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Matthias Rosemann, Michael Konrad (Hrsg.): Selbstbestimmtes Wohnen

Cover Matthias Rosemann, Michael Konrad (Hrsg.): Selbstbestimmtes Wohnen. Mobile Unterstützung bei der Lebensführung. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2017. 2., vollständig überarbeitete Auflage. 352 Seiten. ISBN 978-3-88414-655-2. D: 39,95 EUR, A: 41,20 EUR.
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Thema

Die wohnbezogene Unterstützung psychisch erkrankter Menschen wird durch das neue Bundesteilhabegesetz in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einen Wandel erleben. Die Herausgeber tragen den Veränderungen mit einer komplett überarbeiteten Neufassung des Vorgängerbuchs „Handbuch Betreutes Wohnen: Von der Heimversorgung zur ambulanten Unterstützung“ Rechnung und beleuchten mit ihrem neuen Werk, „Selbstbestimmtes Wohnen. Mobile Unterstützung bei der Lebensführung“ diesbezüglich die wohnunterstützenden Hilfen.

Herausgeber

Matthias Rosemann ist Psychologe sowie Soziologe und Autor mehrerer Bücher und einer Vielzahl von Fachartikeln. Er ist Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrischer Verbünde und Vorstandsmitglied der Aktion Psychisch Kranke e.V.

Dr. Michael Konrad ist Diplompsychologe und leitet den Geschäftsbereich Wohnen Ravensburg-Bodensee am ZFP Südwürttemberg. Neben mehreren Buchveröffentlichungen befasst sich Konrad in vielen Aufsätzen u.a. mit dem Betreuten Wohnen in Familien. Er ist u.a. Mitglied im Vorstand des Dachverband Gemeindepsychiatrie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in mehrere Hauptkapitel bzw. -abschnitte. Diese berücksichtigen sowohl Hintergrundinformationen zu Gesetzen, insbesondere zum gerade verabschiedeten Bundesteilhabegesetz, als auch praxisbezogene Aspekte und Erkenntnisse aus der Forschung.

Vorwort
Im Vorwort machen die Autoren deutlich, dass in der Gemeindepsychiatrie aufgrund des neuen Bundesteilhabegesetzes große Umwälzungen bevorstehen, diese aber voraussichtlich auch ihre Zeit benötigen werden. Sie erläutern zudem, warum sie sich entschieden haben, in der zweiten Auflage den Begriff des „Betreuten Wohnens“ nicht mehr im Titel zu verwenden: Die Assistenzleistungen unterliegen nicht mehr der Wohnform-Logik und emanzipieren sich von institutionellen Strukturen.

Rahmenbedingungen
Im ersten Unterkapitel zu den Rahmenbedingungen gehen Michael Konrad und Matthias Rosemann vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention und des Bundesteilhabegesetzes auf die Herausforderungen für die Unterstützung zu einem selbstbestimmten Wohnen ein. Dabei machen die Autoren deutlich, dass ein Paradigmenwechsel stattfindet, der den Blick weg von den Defiziten hin zur Alltagsbewältigung mittels rehabilitativer Angebote lenkt. Gleichzeitig zeigen sie die klininischen und gemeindepsychiatrischen Entwicklungen und Fehlentwicklungen nach der Psychiatrieenquete auf und beschreiben die zu erwartende Auflösung der sogenannten therapeutischen Kette und der Klinikzentrierung. Im folgenden Beschreiben Konrad und Rosemann einzelne Aspekte des umgestalteten SGB IX sowie Zugänge und Voraussetzungen ins Unterstützungssystem.

Es folgen zwei weitere von den Herausgebern verfasste Kapitel zur personenbezogenen Leistungsfinanzierung unter den Bedingungen des BTHG und zu den Schwierigkeiten bei der Trennung von Wohnung und Leistungserbringung. Neben der Trennung von Fachleistung und Unterhaltsleistung (und ihrer teilweisen Einschränkung) gehen die Autoren auf die Problematik der Abgrenzung zwischen Eingliederungshilfe und Pflege ein.

