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Verena Caroline Buschert: StaKogS - stadienspezifische kognitive Stimulation bei leichtgradiger Alzheimer-Demenz

Cover Verena Caroline Buschert: StaKogS - stadienspezifische kognitive Stimulation bei leichtgradiger Alzheimer-Demenz. Mit zahlreichen Abbildungen und Arbeitsmaterialien online. Springer (Wiesbaden) 2017. 234 Seiten. ISBN 978-3-662-50320-1. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Der kognitive Abbauprozess ist bei Demenzen vom Alzheimer Typ im leichten Stadium bereits deutlich manifest. Komplexere Aufgaben des Alltags wie das Kochen oder Geldangelegenheiten werden zunehmend schwieriger. Es treten Konzentrationsstörungen auf, leichtere Rechenoperationen werden zum Problem und Kurzzeitgedächtnisstörungen beeinträchtigen massiv das Alltagsgeschehen. Diese deutlich spürbaren Einbußen führen vermehrt zu einem Vermeidungs- und Rückzugsverhalten und oft auch zu depressiven Verstimmungen. Diagnostisch befinden sich die Erkrankten im Stadium 4 der Reisberg-Skalen und erzielen beim MMSE (Mini-Mental-State Examination nach Folstein et al. 1975) durchschnittlich einen Wert von 19 – 20 Punkten (maximal 30 Punkte). Das vorliegende kognitive Trainingsprogramm wurde dem Anspruch nach für diese Personengruppe entwickelt.

Autorin

Dr. Verena Buschert ist laut Klappentext abweichend vom Profil ihrer Website (www.neuropsychologie-therapie.de/Profil) „Neuropsychologin“. Sie arbeitet in einer Klinik in Wasserburg am Inn sowie freiberuflich in einer Praxis für neuropsychologische Therapie in München.

Aufbau

Die Arbeit ist in vier Abschnitte mit insgesamt 32 Kapiteln unterteilt.

  1. Theorie (Seite 3 – 17) mit den Kapiteln 1 bis 3 „Kognitive Intervention bei Alzheimer-Demenz“, „Wissenschaftliche Grundlagen“ und „Konzeption der Therapieinhalte“.

  2. Therapiemanual (Seite 21 – 33) mit dem Kapitel 4 „StaKogS“ (Stadienspezifisches kognitives Training)

  3. (Praxisteil – StaKogS Module Gruppenprogramm (Seite 37 – 165) mit den Kapiteln 5 bis 18: Einführung, Aufmerksamkeit, Tiere, Namen merken, Jahreszeit, Prospektives Gedächtnis und Automatisieren von Handlungen, Kleidung, Wahrnehmung, Essen und Trinken, Gesundheit und Kompetenz, Musik, Haushalt und Geld, Märchen und Reisen und Abschluss.

  4. (Praxisteil – StaKogS Module Singleprogramm (Seite 167 – 232) enthält mit den Kapiteln 19 bis 32 die Inhalte des Abschnittes III als Einzelprogramm aufbereitet.

Ausgewählte Inhalte

Aus dem Abschnitt Theorie sind folgende Ausführungen von Bedeutung

  • Das Modell der kognitiven Reserve wird als Begründung verwendet, um die oft gravierende Diskrepanz zwischen demenzspezifischer Hirnpathologie auf der einen Seite und der gleichzeitig fehlenden klinischen Symptomatik im kognitiven Bereich (Gedächtnis, Wahrnehmung, Verhalten u.a.) auf der anderen Seite zu erklären. Das Konstrukt kognitive Reserve geht davon aus, dass durch ständige geistige Aktivitäten im Beruf und Alltag ähnlich wie bei einem Training Hirnkapazitäten geschaffen werden, die bei der Demenz protektiv im Sinne eines verzögerten Beginns der Erkrankung wirksam werden. Das neurophysiologische Korrelat der kognitiven Reserve besteht aus der neuronalen Plastizität, die besagt, dass geistige und körperliche Aktivitäten zu Veränderungen in den zuständigen Hirnarealen (Dichte der Synapsen u.a.) führen.
  • Bezüglich der Therapieinhalte ihres Konzeptes führt die Autorin folgende „kognitionsbezogene Therapiekomponenten“ an: kognitive Funktionsbereiche, Metakognition, nichtkognitive Maßnahmen, soziale Interaktion und Psychomotorik und Entspannung. Als Therapieziele werden die Erhaltung und Förderung des allgemeinen kognitiven und funktionalen Status und die Exploration, Erhaltung und Förderung persönlicher Ressourcen angegeben.

Im Abschnitt Therapiemanual werden die wesentlichen Aspekte des Trainingsprogramms vorgestellt:

  • Das Trainingsprogramm besteht aus 14 Einheiten á 90 Minuten (Gruppentraining) bzw. 45 Minuten (Einzeltraining), die im wöchentlichen Abstand durchgeführt werden. In stationären Einrichtungen können auch zwei Sitzungen pro Woche angeboten werden.
  • Das Therapiemanual umfasst „restitutive Ansätze“ (Übungen mit standardisierten Aufgaben), kompensatorische Ansätze (u.a. externe Gedächtnishilfen und Erwartungsanpassung), soziale Interaktion und die Vermittlung von Grundlagenwissen („Metakognition“). Überwiegend wird von der Autorin selbst entwickeltes Trainingsmaterial verwendet. Darüber hinaus wird auf Übungen aus der Verbandszeitschrift „denkzettel“ und aus den Ausbildungsunterlagen des Bundesverbandes Gedächtnistraining e.V. zurückgegriffen.
  • Die Zielgruppe besteht aus Patienten mit leichtgradiger Alzheimer Demenz.
  • Die Therapieunterlagen bestehen aus Arbeitsblättern und Übungsvorlagen, Übungsvorlagen für mündliche Übungen, Merkblättern mit kurzer Zusammenfassung, Kopien von Texten und Gedichten als Gesprächsgrundlage und Impulskarten für kognitionsbezogene Anregungen im Alltag. Ergänzungen bestehen aus Vorlagen für Stundenprotokolle und Durchführungsanleitungen.
  • Anwender dieses Trainingsprogramms sollten neben Psychologen auch Ergotherapeuten, Fachkrankenpfleger mit Zusatzqualifikation Gedächtnistraining und von der Autorin ausgebildete Gedächtnistrainer sein.
  • Den Abschluss bildet eine Auflistung empfohlener Materialien für die einzelnen Trainingseinheiten: z.B. Stofftiere und Tierbilder für die Einheit „Tiere“.

