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Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen

Cover Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. C.H.Beck Verlag (München) 2017. 596 Seiten. ISBN 978-3-406-70401-7. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Homo Sapiens bevölkert die Erde mit mehr als sieben Milliarden Individuen. Aufgrund der herausragenden Fähigkeiten seines Gehirns, war es der Spezies möglich, die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Dabei nahm sie – gemäß Genesis 1, 28 – eigentlich nie Rücksicht auf ihre Mitgeschöpfe und die Umwelt. Nunmehr jedoch wird die Lage prekär. Die Geister des allgegenwärtigen und blitzschnellen Computeralgorithmus, die er rief, wird er nämlich nicht mehr los. Dem menschlichen Zauberlehrling droht die Lage zu entgleiten. Ob Smartphone, selbstfahrende Autos, Tablet, Facebook, Google, Pflege 4.0, Drohnen, Fitnessarmbänder oder Pflegeroboter, die digitale Technisierung der Arbeits- und Lebenswelt schreitet unablässig voran und ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Dies impliziert wiederum die Frage, welche Zukunft die Gattung Homo Sapiens angesichts dieser erfolgreichen Technik erwartet.

Autor

Yuval Noah Harari ist ein israelischer Historiker. Er promovierte in Oxford und lehrt augenblicklich an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Entstehungshintergrund

Im Jahre 2013 erschien von Harari „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Das Buch wurde weltweit ein Bestseller und ist mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt worden. „Homo Deus“ ist die Fortsetzung. Vor dem Hintergrund, dass Publikationen zu Zukunftsfragen momentan en vogue sind und es sogar jedes Jahr eine „Top Ten Liste der Zukunftsliteratur“i gibt, dürfte sich auch das neueste Werk des Autors ähnlich glänzend verkaufen.

Aufbau

Das Buch ist unterteilt in drei Teile und elf Kapitel. Im Anhang finden sich eine Danksagung, Anmerkungen, Bildnachweis und ein Register. Der Autor verzichtet auf ein Vorwort und eine Einleitung im klassischen Sinne. Diese Funktion übernimmt Kapitel 1 „Die neue menschliche Agenda“.

Zum einleitenden Abschnitt „Die neue menschliche Agenda“

1. Dieser erste Abschnitt umfasst immerhin 92 Seiten (9-101).Die ersten drei Seiten fungieren als Einleitung (9-11). Die Thesen werden klar formuliert: Einerseits sind im 21. Jahrhundert Hunger, Krankheit und Krieg weitestgehend unter Kontrolle gebracht worden (10, 11). Andererseits verfügt die Menschheit dank Bio- und Informationstechnologien über potentielle Machtfaktoren, deren exorbitantes Potenzial momentan überhaupt nicht abschätzbar sind. Dies provoziert die Frage, was die Menschheit mit diesen Technologien anzufangen gedenkt. Bevor der Autor sich dieser Frage widmet, beschreibt er die Welt des frühen 21. Jahrhunderts (11). Hararis Analyse, die stets mit zahlreichen Zahlenbeispielen untermauert wird, ist eindeutig: Das Wissen wächst mit derart halsbrecherischer Geschwindigkeit (84), dass die dadurch erzeugten Veränderungen in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht nicht mehr vorhersehbar sind (85). Zugleich jedoch befindet sich diese Technik in der Hand einer hemmungslos selbstverliebten Spezies (94).

Zum Teil I „Homo sapiens erobert die Welt“

Die Genese dieser Gattung wird sodann in Teil I (99- 210) näher untersucht. Teil I besteht aus zwei Kapiteln, nämlich

  • Das Anthropozän“ ( 101-140) und
  • Der menschliche Funke“ (141-210).

Harari gelangt zu der Erkenntnis, dass Organismen wie Algorithmen funktionieren. Dies umfasse auch ihre Emotionen: „Emotionen sind (…) biochemische Algorithmen, die für das Überleben und für die Reproduktion sämtlicher Säugetiere von entscheidender Bedeutung sind.“ (117) Die Manipulation dieser biochemischen Abläufe gepaart mit einer sich sprunghaft entwickelnden Nanotechnologie wird nach Hararis Ansicht der Menschheit gottgleiche Fähigkeiten bescheren (137). Anders formuliert: Fiktionen, die durch biochemische Signale hervorgerufen werden, können zur wirkungsmächtigsten Kraft auf Erden werden (209).

Zum zweiten Abschnitt „Homo Sapiens gibt der Welt einen Sinn“

Um die Auswirkungen dieser Revolution begreifen zu können, analysiert der Autor in Teil II ( 211 – 376) diese Fiktionen. Der Buchabschnitt ist unterteilt in 4 Kapitel, nämlich

  • Die Geschichtenerzähler“ (213-244),
  • Das seltsame Paar“ (245-272),
  • Der moderne Pakt“ (273-300) und
  • Die humanistische Revolution“ (301-376).

Die Ausführungen in Teil II lesen sich wie ein Parforceritt durch die menschliche Geschichte. Harari verliert in diesem Zusammenhang nie den „roten Faden“. Stets stellt er die Bedeutung des Algorithmus für das Erfolgsmodell Homo Sapiens in Vordergrund. Erst mithilfe des Algorithmus, also der methodischen Abfolge von Schritten, mit deren Hilfe sich Berechnungen anstellen und Probleme lösen und Entscheidungen treffen lassen (220), habe der Mensch den heutigen Zivilisationsgrad erreichen können. In diesem Kontext sei die Erfindung der Schrift von elementarer Bedeutung gewesen (220). In schriftlosen Gesellschaften vollzögen die Menschen sämtliche Denkleistungen im Kopf. In schreibkundigen Gesellschaften hingegen ließe sich arbeitsteilig vorgehen und Netzwerke organisieren. Der Einzelne ist nur ein kleiner Mosaikstein in einem riesigen Algorithmus als Ganzem, der wiederum die Entscheidungen trifft (221). Diese Struktur stellt sicher, dass es keine Rolle spielt, wer letztlich eine Funktion im System ausübt, solange die Regeln und Vorgaben befolgt werden (221). Systeme wie Geld, Staaten, Unternehmen oder aber der Sport sind Fiktionen – Homo sapiens unterwirft sich mithin fiktionalen Systemen (243). Insbesondere Religionen haben sich über die Jahrtausende Fiktionen bedient. Harari zufolge diene dies dazu, eine Ordnung herzustellen (272) sowie eine Gesellschaftsstruktur zu schaffen und aufrechtzuerhalten (272). In die modernen Geschichte sei nunmehr jedoch eine neue Religion getreten, nämlich die des Humanismus (272, 301). Die moderne Gesellschaft glaube an humanistische Dogmen und benutze die Wissenschaft und ihre Errungenschaften, um diesem Gedanken eine universelle Geltung zu verschaffen (272). Im 21. Jahrhundert könnte jedoch dieser moderne Pakt zwischen Wissenschaft und Humanismus aufgegeben werden zugunsten eines neuen Konstrukts. Anstelle des Humanismus trete eine posthumanistische Religion mit ihren Fiktionen.

Zum dritten Teil „Homo sapiens verliert die Kontrolle“

Im dritten Teil des Werkes widmet sich der Autor in vier Kapiteln u.a. der Frage, ob Biotechnologie und künstliche Intelligenz den Humanismus bedrohen könnten und welche Religion an die Stelle des Humanismus treten könne (379).

Bereits im Kapitel „Die Zeitbombe im Labor“ (379) beschreibt Harari anschaulich, welche technischen Hilfsmittel mittlerweile zur Verfügung stehen, um das menschliche Gehirn effektiv zu manipulieren. So können heute Gehirnscanner die Wünsche und Entscheidungen von Menschen vorhersagen, bevor sie sich dieser überhaupt nur bewusst sind (383). Mithin tritt an die Stelle des freien Willens ein Algorithmus, ohne dass sich Homo Sapiens dessen bewusst ist.

Die Konsequenzen würden – folgt man den Ausführungen des Autors im Kapitel „Die große Entkoppelung“ – darin bestehen, dass Homo Sapiens de facto überflüssig wird. Es drohe die Entstehung einer „nutzlosen Klasse“ (430). Diese Menschen werden keiner Beschäftigung mehr nachgehen können und wollen. Sie werden vom Algorithmus in virtuelle 3-D-Scheinwelten expediert (441), die viel mehr Aufregung und emotionale Beteiligung bieten als die trostlose Wirklichkeit (441). Selbst die Ernährung und finanzielle Unterstützung dieser entbehrlichen Massen würde kein wirtschaftliches Problem darstellen (441). Im Gegensatz dazu würde eine neue Elite entstehen (413). Hierbei handele es sich um optimierte Übermenschen (413). Anhand der Google Baseline Study und des Google Fit Programms werde deutlich, wieweit bereits die Technisierung vorangeschritten sei (453). So könne das „perfekte Gesundheitsprofil“ mühelos erstellt werden, wenn eine Vielzahl von Daten in die „Wearables“ wie Kleidungsstücke, Armbänder, Schuhe und Brillen integriert werden und fortwährend Daten liefern (453).

In dem nächsten Kapitel „Der Ozean des Bewusstseins“ gelangt Harari zu der Erkenntnis, dass die Schaffung von Homo Deus – also einem gottgleichen Übermenschen – nur eine Frage der Zeit sei (476). Homo Deus verfüge als ein Mitglied der elitären Klasse neben einigen wesentlichen menschliche Merkmalen über optimierte geistige und körperliche Fähigkeiten. Diese versetzen ihn in die Lage, den Algorithmus zu beherrschen (476). Da Intelligenz sich vom Bewusstsein abgekoppelt und nicht-bewusste Intelligenz sich in halsbrecherischem Tempo entwickelt, müssen Menschen ihren Geist aktiv optimieren, wenn sie im Spiel bleiben wollen (476).

