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Andreas Grau, Judith Heyde u.a. (Hrsg.): Sozialwissen­schaftliche Perspektiven der Fußballfan­forschung

Cover Andreas Grau, Judith Heyde, Jochem Kotthaus, Holger Schmidt, Martin Winands (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Perspektiven der Fußballfanforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-3437-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Allgemein wird man die Relevanz sozialwissenschaftlicher Forschung über Fußballfans nicht bestreiten wollen. Interessant ist aber die Begründung. Weil Fußball „ein Spiegel der Gesellschaft“ ist, wie es zu unterschiedlichen Anlässen manchmal reichlich nichtssagend heißt? Weil es sich beim Fußball nicht um ein „kulturelles oder soziales Randphänomen“ handelt, wie der Klappentext des vorliegenden Bandes festhält?

Eine Erwiderung (oder Präzisierung) könnte lauten: wir lernen über die gesellschaftliche Wirklichkeit wohl mindestens genauso viel durch die Betrachtung von ‚Randphänomenen‘. Eine andere: die Arena des organisierten Fußballs und seiner Fans ist ein besonderer Spiegel, nämlich ein Zerrspiegel der Normalität. Das Gesellschaftliche bildet sich ab, wird aber auf spezifische Weise über- und verformt. Man denke an die expressiven Ritualisierungen und Überschreitungen, die Herstellung von Gemeinschaftserleben im Kontext der Logik des Wettbewerbs, die Aufladung des Geschehens im Sinne einer säkularen Religion, die sehr spannungsvolle Verbindung von Konsum und eigensinniger Aneignung, die Prozesse des doing gender und so weiter.

Kurz: Der Forschung über Fußballfans tut sich ein breites empirisches Feld auf, das in dem vorliegenden Sammelband betreten wird, um Hinweise auf Potenzial und Perspektiven sozialwissenschaftlicher Auseinandersetzung zu geben.

Entstehungshintergrund

Der Band beinhaltet in der Hauptsache Ausarbeitungen von Vorträgen, die im November 2015 im Rahmen des vom Zentrum für interdisziplinäre Forschung an der Uni Bielefeld veranstalteten Symposiums ‚Sozialwissenschaftliche Perspektiven der Fußballfanforschung‘ gehalten wurden. Eingang gefunden haben zusätzlich weitere Beiträge von Teilnehmenden. Es handelt sich gleichzeitig um die erste Veröffentlichung der neu geschaffenen Reihe ‚Sportfans im Blickpunkt sozialwissenschaftlicher Forschung‘. Der Band tritt in diesem Sinne auch mit dem Anspruch an, die – theoretische und empirische – Sammlung einer hierzulande recht kleinen Subdisziplin voranzubringen, die zwischen Sozialwissenschaft, Kulturforschung und pädagogischer Praxis beheimatet ist.

Aufbau und Inhalte

Gegliedert ist der Band in zwei große, etwa gleichgewichtete Teile.

  1. Im ersten Teil werden, verteilt auf fünf Beiträge, sowohl theoretische und methodische Aspekte der Forschung zu Fußballfans behandelt als auch generelle Kartierungen des Feldes vorgenommen und einzelne Phänomene diskutiert.
  2. Der zweite Abschnitt versammelt, in selber Zahl, Beiträge, die sich in eigener Empirie gründend unterschiedlichen Einzelaspekten des Themas widmen und zugleich den Anspruch beinhalten, interdisziplinäre Anknüpfungspunkte für die weitere Diskussion und Forschung aufzuzeigen.

Eingeleitet von einer Hinführung der Herausgeber/innen auf das Thema schließen sich im ersten Teil des Bandes verschiedene theoretische und method(olog)ische Beiträge an.

Zunächst widmen sich Richard Guilianotti und Andreas Grau den Paradigmen und Entwicklungslinien der Fußballfanforschung in Großbritannien, die hier aufgrund ihrer Dichte und Tradition als zentraler internationaler Referenzrahmen ausgewiesen wird.

