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Rainer Göckler: Beschäftigungs­orientiertes Fallmanagement

Cover Rainer Göckler: Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement. Betreuung und Vermittlung in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) ; Case-Management in der Praxis ; [aktuelle Erkenntnisse zum Stand der Umsetzung]. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2015. 5., aktualisierte Auflage. 336 Seiten. ISBN 978-3-8029-7532-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema und Zielsetzung

Ziel des Autors ist es, Kenntnisse und Errungenschaften des modernen Case Managements für die Arbeitsvermittlung von Langzeitarbeitslosen gemäß SGB II nutzbar zu machen und dem Leser somit eine informative Anwendungsorientierung an die Hand zu geben. Dabei beschreibt und versteht der Autor die seit 2005 bestehenden Änderungen der Sozialgesetzbücher II und XII bzw. die Integration von Leistungen zur sozialen Existenzsicherung und von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben als „Chance für einen Neuanfang“.

Autor

Prof. Dr. phil. Rainer Göckler ist seit 2010 Professor für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart an der Fakultät für Sozialwesen. Zuvor war er Professor für Integrationsmanagement an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) in Mannheim. Er ist Dipl.-Verwaltungswirt und hat das Staatsexamen für das Lehramt der Sekundarstufe II absolviert. Darüber hinaus hat er sich als Weiterbildungstrainer der Deutschen Gesellschaft für Case und Care-Management (DGCC) qualifiziert und ist Coach und Supervisor. Darüber hinaus hat er diverse Drittmittelprojekte durchgeführt und zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze, Buchbeiträge und Bücher publiziert.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt für die vorliegende 5. Auflage des Buches ist die Veränderung in der Sozialgesetzgebung, die mit den HARTZ-Gesetzen in den Jahren 2002 bis 2005 die Bundesagentur für Arbeit und die Prozesse in ihr sowie die Leistungsgewährung von Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben sowie zur sozialen Existenzsicherung revolutionierte. Diese Umwälzungsprozesse beschwerten den Bundesbürgern sowie den leistungserbringenden Stellen u.a. (HARTZ-IV seit dem 01.01.2005) eine Integration zweier bis dahin (unvollständig) getrennter Leistungsbereiche: Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und Leistungen zur sozialen Existenzsicherung. Diese Umwälzungsprozesse wiederum sind der Zündfunke für das Buch von Rainer Göckler, wobei v.a. die sukzessive Umsetzung innerhalb der Bundesagentur für Arbeit sowie die Effekte für den Betreuungskreis die unterschiedlichen Auflagen bedingen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor beginnt sein Werk mit einer Schnellübersicht über die Kapitel gefolgt vom eigentlichen Inhaltsverzeichnis, was dem Leser bereits beim Aufschlagen des Buches eine sehr gute Übersicht ermöglicht.

Rainer Göckler beginnt das Buch dann einem Vorwort, über die „Chance für einen Neuanfang“, womit er auf die HARTZ-Gesetzgebung referiert und diese kurz anreißt.

Nach einem Abkürzungsverzeichnis beginnt der Autor dann mit Ausführungen über „Fallmanagement: Ein neuer Weg in die Beschäftigungsförderung“. Dieses Kapitel unterteilt er in drei Unterkapitel, die den Begriff das Case Managements erörtern sowie den Leser in historische Aspekte des Case Managements einführen und ihn über „Chancen und Risiken für ein Fallmanagement in der Beschäftigungsförderung der Grundsicherung“ aufklären. Dabei versäumt er nicht, die internationale Case Management Society of America (CMSA) und einige ihrer Protagonisten zu erwähnen, um dann die Entwicklung des Case Managements nachzuzeichnen, die er auf das 19. Jahrhundert zurückführt und dabei auf die Herkunft aus den Sozial- und Gesundheitswissenschaften bzw. den Humandiensten hinweist. Schließlich führt Göckler den Leser in die erfolgversprechenden Möglichkeiten des Case Managements im Bereich des SGB II ein, versäumt aber keineswegs, auch die Nachteile aufzuzeigen. Auch gibt er an, dass es nach ca. zehnjähriger Erfahrung mit dem Case Management im SGB II noch zu früh sein, um ein Fazit zu ziehen.

