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Peter Ansari, Sabine Ansari: Unglück auf Rezept (Antidepressiva)

Cover Peter Ansari, Sabine Ansari: Unglück auf Rezept. Die Antidepressiva-Lüge und ihre Folgen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-608-98060-8. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

Wer sich heutzutage einer Behandlung einer Gesundheitsstörung unterziehen muss, kann sich ohne größere Schwierigkeiten über den „state-of-the-art“ informieren. Wie werden Depressionen und andere „affektive psychische Störungen“ adäquat verstanden und behandelt? Leitlinien wie die S3-Leitlinie Unipolare Depression [1] geben umfassend sowie auch für Patienten aufbereitet Auskunft.

Gleichwohl werden insbesondere Behandlungsstrategien, seltener Krankheitsbilder der Störungen im Gefühlshaushalt in den Medien und der Publizistik dauerhaft und bleibend kontrovers diskutiert.

Insbesondere der Einsatz von Psychopharmaka, namentlich der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) in der Behandlung affektiver Störungen ist Gegenstand teilweise scharf vorgetragener Kritik, so auch in diesem Buch.

Der Rezensent ist ehemaliger Depressionspatient und fand es reizvoll, das von einem respektierten Verlag mit dem Schwerpunkt psychotherapeutischer Bücher und Fachzeitschriften verlegte Sachbuch zu rezensieren.

Autor und Autorin

Dr. rer. biol. hum. Peter Ansari und Heilpraktikerin Sabine Ansari betreiben in der Nähe von Hannover und Hildesheim eine psychotherapeutische und homöopathische Naturheilpraxis.

Dies, nachdem Peter Ansari im Jahre 2013 mit einer Dissertation zum Thema „Die Therapiegeschichte der Depression und die Einführung der antidepressiven medikamentösen Therapie in der BRD im Zeitraum von 1945-1970“ zum Doktor der Humanbiologie promoviert worden war.

Entstehungshintergrund

Weithin unbestritten haben die Behandlungen depressiver und anderer psychischer Störungen in den letzten Jahrzehnten deutlich an Zahl gewonnen. Hintergrund dafür ist der Siegeszug des Klassifikationssystems ICD, welches sich mit seiner symptomatologisch orientierten Krankheitsphilosophie als Mittel der Erfassung und Diagnostik von gesundheitlichen Störungen insbesondere auch im Bereich psychischer und Verhaltensstörungen gegenüber ursachenbezogenen Erklärungs- und Behandlungsmustern durchgesetzt hat. Eine der Folgen ist die Entgrenzung der Diagnostik und Therapie über die zuständigen Fachdisziplinen hinaus: Haus- und allgemeinmedizinisch tätige Ärzte und Ärztinnen behandeln diese Störungen nunmehr ebenfalls. Nicht zuletzt aus sozialen (Patienten) Gründen und aus betriebswirtschaftlichen Gründen werden schnell wirksame, zugleich zeitressourcenschonende pharmakologische Symptomtherapien nachgefragt bzw. bevorzugt. Gegen diesen Trend zur Pharma-Therapie erhebt sich schon seit Jahren Widerspruch [2], auch und gerade im Hinblick auf die Verordnung von Psychopharmaka [3], ohne aber den Charakter einer Fachdiskussion wirklich verlassen haben zu können.

In seiner Dissertation, einer Patientenakten- und Literaturstudie, setzte sich Ansari intensiv mit der Behandlungsgeschichte der Depression auseinander und schuf damit Argumentationshintergründe und -grundlagen auch dieses Buches.

Mit dem Kauf des Buches unterstützt der Käufer / die Käuferin gemäß dem Vorwort der Autoren einen Verein depression-heute-hilft (sic!). Der Verein, dessen vereinsrechtlicher Status nicht ersichtlich ist, ist eng mit der Naturheilpraxis und mit Dr. Peter Ansari verbunden. In der Selbstvorstellung des Vereins heißt es: „Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, ein Netzwerk von Menschen zu bilden, die in Krisen sofortige Hilfe anbieten können. Finanzschwachen Menschen bietet der Verein die Möglichkeit zur Übernahme von Kosten für die Behandlung. [4] Unsere Vision ist es, den Verein in naher Zukunft in eine tragfähige Stiftung zugunsten von psychisch Erkrankten umzuwandeln.“

Aufbau

Das Buch hat sechs Kapitel mit den folgenden Überschriften:

  1. Patient
  2. Psychopharmaka
  3. Pharmaskandale
  4. Psychiater
  5. Pillenhistorie
  6. Perspektive

Ein Geleitwort des emeritierten Universitätsprofessors Prof. Dr. med. Bruno Oerlinghausen und ein Vorwort sowie eine kurze Einleitung der beiden Autoren sowie eine Danksagung Rahmen den Sachvortrag.

