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Isabelle Meier: Komplexe und Dissoziationen

Cover Isabelle Meier: Komplexe und Dissoziationen. Theorie und Praxis der Analytischen Psychologie. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. 192 Seiten. ISBN 978-3-95558-194-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Autorin und Thema

Die Autorin – eine ausgewiesene Spezialistin im Gebiet der Analytischen Psychologie nach C. G. Jung, Dozentin und Lehranalytikerin an einem Züricher Institut – versucht in ihrem etwa 180 Seiten starken Band, das ursprüngliche und grundlegende Konzept der Komplexe in der Analytischen Psychologie von C. G. Jung in eine systematische Verbindung zu modernen Theorien und empirischen Befunden zum Aspekt der Dissoziationen, mehr noch: einer aktuellen (psychoanalytischen) Entwicklungstheorie zu bringen. Dazu wird dieses Konzept in seiner historischen Entstehung und weiteren Ausformung vorgestellt; es werden dann explizit Bezüge zu neo-jungjanischen AutorInnen, aber auch weit darüberhinausgehenden theoretischen und empirischen Befunden, Theorien und Untersuchungen außerhalb der jungianischen analytischen Schule hergestellt.

Aufbau und Inhalt

Frau Meier stellt im ersten Hauptkapitel die Geschichte des Komplexbegriffes bei C. G. Jung vor. Dabei nimmt sie Rückgriff auf Jungs Entwicklungsgeschichte als Analytiker und seine Konzipierung des Komplexbegriffes. Der „gefühlsbetonte Komplex“ ist „eine Gruppe von Vorstellungen oder Erinnerungen, [die] … durch eine gemeinsame Emotion oder einen Affekt zusammengehalten [wird]. Wird eine Erinnerung aus einem Komplex aktiviert so werden alle Erinnerungen oder Vorstellungen, die dazu gehören, aktiviert, wie auch die dazugehörigen Emotionen“ (Meier, 2017, S. 22). Schon in diesem ersten Teil zeigt sich ein Hauptdiskussionsstrang, der sich durch das gesamte Buch zieht: So werden Komplexe einerseits als Grundstrukturelemente der psychischen Organisation angesehen, andererseits werden sie auch als (potenziell) pathologische Strukturelemente definiert. Es erfolgt dann eine Abgrenzung zum Komplexbegriff bei Freud insbesondere dem Ödipuskomplex.

Das zweite Hauptkapitel befasst sich mit der Komplexerfassung C. G. Jungs. Hier werden die Ursachen der Komplexe – (frühe) Kindheitserlebnisse, vor allem aber auch Traumata, ein „emotionaler Schock und ähnliches wodurch ein Stück der Psyche abgespalten wurde“ (ebd. S. 31) -angesehen. Die Komplexe sind dem Bewusstsein zunächst nicht zugänglich, sondern wirken im Unbewussten und beeinflussen Emotion, Kognition und Handeln. Komplexe können aber auch „Anreiz zur Weiterentwicklung der Psyche“ (S. 33) darstellen, wenn sie bearbeitet werden. Jungs Unterscheidung in persönliche und kollektive Komplexe wird referiert, ebenso wie das damit verbundene Energiepotenzial. Insgesamt ist diese Kapitel eine sehr differenzierte Einführung in das jungianische Komplexkonzept. Abschließend werden in diesem Kapitel nochmals die deutlichen Unterschiede zwischen dem Konstrukt des Ödipuskomplexes bei Freud – der auf einem triebgesteuerten, gewissermaßen naturwüchsigen Entwicklungskonflikt basiert – und dem Komplex-Konzept bei Jung dargestellte.

Im weiteren Hauptkapitel über die „Dissoziabilität der Psyche“ wird Jungs Konzept der Dissoziation vorgestellt. Nach diesem Konzept werden „(traumatische) Erfahrungen bei Dissoziationen gänzlich anders im Gedächtnis abgespeichert als normale Erfahrungen, es gäbe keine Trennungen von manifestem und latentem Inhalt“ (S. 59). Komplexe werden so als „abgesprengte Teilpsychen“ (S. 60) verstanden. Bedeutsam ist – so zumindest das aktuelle Verständnis –, dass es „graduelle Unterschiede der Dissoziation [gibt], sie reichen vom ‚normalen‘ Funktionieren der gesunden Psyche bis zu ‚abnormalen geistige Zuständen‘“ (S. 61). Die Autorin referiert dann drei Ausführungen zu Dissoziationen. Einmal von Walter Benjamin, zum anderen von Wilma Bucci, zum dritten die „Dissoziationsdebatte in der klinischen Psychologie und Psychiatrie“ (S. 64). Hier bleibt etwas unklar warum gerade Benjamin und Bucci zur Referenz ausgewählt wurden.

Das folgende Hauptkapitel befasst sich mit „neurobiologischen Grundlagen für Komplextheorie“. Hier stellt die Autorin sehr sorgfältig neurobiologische Erkenntnisse zur Wahrnehmung und Verarbeitung „emotionaler Reize“ dar, die den Hintergrund einerseits der Entstehung unbewusster Prozesse, andererseits möglicher innerpsychischer Vernetzung – und deren neuronaler Repräsentation – an bewusstseins- bzw. neokortikalen Strukturen ‚vorbei‘ erklären. Ebenso sorgfältig sind Befunde über die entsprechenden Gedächtnisstrukturen – das implizite und explizite Gedächtnis – dargelegt.