Daran anschließend systematisiert Jochem Kotthaus die diskursiven Stränge und Schwerpunktsetzungen hiesiger Forschung. Geleistet wird an dieser Stelle dann auch eine notwendige Klärung des ‚Gegenstandes‘ der Forschung, also des „Fans“ in seinen unterschiedlichen Erscheinungen.

Im Folgenden erörtern Andreas Grau und Martin Winands spezifische methodische und methodologische Herausforderungen für (quantitative und qualitative) Forschung im Feld, während Holger Schmidt Forschungsperspektiven und -erträge aus Sicht der praktisch mit Fans befassten Sozialen Arbeit darstellt.

Abgeschlossen wird der erste Teil von einem weiteren Beitrag von Jochem Kotthaus, in dem die Anwendbarkeit des Szene-Konzepts auf das ‚Ultra‘-Phänomen diskutiert wird.

Der zweite Teil nimmt seinen Einstieg mit einem Beitrag, in dem Alexander Leistner am Beispiel einer Ultra-Gruppierung Gewalt als Interaktionsgeschehen in ihrer situationalen Logik rekonstruiert.

Ihm folgt eine Darstellung von Thomas Praßer zu Möglichkeiten und Erfahrungen der Gestaltung von (gewaltpräventiv ausgerichteten) Projekten pädagogischer Praxis mit Fans.

Judith von der Heyde widmet sich aus einer ethnografischen Perspektive am Beispiel des Urinierens geschlechterbezogenen Praxen in der Ultra-Szene.

Lars Riedl und Marco Giesselmann analysieren aus organisationssoziologischer Perspektive Möglichkeiten und Modi der Partizipation von Fans in Vereinskontexten.

Abschließend widmen sich Stephanie Moldenhauer und Hendrik Scherer am Beispiel des individuellen Umgangs mit Stadionverboten den Verknüpfungen zwischen der Sonderwelt Arena und der Alltagswelt der Fans.

Diskussion

Ausgangspunkt der Veröffentlichung ist die kritische Feststellung, dass trotz durchaus vorhandener gehaltvoller empirischer und theoretischer Arbeiten eine „befriedigende disziplinäre und institutionelle Qualität“ der Forschung (hierzulande) bislang nicht erreicht wurde. Die Behauptung hat nicht nur eine gewisse Stärke, sie ist hier auch folgenreich. Schließlich muss sich an ihr der eigene Versuch messen lassen, auch wenn ausdrücklich bescheiden darauf abgezielt wird, die Impulsgeberschaft der Fußballfanforschung über das eigene kleine Feld hinaus „in Ansätzen“ zu vergrößern.

Das Urteil fällt etwas gemischt aus. Dies hat zunächst weniger mit der Frage zu tun, ob der Band ein umfassendes Bild relevanter Themen und Perspektiven entwirft als mit der Frage der Explikation von Relevanzzumessungen und Kriterien, nach denen Themenauswahl und Zuschnitte der einzelnen Beiträge erfolgt sind. Wie häufig bei Sammelbänden: eine ausführliche inhaltliche Hinführung (die hier nur eine Seite umfasst) und ein Resümee hätten näher Auskunft darüber geben und auch Perspektiven für weitere Forschung zumindest benennen können. So bleibt es dem Leser und der Leserin überlassen, die Beiträge zu gewichten, in ihren Zusammenhängen und Adressierungen einzuordnen.

Positiv hervorzuheben sind dabei die beiden Beiträge von Jochem Kotthaus im ersten Teil, in denen zum einen Ansatzpunkte der Forschung dargestellt und einige Lücken identifiziert werden, zum anderen auf sehr instruktive Weise das weithin populäre Szene-Konzept auf die Ultras Anwendung findet. Diskutiert wird dabei nicht nur der ‚Aggregatzustand‘ dieser besonderen Gruppierung; es werden auch – Stichwort Impulssetzung für die (Jugend)Forschung jenseits von Fußballfans – Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des Konzepts aufgezeigt. Ebenfalls auf ihre Weise instruktiv, aber dann doch ausschließlich auf Fußballfanforschung abzielend sind die Beiträge zu empirischen Zugängen. Dabei bietet der erste Beitrag vor allem forscherischen Neueinsteiger/innen Perspektiven, während der zweite – was tatsächlich auch sinnvoll erscheint – das Feld der Sozialen Arbeit adressiert, um ihr gegenüber Notwendigkeiten und Potenziale von Forschung transparent zu machen.

