socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wilma Funke: Fallkonzeption und Therapieplanung in der Suchtbehandlung

Cover Wilma Funke: Fallkonzeption und Therapieplanung in der Suchtbehandlung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 180 Seiten. ISBN 978-3-17-028763-1. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autorin

Prof. Dr. Wilma Funke ist seit 1996 therapeutische Leiterin der Kliniken Wied, einer Fachklinik für Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit. Zuvor war sie von 1984 bis 1996 als Psychotherapeutin und später leitende Psychologin an der AHG Fachklinik Bad Tönisstein tätig. Darüber hinaus ist Frau Dr. Funke seit 2010 Professorin an der Katholischen Fachhochschule NRW in Köln. Ferner ist sie tätig als Dozentin und Supervisorin in der Ausbildung von psychologischen Psychotherapeuten und Suchttherapeuten tätig. Inhaltlich liegt der Arbeitsschwerpunkt langjährig auf substanzgebundenen Abhängigkeitsstörungen, insbesondere in der Entwicklung und Evaluation von Behandlungsprogrammen.

Frau Funke ist bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen auf dem Feld der Suchterkrankungen und durch ihre Vorstandsarbeit in mehreren Fachgesellschaften, wie der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie und dem Fachverband Sucht.

Ziel und Zielgruppe

Der vorliegende Band ist Teil der im Kohlhammer-Verlag erschienenen Reihe „Sucht: Risiken – Formen – Interventionen“. Mit dieser Buchreihe ist die Intention verbunden, einen umfassenden Überblick über neue Entwicklungen in Prävention, Diagnostik und Therapie von Suchterkrankungen zu geben. Die Herausgeber, O. Bilke-Hentsch, E. Gouzoulis-Mayfrank und M. Klein, formulieren die Zielrichtung folgendermaßen: „In jedem Band wird auf die interdisziplinären und praxisrelevanten Aspekte fokussiert, es werden aber auch die neuesten, wissenschaftlichen Grundlagen des Themas umfassend und verständlich dargestellt.“

Buch gehört zum sogenannten „Track 1: Grundlagen und Interventionsansätze“. Es will eine Richtschnur geben, wie eine Therapie von Abhängigkeitserkrankungen sinnvoll und zielführend für den Patienten aufgebaut sein sollte und geplant werden kann. Fallkonzeption und Therapieplanung greifen dabei Hand in Hand und beeinflussen sich rekursiv wechselseitig. Es wird deutlich gemacht, dass Planung und Hypothesenbildung nicht nur zu Beginn einer Behandlung notwendig sind, sondern dass es sich um einen die Therapie begleitenden, adaptiven Prozess handelt. Grundlage der Überlegungen bilden das Modell der Therapiephasen nach F. H. Kanfer sowie das Modell der Konsistenzregulation nach K. Grawe.

Inhalt

Im ersten Kapitel werden Grundgedanken zum Zusammenhang von Fallkonzeption und Therapieplanung vorgestellt. Die Autorin betont, dass es für eine sinnvolle Therapieplanung notwendig ist, ausreichend Kenntnisse über die Lebensgeschichte und den Lebenskontext des Patienten sowie seine Ressourcen und Defizite zu haben. Dies kann auch als das „Persönliche Referenzsystem“ des Patienten bezeichnet werden. Frau Funke hebt hervor, dass Therapieplanung nur vor diesem Hintergrund sinnvoll gestaltet werden kann. Hieran entscheidet sich, welche Therapieziele angestrebt werden sollten und welche Indikationsentscheidungen zu treffen sind. Es wird hervorgehoben, dass dies stets unter umfassender Einbeziehung des Patienten mit größtmöglicher Transparenz seitens der Behandler geschehen sollte. Nur so kann auch die Basis für eine tragfähige, therapeutische Allianz gelegt werden.

