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Friedhelm Kröll, Karin Stögner: Sozialwissen­schaftliche Denkweisen

Cover Friedhelm Kröll, Karin Stögner: Sozialwissenschaftliche Denkweisen. Eine Einführung. new academic press (Wien) 2015. 228 Seiten. ISBN 978-3-7003-1937-5. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR.
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Thema

Die ersten Semester eines sozialwissenschaftlichen Studiums sind zumeist mit einer Vielzahl von Verunsicherungen geprägt. Angesichts der Stoffmenge ist es zunächst nicht wirklich klar, welche Sachverhalte man sich merken soll und welche nicht. Welche Information ist für das Studium der Sozialwissenschaften relevant, und was ist zwar wissenswert, kann aber später nachgelesen werden? Nicht besonders Mut machende Aussagen von Lehrenden, man brauche nicht zu erwarten, dass man in den ersten Semestern allzu viel Ahnung von Soziologie haben würde, passen in das gezeichnete Bild.

Um hinsichtlich dieser Herausforderungen Abhilfe zu schaffen, hat sich in der letzten Zeit ein umfangreiches Angebot an Einführungen herausgebildet. Zu nennen sind unter anderem die 2014 erschienene, sehr lesenswerte Einführung von Ludger Pries in die Soziologie (vgl. die Rezension) oder die Einführung in die Soziologische Theorie von Hartmut Rosa, David Strecker und Andrea Kottmann (vgl. die Rezension). Für Studierende der Sozialen Arbeit haben sich die Arbeiten Benno Biermanns als Textgrundlage eingebürgert (vgl. die Rezension) – leider werden diese Bücher seit längerem nicht mehr aktualisiert.

Das Angebot an guten sozialwissenschaftlichen Einführungswerken wirft also bei einer Neuerscheinung die Frage auf, wie sich diese Inhaltlich positioniert, um die Frage, warum es denn eines weiteren Einführungsbandes bedürfe auch befriedigend zu beantworten. Das Angebot der Konkurrenz ist nicht nur umfangreich, sondern auch inhaltlich sehr gehaltvoll, denn auch nach Abschluss des Studiums ist die Lektüre der genannten Werke sehr lehrreich und informativ. Wie gehen Friedhelm Kröll und Karin Stögner mit dieser Herausforderung um? Gerade bei einem einführenden Werk ist die Frage, warum man ausgerechnet dieses Werk seinen Studierenden empfehlen sollte oder es als Grundlage einer Lehrveranstaltung machen sehr dringlich.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band beruht auf einführenden Vorlesungen, die Friedhelm Kröll und Karin Stögner an der Uni Wien gehalten haben. Würde darauf nicht explizit hingewiesen werden, würde man es diesem Band nicht ansehen. Anders als viele Einführungen, die auf Vorlesungen beruhen, besteht dieser Band nicht aus den obligatorischen 12 bis 15 Kapiteln, die den vielbeschäftigten Lehrenden bei der Vorbereitung einer Lehrveranstaltung entgegen kommen sollen. Die Autor*Innen haben sich vermutlich bewusst hierzu entschlossen und begründen die Darstellungsweise dieses Buches – man kommt ohne Abbildungen und Schemata aus – mit dem Vertrauen auf die Einbildungskraft der Leser*innen. In der Gesamtschau dieses Buches werde ich diese und andere Besonderheiten dieses vorliegenden Bandes aufgreifen.

Aufbau und Inhalt

Bemerkenswert ist die inhaltliche Bezugnahme auf Inhalte der philosophischen Anthropologie, die in vielen Einführungen leider oft nur am Rande abgehandelt werden, wenn Sie überhaupt angesprochen werden. Die Autor*innen geben dem Band durch die Betonung der philosophischen Anthropologie ein besonderes Profil, dass diesen Band nicht nur für Studierende der Sozialwissenschaften – man gibt sich hier sehr offen: nicht nur Soziologie, sondern auch Ethnologie, Publizistik, Politikwissenschaft etc. etc. – sondern auch für die Geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die sich ein sozialwissenschaftliches Vokabular aneignen wollen.

Inhaltlich gliedert sich dieser Band in drei größere Kapitel – neben dem Einführungskapitel:

Erkenntnisstrategien innerhalb der Sozialwissenschaften. Es werden grundlegende wissenschaftstheoretische Theorien und Fundierungen der Sozialwissenschaften vorgestellt. Diese Einführung findet anhand eines Kriterienkataloges statt, z.B. wie diese Erkenntnisstrategien das sinnhafte soziale Handeln beschreiben werden oder wie der Blick auf das Soziale stattfindet. Werden soziale Prozesse als von außen beobachtbare Sachverhalte aufgefasst oder aber wird die Binnenperspektive aufgenommen? Diese Kriterien ermöglichen es auch bei komplexen und umfangreichen Theorien, den roten Faden im Blick zu behalten.

