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Susanna Niehaus, Renate Volbert u.a.: Entwicklungs­gerechte Befragung von Kindern in Strafverfahren

Cover Susanna Niehaus, Renate Volbert, Jörg M. Fegert: Entwicklungsgerechte Befragung von Kindern in Strafverfahren. Springer (Berlin) 2017. 105 Seiten. ISBN 978-3-662-53862-3. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 36,00 sFr.
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Thema

Unter dem Titel „Entwicklungsgerechte Befragungen von Kindern in Strafverfahren“ beleuchten die AutorInnen Belastungen und Kompetenzen von Kindern, die als Opferzeugen in Strafverfahren aussagen. Dabei werden die Rahmenbedingungen und Vorgehensweisen der Länder Deutschland, Österreich und Schweiz dargestellt und mit berücksichtigt. Im Zentrum stehen die Anforderungen, die sich aus bisherigen Forschungsbefunden für eine fachlich fundierte Befragungspraxis ergeben; dies nicht nur im Hinblick auf die Professionalisierung der Befragungspersonen, sondern auch zum Zweck der Qualitätssicherung und der daraus folgenden Verwendbarkeit von Aussagen. Im Ergebnis dient dies u.a. dem Schutz der betroffenen Kinder, die körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren mussten.

Autorinnen und Autor

Alle drei AutrorInnen sind ausgewiesene ExpertInnen für das Thema dieser Publikation.

  • Susanna Niehaus ist Fachpsychologin für Rechtspsychologie an der Hochschule Luzern.
  • Renate Volbert arbeitet als Fachpsychologin für Rechtspsychologie an der Psychologische Hochschule Berlin.
  • Jörg M Fegert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Ulm.

Für die Bearbeitung der zu diskutierenden Aspekte fließen außerdem deren Forschungs- und Praxiswissen aus den Bereichen Opfer- und Kindesschutz sowie Erfahrungen als Sachverständige für Befragungen im Strafrecht ein.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt für die Publikation war ein in Auftrag gegebenes, veröffentlichtes Grundsatzgutachten zur Befragung von Kindern, das den AutorInnen den Impuls gab, die Herausforderungen einer entwicklungsgerechten Befragung Minderjähriger länderübergreifend aufzuarbeiten. Zusammengetragen wurden hierzu Erkenntnisse und Forschungsergebnisse aus den Bereichen der Entwicklungspsychologie, Entwicklungspsychopathologie und Aussagepsychologie, um im Ergebnis eine Handreichung für die Praxis zu erstellen.

Aufbau und Inhalt

Das dünne, aber inhaltsreiche Werk umfasst acht Kapitel, einen Serviceteil und Literaturangaben auf rund 100 Seiten.

Aufgezeigt wird in Kapitel 1 zunächst das „Spannungsfeld zwischen Opferschutz und Strafverfolgung“ vor dessen Hintergrund die Bedeutung einer professionellen Erhebung und Dokumentation von Erstaussagen gerade minderjähriger Opferzeugen eingangs überblicksmäßig skizziert wird. Bereits einleitend wird auf die Relevanz entwicklungspsychologischer und -psychopathologischer Erkenntnisse hingewiesen.

Für die Befragung von Kindern in Strafverfahren ergeben sich aus den rechtlichen Rahmenbedingungen Besonderheiten, die es zu beachten gilt; diese werden in Kapitel 2 für Deutschland, Österreich und die Schweiz vergleichend dargestellt.

Kapitel 3 enthält dann eine Übersicht über „besondere Belastungen minderjähriger Opferzeugen“, verbunden mit Hinweisen und Empfehlungen, wie diese zu vermeiden sind.

Untergliedert nach den Aspekten Gedächtnis, sprachliche und kommunikative Kompetenzen, Entwicklung der Täuschungsfähigkeit im Hinblick auf Verschweigen und Leugnen, Unterscheidung von Fakt und Fantasie sowie Emotionsentwicklung werden in Kapitel 4 die „aussagerelevanten Kompetenzen im Entwicklungsverlauf“ von Kinder zwischen 4 und 12 Jahren differenziert dargelegt. Im Mittelpunkt steht dabei die Aussagetüchtigkeit, also die Fähigkeit von Kindern selbst Erlebtes wahrzunehmen, im Gedächtnis zu bewahren, es abzurufen und verbal wiederzugeben. Herausgearbeitet wird dabei, dass es der Befragungsperson obliegt, hierfür optimale Aussagebedingungen zu schaffen, was nur unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes und möglicherweise vorliegender psychopathologischer Auffälligkeiten möglich ist.

Kindlicher Suggestibilität und der Suggestivität der Befragung“ wird in Kapitel 5 nachgegangen, wobei zunächst suggestive Verhaltensweisen generell (Stereotypen, geschlossen Fragen, Falschinformationseffekt, Konformitätsdruck, Systematische Konditionierung, Konfabulation) ausgeführt werden. Aber auch der Anteil des Befragten und der des Befragenden werden kritisch beleuchtet und mit Hinweisen und Empfehlungen verbunden.

Die in den Vorkapiteln dargelegten Erkenntnisse und Befunde bilden den Hintergrund für die Erläuterung der „zentralen Elemente einer fachlich fundierten Befragungspraxis“ in Kapitel 6. Unterteilt sind die Ausführungen im Wesentlichen in 4 Phasen. Aufgezeigt wird, dass bereits in der Vorbereitung, über das einleitende Gespräch mit Rapportbildung (der Herstellung einer vertrauensvollen Beziehung unter Berücksichtigung von Körpersprache) bis zum Warming-Up grundlegendes Wissen zu berücksichtigen ist, bevor in der 4. Phase die eigentliche Befragung zur Sache erfolgt. Alle Phasen sind mit Hinweisen und Empfehlungen versehen. Das Kapitel schließt ab mit einer Darlegung von Problemen aus der Befragungspraxis und der Vorstellung von Lösungsversuchen mittels Leitfäden und standardisierten Protokollen, insbesondere dem sog. „NICHD-Protokoll“ („Investigative Interview Protocol“, S. 73 f).