Als Orientierungsrahmen für Fallkonzeption und Therapieplanung werden im zweiten Kapitel das Selbstmanagementmodell von F. H. Kanfer und das Modell der Konsistenzregulation nach K. Grawe vorgestellt. Anhand des 7-Phasen-Modells des Therapieprozesses von Kanfer werden für jede der Phasen Besonderheiten in der Beziehungsgestaltung und günstige oder notwendige Interventionen dargestellt. Besonders hervorgehoben wird die Wichtigkeit einer Ressourcenorientierung; zu Beginn des Therapieprozesses, um Demoralisierung und Resignation des Patienten zu überwinden, später, um die Veränderungsmotivation aufrechtzuerhalten und Zuversicht zu geben, dass der Transfer des Gelernten in den Lebensalltag gelingen kann. Dabei wird stets Bezug genommen zu den Behandlungspfaden und Möglichkeiten, die das Deutsche Suchtkrankenhilfesystem bietet. Auch wird der Bezug zur S3-Leitlinie Alkoholabhängigkeit hergestellt. Die einzelnen Schritte werden anhand mehrerer Fallbeispiele ausführlich und nachvollziehbar illustriert. Unter Bezugnahme auf das Modell der Konsistenzregulation von Klaus Grawe wird hervorgehoben, dass es zentrale Richtschnur einer Psychotherapie ist, den Patienten in die Lage zu versetzten, seine Grundbedürfnisse zukünftig in einer zuträglicheren Weise befriedigen zu können. Dazu ist es notwendig, dass der Patient bereits während der Psychotherapie Erfahrungen machen kann, die das Selbstwerterleben und die Selbstwirksamkeit steigern. Der Therapeut muss dabei im Blick haben, in ausreichendem Maße Annäherungsziele zu aktivieren sowie erkennen und berücksichtigen, an welchen Stellen und in welchem Ausmaß implizite Wahrnehmungen und Handlungsimpulse das Verhalten des Patienten mitbestimmen.

Im dritten Kapitel werden der Aufbau und die Weiterentwicklung einer Fallkonzeption in den verschiedenen Phasen einer Therapie mit pragmatischen Hinweisen erläutert. Als wichtige Grundvoraussetzung wird eine „grundsätzlich fragende und nachfragende Haltung seitens des Therapeuten“ hervorgehoben. Es geht darum, ein „kognitives und emotionales Verständnis“ des Patienten zu entwickeln und einmal gefasste Hypothesen über das Störungsbild des Patienten ggf. auch wieder in Frage zu stellen. Schrittweise können so Informationen über die Lebenssituation des Patienten, seine Motive und Bedürfnisse sowie Pläne, Schemata und Verhaltensimpulse in die Fallkonzeption integriert werden. Dies bildet die Grundlage für die Erarbeitung veränderter Bewertungen und Verhaltensweisen. Es kommt dann darauf an, den Patienten dabei zu unterstützen, diese auch zu erproben und in seinen realen Lebensbezügen anzuwenden. Als besonders kritische Abschnitte im Therapieprozess werden der Beginn und das Ende benannt. Zu Beginn muss mit besonderer Sensibilität am Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung gearbeitet werden. Gegen Ende des Therapieprozesses können Ängste, den Anforderungen des Lebens ohne Suchtmittel nicht gewachsen zu sein, wieder hervortreten.

Im vierten Kapitel werden die Schritte der Therapieplanung benannt, die auf Basis einer sukzessiven Vertiefung und Erweiterung der Fallkonzeption getan werden sollten. Gelingt eine schnelle Reduktion und Linderung von Symptomen und Beschwerden zu Beginn der Therapie, festigt dies die therapeutische Beziehung. Im zweiten Schritt wird mit dem Patienten herausgearbeitet, welche Behandlungsschwerpunkte gewählt werden sollen. Frau Funke hebt hier nochmals bedeutende Rolle von Ressourcenaktivierung hervor. Verhaltensexperimente und erste Erfolge bei der Umsetzung erarbeiteter Veränderungsschritte fördern das Selbstwirksamkeitserleben und die Veränderungszuversicht des Patienten. Schließlich wird noch einmal auf die Notwendigkeit einer differenzierten Indikationsstellung für die unterschiedlichen, möglichen Behandlungspfade aufgezeigt. Die Empfehlungen, die in den S3-Leitlinien dazu geben, werden zusammenfassend dargestellt. Abschließend werden die Erfordernisse einer adaptiven Therapiegestaltung und Zielflexibilität hervorgehoben.

