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Christoph Riedel: Psychological Care am Lebensende

Cover Christoph Riedel: Psychological Care am Lebensende. Psychotherapie in der Sterbe- und Trauerbegleitung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 164 Seiten. ISBN 978-3-17-029699-2. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
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Thema

Diese Publikation setzt sich mit der psychotherapeutisch qualifizierten Begleitung Sterbender auseinander. Sie ist Menschen gewidmet, die eine religiöse Umsorge ablehnen, die es zu Hause nicht mehr aushalten und jenen, bei denen wiederholt psychische Krisen aufbrechen und psychologische Störungsbilder die Sterbephase belasten. Sie wendet sich an alle Professionen, die in der Sterbebegleitung tätig sind – an Hospize, Seelsorger der Spiritual Care und Interessierte.

Autor

Autor ist Christoph Riedel, Dr. phil. – M.A. – Dipl. Theol. Heilpraktiker für Psychotherapie u. Psychologie und Fachkraft für Palliative Care (HaW Freiburg in Kooperation mit der Kübler-Ross-Akademie Stuttgart und dem IFF der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einer „Einführung: Vom Sinn der Psychotherapie angesichts des Todes“ in zwei Teile mit unterschiedlich langen Kapiteln untergliedert. Es wird ausgeführt, dass sich die Angst vieler Menschen nicht auf das Totsein, sondern auf die Erfahrung des Sterbens bezöge. Weil uns die Vergänglichkeit, Endlichkeit und Sterblichkeit lebenslang begleiten, gehörten diese Themen zur Psychotherapie. Sterben und Tod würden als Prozess des Lebensabschiedes gesehen. Die Ausführungen zur Psychotherapie beziehen sich auf den Gedanken der „Care“, der fachlichen Fürsorge und der existentiellen Umsorge des Menschen.

Im ersten Kapitel „Psychological Care im Kontext der Palliative Care“ wird herausgearbeitet, warum Psychotherapie am Lebensende wichtig ist – sie nehme die Stimmungsveränderungen, die unangenehmen und verstörenden Gefühle und Gedanken, die letztlich existentiellen Fragen der Menschen ernst (S. 17). Die weiteren Ausführungen beziehen sich auf sichere und unsichere Todeszeichen, die Trauer und die Erfahrung der Endlichkeit.

Das zweite Kapitel ist mit dem Titel „Grundlagen und Grundannahmen der Psychological Care“ überschrieben. In diesem Abschnitt geht es darum, Psychological Care als eine psychotherapeutische Disziplin darzustellen, die von einem salutogenetischen und insofern ressourcen- und potentialorientierten Zugang ausgeht (S: 35 -37). Die Grundlage kognitiver Leistungen wie Wahrnehmungen, Empfindungen und den Selbstbezug ist im Neokortex des Großhirns begründet, wonach auch das Sterben eine Lernaufgabe darstelle. Das Erleben der Todesangst könne dazu führen, das Leben abschließend zu bewerten, wodurch es möglich sei, einen Freiraum für das Wort zu öffnen, was der Sterbende sich nicht selbst sagen könne. Zur Verdeutlichung wie Psychological Care eingesetzt wird, werden differenzierte Fallvignetten heran gezogen.

Der zweite Teil „Psychological Care Praxis“ beginnt mit Kapitel drei „Die psychotherapeutische Beziehung zu Sterbenden“. Es wird das therapeutische Setting und die Haltung in der Psychological Care thematisiert.

Kapitel vier „Anamnese und Exploration mit Sterbenden“ setzt sich zunächst mit der Veränderung und dem Lebensübergang des Patienten zum Sterbenden auseinander. Die Ärzte zögen sich immer mehr zurück, weil sie nicht mehr kurativ behandeln können, so dass Pflegekräfte innerhalb etablierter und institutionalisierter Versorgung in den Vordergrund treten. Wesentlich sei es, eine Sprache für das Leid zu entwickeln, um infolge der Rückmeldung des Therapeuten oder der Pflegenden einen Prozess der Sprachfindung beim Sterbenden einzuleiten. Interessant ist hier die Methode der fünf Felder. Hier sollte ein Wort in der Mitte eines Kreises eingetragen werden, das z.B. das Wort „Schmerz“ genauer beschreibend wiedergeben soll, was dieses für den Betroffenen bedeutet. Es sollen fünf Alternativen im Rad gefunden werden, um den Verstand gezielt zu überfordern und die personale Vernetztheit der rechtslateralen Hirnsysteme aktivieren zu können (S. 71). Das genau wäre das Training für die Sprache des letzten Lebens.

Das fünfte Kapitel ist dem Thema „Die Interventionsmodule der Psychological Care“ gewidmet. Nach der Anamnese- und Exlporationsphase, die im vorigen Kapitel beschrieben wurde, sei die therapeutische Beziehung gewachsen, so dass Interventionsmodule entwickelt werden können, die in den folgenden Ausführungen skizziert werden. Mit Interventionsimpulsen auf der Basis wertschätzender Konfrontation mit dem, was der Sterbende jetzt noch leben kann, werde der Blick von der Unabänderlichkeit des zu Ende gehenden Lebens immer wieder zurück auf die Gegenwart gelenkt, in der er sich jetzt befände (S. 93). Moralische Gründe zu verteidigen seien beim Sterben wenig sinnvoll, sondern die Selbstakzeptanz und die Zufriedenheit mit dem gelebten Leben und das, zu dem man geworden ist.

Das letzte und damit sechste Kapitel beschäftigt sich mit „Einzelthemen in der Psychotherapie mit Sterbenden: Sexualität des Sterbenden, Humor im letzten Leben, Suizidwünsche, Palliative Sedierung“. Bei diesen Themen sollten aus psychologischer Sicht alle Beteiligten für Verständnis, Einsicht und Toleranz sorgen (S. 134). Sexualität sei die Erfahrung sinnlicher Körperlichkeit, ein Gefühl zum Leben- Wollen. Werde diese in der Sterbebegleitung ausgeblendet, nehme man dem letzten Leben einen existentiellen Bereich der Persönlichkeit weg. Ebenso sei es mit dem Humor, er könne den Ernst der Lage für alle Beteiligten relativieren. Eine letzte Option, auch mit suizidalen Absichten umzugehen, sei die palliative oder terminale Sedierung. Sie ziele darauf ab, durch die Verabreichung von Sedativa und Schmerzmitteln die Bewusstheit des Sterbeprozesses einzuschränken. In der Regle würden die meisten während der ersten Sedierungsphase sterben.

Zuletzt schließt sich ein „Schlussgedanke – Psychological Care als letzte Hilfe“ an. Sie erweise sich als Form akzeptanzorientierter Psychotherapie, die die menschliche Fähigkeit entwickeln helfe, Leid zu leben und doch professionell unterstützt, in Ruhe zu sterben.

Fazit

Diese Publikation ist theoretisch höchst anspruchsvoll und fordert den Leser von Beginn an. Psychological Care und Psychotherapie am Lebensende ist eine Frage, die erst einmal ungewöhnlich erscheinen mag. An den vielen Fallvignetten, die der Autor immer wieder in die einzelnen Kapitel aufnimmt, wird deutlich, dass Psychotherapie während des Sterbeprozesses eine ernste Option darstellt, die Entlastung und ein gutes und ruhiges, von Belastungen freies Sterben, ermöglichen kann.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 02.08.2017 zu: Christoph Riedel: Psychological Care am Lebensende. Psychotherapie in der Sterbe- und Trauerbegleitung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-029699-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22457.php, Datum des Zugriffs 17.06.2019.


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