Eine gewisse Herausforderung stellt die Verbindung zwischen diesen Beiträgen und den empirisch angelegten Beiträgen des zweiten Teils dar. Sie nehmen insgesamt weniger auf systematische Weise aufgemachte Linien des ersten Teils auf, sondern fungieren mehr als Schlaglichter. Dabei wird einerseits deutlich, wie breit das Forschungsfeld insgesamt ist (oder sein kann). Es wird aber andererseits auch erkennbar, dass in Teilen bereits dichte Forschungsstände existieren, an denen hier mit spezifizierteren Fragestellungen angesetzt werden kann – wie bei Leistners Beitrag zur Situativität von Gewaltsituationen –, während man in anderen Fragen eher am Anfang zu stehen scheint. Beiträge wie jener zum Umgang mit Stadionverboten eröffnen hier eine wertvolle, über den ‚Lernort‘ und ‚Tatort‘ Stadion hinausweisende Perspektive. Andere Beiträge, wie jener zu weiblicher Geschlechterpraxis und zur partizipatorischen Einbindung von Fußballfans sind für sich genommen aufschlussreich und im Fall der Abhandlung über das Urinieren auch originell. Hier drängt sich aber zumindest dem Rezensenten doch die Frage nach den Kontextualisierungen und den bereits bestehenden empirischen Befunden auf.

Damit besteht ein zentraler Ertrag des Bandes neben der exemplarischen Darstellung des Feldes auch darin, dass beim Lesen eine ganze Reihe weiterer Perspektiven in den Sinn kommt. Man kann im Kontext der Bewerkstelligung von Geschlecht zum Beispiel fragen, was es bedeutet, dass sich in den vereinsbezogenen Umsorgungspraxen der zumeist männlichen Ultras starke Momente ‚weiblicher‘ Reproduktionsarbeit finden. Man kann im Kontext von Umschichtungsprozessen des Publikums und Kommerzialisierungsprozessen des Geschehens nach einer Neubestimmung von Konflikten fragen, aber auch den Desertionen nachgehen, in deren Ergebnis organisierte Fans in Anknüpfung an die Idee des ‚echten‘ Fußballs eigene Vereine gründen und sich damit in neuen Rollen wiederfinden. Auch die Bedeutung von Alltagspraxen verdient sicherlich (weitergehende) Betrachtungen. Kurzum: Wenn ein Band einige Lücken schließt und daneben – wie angezielt auch immer – zum Nachdenken über weitere Perspektiven animiert, dann kann man wohl festhalten, dass das Ansinnen „im Ansatz“ gelungen ist und weitere Veröffentlichungen der gegründeten Reihe diese oder andere Fäden aufnehmen können.

Fazit

Der Band versammelt Beiträge zu unterschiedlichen Fragestellungen und Themen der Fußballfanforschung und adressiert dabei unterschiedliche Leser/innen. Einige Beiträge vermitteln einen allgemeinen Überblick, im Gros werden jedoch spezifiziertere Fragen behandelt und Ergebnisse empirischer Untersuchungen zu Teilaspekten präsentiert. Diese sind mal für Praktiker/innen, in der Mehrzahl aber für Forschende relevant, wobei ein größerer Teil vor allem Neueinsteiger/innen ins Feld berühren dürfte. Leider etwas unterbelichtet bleiben die großen perspektivischen Linien dieses Forschungszweiges, an denen sich die Potenziale dieser Forschung und ihrer Anbindung an andere Felder sichtbarmachen ließen.


Rezensent
Dr. rer. pol. Nils Schuhmacher
Wiss. Mitarbeiter Universität, Hamburg Kriminologische Sozailforschung
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Zitiervorschlag
Nils Schuhmacher. Rezension vom 15.08.2017 zu: Andreas Grau, Judith Heyde, Jochem Kotthaus, Holger Schmidt, Martin Winands (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Perspektiven der Fußballfanforschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3437-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22425.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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