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Florian Preßmar: Silver Surfer - Förderung der Medienkompetenz von Senioren

Cover Florian Preßmar: Silver Surfer - Förderung der Medienkompetenz von Senioren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 459 Seiten. ISBN 978-3-7799-3454-7. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Bei der Publikation von Florian Preßmar (vgl. den Ausschnitt auf der Verlagshomepage) handelt es sich um sein Promotionsvorhaben, das er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, unter Betreuung von Prof. Stefan Aufeinander und Jun.-Prof. Jasmin Bastian, abgeschlossen hat.

Autor und Entstehungshintergrund

Im Rahmen seiner Tätigkeiten in der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz hat der Autor ein Projekt für Senioren – eine Seminarreihe zur Förderung der Medienkompetenzen – entworfen, durchgeführt und evaluiert. Die daraus entstandenen Erfahrungen und Ergebnisse flossen in seine Promotion ein und gaben somit die Grundlage für die Veröffentlichung.

Aufbau

Die Leser finden das Thema in drei Blöcken vorgestellt:

  1. Im ersten Teil werden die theoretischen Überlegungen hinsichtlich der Medienkompetenz als auch der aktuelle Status Quo der Mediennutzung von Senioren besprochen;
  2. im zeiten Teil wird an das durchgeführte Projekt, ein Weiterbildungsprogramm für Senioren Silver Surfer – Sicher online im Alter näher eingegangen;
  3. der dritte Teil wird der Evaluation, der Auswertung und einer Zusammenfassung erreichter Leitziele gewidmet

Auf der Verlagshomepage finde sich das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Unter Beachtung der Determinanten des Alters und mehrerer Studien über die Mediennutzung von Senioren, darunter der Langzeitstudien von ARD/ZDF, weißt Florian Preßmar auf die Tatsache hin, dass ältere Onliner bezeichnend heterogen sind. Diese Heterogenität hängt von

„ihrem Wissen hinsichtlich des Computers und des Internets, ihrer persönlichen Ressourcen wie Rentenhöhe, Bildungsgrad, Geschlecht und Ausstattung mit Informations- und Kommunikationstechnologien, sowie ihren sozialen Ressourcen (Familie, Freude, Bekannte etc.)“ (S. 123), ab. Dies führt dazu, dass die Lebenswelten von Senioren signifikant individuell sind. In Hinblick auf die Förderung von Lebensqualität im Alter schlägt der Auto vor, die vorhandenen Fähigkeiten von Senioren zu stärken und zugleich die Unterschiede zu berücksichtigen. Der gegenwärtige Umgang mit Computer und Internet soll nach Preßmar in eine allgemeine Medienkompetenz integriert werden und aufgrund adäquater theoretischer Überlegungen aufgebaut werden. Dafür setzt er sich mit dem Begriff der Medienkompetenz auseinander.

Zwei grundlegende Konzepte – nach Dieter Baacke und Norbert Groeben- werden zugezogen und miteinander verglichen. Da im Konzept von Groeben die emotionalen, motivatonalen und sozialen Aspekte stärker im Vordergrund stehen als bei Baacke und darüber hinaus in jenem Entwurf eine anwendungsbezogene Prozessperspektive vorkommt, entscheidet sich Preßmar für dieses Denkmodell. Infolgedessen entwirft er eine Struktur zur Förderung von Medienkompetenzen für Senioren, die die sieben Dimensionen der Medienkompetenz nach Groeben aufgreift (S. 176-180).

Die so theoretisch fundierte Struktur wird anschließend detailliert herausgearbeitet und in Form einer Seminarreihe dargelegt. Hier erfahren die Leser, wie das Pilotprojekt, das 2010 bis 2012 stattfand, aufgebaut wurde, wie die Lernziele formuliert und umgesetzt wurden. Wobei hier nicht nur die Lerninhalte, sondern ebenfalls notwendige organisatorische und strukturelle Elemente berücksichtig wurden, wie z.B. die Interessen der beteiligten Organisationen und Kooperationspartnern.

Im Rahmen der Auswertung wurden sowohl die Seminarsitzungen als auch die dafür entworfenen Lernmaterialien auf ihre Wirksamkeit und Zufriedenheit der Teilnehmer evaluiert. Insgesamt resümiert der Autor, dass das Bildungsprogramm mit einem sehr positiven Fazit abgeschlossen wurde. Die Indikatoren, wie z.B. eine große Nachfrage; die Tatsache, dass sich im Verlauf des Projekt weitere Kooperationspartner angeschlossen haben und dass nachweislich neue Medienkompetenzen erworbenen wurden, deuten darauf hin.

Die Ergebnisse des Pilotprojekts werden wie folgt zusammenfasst:

  1. dass die Teilnehmer ein in Bezug auf die Medien Computer und Internet stark ausdifferenziertes Nutzungspro?l aufwiesen und die Anzahl genutzter Anwendungen in den Bedürfnisbereichen Information, Kommunikation, Unterhaltung und Präsentation nicht unmittelbar mit dem tatsächlichen Lebensalter zusammenhängen, wenngleich ein geringerer Anteil von Menschen in höheren Lebensjahren im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen in den Seminaren vertreten waren;
  2. dass sich die Nutzung von Internetdiensten und deren jeweilige Intensität in Bezug auf die Geschlechter unterschieden. Ältere Männer wiesen im Vergleich zu älteren Frauen eine höhere Nutzungsquote auf. Diesbezüglich zeigte sich jedoch, dass Frauen kein Desinteresse an Neuen Medien haben, sondern häu?g mit Unsicherheiten und Ängsten in Bezug auf die Nutzung dieser konfrontiert sind;
  3. dass deutlich mehr formal höher gebildete als formal niedrig gebildete Personen die Seminarreihe besuchten;
  4. dass in Bezug auf Merkmale wie Alter oder Geschlecht nur bedingt Nutzertypen ausformuliert werden konnten. Entscheidender für die tatsächliche Nutzung sowie die hiermit verbundenen Implikationen ist die vorhandene Erfahrung im Umgang mit Computer und Internet (S. 434-435).

