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Hanna Rettig, Julia Schröder u.a.: Das Handeln von Familienhebammen

Cover Hanna Rettig, Julia Schröder, Maren Zeller: Das Handeln von Familienhebammen. Entgrenzen, abgrenzen, begrenzen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 162 Seiten. ISBN 978-3-7799-3398-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Die ethnografische Studie „Das Handeln von Familienhebammen. Entgrenzen, abgrenzen, begrenzen“ beschäftigt sich mit einem neu entstandenen Berufsbild, dem der Familienhebamme. Dabei geht es nicht um konzeptionelle Überlegungen, sondern das konkrete Handeln der Familienhebammen wird in den Blick genommen.

Autorinnen

Hanna Rettig und Julia Schröder sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim, Maren Zeller ist Juniorprofessorin für Sozialpädagogik an der Universität Trier.

Entstehungshintergrund

Familienhebammen arbeiten im Rahmen der Frühen Hilfen, die präventive Maßnahmen zum Schutze von Säuglingen und Kleinkindern umfassen. Sie haben zusätzlich zur Berufszulassung als Hebamme eine Qualifikation im psychosozialen Bereich. Neben den im Sozialgesetzbuch V verankerten Leistungen bei Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit, die alle Hebammen erbringen, begleiten sie Familien in besonderen Belastungssituationen für einen längeren Zeitraum (bis zu einem Jahr). Dabei wird ihnen eine Brückenfunktion zwischen der Gesundheitsversorgung und der Kinder- und Jugendhilfe zugeschrieben. Hebammenhilfe, die grundsätzlich allen Familien zusteht, gilt als weniger stigmatisierend als Maßnahmen der Jugendhilfe.

Die Erweiterung der Tätigkeit von der allgemein gesundheitsförderlichen Hebammenhilfe um den präventiven Kinderschutz wirft allerdings Fragen auf, die die Studie von Rettig, Schröder und Zeller zu beantworten sucht: Was ist die konkrete Tätigkeit von Familienhebammen und können sie tatsächlich die Lösung für ungelöste sozialpädagogische Probleme bieten?

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Bandes folgt der üblichen Struktur wissenschaftlicher Arbeiten: nach einer Hinführung zur Fragestellung und einem Methodenteil folgen die Ergebnisdarstellung und eine abschließende Diskussion.

Die Autorinnen fassen in der kurzen Einführung die Rahmenbedingungen der Tätigkeit von Familienhebammen zusammen und sie umreißen den noch begrenzten Forschungsstand. Trotz des positiven Bildes von der Wirksamkeit der Angebote von Familienhebammen, verweisen sie auf den oben angedeuteten Widerspruch zwischen einem allgemeinen gesundheitsbezogenen Angebot von Hebammen und dem zielgruppenspezifischen, stärker sozialpädagogisch ausgerichteten Angebot von Familienhebammen und leiten vor hier aus ihre Fragestellungen her.

Das zweite Kapitel stellt die Vorgehensweise der Forscherinnen dar. Insbesondere die „Wege ins Feld“ werden hier reflektiert; Feldzugang, Positionierung der Forscherinnen im Feld, Erhebungs- und Auswertungsmethoden werden dargestellt. Über unterschiedliche Zugänge konnten die Autorinnen 17 Familienhebammen für ein berufsbiografisches Interview gewinnen. Vier Familienhebammen ermöglichten auch die Begleitung im Feld, so dass 32 Besuche bei Klient_innen beobachtet sowie Protokolle von Vor- und Nachgesprächen mit den Familienhebammen angefertigt werden konnten. Besonders interessant sind die Aussagen, die aus den „begründeten Absagen“ von angefragten Familienhebammen bzw. Gatekeeper_innen über das Feld hergeleitet werden können, dass es nämlich ein Feld „von hohem medialem Interesse“, „mit wenig Zeit und wenig Geld“, „mit Gatekeeperinnen“ und „mit Verunsicherungen im Berufsverband“ sei.

Der umfangreiche Ergebnisteil umfasst fast 100 Seiten. Hier werden in fünf Unterabschnitten verschiedene Aspekte der Tätigkeit von Familienhebammen rekonstruiert. Jeder dieser Unterabschnitte wird durch eine Schlussbetrachtung zusammengefasst und abgeschlossen.

Der erste Abschnitt gibt vor allem die Ergebnisse der berufsbiografischen Interviews wieder. Aus diesem Material wurden drei Motivationstypen rekonstruiert,

  1. diejenigen, die sich zur Hebammen und dann zur Familienhebamme berufen fühlen,
  2. daneben die, die eine Alternative zur aus unterschiedlichen Gründen problematisch gewordenen Hebammentätigkeit suchen,
  3. und schließlich die, die den Hebammenberuf nur als Durchgangsstadium zu genau der Tätigkeit der Familienhebamme verstehen.

Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der Herstellung von Mutterschaft durch das Handeln der Familienhebammen. Familienhebammen beschäftigen sich, so die Autorinnen, abweichend von der Berufsbezeichnung weniger mit der ganzen Familie, sondern vor allem mit den Müttern. Mutterschaft im Arbeitsfeld der Familienhebammen weicht vielfach von gesellschaftlichen Normen ab und, so die Rekonstruktion der Autorinnen, die Familienhebammen beschäftigen sich in unterschiedlichen Handlungsformen mit der Herstellung „guter“ Mutterschaft. Die Rekonstruktion ergibt einen ganzen Strauß an Handlungskategorien und einzelnen Handlungsformen, durch die bei Frauen, die z.B. durch Minderjährigkeit, durch schwierige Lebensumstände oder Behinderung als „deviante“ Mütter gelten, Mutterschaft überhaupt erst ermöglicht, stabilisiert oder unterstützt werden soll. Dabei agieren die Familienhebammen als „Mütterhebammen“, die als problematisch gerahmte Kindsväter eher exkludieren und stattdessen vor allem Großmütter als Ressourcen heranziehen. Familienhebammen konstruieren auf diese Weise ihre Klientel in einer für sie bearbeitbaren Form.

Im dritten Abschnitt wird rekonstruiert, wie Familienhebammen einerseits bemüht sind, Probleme möglichst zeitnah zu lösen und andererseits, wo dies nicht möglich erscheint, zumindest den Kontakt zu den Klient_innen zu sichern. Die entsprechenden Handlungskategorien benennen die Autorinnen mit „den Fall beratschlagen“ sowie „im Fall bleiben“. Auch diesen Kategorien werden einzelne Handlungsformen zugeordnet. Die Logik des Beratschlagens überwiegt, auch wenn vielfach, so die Einschätzung der Autorinnen, die schnellen Lösungen problematisch bleiben. Die Logik des „im Fall bleibens“ diskutieren die Autorinnen als mögliche „Sozialpädagogisierung“ der Familienhebammen.

Der vierte Abschnitt der Ergebnisdarstellung beschäftigt sich mit den Arbeitsbeziehungen, die Familienhebammen „etablieren, gestalten und verweigern“. Die Etablierung einer Arbeitsbeziehung kann u.a. dadurch geschehen, dass bestimmte Aspekte der Tätigkeit der Familienhebamme ausdrücklich anderen Instanzen zugeschrieben werden. So grenzen sich die beobachteten Familienhebammen vom Jugendamt in seiner kontrollierenden Funktion ab. Die Gestaltung der Arbeitsbeziehung changiert zwischen dem „Verselbständigen“ der Klientin durch Loben und Bestätigen und dem „Instruieren“, das die Klientin eher unselbständig versteht. Schließlich rekonstruieren die Autorinnen die Kategorie „Arbeitsbeziehung verweigern“, die allerdings weniger auf dem Handeln der Hebamme als vielmehr auf der Verweigerung durch Klient_innen beruht.

Im letzten Abschnitt des Ergebnisteils wird die Funktion der Familienhebamme als „Lotsin“ problematisiert. Sie muss, so die Autorinnen, die Probleme ihrer Klient_innen gegebenenfalls bestimmten Professionen zuordnen. In welcher Form die Klient_innen andere Instanzen dann in Anspruch nehmen, kann sie vielfältig steuern und kontrollieren. Zugleich bleibt sie „primäre Bezugsperson“ und behält die Kontrolle und die Verantwortung für den „Fall“. Die Adressat_innen sind an formaler Zuständigkeit für bestimmte Fragestellungen nicht unbedingt interessiert, so dass die Familienhebamme in die Position einer „Allverantwortlichkeit“ geraten kann.

Im Schlussteil fassen die Autorinnen die Ergebnisse noch einmal zusammen und stellen Familienhebammen als „Grenzsubjekte“ vor, die jenseits offizieller Konzeptionen des Berufsbildes im Grenzbereich zwischen Gesundheitsversorgung und Kinder- und Jugendhilfe handeln müssen. Die berufliche Motivation der Familienhebammen bedingt dabei ganz unterschiedliche Selbstentwürfe. Die Zuständigkeit vor allem für die Mütter, die Abgrenzung vom „Jugendamt“ als kontrollierender Instanz und Formen der „Allzuständigkeit“ sind Spielarten des Handelns, durch die die strukturelle Ambivalenz des Berufsbildes von den Familienhebammen bewältigt wird.

Diskussion und Fazit

Die Autorinnen nähern sich dem Berufsbild der Familienhebamme von Seiten der Sozialpädagogik und nehmen das Handeln der Familienhebammen kritisch in den Blick. Im Ergebnisteil wird zur Beantwortung der Frage, was das Handeln von Familienhebammen überhaupt sei, das Material ausführlich dargestellt. Die Kategorisierung des beobachteten Handelns ist gut nachvollziehbar und plausibel, es wird sichtbar, was Familienhebammen tun und wie sie es machen.

Die zweite Ausgangsfrage, ob Familienhebammen die Lösung für ungelöste sozialpädagogische Probleme sein können, wird dagegen weniger eindeutig beantwortet. Vor diesem Hintergrund ist der abschließenden Empfehlung, das Feld weiter zu diskutieren anstatt die im Feld Tätigen weiter zu professionalisieren, gut zu folgen.

Fazit: Eine gut nachvollziehbare und sehr lesenswerte Studie, der vor allem in den Reihen von Hebammen und Familienhebammen viele Leserinnen zu wünschen sind.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Dorothea Tegethoff
Master of Health Administration, Diplom-Pädagogin, Hebamme, Ev. Hochschule Berlin, Dualer Bachelorstudiengang Hebammenkunde
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Zitiervorschlag
Dorothea Tegethoff. Rezension vom 07.07.2017 zu: Hanna Rettig, Julia Schröder, Maren Zeller: Das Handeln von Familienhebammen. Entgrenzen, abgrenzen, begrenzen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3398-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22436.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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