektive und runden so das Mosaik theoretischer Hintergründe und empirischer Vorgehensweisen ab. Damit bietet der umfangreiche Sammelband sowohl einen detaillierten und gleichzeitig breiten Einblick in die aktuellen Forschungsthemen rund um den Phänomenkomplex Hochschule und Wissenschaft.


Rezensentin
Elisabeth Franzmann
Friedrich-Schiller-Universität
Institut für Erziehungswissenschaft
Lehrstuhl für Schulpädagogik und Schulentwicklung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Franzmann. Rezension vom 30.05.2017 zu: Nina Baur, Cristina Besio, Maria Norkus, Grit Petschick (Hrsg.): Wissen - Organisation - Forschungspraxis. Der Makro-Meso-Mikro-Link in der Wissenschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-2730-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22417.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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