Im von Klaus Wagenfeld verfassten Kapitel wird die bereits in den vorangegangen Kapiteln angerissene Thematik der Pflege im Zusammenhang mit der Reform der Pflegeversicherung und dem Pflegestärkungsgesetz vertieft. Wagenfeld erläutert den neuen Pflegebegriff, die Berechnung der Anfang 2017 eingeführten Pflegegrade und die daraus resultierenden kurzfristigen Verbesserungen und zu erwartenden langfristigen Wirkungen.

Bruno Hemkendreis stellt in seinem Kapitel die häusliche psychiatrische Krankenpflege (HKPsych)und die ambulante Soziotherapie vor. Die LeserInnen werden über die konkreten Tätigkeitsinhalte der häuslichen psychiatrischen Krankenpflege und über die Zugangsvoraussetzungen detailliert informiert. Hemkendreis gibt zudem einen Überblick über den Umfang und die Ziele der Soziotherapie. Das Kapitel schließt mit Hinweisen zur Abgrenzung von HKPsych und Soziotherapie gegenüber den Leistungen zur sozialen Teilhabe.

Im darauffolgenden Kapitel befasst sich Jo Becker mit dem Betreuten Wohnen in Familien. Neben den Aspekten der Passung zwischen KlientInnen und Gastfamilien spielen in diesem Kapitel vor allem Aspekte der möglichen Fallstricke im Rahmen des Betreuten Wohnens in Gastfamilien und deren Vermeidung eine Rolle. Diese reichen von der Überversorgung und Bevormundung, über eine unzureichende Versorgung und Ausbeutung der KlientInnen bis zur Gefahr des sexuellen Missbrauch und der Ausübung von Gewalt gegenüber den KlientInnen, die in der Familie leben.

Christian Reumschüssel-Wienert befasst sich mit der Frage, wie soziale Teilhabeplanung im Lichte des BTHG aussehen wird. Dabei nimmt er Bezug auf die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF), die zukünftig als Instrument zur Teilhabeplanung herangezogen wird. Neben den Erläuterungen zur Anwendung bzw. Logik des Instruments geht Remschüssel-Wienert auch auf die Möglichkeiten und Grenzen des ICF-Konzeptes ein. Dem Kapitel schließt sich eine Übersicht der für die Teilhabeplanung in der Gemeindepsychiatrie relevanten neun Items an.

Der nicht selten Verwirrung stiftenden Unklarheiten bei der Anwendung der Begrifflichkeiten „Inklusion“, „Integration“ und „Teilhabe“ nimmt sich Jörg Michael Kastl in seinem Kapitel an. Kastl stellt klar, dass realisierte Inklusion nicht die Überwindung einer vermeintlich geringer zu schätzenden Integration darstellt, sondern einen anderen Aspekt der „Zugehörigkeit von Individuen zu sozialen [.] Zusammenhängen und ihrer Teilnahme daran“ (S. 104) darstellt. Am Ende des Kapitels stellt er die Begriffe in den Zusammenhang mit den Aufgaben des Betreuten Wohnens.

Stand der Forschung und die Perspektiven der Nutzenden

Dirk Richter und Matthias Jäger stellen den Stand der Wissenschaft sowie die methodischen Probleme der evidenzbasierten Wohnforschung vor. Neben dem begrenzten Erkenntnisgrad konventioneller Studien beschreiben die Autoren Ansätze, wie den methodischen Problemen begegnet werden kann. Zudem gehen Richter und Jäger auf Ergebnisse aus Studien ein, die auf einem qualitativ hohen methodischen Level durchgeführt wurden.

Yvonne Kahl nähert sich in ihrem Buchbeitrag dem Thema der Teilhabe im ambulant Betreuten Wohnen aus der NutzerInnensicht. Sie referiert dabei die Ergebnisse einer Studie, die sowohl qualitative als auch quantitative Methoden verwendet. Am Ende des Kapitels plädiert Kahl für eine bessere Vernetzung von psychiatriespezifischen Angeboten mit jenen des Gemeinwesen, die sich nicht speziell an Menschen mit psychischer Erkrankung richten.

