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Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft

Cover Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. Hanser Verlag (München) 2017. 543 Seiten. ISBN 978-3-446-25463-3. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Zukunft ist die Verlängerung von Vergangenheit und Gegenwart

Darf, kann, soll ein Nicht-Historiker ein Buch besprechen, von dem der Autor behauptet, dass der Historiker die Menschen vergangener Zeiten verstehen solle – wenn er von der Zukunft spricht? Reizvoll und auffordernd ist es für den Rezensenten nicht nur deshalb, weil er aus den zahlreichen Veröffentlichungen des Bielefelder Historikers Joachim Radkau den Eindruck gewonnen hat, dass er es nicht mit einem Zeitgeschichtler zu tun hat, der (nur) das Vergangene auf sein Schild hebt, sondern die Auseinandersetzung mit der Geschichte versteht, um aus Vergangenem Gegenwärtiges zu verstehen und Zukünftiges zu erahnen. So setzt sich Radkau mit seiner umfassenden Analyse über die „Ära der Ökologie“ akribisch und ausholend mit den Gründen des historischen, philosophischen, kulturellen und politischen Denkens der Welt auseinander (Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11451.php).Der Griff zu dem umfangreichen Buch „Geschichte der Zukunft“ ist auch motiviert von der Neugier, was Joachim Radkau an der Schwelle zu seinem 75. Geburtstag (er ist 1943 geboren) über die Zukunft zu sagen hat. Radkau ist kein Zukunftsforscher, weshalb keine Visionen oder Spekulationen darüber zu erwarten sind, was z. B. in 100 Jahren geschehen könnte (Ernst A. Grandits, Hrsg., 2112 – die Welt in 100 Jahren, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/18192.php). Er ist auch kein Soziologe, der den Menschen illusionäre Sichtweisen vorhalten oder austreiben will (Dieter Korczak, Hg., Visionen statt Illusionen. Wie wollen wir leben?, 2014,www.socialnet.de/rezensionen/18045.php); vielmehr ist Radkau jemand, dem es darauf ankommt, „die Zukunftsgeschichte tiefer in der realen Geschichte zu verwurzeln, ob als Spiegel von Zeitstimmungen, als Triebkraft des Handelns oder als Quelle von Überraschungen“ zu sehen. Wer offen ist für Überraschungen, wird auch vor Paradoxien nicht zurückschrecken (Fritz B. Simon, Wenn rechts links ist und links rechts. Paradoxiemanagement in Familie, Wirtschaft und Politik, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14542.php), Schreckmomente einkalkulieren (Jorg Link, Schreckmomente der Menschheit. Wie der Zufall Geschichte schreibt, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/22145.php), welthistorische Zäsuren im Blick haben (Michael Corsten / Michael Gehler / Marianne Kneuer, Hrsg., Welthistorische Zäsuren. 1989 – 2001 – 2011, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21237.php) und politische Zeitgeschichten lesen (Heribert Prantl, Was ein Einzelner vermag. Politische Zeitgeschichten, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/22422.php).

Aufbau und Inhalt

Nach diesem interdisziplinären Rundumschlag können wir uns Radkaus Prognosen, Visionen und Irrungen zuwenden, die er als „Geschichte der Zukunft“ in Deutschland von 1945 bis heute beschreibt. Die Arbeit orientiert sich und basiert auf eine Vorlesung, die der Autor beim Münchner Rachel Carson Center for Environment and Society hielt und gründet weiterhin auf seinen Jahrzehnte langen wissenschaftlichen Lehr- und Forschungstätigkeiten. So ist es wohl nicht verkehrt zu vermuten, dass sich Radkau mit dem Buch daran machte, eine Zwischenstation seines beruflichen, 75jährigen Lebens und seiner Fähigkeit, über den fachbezogenen Tellerrand zu schauen, zu markieren. Er gliedert das Buch, neben der Einleitung, in zwölf Kapitel, denen er die folgenden Überschriften gibt:

