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Anastasiya A. Lipnevich, Franzis Preckel u.a. (Hrsg.): Psychosocial Skills and School Systems in the 21st Century

Cover Anastasiya A. Lipnevich, Franzis Preckel, Richard D. Roberts (Hrsg.): Psychosocial Skills and School Systems in the 21st Century. Theory, Research, and Practice. Springer (Berlin) 2016. 408 Seiten. ISBN 978-3-319-28604-4. 149,79 EUR.
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Thema

Das Buch spricht von „psychosocial skills“, und man ist zunächst geneigt „skills“ mit „Fertigkeiten“ zu übersetzen. Aber je länger man liest und je mehr man sich in die Gedankengänge des Buches vertieft, umso klarer wird, mit dem Begriff „Fertigkeit(en)“ würden bei deutschsprachigen Leser(inne)n falsche Vorstellungen hervorrufen: Fertigkeit als Bezeichnung des erlernten oder erworbenen Anteils des Verhaltens – in Abgrenzung zum Konzept der „Fähigkeit“, die als Voraussetzung für die Realisierung einer Fertigkeit betrachtet wird. Im vorliegenden Buch wird „skill(s)“ unterschiedslos in einer Weise verwendet, die sowohl Fertigkeit als auch Fähigkeit meint. Es legt sich daher nahe, für den Zweck dieser Rezension, „skill(s)“ mit „Können“ zu übersetzen; Können umfasst Fähigkeit und Fertigkeit. Dieser Übersetzungs-Entscheidung eingedenk, lässt sich der Inhalt des Buches folgendermaßen skizzieren:

Es bietet einen ausführlichen Überblick zur und eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Forschung zu verschiedenen Spielarten psychosozialen Könnens. Es werden sowohl Theorien als auch Anwendungsbereiche betrachtet. Das Buch beinhaltet Diskussionen zur Rolle psychosozialen Könnens von Schüler(inne)n als Komponenten akademischen Erfolgs und wünschenswerter pädagogischer Zielvariablen – im Kindergarten bis zur Sekundarstufe II (K-12: Kindergarten bis 12. Schuljahr). Beschrieben wird eine „Kompetenzmatrix“ psychosozialen Könnens und man betrachtet ein breites Spektrum spezifischer Zielvariablen wie etwa Leistung, Motivation, Selbstwirksamkeitserwartung, Kreativität, emotionale Intelligenz, Resilienz und Kognitionsbedürfnis. Ferner werden spezifische schulische Interventionen und Fragen zur Veränderbarkeit (Förderung / Entwicklung) psychosozialen Könnens besprochen. Abschließend werden Aspekte der Integration psychosozialen Könnens in Lehrpläne sowie umfassender Evaluationsmaßnahmen behandelt.

Die Themen des Buches beinhalten:

  • Entwicklung psychosozialen Könnens vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe II,
  • Erfassung einzelner Spielarten psychosozialen Könnens,
  • Gewissenhaftigkeit in der Ausbildung und die Beziehung zu bedeutsamen pädagogischen Zielvariablen,
  • Kreativität in Schulen: Theorie, Erfassung und Interventionen,
  • Schul-bezogene Gefühle und deren Regulierung vor dem Hintergrund emotionaler Intelligenz sowie
  • Resilienz und entsprechende schulische Förderprogramme.

Die Verknüpfung von psychosozialem Können und Schule mag auf den ersten Blick verwundern, denken wir doch bei Schule vor allem oder ausschließlich an (die Entwicklung von) kognitiven Kompetenzen. Schule hat hierzulande aber einen breiteren Bildungsauftrag. So bestimmt etwa die Bayerische Verfassung in Artikel 131 (1): „Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.“ Dem entsprechend formuliert das Bayerische Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen in Art. 1 (1): „Die Schulen haben den in der Verfassung verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag zu verwirklichen. Sie sollen Wissen und Können vermitteln sowie Geist und Körper, Herz und Charakter bilden.“ Wie ernst man an öffentlichen bayerischen Schulen diesen Bildungsauftrag nimmt bzw. an öffentlichen deutschen Schulen vergleichbare Bildungsaufträge nimmt, sei dahin gestellt. Fakt ist jedenfalls: In Schulzertifikaten, vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur spielen ausschließlich kognitive Kompetenzen eine Rolle. Und Tatsache ist ebenfalls, dass die deutsche Schule – verstärkt seit PISA 2000 – daran gemessen wird, dass sie kognitive Kompetenzen entwickelt und fördert.