Im folgenden Kapitel werden die aus einer Gruppendiskussion mit Psychiatrie-Erfahrenen zum Thema „Betreutes Wohnen“ gewonnen Erkenntnisse von Sibylle Prins vorgestellt. Neben Aspekten der Einbindung von Angehörigen und Freunden wurde in der Gruppendiskussion auch nach einer Einschätzung zur Einbindung von Peer-Support im Betreuten Wohnen gefragt.

Ekmi Sma Björn, ehemalige Nutzerin des Betreuten Wohnens und heute als Psychologin tätig, beschreibt ihre individuellen Erfahrungen im Betreuten Wohnen und spart auch nicht die damit einhergehenden Probleme und Schwierigkeiten aus. Insbesondere die Ambivalenz zwischen dem gleichzeitigem Wunsch nach Unterstützung und dem Ringen um Autonomie wird aus ihren Schilderungen deutlich.

Im Kapitel von Julia Tamm wird die oben beschriebene Ambivalenz aufgegriffen, Tamm hat im Rahmen ihrer Forschungsarbeit narrative Interviews mit NutzerInnen des Betreuten Wohnens geführt. Ihre Erkenntnisse decken sich zum Teil mit dem Erleben von Björn. So erzählt eine Interviewpartnerin, dass sie durch BEWO „mehr im Leben drin“ (S. 153) sei, während ein anderer Interviewpartner konstatiert: „BeWo ist aber auch ständig in meinem Leben drin“ (ebd.).

Angelika Lacroix und Gisbert Eikmeier widmen sich in ihrem Buchbeitrag dem Thema der Genesungsbegleitung als Assistenzleistung zur sozialen Teilhabe. Sie beschreiben ihre Erfahrungen mit der Einbindung von EX-InlerInnen als MitarbeiterInnen auf einer psychiatrischen Station und verschweigen dabei auch nicht die daraus resultierenden anfänglichen Befürchtungen im Team.

Während sich Lacroix und Eikmeier in ihrem Beitrag auf den Einsatz von GenesungsbegleiterInnen im stationären klinischen Rahmen beziehen, befasst sich das Kapitel von Anna Aly und Thomas Gervink mit GenesungsbegleiterInnen im Betreuten Wohnen eines großen psychosozialen Trägers. Dieser Träger hat ein eigenes Konzept zur Einbindung von GenesungsbegleiterInnen entwickelt, deren Effekte und Ziele die AutorInnen in ihrem Buchbeitrag referieren.

Praktisches und Alltägliches

Der Hauptabschnitt „Praktisches und Alltägliches“, in dem Beispiele und Hinweise für die praktische Arbeit versammelt wurden, beginnt mit einem Beitrag von Rüdiger Klein. Klein gibt einen Überblick über verschiedene Wohnformen und systematisiert diese nach verschiedenen Kriterien und beschreibt deren typische Erfahrungen, Probleme und Lösungsstrategien.

Sabine Eikermann befasst sich mit der Hilfeplanung, mit Kriterien für eine gute Hilfeplanung, mit auftretenden Schwierigkeiten sowohl auf der individuellen Ebene als auch aufgrund konfliktfördernder institutioneller Interessen.

Den Drahtseilakt des Interessensausgleichs bei verschiedenen, zum Teil divergierenden Aufgaben im Betreuten Wohnen unter Berücksichtigung des Aspekts der Selbst- und Fremdbestimmung beschreibt Klaus Obert. In Fallbespielen und einer anschließenden Diskussion macht er deutlich, wie schwierig mitunter die Wahrung der KlientInneninteressen ist, ohne diesen ein zu hohes Maß an Fremdbestimmung zuzumuten. Am Ende des Kapitels gibt Obert den LeserInnen ganz konkrete Handlungsregeln an die Hand.