Im fünften Kapitel wird auf die Bedeutung von Dokumentation, Evaluation und Supervision therapeutischer Arbeit eingegangen. Eine qualitativ hochwertige und verbindliche Dokumentation dient der Nachvollziehbarkeit und Reflexion therapeutischer Verläufe und ermöglicht eine zuverlässige Kommunikation darüber. Frau Funke hebt die Wichtigkeit der Evaluation therapeutischer Vorgehensweisen hervor. Es werden auch Schwierigkeiten benannt, die beim Transfer von unter Laborbedingungen gewonnenen Erkenntnissen in die tatsächliche Versorgungslandschaft entstehen können. Beispielsweise werden in kontrollierten Studien häufig Komorbiditäten ausgeschlossen, während sie in der Versorgungsrealität eher den Regelfall darstellen. Schließlich wird auf die Notwendigkeit von Supervision hingewiesen, damit professionelle Helfer die Belastungen, die mit der Behandlung Suchtkranker verbunden sind, adäquat verarbeiten können. Ferner dient die Supervision der Erweiterung und Verfeinerung der Behandlungsfähigkeiten sowie der Reflexion der Gestaltung der therapeutischen Beziehung. Frau Funke betont daher, dass Supervision für die Qualitätssicherung von Psychotherapie unverzichtbar ist.

Diskussion und Fazit

Der Autorin ist es mit diesem Band gelungen, einen Orientierungsleitfaden für die Gestaltung von Therapiepfaden in der Suchtkrankenbehandlung zu geben. Sie entwickelt anhand des Phasenmodells nach F.H. Kanfer, welche Informationen für eine sorgfältige Fallkonzeptualisierung und eine überlegte Therapieplanung notwendig sind. Gleichzeitig zeigt sie auf, welche Besonderheiten und eventuellen Schwierigkeiten in den jeweiligen Phasen zu berücksichtigen sind. Ein Verdienst ist es, dass sie hier stets die Querverbindungen zu den Behandlungsmöglichkeiten und Behandlungspfaden, die im Deutschen Suchtkrankenhilfesystem zur Verfügung stehen, herstellt. Sie macht deutlich, dass eine umfassende und adaptive Fallkonzeption gerade für Suchtpatienten mit meist auf vielen Ebenen vorliegenden Problemlagen unabdingbar für eine gute Therapieplanung und eine zielführende, erfolgversprechende Behandlung ist.

Damit ist der vorliegende Band sehr lesenswert. Die Autorin hat es verstanden, ein komplexes Thema kompakt und dabei gleichzeitig fundiert und verständlich darzustellen. Es bietet einen guten Orientierungsrahmen für grundlegende Fragen der Therapiegestaltung bei suchtmittelabhängigen Patienten. Den von den Herausgebern der Reihe formulierten Anspruch (s. o.) wird der Band gerecht. Er kann uneingeschränkt allen empfohlen werden, der im Bereich der Suchtkrankenhilfe tätig ist.


Rezensent
Dr. rer. nat. Volker Premper
Leitender Psychologe, MEDIAN Klinik Schweriner See, Lübstorf (Mecklenburg-Vorpommern)
E-Mail Mailformular


Alle 16 Rezensionen von Volker Premper anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Volker Premper. Rezension vom 19.04.2017 zu: Wilma Funke: Fallkonzeption und Therapieplanung in der Suchtbehandlung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-028763-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22456.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung