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Karoline Teufel, Christian Wilker u.a.: A-FFIP - Autismusspezifische Therapie im Vorschulalter

Cover Karoline Teufel, Christian Wilker, Jennifer Valerian, Christine M. Freitag: A-FFIP - Autismusspezifische Therapie im Vorschulalter. Springer (Berlin) 2017. 210 Seiten. ISBN 978-3-662-50499-4. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Die Autoren stellen einen Leitfaden für autismusspezifische Therapiesitzungen für Kinder im Vorschulalter vor, die so am Autismus-Therapiezentrum der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Frankfurt am Main entwickelt wurden. Die Basis des Frankfurter Frühinterventionsprogramms „FFIP“ sind Ergebnisse aus entwicklungspsychologischen Studien von gesunden Kindern und von Kindern im Autismusspektrum. Die Förderung beinhaltet empirisch überprüfte, verhaltenstherapeutische Verfahren.

Das Manual ist im Verlauf von ungefähr zehn Jahren im Frankfurter Autismus-Therapie-und-Forschungszentrum entwickelt worden. Berücksichtigt wurden neben den Erfahrungen der dortigen Therapeuten systematische Analysen international etablierter Methoden und entwicklungspsychologische Grundlagen.

Aufbau

Das Buch ist in vier Teile gegliedert:

  1. Autismus-Spektrum-Störungen – Theorie und Empirie
  2. Frankfurter Frühinterventionsprogramm A-FFIP- Aufbau und Behandlungskonzept
  3. Praktisches Vorgehen – Anwendung des A-FFIP
  4. Materialien für die Praxis

Zu I: Autismus-Spektrum-Störungen – Theorie und Empirie

Kapitel 1 beschreibt die Wichtigkeit einer frühen Diagnostik und gibt Hinweise auf frühe Symptome. Die Förderung sollte so früh wie möglich beginnen, in Anbetracht der in Deutschland noch zu wenigen spezifischen Frühförderstellen sollte sie im Alter von 24 oder spätestens im Alter von 26 Monaten beginnen.

Komorbide Störungen im psychischen Bereich (z. B. ADHS, oppositionelle Störung, Angststörung und andere) oder im somatischen Bereich müssen abgeklärt und behandelt werden, sie können den Erfolg der verhaltenstherapeutischen Maßnahmen unter Umständen negativ beeinflussen.

Im Kapitel 2 werden die wesentlichen Entwicklungsbereiche und ihre bisher erforschten Wechselwirkungen beschrieben.

Kapitel 3: Viele Entwicklungsbereiche sind genetisch vorgebahnt, die Entwicklung findet jedoch auch in Auseinandersetzung mit der Umwelt statt. Damit begründen die Autoren die frühe Förderung.

Die Autoren betonen die Verflechtungen von bereichsspezifischen und bereichsübergreifenden Entwicklungen und lehnen die Vorstellung einer hierarchischen Abfolge von Entwicklungen, wie sie beispielsweise Jean Ayres postuliert (basale, propriozeptiv-taktil-vestibuläre Wahrnehmung muss vor anderen Entwicklungsschritten trainiert werden) als veraltet ab.

Sie weisen explizit darauf hin, dass A-FFIP auf Kinder mit Autismusspektrumsstörungen ohne „sensorische (Seh- oder Hörminderung, Blindheit, Taubheit) oder fokale neurologische bzw. starke motorische Einschränkungen, wie z. B. bei der infantilen Zerebralparese“ eingeht. Visuo- und feinmotorische Aspekte hingegen sind Bestandteil des A-FFIP.

Danach werden autismusspezifische Besonderheiten der verschiedenen Entwicklungsbereiche beschrieben, die jedoch bei den einzelnen Kindern stark variieren. Daher soll jedes Kind in allen Bereichen zunächst individuell eingeschätzt und die Förderung dem entsprechend individuell aufgebaut werden. Das Medium für die Förderung soll so bald wie möglich das gemeinsame, sprachbegleitete Spiel sein. Die Interessen des Kindes sollen flexibel aufgenommen und im Hinblick auf die zu übenden Fertigkeiten erweitert werden.

Kapitel 4: Die Autoren betonen die Notwendigkeit evidenzbasierter Studien bei der Förderung und verweisen auf eigene Studien: In Ein- und Zweijahresverläufen zeigten sich mittlere Effekte auf die Verbesserung autistischer Verhaltensweisen.

Die Ziele der Förderung haben sich in neuerer Zeit verschoben: Zwar spielt die Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten nach wie vor eine Rolle, der Schwerpunkt liegt heute aber eher bei der zentralen autistischen Symptomatik, also bei der sozialen Interaktion und Kommunikation. Eine Einzelförderung mit Elternanleitung und Einbeziehung der weiteren Lernumgebung hat sich als sinnvoll herausgestellt.

Die Autoren möchten von „autismusspezifischer, verhaltenstherapeutisch basierter Therapie im Kleinkind- und Vorschulalter (sprechen), in die alle evidenzbasierten, wirksamen Therapiemethoden aufgenommen werden sollten“. Sie legen Wert auf die Feststellung, dass sich die Verhaltenstherapie seit dem in den 60-er Jahren vorherrschenden Behaviorismus weiter entwickelt und zahlreiche andere Techniken, die sie im Einzelnen aufführen, aufgenommen hat.

Die Autoren befürworten eine Therapiefrequenz von zwei Stunden pro Woche. Sie distanzieren sich von hohen Therapiefrequenzen, die in den USA und Schweden teilweise von Eltern gerichtlich eingeklagt wurden (20-40 Stunden pro Woche), deren Wirksamkeit aber nicht gut belegt ist.

Zu II: Frankfurter Frühinterventionsprogramm A-FFIP – Aufbau und Behandlungskonzept

In Kapitel 5 beschreiben die Autoren die Grundkonzeption des Ansatzes und die Einordnung der Therapieziele in Grundfertigkeiten, Entwicklungsbereiche und Schwierigkeitsebenen. Die Therapieziele sollen gemeinsam mit Eltern und Erziehern festgelegt werden. Die Autoren erläutern das Vorgehen bei der Interventionsplanung und der Überprüfung der Therapiefortschritte und gehen ein auf mögliche Fehler, besonders bei den verhaltenstherapeutischen Elementen. Zum Schluss des Kapitels gehen die Autoren auf die therapeutische Grundhaltung ein, die sie auf einer humanistischen Basis verorten.

Kapitel 6: Die Autoren erläutern zunächst das Therapiesetting in Bezug auf Therapieraumgestaltung und die Vorteile eines Kotherapeuten bei der Anbahnung bestimmter Verhaltensweisen. Anschließend geht es um die Zusammenarbeit mit dem Umfeld und um die Finanzierung der Therapie.

In Kapitel 7 geht es um herausfordernde Verhaltensweisen und Komorbiditäten. Die Autoren erklären mögliche autismusspezifische Zusammenhänge und verweisen auf die Notwendigkeit einer individuellen Verhaltensanalyse. Auf dieser Grundlage beruhen die Interventionen, die das Entwicklungsalter des Kindes in allen Bereichen berücksichtigen.

Zu III: Praktisches Vorgehen – Anwendung des A-FFIP

Kapitel 8 beschreibt die verhaltenstherapeutischen, autismusspezifischen Techniken im Einzelnen. An praktischen Beispielen wird die Umsetzung verdeutlicht. Die Autoren distanzieren sich von dem „diskreten Lernformat“ im Sinne des ABA und befürworten ein Lernen in natürlichen (Spiel)situationen, das allerdings in speziellen Fällen durchaus auf einem kurzzeitig durchgeführten „diskreten Lernformat“ aufbauen kann. Gezielte Hilfestellungen („prompts“) beim Üben eng umgrenzter, konkreter Aufgaben, die sich vor allem beim „diskreten Lernformat“ anbieten, werden erläutert. Die Autoren weisen darauf hin, dass dem Kind auch die Möglichkeit gegeben werden sollte, in einem „natürlichen Lernformat“, beispielsweise durch Versuch-und-Irrtum und Problemlösestrategien, eine Anforderung zu bewältigen. Sie beschreiben diese Vorgänge aber relativ kurz.

Die Autoren gehen auf visuelle Strukturierungshilfen ein sowie auf „Situationskontrolle (des Therapeuten) und Motivation“, wobei sie Wert auf die Feststellung legen, dass „Situationskontrolle“ keineswegs ein direktives Bestimmen der Aktivitäten durch den Therapeuten bedeutet.