Ein weiteres, längeres Hauptkapitel befasst sich mit „Eigenschaften des Komplexes bei Postjungianer/Innen“. In diesem Kapitel erfolgt eine sehr differenzierte Darstellung unterschiedlicher Perspektiven und ein Anknüpfen an moderne Erkenntnisse der (analytischen) Entwicklungspsychologie. Es erfolgt z.B. eine Bezugnahme auf Daniel Stern und die Bindungstheorie von Bowlby und NachfolgerInnen; ebenso wird ein Vergleich mit dem Schemakonzept der kognitiven Verhaltenstherapie hergestellt. Es gelingt der Autorin hierbei, differenzierte Bezüge zu den jeweiligen Theorien herzustellen und es wird deutlich, dass das Konzept der Komplexe sehr kompatibel ist z.B. mit den empirisch gut gesicherten Erkenntnissen von Stern (generalisierte Repräsentation von Interaktionserfahrungen) und der Bindungstheorie (internes Arbeitsmodell der Beziehungserfahrungen). Dieses Kapitel mündet in den „Versuch einer Komplexdefinition“ (S. 111 ff.): Hier führt die Autorin bisherige Erkenntnisse im Sinne einer Conclusio zusammen, definiert Komplex nochmals als „unbewusstes Bündel von Erwartungen, Emotionen, Kognition, Körpergefühl, im archetypischen Bild sowie Handlungsbereitschaften, die einer Indexikalität folgen und durch eine sensomotorische Wahrnehmung ausgelöst“ werden (S. 111). Als Ursache der Komplexe werden (frühe) Erfahrungen in der Kindheit, insbesondere mit relevanten Bezugspersonen beschrieben und sowie eine Nichtbefriedigung der seelischen Grundbedürfnisse nach Grawe, die ergänzt werden um das „Bedürfnis nach Sinn und Bedeutung“. Insbesondere die Bezugnahme auf Grawe verdeutlicht die Verbindung zur empirischen Psychotherapieforschung.

In einem weiteren Hauptkapitel werden „verschiedene Komplexe“ (S. 120) vorgestellt, wobei diese dann folgenden Typisierungen einerseits dem System der seelischen Grundbedürfnisse folgen, andererseits sehr stark auf psychopathologische Erscheinungen rekurriert werden. Dies erscheint aus psychotherapeutischer Sicht sinnvoll, fällt z.T. allerdings hinter das allgemeinere, umfassende Komplexkonzept zurück.

Im abschließenden Kapitel „Behandlungen des Komplexes“ (S. 148 f.) werden drei zentrale Wege der psychotherapeutischen Behandlung von unbewusst wirkenden Komplexen und die entsprechende Symptombildung beschrieben. Diese drei Wege sind „1. Der Weg über die Stärkung der Fähigkeiten und Differenzierungsfähigkeiten des Ichs, 2. Der Weg über die symbolische Gestaltung des Komplexes mittels Imagination und Assoziation, 3. Der Weg über die Konstellation von positiven Komplexen“ (S. 149). In diesem Kapitel wird die Vielfalt und Kreativität der Psychoanalyse – insbesondere der Analytischen Psychologie in der Folge Jungs noch einmal deutlich.

Diskussion

Frau Meier stellt in ihrem Werk das zentrale Komplex-Konzept der Analytischen Psychologie von C. G. Jung in Beziehung zu einerseits postjungianischen aktuellen Autorinnen, andererseits aber auch darüberhinausgehende Theorien und Befunde der Entwicklungspsychologie. Hierbei geht die Autorin sehr systematisch vor. Teilweise kommt es zu Wiederholungen, z.B. von Definitionen des Komplexbegriffes, manchmal werden Befunde im Sinne der Absicherung dieses Konzepts überinterpretiert. Dies bleibt allerdings die Ausnahme. Der Referenzrahmen sind vor allem jungianisch ausgerichtete AutorInnen (V. Kast, G. Bovensiepen). Eine Grundfrage bleibt: Ist eine Typisierung von Komplexen nötig? Manchmal können die Beschreibungen bzw. Differenzierungen einzelner Komplexe – sicherlich zu verstehen auf dem Hintergrund der jungianischen Analytischen Psychologie – überkategorisieren. Manchmal erfolgt eine Konfundierung mit dem Konfliktbegriff, insbesondere dann, wenn Bezüge zur Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) hergestellt werden.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um ein gut lesbares und auch für Nicht-Jungianer gut verstehbares Buch. Noch einmal sei hervorzuheben, dass es der Autorin gut gelingt, Bezüge zwischen unterschiedlichen Therapieschulen/-auffassungen und empirischen Befunden herzustellen. Der LeserInnenkreis wird sicherlich fokussiert sein auf Auszubildenden und PraktikerInnen der Analytischen Psychologie. Das Buch ist allerdings auch empfehlenswert für VertreterInnen aller psychodynamischen ausgerichteten Denk- und Therapierichtungen.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff
Hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der EH Freiburg. Approbation als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Abgeschlossene Ausbildungen in Psychoanalyse (DGIP, DGPT), Personzentrierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (GwG), Gesprächspsychotherapie (GwG). 20 Jahre Tätigkeit als niedergelassener Psychotherapeut und als Geschäftsführer eines Jugendhilfeträgers (AKGG). Supervisor bzw. Dozent/Ausbilder bei verschiedenen Psychotherapie-Ausbildungsstätten. Gemeinsam mit Prof. Dr. Dörte Weltzien Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der EH Freiburg; Forschung im Bereich Jugendhilfe, Pädagogik der Kindheit, Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen.
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Zitiervorschlag
Klaus Fröhlich-Gildhoff. Rezension vom 06.11.2017 zu: Isabelle Meier: Komplexe und Dissoziationen. Theorie und Praxis der Analytischen Psychologie. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-95558-194-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22423.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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