In Kapitel 7 wird resümierend ausgeführt „warum Techniken allein nichts nützen“, bevor Kapitel 8 mit einem „Plädoyer für verbindliche Befragungsstandards“ schließt.

Im „Service-Teil“ findet sich neben einer Literaturliste und einem Index (Schlagwortverzeichnis) ein Glossar zu relevanten Fachbegriffen und landesspezifischen Bezeichnungen.

Diskussion

Den AutorInnen gelingt es die für die Thematik relevanten Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie und -Psychopathologie verständlich und fundiert darzulegen. Im Vordergrund stehen dabei die Herausforderungen, die sich ergeben können, wenn die Aussagen von Kindern als (einziges) Beweismittel dienen. Anschaulich und stringent wird ausgeführt wie wichtig es ist, für solche Befragungen optimale Bedingungen zu schaffen und wie eine solche Befragungssituation am besten zu gestalten ist (Kapitel 3).

Dies fängt mit der einfachen, aber nicht banalen Erkenntnis an, dass (auch) Kinder wahr- und ernst genommen werden wollen (S. 24). Denn selbst, wenn die Befragung per se eine Belastung darstellt, wird dies in der Rückschau – nämlich, dann wenn die Aussage optimal genutzt werden kann – im Ergebnis eine Entlastung bedeuten, die zur Zufriedenheit beiträgt, so die AutorInnen (S. 25).

Und auch hinsichtlich aussagerelevanter Kompetenzen von Kindern werden Informationen vermittelt, die in ihrer Fülle so nicht jedem, zumindest nicht jederzeit, präsent sein dürften (Kapitel 4). Dabei wird auch eine ganze Anzahl alltagstheoretischer Annahmen dargestellt und schlüssig widerlegt z.B. dass Spielzeug bei der Befragung eben so wenig hilfreich ist, wie „Als-Ob-Gespräche“ (S. 40 f). Fortgesetzt wird diese – in all ihren Facetten interessante – Wissensvermittlung in Kapitel 5 durch die Aufbereitung von Erkenntnissen zu suggestiven Verhaltensweisen.

Auf diese Weise wird ein Verständnis vermittelt, das für die detailreiche Hinweise und Anregungen zu den Phasen einer fachlichen fundierten Befragung, wie sie in Kapitel 6 gegeben werden, eine hervorragende Grundlage bildet. Ziel ist der freie Bericht kindlicher Opferzeugen, der ergebnisoffen von der Befragungsperson entgegengenommen wird. Was dies im Einzelnen bedeutet und wie dies optimal erreicht wird, wird anschaulich dargelegt; dies nicht nur in regelmäßigen Zusammenfassungen, sondern auch durch Hervorhebungen wichtiger Kernsätze in Fett-Druck und der Darstellung gebündelter Hinweise und Empfehlungen in grau hinterlegten Kästchen.

Die AutorInnen machen dabei deutlich, dass es darum geht, wissenschaftliche Erkenntnisse unterlegt mit Erfahrungswissen der Praxis nutzbar zu machen. Gerade die Schilderung von konkreten Beispielen (z.B. auch von nicht optimaler Befragungen auf S. 78), tragen zum Verstehen bei. Dass hierbei nicht auch auf die Publikation von M. Delfos „»Sag mir mal … « Gesprächsführung mit Kindern (4 – 12 Jahre)“ (2015,10. Auflage) Bezug genommen wird, ist zu bemängeln.

Hervorzuheben ist, dass die AutorInnen sich nicht nur auf diese zentralen Inhalte beschränken, sondern auch auf die Relevanz personenbezogener Faktoren und die Wichtigkeit Befragungen zu trainieren hinweisen (S. 73). Somit adressieren sie auch Verantwortliche in der Personalentwicklung mit der Botschaft, dass bei der Auswahl und der Schulung von Befragungspersonen die dargelegten Erkenntnisse mit zu berücksichtigen sind.

Fazit

Ein lohnens- und damit lesenswertes Fachbuch, nicht nur für PsychologInnen, sondern für alle, die beruflich mit der hoch komplexen Thematik „Befragung von kindlichen Opferzeugen“ befasst sind. Facettenreich und schlüssig werden zentrale Erkenntnisse dargelegt und hieraus abzuleitende Empfehlungen und Hinweise für die Praxis gegeben.


Rezensentin
Prof. Dr. Ulla Törnig
Jg. 1967, Dr. jur., seit 2002 Professorin an der Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen, für die Lehrgebiete Kinder- und Jugendhilferecht, Familienrecht, (Jugend-) Strafrecht, zuvor Berufserfahrung als Rechtsanwältin, Konfliktschlichterin (Täter-Opfer-Ausgleich) und wissenschaftliche Angestellte am Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg. Seit 1997 Vorsitzende des Dialog e.V. Heidelberg, einer Einrichtung der Straffälligenhilfe in freier Trägerschaft zur Durchführung des Täter-Opfer-Ausgleichs im Jugendbereich.
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Zitiervorschlag
Ulla Törnig. Rezension vom 20.06.2017 zu: Susanna Niehaus, Renate Volbert, Jörg M. Fegert: Entwicklungsgerechte Befragung von Kindern in Strafverfahren. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-53862-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22455.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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