  1. „Forderung des Tages“ – „Und der Zukunft zugewandt“: Der deutsch-deutsche Zukunftskontrast, die offenen und die verborgenen Zukünfte und der Überraschungseffekt des „Wirtschaftswunders“
  2. Agraraussichten vor dem Urgrund der Hungerzeit: Ein Zwiespalt der Zukünfte und deren Überrumpelung durch ungeahnte Innovationsschübe, Überproduktion und ökologische Revolution
  3. „Die Zukunft hat schon begonnen“ – aber was für eine? „Die Russen kommen“ – „Die Roboter kommen“: Oder doch nicht wie erwartet?
  4. Das ambivalente „Atomzeitalter“: „Wir werden durch Atome leben“ – oder den Atomtod sterben? Der Zickzack atomarer Zukünfte: Ein Prototyp der Dialektik von Furcht und Hoffnung
  5. Zwischen Heimat und Ferne: Reale und virtuelle Räume der Zukunft
  6. Drohende deutsche Bildungskatastrophen – von Picht bis PISA
  7. Von den Technokraten bis zu den Achtundsechzigern: Der diffuse Zukunftsboom der 1960er Jahre und seine Krise nach 1970
  8. DDR-Horizonte von Ulbricht zu Honecker: Die Zukünfte kollidieren mit der Gegenwart
  9. Von „No Future“ zu „Our Common Future“ – vom „Euroschima, mon future“ zum „Zukunftsfähigen Deutschland“
  10. Vom „kranken Mann Europas“ zum erneuten Exportweltmeister: Ein Zickzack deutscher Zukünfte vor der offenen Zukunft
  11. Vom „Ende der Arbeitsgesellschaft“ zu „Arbeit 4.0“: Ein Zickzack in den Zukünften der Industriearbeit
  12. „Zwischen Herausforderung der Zukunft und des Hier und Jetzt: Ein noch zu erkundendes Spannungsfeld der Umweltbewegung“.

Im Schlussteil formuliert er als „vielstimmiges Finale“ zehn Thesen. Die Absicht, den existentiellen Zusammenhang der menschlichen Zeitenstation „Zukunft“ als (interdisziplinärer) Historiker nicht aus der literarischen oder Zukunftsforschungsperspektive her, sondern als „Bodenbindung der Zukunftsgeschichte“ zu betrachten, bedarf einer gründlichen und umfassenden Quellenkenntnis, was sich in 91 Seiten seiner Anmerkungen verdeutlicht.

An den Anfang seiner Ausführungen stellt der Autor das Schaubild „Hoffnungseinbruch“ mit den Anzeigen über die „Zukunftsgestimmtheit“ der Bundesbürger, die vom Allensbacher Institut für Demoskopie seit 1949 ermittelt werden. Die Pendelbewegungen der ermittelten Ergebnisse – „Es sehen dem kommenden Jahr mit Hoffnungen entgegen“ – verweisen beim Auf und Ab jeweils auf globale Ereignisse hin, wie etwa 1950 auf den Koreakrieg, 1961 auf den Mauerbau, 1973 und 1979/80 auf die Ölkrisen, 2001 auf die Terroranschläge in den USA, 2008 auf die Finanzmarktkrise und 2016 auf die Flüchtlingsbewegungen und Terroranschläge. Es sind Katastrophen, die sich zwar meist weitab von den Standorten der deutschen Bundesbürger ereignen, jedoch das Gefühl und die negativen Empfindungen verstärken, dass eine nationale und ethnische Abgrenzung in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnden (Einen?) Welt nicht mehr möglich ist. Das nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg mit dem zerstörten Deutschland sich bildende „Wirtschaftswunder“ war ja nur möglich durch die von Politikern und Ökonomen gelebten Zutrauungen, dass das Land eine Zukunft habe, durch das Vertrauen und die Strategien, die die Siegermächte mit dem Marshallplan ab 1947 dem Land anboten, und natürlich nicht zuletzt durch die kapitalistische Ordnungsbestimmungen und machtpolitische Einordnungen in das westliche System, die im Kalten Krieg gegen kommunistische und gemeinwirtschaftliche Konzepte gestellt wurden.

Das „Trauma der Hungerzeit“ in den Anfangsjahren der Nachkriegsgeschichte brachte die Landwirtschaft als Agentur der Selbstversorgung in eine für viele in den urbanen Zentren lebende Menschen existenzsichernde Position. Sie trug dazu bei, dass die Landwirtschaft sich in Richtung Industrialisierung entwickeln konnte, deren produzierten Überschüsse vom Staat subventioniert wurden und weiterhin werden. Die beunruhigenden Berichte über „Butterberge“ und „Rinderwahnsinn“ konnten freilich in Westdeutschland die Landwirtschaft nur sehr zögerlich auf bio- und nachhaltige Produktion einstimmen; auch nicht in Ostdeutschland mit dem Slogan „Junkerland in Bauernhand“ und durch die Kollektivierung der Landwirtschaft in LPGs. Im „Arbeiter- und Bauernstaat“; Entwicklungen, die sich im Freie-Markt-, wie im Planwirtschaftsdenken bis heute zeigen.