Im letzten Kapitel „Die Datenreligion“ bemängelt Harari, dass es der Politik am Anfang des 21. Jahrhunderts an großen Visionen fehle. Man verwaltet das Land, führt es aber nicht mehr (509). Diese Planlosigkeit, die zu einem Machtvakuum führt, werde daher neue Strukturen generieren. In diesem Zusammenhang sei von entscheidender Bedeutung (511), wer diese Strukturen aufbauen – und mehr noch – kontrollieren wird. Am Ende des Buches gibt Harari dem Leser drei Schlüsselfragen mit auf den Weg (537, 538):

  1. „Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung?
  2. Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein?
  3. Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nicht bewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selber?“

Diskussion

Hararis Gedankenwelt zieht den Leser in seinen Bann. Unklar bleibt, ob der Autor eine zukünftige Utopie oder Dystopie beschreibt. Dies dürfte eine Frage des persönlichen Blickwinkels sein. Tatsache ist, dass angesichts des enormen technologischen Fortschritts, die Gattung Homo Sapiens Furcht überkommt. Diese Beklommenheit lähmt de facto ganze Gesellschaftszweige. Es regiert das „ja .. aber“, im Übrigen nicht nur bei den Politikern.

Natürlich wissen wir alle, dass der Beruf der Altenpflegerin anstrengend, kräftezehrend und schlecht bezahlt ist. Warum sollten wir also nicht einen Pflegeroboter einsetzen, der hilft, Patienten zu heben und zu lagern?ii Warum sollten wir nicht zumindest probeweise selbstfahrenden Autos in Deutschland zulassen, wenn im Jahre 2015 alle 12,5 Sekunden ein polizeilich erfasster Straßenverkehrsunfall passierte?iii

Weil die breite Masse dem Algorithmus nicht traut.

Dabei sind – wie Harari fulminant beschreibt – ganze Gesellschaftszweige mittlerweile von Google, Facebook und Amazon de facto „durchgescannt“. Anhand der personalisierten PC-Werbung ist dies leicht erkennen. Warum greift Homo Sapiens also mit Begeisterung zum Smartphone und zum Fitnessarmband, weigert sich aber zugleich der Altenpflegekraft eine computergestützte Hilfe zuzugestehen?

Folgt man den Überlegungen des Autors, dann ist dies ein Ausdruck unseres biochemischen Belohnungssystems: Der Griff zum Smartphone erfreut das kommunizierende menschliche Sozialwesen. Das Fitnessarmband sendet seinen Datenstrom an die Krankenkasse und lockt bei Wohlverhalten mit Boni aller Art. Das bedeutet im Umkehrschluss: Erst wenn der Pflegekräftemangel weite Bevölkerungsteile erreicht hat, wird der Pflegeroboter Realität werden. Dann könnte es aber für das einzelne Individuum bereits zu spät sein. Big Data hat nämlich in der Zwischenzeit eine Kosten-Nutzenanalyse erstellt, ob sich ein Robotereinsatz am Krankenbett überhaupt lohnt.

Damit offenbart sich auch die Schwachstelle in Hararis Argumentation: Menschliche Verhaltensweisen sind nicht selten von Neid, Missgunst und Hass geprägt. Warum sollten die Leistungsstarken und stets Gesundheitsbewussten das Fehlverhalten ihrer Artgenossen dulden und unterstützen? Warum – zynisch gefragt – sollte man die „nutzlose Klasse“ nicht einfach eliminieren? Künstliche Zeugungen in Kombination mit einem Chromosomenanalyse sind bereits heute technisch problemlos möglich.

Hararis Zukunftsmodell könnte daher auch ganz anders aussehen. Den wahren technischen Fortschritt mit allen medizinischen und persönlichen Annehmlichkeiten sichert sich eine optimierte technikaffine Elite, die beizeiten mutig auf den Zug aufgesprungen ist. Der Rest der Menschheit bleibt auf dem Bahnsteig als aussterbende nutzlose Klasse zurück.

Fazit

Hararis Werk ist uneingeschränkt zu empfehlen, denn Homo Deus ist bereits Realität!

ihttps://jungk-bibliothek.org/2016/12/12/top-ten-2016-der-zukunftsliteratur-ausgewaehlt-von-der-prozukunft-redaktion/ (Zugriff am 13.5.2017).

ii„Roboter bereit zum Einsatz am Pflegebett. Bundesweit fehlen 70.000 Pflegekräfte“, in: Nordsee-Zeitung, 12.5.2017, S. 1; Teufl, Ingrid: So unterstützen Pflege-Roboter den medizinischen Alltag, in: kurier.at, 10.5.2017, https://kurier.at/wissen/so-unterstuetzen-pflege-roboter-den-medizinischen-alltag/262.898.412 (Zugriff am 13.5.2017).

iiihttp://www.dvr.de/betriebe_bg/daten/titel.htm (Zugriff am 13.5.2017).


Rezensentin
Dr. jur. Susanne Benöhr-Laqueur
Rechtsanwältin und Hochschuldozentin (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
Homepage www.sblq.de
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Zitiervorschlag
Susanne Benöhr-Laqueur. Rezension vom 12.06.2017 zu: Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. C.H.Beck Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-406-70401-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22438.php, Datum des Zugriffs 19.09.2017.


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