Kapitel 9 erläutert Therapieziele und Übungen in Bezug auf die sechs Grundfertigkeiten, die als bei ASS spezifisch eingeschränkt beschrieben wurden: Aufmerksamkeitskontrolle; gemeinsame Aufmerksamkeit; Imitation; Repräsentationsfähigkeiten; Handlungsplanung; Selbstwahrnehmung. Der Aufbau ist übersichtlich und immer gleich. Die einzelnen Fertigkeiten werden beschrieben, bei den Interventionen in drei verschiedenen Schwierigkeitsgraden werden die entsprechenden Fördermöglichkeiten zunächst in einem verhaltenstherapeutischen Kontext, dann auch in Alltagssituationen aufgezeigt.

In Kapitel 10 werden die fünf bei ASS wesentlichen Entwicklungsbereiche beschrieben: Kommunikation und Sprache; Interaktion und Spielverhalten; Emotionen; Kognitive Fertigkeiten; Alltagspraktische Fertigkeiten. Die Autoren gehen genauso vor wie in Kapitel 9.

Zu IV: Materialien für die Praxis

Kapitel 11 ist eine Materialsammlung mit Kopiervorlagen, die alle vorher erläuterten Bereiche abdecken.

Ein Stichwortverzeichnis schließt das Buch ab. Weiterführende Materialien können aus dem Internet heruntergeladen werden.

Diskussion

Positiv finde ich die Übersichtlichkeit des Werks. Die präzise Beschreibung der Grundfertigkeiten und Entwicklungsbereiche und die Darstellung der neusten Erkenntnisse, in welchen dieser Bereiche Kinder im Autismusspektrum häufig Schwierigkeiten haben, finde ich sehr gelungen; ebenso die Darstellung der nach Schwierigkeitsgraden unterteilten Fördermöglichkeiten, die sich auf eben diese Bereiche beziehen. Die Arbeitsmaterialien lassen sich leicht den einzelnen Bereichen zuordnen.

Einziger Kritikpunkt: Die Autoren betonen immer wieder den Wert des vom Kind selbst bestimmten Lernens in natürlichen Situationen, eine Therapie sollte sowohl engumgrenzte, konkrete Aufgaben im „diskreten Lernformat“ als auch freiere Situationen im „natürlichen Lernformat“ beinhalten. Der Schwerpunkt ihrer konkreten Beschreibungen liegt dann aber bei den verhaltenstherapeutischen Interventionen für eng umgrenzte Zielsetzungen.

Das Konzept der „evidenzbasierten Therapie“ wird von den Autoren nicht in Bezug auf die Begleitung psychischer Prozesse hinterfragt. Die von den Autoren vertretene Forderung nach kontrollierten, randomisierten Studien birgt immer die Gefahr, die Bewältigung engumgrenzter, konkreter Aufgaben im „diskreten Lernformat“ und in einem geschützten Rahmen zum Inhalt einer Studie zu machen. Je natürlicher die Lernumgebung ist, desto weniger kontrollierbar sind die Bedingungen einer Studie.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Autoren auf diese Problematik eingehen und demzufolge dem „natürlichen Lernformat“ in allen Bereichen mehr Aufmerksamkeit widmen würden, auch wenn hier die Erfolge nicht so leicht in randomisierten, kontrollierten Studien nachgewiesen werden können.

Fazit

Auf jeden Fall ein lesenswertes Buch für alle, die mit der Förderung von Kindern im Autismusspektrum zu tun haben. Da es um das Entwicklungsalter und nicht um das reale Alter geht, kann man auch für die Förderung älterer Kinder viele Anregungen bekommen. Auch wer nicht nahezu ausschließlich verhaltenstherapeutisch arbeitet, kann von diesem Buch profitieren.


Rezensentin
Ortrud Aden
M.A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften, z. Z. Tätigkeit in einer Autismusambulanz
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Zitiervorschlag
Ortrud Aden. Rezension vom 03.05.2017 zu: Karoline Teufel, Christian Wilker, Jennifer Valerian, Christine M. Freitag: A-FFIP - Autismusspezifische Therapie im Vorschulalter. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-50499-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22448.php, Datum des Zugriffs 21.07.2018.


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