Die Abschnitte Praxisteil – StaKogS Module Gruppenprogramm und Praxisteil – StaKogT Module Singleprogramm bestehen aus der Darstellung der jeweils 14 Module oder Kapiteln des Programms mit der folgenden Unterteilung:

  • Stundenprotokoll: eine minutengenaue Ablaufplanung in Gestalt einer Übersichtstabelle mit der Untergliederung „Zeit“ ( z.B. 5 min), „Programm“ (z.B. Begrüßung), „Inhalt“ (z.B. Begrüßung der Teilnehmer, Vorstellung des Trainingsleiters, Organisatorisches u.a.) „,Zielbereich“ (z.B. soziale Interaktion, Stimmung), „Methode“ (z.B. Plenum) und „Material“ (z.B. Tuch, Windlicht, Koffer mit verschiedenen Gegenständen, Namensschilder).
  • Durchführung: für das Modul 1 (Einführung) werden folgende Schritte gemäß dem Stundenprotokoll angeführt: Zielsetzung, Vorbereitung und Ablauf (Begrüßung, Vorstellungsrunde mit den Aufgaben „Gegenstände merken“, „Gegenstände abrufen“, „Wissen: Gedächtnisprozesse“, „Pause“, „Psychomotorik: Partnerübung mit Luftballons“, „Lernen: Gegenstände abrufen“, „Denken: Erwartungen an die Intervention bzw. Bewertungen der Intervention“, „Altgedächtnis und Denken: Anagramme bilden“ und „Aufgaben für Zuhause“.
  • Therapieunterlagen: Hier werden die Merk- und Arbeitsblätter im Original im DIN-A4-Format verkleinert (4 Blätter pro Buchseite, die jedoch ohne Vergrößerungsglas nicht zu lesen sind) abgebildet. Für das Modul 1 sind es die zwei Merkblätter „Funktionsweise des Gedächtnisses“ und „Veränderungen von Gedächtnisleistungen“ und die sechs Arbeitsblätter „Einschätzung und Erwartung“, „Einschätzung“ und „Bewertung“, „Anagramme bilden“, „Blitzlicht: Einführung“, „Warteschleife: Einführung“ und „Groß und klein“ (für zu Hause). Die Therapieunterlagen können online beim Verlag heruntergeladen werden.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Trainingsprogramm im Sinne eines Hirnjoggings ist hinsichtlich seiner Inhalte und auch Vorgehensweisen relativ umfangreich und gut strukturiert. Es ist typisch für die vielen Vorgehensweisen im Arbeitsfeld Gedächtnistraining, das einer Reihe von Personengruppen zur Stärkung ihrer Gedächtnisleistungen offeriert wird.

Das „stadienspezifische kognitive Training“ bei Demenzkranken im frühen Stadium anzuwenden, erscheint dem Rezensenten aus mehreren Gründen hingegen jedoch als äußerst problematisch:

  • Die sogenannte „Stadienspezifität“ ist bei dem Trainingsprogramm nicht zu erkennen. Das Stadium 4 der Reisberg-Skalen entspricht Stadium V der Braak-Stadien, einem Stadium, bei dem die Großhirnrinde bereits stark abgebaut ist. Bewusstes Lernen ist in diesem Stadium aufgrund der Neuropathologie gar nicht mehr möglich.
  • Es liegen keine Wirksamkeitsnachweise im Sinne eines Langzeiteffektes vor. Leichte Verbesserungen der geistigen Fähigkeiten kurz nach der Intervention sind als bloße Artefakte zu klassifizieren.
  • Es wird auch nicht nachgewiesen, dass mithilfe dieses Trainingsprogramms deutliche Verbesserungen bei der Gestaltung des Alltags erzielt werden. So fehlt der Beleg, dass durch das Übungsprogramm die Stabilisierung einer selbständigen Lebensführung im Sinne eines Generalisierungsfaktors erreicht werden könnte.
  • Nach dem Stand der Forschung haben kognitive Trainingsprogramme bei Demenzkranken bisher keine signifikanten therapeutischen Effekte bezüglich des Krankheitsverlaufes erbringen können.

Menschen mit spürbaren Gedächtniseinbußen benötigen Hilfe und Unterstützung, denn gerade bei dem Gewahr werden der beginnenden geistigen Leistungsverluste ist der psychische Stress bei den Betroffenen besonders hoch. Es gilt in diesem Stadium, möglichst viele Bereiche des Alltagslebens an die demenzielle Erkrankung kompensatorisch und sozialtherapeutisch zu adaptieren. Gedächtnisübungen gehören jedoch nicht dazu.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 18.08.2017 zu: Verena Caroline Buschert: StaKogS - stadienspezifische kognitive Stimulation bei leichtgradiger Alzheimer-Demenz. Mit zahlreichen Abbildungen und Arbeitsmaterialien online. Springer (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-662-50320-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22445.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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