Ähnlich dem Aufbau des Buches ist der Aufbau der Homepage von Ansaris Verein Depression-heute-hilft.

Inhalt

Bruno Müller-Oerlinghausen, Klinischer Pharmakologe, langjähriger Leiter einer entsprechenden Forschungsgruppe am Institut für Psychiatrie der FU Berlin und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft empfiehlt mit deutlichen Worten die Buchlektüre. Per Gehirnwäsche sei der Ärzteschaft und Öffentlichkeit über Jahrzehnte hinweg glauben gemacht worden, die Depression sei eine Serotoninmangelkrankheit, obwohl sie dies nicht sei. Er habe lernen müssen, „wie schwer es ist“, der Ärzteschaft Arzneimittelrisiken zu kommunizieren, welchen (angeblich) unbekannt gewesen seien oder schlicht paradox anmuteten (Suizidrisiko als Behandlungsrisiko einer fachmedizinischen Antidepressions-Therapie).

SSRI-Therapien seien zudem nicht nur mit gefährlichen Nebenwirkungen, sondern darüber hinaus auch mit einer Absetzungsproblematik verbunden, auch hier einschließlich einer „suizidprovozierenden Wirkung“. Es sei unerklärbar, wieso die Häufigkeit und Dauer depressiver Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen habe, obwohl die Behandlung mit neueren Psychopharmaka kontinuierlich angestiegen sei. Es werden zu viele Medikamente verschrieben, zumal häufig ohne jede Indikation und / oder jede angemessene Aufklärung des Patienten.

Damit sind die Hauptthesen oder Hauptvorwürfe zusammengefasst, welche auch von den Autoren in dem Buch unterbreitet und breit ausgeführt werden.

Diskussion

Es gibt keine risikolosen Behandlungen von gesundheitlichen Störungen; das schließt auch die Anwendung sogenannter „alternativen Behandlungen“ durch Heilpraktiker und andere nichtärztliche therapeutische Berufsgruppen ein. Will man etwas zu Gunsten des Buches anführen, dann, dass es die Risiken und Folgerisiken der Behandlung einer Depression mit modernen Pharmazeutika bei mangelnder Sorgfalt und/oder Expertise breit und unmissverständlich ausführt. Und es führt auch vor Augen, dass depressiv Erkrankte sich nicht der Aufgabe entziehen können, darüber entscheiden zu müssen, wie und von wem sie sich behandeln lassen werden. So schwer das fallen mag.

Vielleicht unterschätzen die Autoren die Informiertheit von Menschen mit depressiven Störungen. Jedenfalls sind alle in dem Buch unterbreiteten Informationen dem Grundsatz nach öffentlich bekannt, stehen in der Regel auch in den sogenannten „Waschzetteln“ der Medikamentenpackungen und werden auch in einer qualifiziert psychiatrisch arbeitenden ärztlichen Praxis erörtert.

Und sicher unbeabsichtigt stabilisieren sie das stigmatisierende Bild des depressiv Erkrankten als Opfer der übermächtigen Industrie, als Opfer der arroganten Ärzteschaft. Dies, weil ihrer Problemanalyse eine gesellschaftsgeschichtliche Einbettung und soziologische Kontextualisierung fehlt. Auch der vielfache, sogar massenhafte Patientenwille dürfte nämlich ein Grund für den Siegeszug der Psychopharmaka sein, wohinter wiederum eine Ernüchterung über die Aufwand-Nutzen-Relation psychotherapeutischer Verfahren stehen dürfte. Oder auch Gesetzmäßigkeiten der modernen Arbeitswelt; weil man in ihr bestehen will, wollen viele sich ihre affektiven Störungen wegdopen lassen.

Die Autoren kritisieren mit aller Schonungslosigkeit das angebliche oder auch tatsächliche Gebaren der „Serotoninlügner“. Sie provozieren dadurch Nachfragen nach ihrer eigenen Geschäftsethik, nach ihrem Marktverhalten. Ihr Buch könnte eine Methode eines Crowdfunding für ihren Lebensunterhalt sein, ist sein Erlös doch einem Verein gewidmet, welcher offenkundig den Kreis ihrer Praxiskundschaft um zahlungsschwache Personen erweitern soll.