Ilse Eichenbrenner befasst sich mit der Frage, ob auch über die Beendigung einer unterstützenden Hilfeleistung nachgedacht werden darf, ob sich hierfür Kriterien finden lassen und wer letztlich über die Beendigung entscheidet. Sie plädiert sowohl für die Berücksichtigung von per se zeitlich begrenzten Unterstützungsangeboten wie die Soziotherapie oder die ambulante psychiatrische Pflege als auch für eine passgenaue Reduzierung von Betreuung in Abhängigkeit von der voranschreitenden Verselbstständigung der KlientInnen.

Mit dem Aspekt der Gastfamilien als Übergang in ein selbstbestimmte Leben befasst sich das Kapitel von Michael Konrad. Er sieht vor allem für junge Menschen durch das Leben in der Gastfamilie eine Chance, nachzureifen und Bindungserfahrungen zu machen. Konrad versteht dabei das Leben in Gastfamilien als „Milieutherapie der besonderen Art“ (S. 223).

Die Gemeindepsychiatrie muss sich den Vorwurf gefallen lassen, inmitten der Gemeinde eine „Ersatzlebenswelt“ (S. 229) geschaffen zu haben. Achim Dochat sieht im Engagement von BürgerhelferInnen die Möglichkeit, der Verstetigung dieser Subsysteme entgegenzuwirken. In der Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen sieht Dochat einen der Hauptgründe für die Entstehung von gemeindepsychiatrischen Parallelstrukturen zu den, in der Regel bereits in der Gemeinde existierenden, vielfältigen Angeboten. Bürgerhelfer könnten Mittler sein in Richtung einer Teilhabe an diesen Angeboten.

Klienten mit besonderen Bedürfnissen

Martin Reker eröffnet mit seinem Beitrag zu Menschen mit Suchtproblemen den nächsten großen Hauptabschnitt zu KlientInnen mit besonderen Bedürfnissen. Er plädiert für eine „Kontrolle des unkontrollierten Suchtmittelkonsums“ (S. 242) sieht aber eine Überbetonung des Abstinenzparadigmas zu Beginn der Hilfen kritisch. Neben einzelnen Aspekten der Suchthilfe, wie Motivierende Gesprächsführung oder das Rad der Veränderung geht Reker am Ende des Kapitels auch auf die Eingliederungshilfe suchtkranker Klienten ein.

Mit Migranten im Betreuten Wohnen befasst sich der Buchbeitrag von Ibrahim Rüschoff. Der Autor geht zunächst auf das Kulturkompetenzmodell nach Orlandi ein und gibt im Anschluss sehr praxisnahe Tipps zum sensiblen Umgang mit anderen Gebräuchen. Da MitarbeiterInnen im betreuten Wohnen häufig auch ihre KlientInnen in der eigenen Wohnung aufsuchen, stellt Rüschoff insbesondere dar, welche kulturellen Regeln man als BesucherIn innerhalb einer Wohnung von Menschen mit muslimischem Glauben beachten sollte.

Mit der Unterstützung ehemaliger Forensik-PatientInnen im Rahmen gemeindepsychiatrischer Strukturen befasst sich der Beitrag von Udo Frank. Er beschreibt nicht ausschließlich die formalen Abläufe, die bei dieser besonderen Form der Betreuung einzuhalten sind, sondern gibt eine Vielzahl praxisrelevanter Hinweise. Frank wirbt dafür, sich auch dieser Klientel zuzuwenden, auch weil MitarbeiterInnen Kompetenzen erwerben, die sie sicherer im Umgang mit Aggressionen machen und eine Forensifizierung von KlientInnen verhindern helfen.