Das dritte Kapitel widmet sich drei Aspekten, die untrennbar miteinander verknüpft sind: „Armut – Arbeitslosigkeit – Armut“. Hier beginnt der Autor mit Ausführungen über die Dynamik des Arbeitsmarktes, erläutert den Begriff des „Creaming“ (als Ausleseprozess im Beschäftigungsbereich), um dann die aktuelle Arbeitsmarktsituation kurz und selektiv sowie nachvollziehbar darzustellen. Dabei führt er den Leser in einige Studien ein. „Fördern und Fordern“ ist schließlich das Thema des nächsten Unterkapitels, in dem Rainer Göckler auf die notwendige Verknüpfung beider Aspekte sowie auf ihr notwendig einzuhaltendes Gleichgewicht hinweist. „Widersprüche im Aktivierungsparadigma“ lässt er im nächsten Unterkapitel nicht unerwähnt und führt dabei verschiedene Aspekte und Zusammenhänge wie das Phänomen der „Working Poor“ und atypische Beschäftigungsformen (v.a. Leih- und Zeitarbeit). Im nächsten Unterkapitel kommt der Autor dann auf den Zusammenhang zwischen „Arbeitslosigkeit und Armut“ zu sprechen. Hier argumentiert er erneut auf der Basis zahlreicher Studiendaten und untermauert den o.g. Zusammenhang. „Armutsfolgen“ sowie „Individuelle Folgen der Arbeitslosigkeit“ stehen im Fokus der letzten beiden Unterkapitel des dritten Kapitels, wobei er auf die zunehmende Armutsproblematik eingeht und die Folgen für Betroffenen selbst sowie deren Bedarfsgemeinschaften darstellt und auch die Problematik der mitbetroffenen Kinder nicht ausspart.

Das vierte Kapitel steht im Zeihen der „Erwartungen an ein beschäftigungsorientiertes Fallmanagement“. Hier führt der Autor mit Ausführungen über das Scheitern vermittlungsorientierter Bemühungen ein stellt in jedem der folgenden Unterkapitel den zentralen Aspekt grau hinterlegt und somit graphisch pointiert dar. Für den umfassenden Integrationsauftrag bedürfe es eines hohen Personalaufwandes, der selbst wiederum Kosten verursache, die allerdings dem hohen Koordinationsaufwand geschuldet seien und mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer erfolgreichen Arbeitsmarktintegration führen würden. Notwendigkeit sei der hohe Koordinierungsaufwand für eine „Lokale und überregionale Vernetzung“. Darüber hinaus solle Case Management auch „Beschäftigung außerhalb der klassischen Erwerbsarbeit erschließen“, so Göckler, womit er auf den Non-Profit-Sektor referiert und die Expansion des Letzteren darstellt. „A und O“ sei das „Durchbrechen verfestigter Arbeitslosigkeit“. Dies berge die Hauptgefahr in der Erwerbsbiographie. Schließlich führt Rainer Göckler in den gesellschaftlich herausfordernden Diskurs über nicht ausreichende Arbeitseinkommen zur Sicherung des Lebensunterhaltes ein. Als letzten Punkt beschreibt er die Einführung des Case Managements als Herausforderung für die „Reformfähigkeit des öffentlichen Dienstes“.

Mit Kapitel 5 widmet sich der Autor nun dem „Beschäftigungsorientierten Fallmanagement im Kontext von SGB II“, definiert dieses nun und stellt die Neuerungen gegenüber der „herkömmlichen“ Arbeitsvermittlung heraus. In diesem Kontext macht er u.a. auf die verbesserte Betreuungsrelation sowie auf den Aspekt der Arbeitsmarktintegration als hoch relevanten Teil der Sozialintegration aufmerksam. Darüber hinaus macht Rainer Göckler darauf aufmerksam, das beschäftigungsorientiertes Case Management letztendlich keine gesetzliche „Vorschrift“ darstellt, sondern die Ausprägung der im SGB verankerten Formulierung des sog. „persönlichen Ansprechpartners“ darstellt. Er schildert die Zugangsdefinition genauso wie die Neuerung eines ganzheitlichen Fallverständnisses, die notwendige Vernetzung der Case Manager/ persönlichen Ansprechpartner und deren Budgetverantwortung, um dann auf die unterschiedlichen möglichen Rollen der Case Manager einzugehen (Systemagent, Kundenanwalt, Versorgungsmanager). Bevor Rainer Göckler ab Kap. 6 die einzelnen Phasen des Case Managements genau erörtert, führt er diese Phasen vorab am Ende des Kap. 5 ein.

Somit widmet sich das sechste Kapitel der ersten Phase des Case Managements, dem „Fallzugang und Einstiegsberatung“. Hier definiert er genau die Zugangskriterien zur Fallübernahme im Jobcenter und beschreibt auch die mittlerweile weitgehend verlassene Möglichkeit des Fallmanagements durch Dritte, die nur bei besonderen und ausreichend großen Gruppen nach wie vor durchgeführt wird. Darüber hinaus wird die Einstiegsberatung mit ihrer besonderen Situation einer noch brüchigen Bindung zwischen Kunde und persönlichem Ansprechpartner genauer beleuchtet. Abgeschlossen wird das Kapitel durch Checklisten der Zugangssteuerung und Einstiegsberatung.

Als konsequent folgendes Kapitel widmet der Autor sich im siebten Kapitel der zweiten Phase des Case Management, dem „Assessment“ und weist hier auf die Anwendung von Checklisten, Dokumentenanalysen und Interviews hin, die die je individuelle Lage der Kunden darstellen bzw. ggf. durch Netzwerkkarten visualisieren. Auch weist Göckler auf die möglicherweise Notwendigkeit eines Re-Assessments hin und beendet auch dieses Kapitel mit Checklisten.