In diesem Zickzack des ökonomischen Denkens und Handelns machte sich auch das Auf und Ab von Kulturoptimismus und -pessimismus bemerkbar, mit den ordnungsbestimmenden wie -verneinenden, ideologischen, konträren Positionen, wohin denn das Deutschland sich entwickeln solle: Hin eher zu gemeinwirtschaftlichen, kommunistischen Konzepten (oder Ängsten), wie die: „Die Russen kommen“, oder die euphorischen, technikfaszinierenden, US-gesteuerten Fortschrittsgläubigkeiten von der Computer- und Weltraumrevolution? Sie nämlich haben den Weg bereitet hin zu einem „business as usual“, das eingebettet ist in eine, wie sich einige Jahrzehnte später (also heute) zeigende Einbahn- oder Stopp-Straße und der erst allmählich und sehr zögerlich entwickelten Bewusstheit, dass ein neoliberales Immer-weiter-immer-Mehr die Menschheit an die Grenzen ihrer Existenz bringt.

Atomenergie, Atomwaffen und Atomtechnologie als zukunftsweisende Herrlichkeit und Friedlichkeit, wie sie in den 1950er und frühen 1960er Jahren entstand, entpuppte sich spätestens zu dem Zeitpunkt als Damoklesschwert, als sich das Problem der „strahlenden“ und nahezu unbezahlbaren Entsorgung stellte, auf die bezeichnenderweise die Atomindustrie und -forschung bis heute keine zufriedenstellenden Antworten geben können.

Die begrüßenswerte und logische Erkenntnis, dass der Mensch ein Lebewesen in Bewegung ist, bedingt mehrere intellektuelle Denk- und Bewältigungsanstrengungen. Da ist zum einen der „Heimat“- Begriff, der in den Zeiten des Tourismus und des grenzenlosen Reisens den volkstümlichen Impetus verliert, aber gleichzeitig neue Identifikationsleistungen notwendig macht, Es sind die Zeiten der „reisenden Diplomatie“ und der scheinbar toleranten privaten Weltreisenden (vgl. dazu auch: Edoardo Costadura, u.a., Hg., Heimat gestern und heute. Interdisziplinäre Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21311.php; sowie: Michael Richter, Neue Heimat Deutschland. Zuwanderung als Erfolgsgeschichte, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21413.php).

Bildung ist ein Menschenrecht – Bildung ist die Eintrittskarte für die Zukunft! Die Diskussionen um die Pichtsche „Bildungskatastrophe“, die Benachteiligungen und Diskriminierungen von ganzen Gesellschaftsschichten aufdeckt, und die Ernüchterungen des traditionellen deutschen Bildungsbewusstseins, wie sie die nationalen und internationalen Schulvergleichsuntersuchungen zu Tage förderten, zeigen die Kontroversen über Chancengleichheit (relativiert als Chancengerechtigkeit) und Bildungsgerechtigkeit auf. Das Beharren auf dem traditionellen, gegliederten Schulsystem, anstelle der Einführung einer „Schule für Alle“ verdeutlicht zweierlei: Zum einen sind es die Interessenmächte, die eine Veränderung der Schule und damit der Gesellschaft nicht wollen; zum anderen zeigt sich, dass ein freies, selbstbestimmtes Denken (der damalige Bundespräsident Theodor Heuss plädierte für „Allotria“, anstatt den „Nürnberger Trichter“) von den ökonomisch und politisch Mächtigen nicht gewollt werden kann.