Die letzte Beobachtung kann durch weitere Befunde erweitert werden:

  1. dass mit steigender Erfahrung zunehmend mehr Internetanwendungen genutzt wurden;
  2. dass die Einschätzungen bezüglich vorhandener Chancen, Risiken und Ängste gegenüber dem Internet je nach Erfahrungshorizont im Umgang mit PC und Internet stark variierten;
  3. dass die Anzahl der genannten Chancen und Risiken gegenüber dem Internet mit steigendem Grad an Erfahrung zunahm;
  4. dass im Allgemeinen und gruppenübergreifend mehr Chancen als Risiken genannt wurden;
  5. dass mit steigender Interneterfahrung zunehmend mehr Online- und Offline-Hilfequellen genutzt sowie mehr Kontakte gepflegt wurden;
  6. dass für eine exaktere Charakterisierung weitere Forschungsarbeiten notwendig sind (S. 435-436).

Hinsichtlich einer Weiterentwicklung des Pilotprojekts kann man folgende Handlungsempfehlungen aufzeigen:

  1. Einbezug neuer technischer Entwicklungen sollte berücksichtig werden;
  2. Ausbau des Netzwerks und Einbezug neuer Expertisen insbesondere für die Weiterentwicklung von Lernmaterialien sind von besonderer Bedeutung;
  3. Verstetigung der Medienpartnerschaften kann ein erfolgreiche Durchführung positiv beeinflussen;
  4. Schaffung einer Koordinationsstelle trägt zu positiven Evaluationsergebnissen bei;
  5. Unterstützung von Forschungsvorhaben im Bereich der Mediennutzung von Senioren ist notwendig und für die Weiterentwicklung adäquater Bildungsmaßnahmen unverzichtbar;
  6. Niedrigschwelligkeit und Ansprache von bildungsfernen Zielgruppen ist empfehlenswert, da die bisherigen Angebote überwiegend Teilnehmerin hoher oder mittlerer formalen Bildung erreichten;
  7. Ausweitung des Bildungsangebots für jüngere und unerfahrene Zielgruppen hinsichtlich des stetigen medialen Wandels wird in Zukunft in allen Alterskategorien notwendig sein (S. 428-430).

Diskussion und Fazit

Die Veröffentlichung von Florian Preßmar macht deutlich, wie sehr sich die Medienpädagogik in ihrer Geschichte der Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen verschrieben und weitere Zielgruppen aus dem Blick verloren hat. Dies mag seine Berechtigung an der Fokussierung auf die pädagogischen Ziele haben. Die aktuellen wissenschaftlichen Diskurse heben dies auf und weiten die Debatte um Medienkompetenzen im Kontext einer Medienbildung aus. Im Zuge dieser Überlegungen – Förderung von Lebensqualitäten statt Erziehung, Bildung statt Pädagogik, lebenslanges Lernen statt Kompetenzen für schulische und berufliche Bildung – gewinnt das Pilotprojekt von Florian Preßmar an Bedeutung. Da der Autor eine fundierte theoretische Grundlage für seinen Entwurf einer Bildungsmaßnahme vorgelegt hat und des Weiteren ein fundiertes Instrument einer Projektevaluation dargestellt hat, kann seine Arbeit als Musterdrehbuch für alle anderen Medienbildungsmaßnahmen dienen. Seine Handlungsempfehlungen für eine Weiterführung seines Projekts haben darüber hinaus einen allgemeinen Wert und können auf alle komplexen Bildungsangebote zur Förderung der Medienkompetenz übertragen werden. Die Forschungsbefunde hinsichtlich der Mediennutzung von Senioren schließen eine wichtige Lücke in der Medienforschung und können auch als ein Appell für die wissenschaftliche Fortführung verstanden werden. Ein aktueller Stand der Bildungsmaßnahme kann unter www.silversurfer-rlp.de/ abgerufen werden. Es zeigt sich noch einmal, dass eine fundierte theoretische Vorbereitung --sowohl in Blick auf die Lerngrundlagen, die Teilnehmer als auch auf ein Projekt Know How – zu exzellenter Praxis führt. In diesem Sinne ist die Veröffentlichung „Silver Surfer – Förderung der Medienkompetenz von Senioren“ nicht nur allen Medienbildungsreferenten zu empfehlen, sonder auch Entscheidungsträgern, wie den Landesanstalten, Volkshochschulen oder lokalen Politikern, sich mehr für Medienbildungsprojekte für Senioren einzusetzen.


Rezensentin
Prof. Dr. Anna Zembala
Homepage www.katho-nrw.de/koeln/studium-lehre/lehrende/haupt ...
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Zitiervorschlag
Anna Zembala. Rezension vom 04.10.2017 zu: Florian Preßmar: Silver Surfer - Förderung der Medienkompetenz von Senioren. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3454-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22435.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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