Anders ist dies hierzulande bei einer zweiten gesellschaftlich organisierten Bildungsinstitution: der Kinder- und Jugendarbeit. Sie hat keinen gesellschaftlichen Auftrag, kognitive Kompetenzen zu fördern (auch nicht im Rahmen der Ganztagsschule!), sondern andere (vgl. Rauschenbach, 2009). Zu diesen anderen Kompetenzen gehört auch psychosoziales Können. Ob die deutsche Kinder- und Jugendarbeit psychosoziales Können aber tatsächlich befördert, ist fraglich. Nur von einer einzigen Handlungsform der deutschen Kinder- und Jugendarbeit können wir mit Sicherheit sagen, dass sie psychosoziales Können bedeutsam und nachhaltig positiv beeinflusst: der Erlebnispädagogik (vgl. Heekerens, 2006, 2013).

Herausgeber(innen)

  • Anastasiya Lipnevich (www.gc.cuny.edu/) ist Associate Professor in Pädagogischer Psychologie am Queens College und am Graduate Center of the City University of New York. Die gebürtige Weißrussin wurde 2007 an Rutgers University, der State University of New Jersey, in Pädagogischer Psychologie promoviert. Ihr Forschungsinteresse gilt u.a. der Rolle psychosozialer Charakteristika bei Schul- und akademischem Erfolg sowie der gesamten Lebensleistung.
  • Franzis Preckel (www.uni-trier.de/) leitet seit 2006 den Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung und -förderung im Fach Psychologie an der Universität Trier; zusätzlich ist sie seit November 2015 Visiting Professor an der Universität Luxemburg. Zu den Forschungsschwerpunkten der Diplom-Psychologin, die 2002 an der Universität Münster promoviert wurde, gehört u.a. die Frage nach Einflussfaktoren der Leistungsentwicklung. Über ihr Fachgebiet hinaus bekannt geworden ist sie mit einer zusammen mit Michael Schneider vorgenommenen Sekundäranalyse von Metaanalysen zur Frage, welche Faktoren (Variablen) sich in welchem Maße positiv auf (verschiedene Indikatoren von) Studienerfolg auswirken (zusammenfassende Darstellung bei Heekerens, 2017).
  • Richard D. Roberts (www.proexam.org) ist Vice President and Chief Scientist des US-Unternehmens ProExam (www.proexam.org/) und leitet dessen Center for Innovative Assessments, wo Testverfahren zur Feststellung nicht-kognitiven Könnens und emotionaler Intelligenz entwickelt, erprobt und eingesetzt werden.

Autor(innen)

Zu dem Buch haben rund 40 Autor(inn)en, zu denen auch die Herausgeber(innen) zählen, beigetragen. Die Anzahl der Autor(inn)en pro Kapitel reicht von zwei bis vier, die meisten von ihnen arbeiten in den USA, andere (in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit) in Deutschland, Australien, Canada sowie Frankreich und der Schweiz. Alle sieben in Deutschland arbeitenden Autor(inn)en sind diplomierte Psycholog(inn)en – und das ist auch bei den anderen Autor(inn)en mehrheitlich der Fall. Das hier behandelte Thema ist seit Langem weitgehend in Psycholog(inn)enhand.

Aufbau und Inhalt

Dem gleich noch näher zu betrachtenden Buchkern gehen ein Foreword vonElena L. Grigorenko (http://childstudycenter.yale.edu/faculty_people/elena_grigorenko.profile), Professorin am Child Study Center der Yale University, ein Preface mit einer Inhaltsskizze des Buches der Herausgeber(innen), deren Danksagungen, das Inhaltsverzeichnis sowie (sehr) kurze Angaben zu den 40 Autor(innen) voraus. Der nach dem 15. Kapitel zu findende Index ist ein Sachregister – nur ein Sachregister, muss man sagen, und dazu ein allzu knappes.

Der Kern des Buches besteht aus vier Teilen, denen insgesamt 15 Kapitel, alle mit eigenem Literaturverzeichnis, zugeordnet sind.

Im ersten Teil des Buches General Background: Theory and Guiding Principles finden sich vier Beiträge:

  • 1 Psychosocial skills: essential components of development and achievement in K-12
  • 2 Test standards and psychometric modeling
  • 3 Aligning mission and measurement
  • 4 Personality development during the school-aged years: implications for theory, research, and practice

Der zweite und umfangreichste Teil des Buches trägt die Überschrift Psychosocial Skills: Key Constructs mit sieben Kapiteln:

  • 5 The need for cognition: key concepts, assessment, and role in educational outcomes
  • 6 Understanding creativity in the schools
  • 7 Conscientiousness in education: its conceptualization, assessment, and utility
  • 8 Self-concept: determinants and consequences of academic self-concept in school contexts
  • 9 Applying social cognitive theory in the development of self-regulated competencies throughout K-12 grades
  • 10 Student motivation: current theories, constructs, and interventions within an expectancy-value framework
  • 11 Academic emotions and their regulation via emotional intelligence

Im dritten Buchteil Psychosocial Skills: Applications finden sich drei Kapitel:

  • 12 Fostering psychosocial skills: school-based promotion of resiliency in children and adolescents
  • 13 Teaching emotional intelligence in schools: an evidence-based approach
  • 14 Psychosocial skills in large-scale assessments: trends, challenges, and policy implications

Nur einen einzigen Beitrag, verfasst von den Herausgeber(inne)n, enthält unter dem Titel Conclusions der vierte und letzte Teil:

  • 15 Psychosocial constructs: knowns, unknowns, and where do we go from here?