Die Eigenart der Sozialwissenschaften im Lichte des Dualismus von Natur- und Geisteswissenschaften. Die Autor*innen stellen die Positionierung der Sozialwissenschaften im Vergleich zu den Natur- und Geisteswissenschaften dar. Man grenzt sich von den Naturwissenschaften ab, da diese die symbolische Vermittlung – die für das Soziale wesentlich ist – nicht kennen. Anders als bei den Geisteswissenschaften sei hervorzuheben, dass soziale Zwänge und die gesellschaftliche Arbeit vermittelte Reproduktion des Lebens hervorzuheben. Die Abgrenzung gegenüber der Geschichtswissenschaft mag etwas überraschen, als dass die Sozialwissenschaften „langfristige durchschnittsindividuelle Normalität erzeugende gesellschaftlicher Strukturbildungen und Strukturwandlungen“ (S. 82) betone. Neben den auch auf geübte Leser*innen etwas irritierenden Soziologenjargon, überrascht die relativ sorglose Nutzung des Wortes „Normalität“. Ferner sei darauf hinzuweisen, dass diese Aussage für die Geschichtsschreibung nicht zu verallgemeinern sei, vielmehr sollte man sich von einer bestimmten Spielart der „Geschichtsschreibung“ abgrenzen.

Sozialwissenschaftliche Terminologie – exampla. Ein nicht sehr beliebter Gegenstandsbereich im sozialwissenschaftlichen Studium stellen die Grundbegriffe dar. Dennoch ist es für professionelle sozialwissenschaftliche Reflexion unerlässlich, dass die grundlegende Terminologie sauber beherrscht wird. Kröll und Stögner weisen darauf hin, dass die Einführung keine allumfassende Beschreibung sozialwissenschafltlicher Terminologie darstellt, sondern es werden: Handeln und Norm, Institution und Kultur, Struktur und Funktion, Macht und Herrschaft, sowie Konflikt und Wandel eingeführt und recht detailliert anhand der soziologischen Klassiker diskutiert.

Diskussion

Am Ende einer Rezension stellt sich die Frage, haben die Autorinnen die Inhalte geliefert, die zu erwarten gewesen wären? Diese Frage ist eindeutig zu bejahen, zumal bei einführenden Werken häufig Mut zur Lücke gefragt ist. Spontan wäre eine stärkere Bezugnahme auf Ansätze der poststrukturalistischen Soziologie zu erwarten gewesen, aber die ausführliche Behandlung der philosophisch-anthropologischen Denkweisen in den Sozialwissenschaften, die in vielen Einführungen doch zu knapp kommen, gleicht dies sehr angenehm aus.

Ebenso kommen die Erkenntnistheoretischen Debatten z.B. um die Begriffspaare „Verstehen“ und „Erklären“ für das Verständnis der einen oder anderen soziologischen Debatte zwar essenziell, aber kommen in der Lehre und der einführenden Literatur häufig zu kurz. Die Autor*innen bietet hierzu Denkstoff in passagenweise sehr amüsanter Wissenschaftsprosa an. Allerdings fallen sie an der einen oder anderen Stelle in einen Soziologenjargon, der selbst für erfahrene Kolleg*innen ein mehrmaliges Lesen eines Satzes erfordert.

Die thematische Ausrichtung und der Stil der Darstellung, fügen sich in ein Bild ein. Die Autor*innen haben ein Werk vorgelegt, dass für sich das Prädikat „old school“ im positiven Sinne reklamieren kann. Statt eines nicht enden wollenden Films von Powerpoint Folien und damit einhergehend einer auf viel Durchsatz zielenden Stoffvermittlung wird stilles Literaturstudium, Reflexion des gelernten und die individuelle Aneignung von Lerninhalten gesetzt. In diesem Sinne hat dieses Buch neben der Menge von sozialwissenschaftlichen Einführungsbändern noch gefehlt.

Fazit

Um zusammenzufassen: Der vorliegende Band ist weniger als eine Textgrundlage für eine Lehrveranstaltung zu sehen, die 1:1 übernommen wird. Es ist aber auch zu vermuten, dass dies nicht die Intention der Autor*Innen war, denn eine gewisse Kritik an der gegenwärtigen Lehrpraxis an gegenwärtigen Hochschulen sticht doch hin und wieder hervor, z.B. die ironische Bemerkung über die Power-Point Nutzung in vielen Vorlesungen, dass big-points doch eher auf den Tennisplatz gehören. Ebenso dürfte die Vorstellung, dass eine Einführungsveranstaltung exakt mit einem Buch bestritten werden würde und dieses Werk hat exakt 12 – 15 Kapitel, um den Dozierenden möglichst viel Arbeit zu ersparen, bei den Autor*Innen auf wenig Verständnis stoßen.

Die eigentliche Stärke dieses Bandes ist, dass er die soziologische Phantasie der Leser*innen anregen will und zu einem eigenständigen und vertieften Literaturstudium anregen will. Damit haben Kröll und Stögner ein durchaus lesenswertes Buch vorgelegt, dass zu weiterer Arbeit und Lektüre in diesem Bereich animiert. In diesem Sinne ist der vorliegende Band durchaus für Studierende und Kolleginnen aller Statusgruppen zu empfehlen.


Rezensent
Martin Gloger
Dozent für Soziologie, Ethik und Sozialphilosophie an verschiedenen Hochschulen
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Zitiervorschlag
Martin Gloger. Rezension vom 19.09.2017 zu: Friedhelm Kröll, Karin Stögner: Sozialwissenschaftliche Denkweisen. Eine Einführung. new academic press (Wien) 2015. ISBN 978-3-7003-1937-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22442.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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