Matthias Rosemann und Michael Konrad befassen sich mit dem Thema der freiheitsentziehenden Maßnahmen und im speziellen mit geschlossenen Heimunterbringungen. Ihr Fokus liegt dabei auf Maßnahmen und Anstrengungen, mit denen solche Unterbringungen verhindert werden können. Sie plädieren vor allem dafür, die Verantwortung für jene KlientInnen, mit denen sich das System überfordert fühlt, in der Region zu belassen.

Qualifikation der Mitarbeitenden

Der Abschnitt zur Qualifikation der Mitarbeitenden wird mit einem Kapitel von Matthias Rosemann und Michael Konrad zu Merkmalen und zu Mitarbeiterkompetenzen der Assistenz eingeleitet. Das Kapitel endet mit dem besonderen Anforderungsprofil von Leitung bei der Arbeit unter den neuen Prämissen in der Gemeindepsychiatrie.

Mit der Frage ob eine spezifische Ausbildung für das Betreute Wohnen sinnvoll oder gar vonnöten ist, beschäftig sich Christoph Walther. Der Autor kommt zunächst zu dem Schluss, dass eine Vielzahl von Berufsbildern und Disziplinen im Betreuten Wohnen vertreten ist. Er gibt dann einen Überblick auf die aus seiner Sicht erforderlichen berufsübergreifenden Grundkompetenzen für die Tätigkeit im Betreuten Wohnen für psychisch kranke Menschen. Walther fordert ein, dass diese Grundkompetenzen in den jeweilige Berufsqualifizierungen vermittelt werden. Auch einen Masterstudium „Betreutes Wohnen“ hält er für denkbar.

Andreas Knuf lenkt in seinem Beitrag den Blick auf die sich wandelnden Anforderungen an die MitarbeiterInnen gemeindepsychiatrischer Wohnformen. Er fokussiert dabei auf zwei Entwicklungen: Die Klientel hat sich s. E. insofern verändert, als nicht mehr die in einer Wohngemeinschaft lebenden psychoseerkrankten Menschen die große Mehrheit bilden, sondern zunehmend auch Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung betreut werden. Hinzu kommt, dass MitarbeiterInnen in der aufsuchenden wohnbezogenen Hilfe heute sehr viel öfter auf sich alleine gestellt, also alleine für ihre BezugsklientInnen zuständig sind. Vor diesem Hintergrund erläutert Knuf, welche individuellen Fähigkeiten und strukturellen Rahmenbedingen für eine gute Arbeit nötig sind.

Nils Greve plädiert in seinem Beitrag für eine psychotherapeutische Grundhaltung, auch in der originär eher sozialarbeiterisch orientierten Eingliederungshilfe. Diese Grundhaltung stelle aber keine Umorientierung dar, in der sich die MitarbeiterInnen von ihren berufsgruppenspezifischen Konzepten abwenden sollten, sondern sei als eine Erweiterung zu verstehen (S. 328).

Das sich betriebliches Gesundheitsmanagement nicht auf die Einführung von Rückenschule und Sportangeboten seitens der ArbeitgeberInnen beschränkt, macht Silke Ihden-Rothkirch deutlich. Neben der Beschreibung der notwendigen strukturierten Analyse der Bedürfnisse nennt sie vielfältige Beispiele für Interventionen, die nicht sofort auf der Hand liegen, wie z.B. das zur Zur-Verfügung-Stellen von Leasing-Diensträdern.