Die Bedeutung der „Achtundsechziger“ beim gesellschaftlichen Veränderungsprozess wird unterschiedlich interpretiert: Während einerseits die Aufbruchstimmung der Jugend als zentraler Punkt für ein neues Gegenwarts- und Zukunftsbewusstsein verstanden wird, werden den 68ern andererseits zahlreiche Schuldzuweisungen über vermeintliche und tatsächliche, gesellschaftliche Fehlentwicklungen zugewiesen. Die entwickelten und propagierten Prognosen für eine bessere und menschenwürdige Zukunft brachten auch Initiativen der Friedens- und Zukunftsforschung hervor, und die Forderung nach den „Grenzen des Wachstums“, wie es von 1972 an in den Berichten an den Club of Rome und den Weltberichten der Vereinten Nationen zum Ausdruck kommt und 1995 im Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ eindringlich wiederholt wird: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Der Gang um die deutsche Geschichte von 1945 an wäre unvollständig, würden darin „DDR-Horizonte“ fehlen. Vom Mauerbau 1961, bis hin zu den Bemühungen, eine eigene (andere) deutsche Identität zu bilden. Die Zukunftsvisionen, dass in der deutschen Geschichte zwei gleichberechtigte, existenzfähige Staaten ihren je eigenen Platz haben sollten, zerbarsten schließlich an den ideologischen Widersprüchen und an den nationalen und globalen ökonomischen Zwängen von Produktion und der (politischen) Unerfüllbarkeit von freiheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Ansprüchen der Bevölkerung. „Ironie der Geschichte: In diesem Staat, in dem die Zukunft bis zum Überdruss beschworen worden war, fühlten sich am Ende noch am ehesten derjenige heimisch, der an keine neue Zukunft dachte, sondern einfach nur in Ruhe seine gewohnte Lebensweise fortsetzen wollte“.

Als in den 1970er Jahren in (West-)Deutschland die Arbeitslosenzahlen eine Eine-Million-Grenze überschritten und das Gespenst der „Dauerarbeitslosigkeit“ umging und in dessen Gefolge extremistische und terroristische Gruppierungen entstanden, gleichzeitig auch die Umweltbewegung antrat und mit dem Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (1987) die Forderung nach „sustainable development“, einer tragfähigen Entwicklung erhoben wurde, setzte die Geburtsstunde der „Nachhaltigkeit“ im lokalen und globalen Denken und Handeln der Menschen ein, und das Konzept vom „Zukunftsfähigem Deutschland“ wurde propagiert

Schließlich das, was Zukunftsforscher und optimistische Politiker kaum vorherzusagen wagten: 1990 / 1991, die deutsche Wiedervereinigung, und damit auch die neue Bedeutung, die Deutschland in dem wachsenden, gemeinsamen Europa einnimmt Die Stimmungen der (West-)Deutschen über die wirtschaftlichen, fiskalischen und strukturellen Anforderungen, die die Vereinigung der beiden deutschen Staaten mit sich bringt, wie auch die euphorischen, eher unrealistischen Erwartungshaltungen der Ostdeutschen, dass sie „blühende Landschaften“ erleben würden, schlugen sich in den äußerst kontroversen, gesellschaftspolitischen, wissenschaftlichen Diskursen wider. Die Aufforderung des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog mit seiner „Ruck“ – Rede, die „Agenda 2010“, die „Hartz-Reformen“ und die weiteren wirtschaftspolitischen Bemühungen der deutschen Regierung hatten immer im Blick, dass die „Wirtschaftsmacht Deutschland“ im Konzert der globalen Player Bestand haben müsse; inwieweit diese Absicht zukunftsfähig ist, werden wohl erst die folgenden Jahrzehnte zeigen.

Eine Ahnung davon wird deutlich, betrachtet man bei der globalen Entwicklung der Welt die Veränderungen, wie sie sich in der Analyse vom „Ende der Arbeitsgesellschaft“ zeigen: „Arbeit 4.0“, in der „Himmel und Hölle der Automatisierung“ stecke, wie der deutsch-österreichische Journalist Wolf Lotter diagnostiziert. Wenn es um die „Zukunft der Arbeit“ geht, nämlich eine menschenwürdige, selbstbestimmte und gerechte Tätigkeit zum eigenen und zum Wohle der Gesellschaft zu ermöglichen, braucht es gleichberechtigte und gleichmächtige Sozialpartner in der Gemengelage von Kapital und Arbeit; und es ist notwendig, sich auf die humanen Werte zu besinnen, die den anthrôpos als vernunftbegabtes, zur Bildung von eigenen Werturteilen fähiges und zwischen Gut und Böse unterscheidungsbewusstes Lebewesen ausweisen. Dazu gehört, dass die Menschen in gerechten, demokratischen und freiheitlichen Gesellschaften leben können. Wie die aktuellen, nationalistischen, fundamentalistischen und populistischen Entwicklungen zeigen, ist viel zu tun, um eine deutsche und globale Geschichte der Zukunft mitzugestalten!

