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Dagmar Lehmhaus, Bertke Reiffen-Züger: Psychodynamische Diagnostik in der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie

Cover Dagmar Lehmhaus, Bertke Reiffen-Züger: Psychodynamische Diagnostik in der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie. Die Praxis projektiver Tests: Probatorik, Indikation und OPD-KJ. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. 328 Seiten. ISBN 978-3-95558-192-3. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Autorinnen

Dagmar Lehmhaus, Diplom-Soziologin, und Bertke Reiffen-Züger, Diplom-Pädagogin, sind beide Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen und arbeiten in eigener Praxis und als Dozentin und Supervisorin.

Einzelne (Unter-)Kapitel wurden geschrieben von Ingeborg Minich, Sibylle Moisl, Margret d´Arcais, Christiane Pennecke und Gabriele Meyer-Enders.

Thema

Das Buch will eine umfassende Praxisanleitung für projektive Testverfahren geben, die (besonders in der Anfangsphase) einer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie relevant sein können.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst zwei Teile.

Im ersten Teil des Buches werden die theoretischen Grundlagen dargestellt.

Einleitend reflektieren die Autorinnen über das psychodynamische Arbeiten, die Bedeutung des Unbewussten und der Beziehung zwischen Therapeut und Klient, stellen aber dann fest, dass Kinder anders sind und arbeiten dies heraus. Anschließend wird die Bedeutung projektiver Verfahren in der Eingangsphase thematisiert.

Theoretisch bedeutsam sind Symbole und das Symbolverständnis; so wird auch die kindliche Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit und der inneren Repräsentationen (z.B. die Bedeutung eines Übergangsobjektes) nachgezeichnet. Für das Verständnis und die Interpretation projektiver Verfahren sind szenisches Verstehen und vor allem eine gründliche Kenntnisse der kindlichen Spielentwicklung bedeutsam, die ausführlich dargestellt wird. Ebenso von Bedeutung ist die Erörterung des Einsatzes des Spiels als therapeutisches Medium und der Konzepte der Abwehrmechanismen und des Widerstands.

Für die Auswertung der Beobachtungen wird die Beachtung verschiedener Ebenen vorgeschlagen und die Diagnosestellung nach dem OPD-KJ vorgestellt.

Im zweiten Teil werden die relevanten Verfahren dargestellt und erläutert.

Nach einem Exkurs über bildnerisches Gestalten (Ingeborg Minich), werden Zeichentests (Baumtest, Menschtest, verzauberte Familie, Familie in Tieren, Pigem-Test, Wartegg-Zeichentest, Winnicotts Squiggle) und Erzähltests (Schwarzfuß-Test (Sibylle Moisl), Satzergänzung, Düss-Fabeltest) vorgestellt.

Ausführlicher wird über den Einsatz Imaginativer Verfahren in der Diagnostik (Motive aus der Katathym-imaginativen Psychotherapie (Margret d´Arcais) und der gestalttherapeutische Imagination (Christiane Pennecke)) berichtet. Informationen über Beziehungen und Bindungen im weiteren Sinne erfährt man durch die Arbeit mit dem Genogramm und dem Familienbrett (Gabriele Meyer-Enders), Hinweise auf Bindungsrepräsentationen im engeren Sinn erhält man mit dem Geschichtenergänzungsverfahren, das ausführlich dargestellt wird.

Abschließend werden wiederum ausführlich unter der Überschrift Spieltests das Sandspiel, der Scenotest und der Plämokasten besprochen. Zu den Beschreibungen der Vorgehensweise und der Auswertung enthält jede Verfahrensdarstellung auch eine oder mehrere Fall-Vignetten.

Den Abschluss bildet ein umfangreicher Anhang im Umfang von fast 50 Seiten, der ausführlich nochmals Abwehrstrategien und die Verarbeitung intrapsychischer Konflikt thematisiert, aber auch noch Nützliches wie einen Leitfaden für den Bericht an den Gutachter oder Auswertehinweise, Protokollbögen etc. für die vorgestellten Verfahren enthält.

Diskussion

Die Autorinnen stellen zu Recht fest, dass in jedem Einzelfall ein schlüssiger psychodynamischer Nachweis für eine psychogene Krankheitsentwicklung unter Einbezug familiendynamischer Abwägungen und situativer Gegebenheiten unverzichtbar ist, der im Rahmen der diagnostisch-probatorischen Phase erarbeitet wird. Ein Weg zur Informationsgewinnung sind projektive Testverfahren.

Projektive Testverfahren können nicht den Anspruch erheben exakt, messbar und jederzeit überprüfbar zu sein. Sie sind offene Angebote, die zur Projektion herausfordern und liefern über individuelle Geschichten, Gestaltungen und Inszenierungen verwertbare Informationen.

Die Autorinnen machen sehr deutlich, dass ein Test allein nie aussagekräftig, sondern individuell abhängig von Tagesform und Situation ist. Erst die Zusammenschau von Beobachtungen, Informationen über die Lebensgeschichte, Analyse der Interaktion und die Ergebnisse verschiedener Testverfahren ermöglicht eine vorläufige Diagnose und die Planung der weiteren Interventionsschritte.

Nach einer grundlegenden theoretischen Erörterung zeigt das Buch die vielfältigen Möglichkeiten zur Erfassung unbewusster Vorgänge auf. Es wird deutlich, dass für eine gute Diagnostik im Kindes- und Jugendalter psychodynamisches und entwicklungspsychologisches Wissen notwendig sind. Bei den Verfahren wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es besonders im Kinderalter keine fertigen Interpretationen gibt; es werden Hinweise und Hilfen gegeben, was im Einzelfall beachtet werden sollte.

Erfreulich ist, dass auch neuere Verfahren wie das Geschichtenergänzungsverfahren Eingang in die psychodynamische Diagnostik finden.

Die Autorinnen wollen mit diesem Buch Orientierung, Anregungen und Hilfen geben. Dies ist ihnen voll gelungen.

Fazit

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten werden grundlegende Aspekte psychodynamischer Diagnostik wie die Spielentwicklung, Symbolisierung, Mentalisierung, Abwehr und Widerstand erörtert. Im zweiten Teil werden projektive Verfahren vorgestellt (Zeichentests, Erzähltests, imaginative Verfahren, Bindungsdiagnostik, Spieltests). Ein umfangreicher Anhang bietet viele hilfreiche Informationen und Materialien.

Das Ziel der Autorinnen, mit diesem Buch Orientierung, Anregungen und Hilfen geben, ist voll gelungen.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 29.08.2017 zu: Dagmar Lehmhaus, Bertke Reiffen-Züger: Psychodynamische Diagnostik in der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie. Die Praxis projektiver Tests: Probatorik, Indikation und OPD-KJ. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-95558-192-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22424.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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