Die „Integrationsplanung und Eingliederungsvereinbarung“ stehen im Fokus des achten Kapitels. Hier wird das juristisch verbriefte Kernstück, die Eingliederungsvereinbarung und die dabei zu beachtenden Kriterien verdeutlicht (SMART-Kriterien). Dabei referiert Göckler mehrfach auf Beispiele von Schuldner- oder Suchtberatung, die Teil der Integrationsplanung und der Eingliederungsvereinbarung sein können. Insbesondere weist er auf den rechtlich bindenden Charakter (für beide, Case Manager und Kunde) der Eingliederungsvereinbarung hin und weist bei dieser Gelegenheit deutlich auf die umstrittenen (einseitigen) Sanktionsmaßnahmen hin. Auch dieses Kapitel wird wiederum durch Checklisten abgerundet und abgeschlossen.

Interne Leistungserbringung und Schnittstellen“ stehen im Zentrum des neunten Kapitels, womit der Autor (erneut) die Aufmerksamkeit für ein ausgiebiges Networking des Lesers schärft, wobei der Case Manager zwar die „Fäden in der Hand hält“, die zu erbringenden Leistungen allerdings an Netzwerkpartner vergibt bzw. auf Grund nicht ausreichender eigener Expertise und Zeitrahmen vergeben muss (z.B. Sucht- und Schuldnerberatung, etc.).

Die Netzwerkarbeit spitzt Göckler im zehnten Kapitel zu und widmet sich hier explizit bestimmten Netzwerkpartner zu wie z.B. Suchtberatungsstellen, Schuldnerberatung, psychosozial tätige Einrichtungen/ Institutionen. Beiden Kapitel widmet der Autor viel Raum und weist auf ihre entscheidende Relevanz hin.

Das elfte Kapitel stellt die Beendigung des Case Managements dar und zeichnet die stattgehabten Case Management Prozesse nach und weist darauf hin, dass das Case Management keineswegs mit der erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt beendet ist und auch für eine gewisse Zeit weiter geführt werden kann, wenn es die besonderen Umstände des jeweiligen Kunden benötigen.

Schließlich wechselt Rainer Göckler im letzten, elften Kapitel auf die „Metaebene“ des Case Managements und beschreibt hier die „Wirksamkeit und Controlling“ bzw. die Meso- und Makrosteuerung. Hier wechselt der Autor daher in den Bereich des Care Managements.

Nach dem letzten Kapitel schließt sich ein ausführliches Literaturverzeichnis an, das von einem Stichwortverzeichnis gefolgt wird.

Zielgruppe

Die Zielgruppe erschließt sich bereits durch die eng umgrenzte Thematik des Buches. So ist es v.a. für Personenkreise geschrieben und interessant, die im Bereich des SGB II der Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitssuchende berufstätig sind.

Diskussion und Fazit

Das Buch erläutert den Prozess des beschäftigungsorientierten Fallmanagements in der Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitssuchende und die damit stattgehabte Verknüpfung von sozialer Sicherung und Arbeitsmarktintegration; somit wird hier ein sehr sensibler und umstrittener Bereich auf einer enorm breiten Datenbasis diverser nationaler sowie internationaler Studien behutsam und mit seinen Vor- und Nachteilen ausgewogen. Dabei geht Rainer Göckler auch „unbequemen“ Aspekten nicht aus dem Weg.

Auch die fünfte Auflage des Buches über das beschäftigungsorientierte Fallmanagement von Rainer Göckler ist damit ein äußert präzises und übersichtliches Werk, das dem Leser sowohl einen guten Einstig aber auch bereits eine Vertiefung in die Thematik liefert.

Wenn manch ein potentieller Leser auch die drastischen Umwälzungen im SGB II und somit die Verknüpfung der Gewährung von Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts an die Mitwirkungspflicht in die Integration in den Arbeitsmarkt per se ablehnen mag, so sollte das Buch von Rainer Göckler keineswegs abgelehnt werden, denn es schildert basierend auf zahlreichen objektiven, wissenschaftliche Quellen die Aspekte rund um das beschäftigungsorientierte Fallmanagement und widmet sich auch den Vor- und Nachteilen der Debatte um das „neue“ SGB II. Nicht unerwähnt lassen sollte man lediglich, dass der Autor die Umwälzungsprozesse und auch die Anwendung des Case Managementansatzes in der Beschäftigungsförderung als „Chance“ sieht.


Rezensent
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 01.03.2017 zu: Rainer Göckler: Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement. Betreuung und Vermittlung in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) ; Case-Management in der Praxis ; [aktuelle Erkenntnisse zum Stand der Umsetzung]. Walhalla Fachverlag (Berlin) 2015. 5., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-8029-7532-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22429.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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