Nicht weil die 10 Gebote gewissermaßen die Anweisung für ein gutes, menschenwürdiges und gerechtes Leben darstellen und deshalb in allen Weltanschauungen bedeutungsvoll sind, sondern weil die in 12 Kapiteln reflektierten Aspekte zur Geschichte des zukünftigen Denkens und Handelns als nationale und ethnische Prämisse und Herausforderung breit diskutiert wurden, verlangt die historische Arbeit zum Schluss eine Zusammenfassung in zehn Thesen. Sie lassen sich in die folgenden Statements bündeln:

  1. Perfekte Zukunftsprognosen gibt es nicht. Das darf jedoch die Menschen nicht davon abhalten, sich den individuellen und gesellschaftlichen existentiellen Herausforderungen zu stellen – mit dem Bewusstsein, dass es darauf keine einfachen und allgemeingültigen Ja-Nein-Antworten gibt!
  2. Eigene Antworten, Meinungen und Einstellungen müssen auf der Bereitschaft und Fähigkeit gründen, sich mit anderen Auffassungen im Dialog, also gewissermaßen „auf Augenhöhe“ auseinander zu setzen!
  3. Bei der Auseinandersetzung mit Zukunftsprognosen ist es erforderlich, sie jeweils auf ihre Ursprünge, Zielsetzung, Ideologie und Zeitbedingtheit zu überprüfen!
  4. Wenn Zukunftsvorstellungen als prophetische Heilsversprechen daher kommen und Wahrheiten und Sicherheiten versprechen, ist Vorsicht geboten!
  5. Eigene Zukunftsvorstellungen sind das eine, gemachte, propagierte und ideologisch basierte das andere!
  6. Bei Umweltschutzfragen und Klimaprognosen kommt es darauf an, für sich nach „Strategien auf der sicheren Seite“ zu suchen!
  7. Zukunftsentwürfe brauchen die Bewusstheit des Hier und Jetzt!
  8. Zukunftsdenken heißt, Unerwartetes denken zu können und nicht nur als „Verlängerung gegenwärtiger Trends“ zu verstehen!
  9. Alarmisierungen, Angstverbreitungen, Unken-, Katastrophenrufe und apokalyptische Vorhersagen sind schlechte Wegbereiter für Zukunftsdenken!
  10. Utopien können lähmende oder hasardierende Illusionen, aber auch visionäre, zukunftsfähige Einstellungen bewirken!

Fazit

Radkaus Absicht, „Zukunftsgeschichte tiefer in der realen Geschichte zu verwurzeln“, ist gelungen; nicht nur dank seiner Fähigkeit, spröde, selbstverständliche, alltägliche und spezielle Situationen und Ereignisse im geschichtlichen Dasein der Menschen verständlich und motivierend darzustellen, sondern auch wegen seiner ausgewiesenen, wissenschaftlichen, disziplinären und interdisziplinären Kompetenzen, vergangene und gegenwärtige Wirklichkeiten zukunftsorientiert aufzuzeigen. Das umfangreiche Buch kann man sowohl als Nachschlagewerk bei der Betrachtung von speziellen Stationen in der deutschen Geschichte von 1945 bis heute benutzen, aber auch als Ganzlektüre vielleicht im Urlaub auf einer Insel oder einem ruhigen, ungestörten Ort, um zurück- und gleichzeitig vorwärts zu schauen, zu reflektieren, wie wir geworden sind, was wir sind und die Hoffnung nicht aufzugeben, die Radkau bei der Diskussion über sein Schreibvorhaben mit dem befreundeten israelischen Mediävisten Benjamin Kedar als Rat erfahren hat: „Man unterschätzt die Elastizität des Menschen. Menschen halten vieles aus. Die Katastrophe ist ein Teil des Lebens; man muss sie annehmen, mit ihr leben“. Damit wird auch verwiesen auf die Notwendigkeit, dass in den Zeiten von tatsächlichen und vermeintlichen, gegenwartsbezogenen und zukunftsorientierten Unsicherheiten und Ungewissheiten die Tugenden „Gelassenheit“ (Thomas Strässle, Gelassenheit. Über eine andere Haltung zur Welt, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14938.php; sowie: Ottmann / Saracino u.a., Hrsg., Gelassenheit – und andere Versuche zur negativen Ethik, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18926.php) und „Aufmerksamkeit“ (Jörn Müller, u.a., Hg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php) gefragt sind!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.03.2017 zu: Joachim Radkau: Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute. Hanser Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-446-25463-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22444.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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