Diskussion

Die Herausgeber Matthias Rosemann und Michael Konrad haben eine Fülle von Facetten der mobilen Unterstützung in ihrem Buch zusammengetragen. In einer Vielzahl der Beiträge wird die Aktualität deutlich, wird doch in den meisten Beiträgen auf Besonderheiten des Bundesteilhabe- und des Pflegestärkungsgesetzes Bezug genommen sowie die zukünftigen Veränderungen in der Gemeindepsychiatrie berücksichtigt. Der hohen Aktualität ist aber auch das einzige Manko des Buches geschuldet: Die für die praktische Umsetzung zu erwartenden Durchführungsbestimmungen sind noch abzuwarten, konkrete Handlungshinweise deshalb für diesen Bereich häufig kaum möglich. Dies tut der Lesbarkeit und Praxisrelevanz aber keinen Abbruch. Mitunter ist auch ein sehr starker regionaler Bezug mit seinen dortigen Besonderheiten zu beachten, der eine Übertragbarkeit auf die eigene Region nicht immer zulässt.
Die verschiedenen Beiträge sind thematisch gut unter die jeweiligen Hauptabschnitte unterteilt, die den Hauptabschnitten vorangestellten KlientInnenzitate aus einer Studie von Jessica Reichstein leiten thematisch sinnvoll über und sind sehr lesenswert. Die Qualität der einzelnen Buchbeiträge ist durchgehend hoch und unterscheidet sich neben den inhaltlichen Schwerpunkten durch einen unterschiedlichen Stil. In diesem Zusammenhang sind die Beitrage von Ilse Eichenbrenner und Rüdiger Klein zu nennen, deren Texte immer wieder auflockernde Elemente enthalten. Befremden wird dagegen einige LeserInnen die Verwendung des Begriffs des „Asylanten“ (S. 107) im ansonsten inhaltlich sehr guten Beitrag von Michael Kastl. Besondere Erwähnung verdient auch das Kapitel von Ekmi Sma Björn, der sich durch erfrischende Offenheit und Wortwitz aber auch durch einen hohen Erkenntnisgewinn für MitarbeiterInnen des betreuten Wohnens auszeichnet.
Positiv hervorzuheben sind auch die in vielen Beiträgen enthaltenen praxisnahen Fallbeispiele, die überwiegend auch Lösungswege aufzeigen und nicht für sich alleine stehen, sondern im jeweiligen nachfolgenden Text inhaltlich aufgegriffen werden. Zu empfehlen ist das Buch sowohl bereits erfahrenen MitarbeiterInnen als auch BerufseinsteigerInnen im Betreuten Wohnen. Den Erfahrenen hilft es, sich auf den Paradigmenwechsel in der Gemeindepsychiatrie einzugrooven nicht ohne gleichzeitig auch viele neue Anregungen für die praktische Arbeit anzubieten. BerufseinsteigerInnen erhalten einen umfassenden, sehr gut lesbaren Überblick über das gemeindepsychiatrische Arbeitsfeld mit vielen Hinweisen, welche Grundhaltungen für eine professionelle Arbeit, die auch Freude macht, hilfreich sind.

Fazit

Das Herausgeberwerk „Selbstbestimmtes Wohnen. Mobile Unterstützung bei der Lebensführung“ gibt einen breiten Überblick über die Unterstützungsmöglichkeiten für psychisch kranke Menschen. Dabei wird den aktuellen Entwicklungen vor dem Hintergrund des Bundesteilhabegesetzes Rechnung getragen und nicht ausschließlich das ambulant Betreute Wohnen der Eingliederungshilfe aufgegriffen, sondern auch alternative und sich wandelnde Angebote betrachtet. Insofern ist das Buch hochaktuell. Aufgrund seiner Aktualität kann es keine detaillierte Anleitung sein für die Anpassung gemeindepsychiatrischer Träger an die zukünftigen sozialrechtlichen Gegebenheiten. Dafür ist momentan noch zu vieles im Unklaren. Seine hohe Praxisrelevanz entsteht zum einen aus der Themenfülle und den vielen Perspektivenwechsel zum anderen aus der Vielzahl von Falldarstellungen und konkreten Hinweisen und Tipps für die klientInnenbezogene Arbeit.


Rezensent
Ilja Ruhl
Soziologe M.A.

Homepage www.gemeindepsychiatrie-sozialpsychiatrie.de
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Zitiervorschlag
Ilja Ruhl. Rezension vom 07.09.2017 zu: Matthias Rosemann, Michael Konrad (Hrsg.): Selbstbestimmtes Wohnen. Mobile Unterstützung bei der Lebensführung. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2017. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-88414-655-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22440.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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