Die Autoren werfen der Pharmaindustrie und ihren Verbündeten in der Ärzteschaft vor, aus kommerziellen Gründen Selbsttötungen SSRI-Behandelter in Kauf zu nehmen, ja zu provozieren. Auch dies ruft die Rückfrage auf, wie es sich bei ihnen selber verhält. Hier macht schon allein der Titel des Buches stutzig, welcher zusammen mit Einzelaussagen beim Lesen den Eindruck erzeugen kann, das „Unglück“ depressiv erkrankter Menschen, auch die Selbsttötungen seien in Wirklichkeit vor allem eine Behandlungsfolge. „Unglück auf Rezept“, auch Selbsttötung „auf Rezept“? Dies kann wohl schwerlich ernsthaft behauptet werden, und verrät eine Ahnungslosigkeit über das Ausmaß von mit einer unbehandelten Depression vielfach einhergehenden Beschwerden.

Fachgerechte Psychiatrie informiert bei Behandlungsbeginn und kontrolliert durchgehend auf ein behandlungsbedingtes bzw. -begleitetes Selbsttötungsrisiko hin. Der Rezensent, selber ehemals SSRI-Patient, blickt auf eine enge gute Zusammenarbeit mit seinem Psychiater in der psychopharmakologischen Bekämpfung der Selbsttötungsgefahr zurück und musste sich über eine Vernachlässigung selbsttötungspräventiver Standards nicht beklagen. Die in diesem Buch vorgetragene Sachkritik lässt sich insbesondere bei dem Thema behandlungsbedingter bzw. -begleiteter Selbsttötungsgefahr nicht mit seiner eigenen Erfahrung harmonisieren. Wie aber, so möchte man zurückfragen, sind die suizidpräventiven Sicherheitsstandards naturheilkundlicher Heilverfahren, wie sie zum Beispiel in der Naturheilpraxis Ansari durchgeführt werden? Im Buch sucht man hier vergebens nach Auskünfte.

Auch den Vorwurf, die SSRI seien schwer oder gar nicht absetzbar, machten also abhängig, kann der Rezensent nicht mit seiner eigenen Erfahrung in Einklang bringen; er hatte kein Absetzungsproblem. Die Argumentationen der Autoren können ihn auch hier nicht überzeugen, wirken kurzschlüssig und kompexitätsreduziert.

Anmerkung der Redaktion: Am 6.9.2017 wurde auf Bitte des Rezensenten folgende Passage ergänzt: Die Wirksamkeit und Sicherheit der SSRI wurde durch die Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag zum Gegenstand einer kleinen Anfrage an die Bundesregierung gemacht (Drucksache 18/13316). Die Antwort der Bundesregierung Drucksache 18/13452 ist unter dem folgenden Link verfügbar; sie enthält auch den Wortlaut der Fragestellungen: www.bundestag.de

Fazit

Peter und Sabine Ansari tragen in diesem Buch der breiten Öffentlichkeit mit aller Energie die Argumente gegen die heutige psychiatrische Depressionstherapie mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern vor. Für Depressionspatienten ist das Buch nur insofern zu empfehlen, als es sie für Behandlungsrisiken sensibilisiert. Aber reicht dafür nicht eigentlich auch der Blick in die in dieser Rezension verlinkten Websites?

Als Hauptlektüre zu diesem Buch empfiehlt der Rezensent Erkrankten (und deren Angehörigen sowie beruflich mit dem Thema Affektive psychische Störungen befassten Personen) die fachgesellschaftlichen Leitlinien zur Unipolaren Depression und zu anderen affektiven Störungen, Sorgfalt in der Wahl des Arztes und der Therapeutin, und eine konsumentenbewusste Grundhaltung bei der Auswahl aus den Therapieangeboten. Der Zweck von Psychopharmaka ist möglichst Symptombefreiung, leisten sie dies nicht, sollte man erwägen, den Medikationswechsel zu veranlassen. Denn: Heutzutage sind auch Depressionspatienten keine hilflosen Opfer mehr, eher schon: König Kunde.


[1] http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/nvl-005.html

[2] Beispiele: http://gutepillen-schlechtepillen.de, www.der-arzneimittelbrief.de/de/index.aspx, www.wido.de/arzneiverordnungs-rep.html

[3] Beispiel: Dtsch Arztebl 2012; 109(27-28): A-1408 / B-1219 / C-1199

[4] Gemeint sind offenkundig die Kosten der Behandlung in ihrer eigenen Praxis.


Rezensent
Heribert Wasserberg
Diplom-Politikwissenschaftler, Evangelisch-reformierter Pfarrer im Ruhestand
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Zitiervorschlag
Heribert Wasserberg. Rezension vom 27.07.2017 zu: Peter Ansari, Sabine Ansari: Unglück auf Rezept. Die Antidepressiva-Lüge und ihre Folgen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-98060-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22420.php, Datum des Zugriffs 22.08.2019.


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