Diskussion

Das vorliegende Buch wird von den Herausgeber(inne)n als Sammelwerk verstanden, eine als Gesamtwerk konzipierte Sammlung von Einzelbeiträgen. Als „echte“ Sammelwerke angesehen werden gemeinhin solche, deren Einzelbeiträge von Herausgeberseite schon im Entstehungsprozess betreut wurden. Ob das im vorliegenden Fall so war, ist nicht angegeben – und die Uneinheitlichkeit der Einzelbeiträge sowie der Mangel an wechselseitigem Bezug zwischen ihnen sprechen dagegen. So haben wir es denn – typisch für Zeiten des verschärften Publikationszwangs – faktisch nicht mit einem Sammelwerk, sondern mit einem Sammelband zu tun, dessen roten Faden oder innerer Bezug aufzuspüren den Leser(inne)en überlassen ist. Ich habe weder den sprichwörtlichen Faden gefunden noch gelang mir eine – zunächst mich selbst – überzeugende Hypothese zum inneren Zusammenhalt der hier versammelten Beiträge. Dass sie unter dem durch den Buchtitel benannten Dach nicht „unplaziert“ erschienen, ist damit nicht bestritten. Nur: Zwischen „nicht unplaziert“ und „innerlich kohärent“ gibt es doch noch einen kleinen, aber bedeutsamen Unterschied. Kurzum: Man (und frau) lese jeden einzelnen Beitrag für sich und würdige ihn als solchen – ohne darüber nachzugrübeln, welchen Stellenwert er „im Ganzen“ habe und welchen Beitrag er zu einem – bloß fiktionierten – „(Haupt-)Thema“ leiste.

Das vorliegende Buch wird von Herausgeberseite gesehen als eine „must-have“-Quelle für Forscher(innen), Doktorand(inn)en, Kliniker(innen) und Professionelle in der psychosozialen Versorgung sowie „politischen“ („Politik“ im Sinne von „policy“) Entscheider(inne)n in der Kinder- und Schulpsychologie, der Bildungspolitik, dem öffentlichen Gesundheitswesen, der Sozialen Arbeit, den Erziehungswissenschaften und Politikwissenschaften, der Gesundheitspolitik sowie der Entwicklungs- und der Pädagogischen Psychologie. Ich halte das vorliegende Buch ebenfalls für ein „must have“, nicht zuletzt deshalb, weil derzeit kein zweites Buch auf dem Markt ist, das in vergleichbar umfassender und aktueller Weise über psychosoziales Können, dessen Bedeutung, Erfassung und Erforschung informiert.

Fazit

Bezogen auf die Verhältnisse der deutschen Sozialen Arbeit sehe ich in vorliegendem Werk eine „must-have“-Quelle erstens für politische Entscheider(innen) in der Profession (Träger von JUgendarbeit, Jugendamtsleitungen etc.) sowie zweitens – mit Blick auf die Disziplin – für Hochschullehrer(innen), die in mehr oder minder starker Weise etwas mit dem Thema „Soziale Arbeit und Schule“ zu tun haben – oder sich damit beschäftigen wollen.

Literatur

  • Heekerens, H.-P. (2006). Wirksamkeitsforschung zur Erlebnispädagogik: Ergebnisse, Fragen, Anregungen. Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 26(10), 3-57.
  • Heekerens, H.-P. (2013). Ergebnis- und Prozessforschung in der Erlebnispädagogik: Was man weiß, was man wissen sollte. erleben & lernen, 21(3/4), 41-45.
  • Heekerens, H.-P. (2017). Wie macht man(n und frau) gute Hochschullehre? socialnet Materialien (www.socialnet.de/materialien/27800.php).
  • Rauschenbach, T. (2009). Zukunftschance Bildung. Familie, Jugendhilfe und Schule in neuer Allianz. Weinheim: Juventa.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 10.07.2017 zu: Anastasiya A. Lipnevich, Franzis Preckel, Richard D. Roberts (Hrsg.): Psychosocial Skills and School Systems in the 21st Century. Theory, Research, and Practice. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-3-319-28604-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22421.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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