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Hannah Müggenburg: Lebensereignisse und Mobilität

Cover Hannah Müggenburg: Lebensereignisse und Mobilität. Eine generationsübergreifende Untersuchung von Mobilitätsbiographien. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 271 Seiten. ISBN 978-3-658-16067-8. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Die von Müggenburg vorgelegte Veröffentlichung „Lebensereignisse und Mobilität. Eine generationsübergreifende Untersuchung von Mobilitätsbiographien“ lässt sich an der Schnittstelle zwischen Soziologie und Psychologie einerseits und Mobilitäts- und Verkehrsforschung andererseits einordnen. Sie wurde als Promotionsschrift an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, im Fachbereich Geographie und Geowissenschaften verfasst.

Die Studie stellt Mobilitätsbiographien ins Untersuchungszentrum, wobei das Verkehrshandeln von Individuen über ihren Lebensverlauf beforscht wird. Durch den Einbezug von drei verschiedenen Generationen – Studierende, deren Eltern und Großeltern – können historische Kontexte und gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigt werden (S. 231). Konzeptionell arbeitet Müggenburg mit dem Begriff der kritischen Lebensereignisse aus der Entwicklungspsychologie und implementiert diesen in die lebensverlaufsbezogene Mobilitätsforschung. Die Autorin knüpft damit an bestehende Studien an, die mit dem Konzept der Mobilitätsbiographien arbeiten und den Zusammenhang von Lebensereignissen und Mobilitätsverhalten über den Lebensverlauf hinweg betrachten. Der empirische Teil der Arbeit prüft eine Vielzahl von unterschiedlichen Hypothesen mit der Hilfe von deskriptiven und multivariaten Analysen.

Entstehungshintergrund

Die Studie wurde im Rahmen des DFG-Projektes „Mobility Biographies: A Life-Course Approach to Travel Behaviour and Residential Choice“ durchgeführt. Als Datenmaterial wird eine eigens durchgeführte quantitative Fragebogenuntersuchung herangezogen.

Aufbau

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit ist an das deduktiv-nomologische Paradigma angelehnt. Die klassische Gliederung stellt die theoretische Verankerung und Aufarbeitung des Stands der Forschung voran; gefolgt von Kapiteln zur Datenbeschreibung und Methodenauswahl. In den empirischen Abschnitten werden knapp zwanzig unterschiedliche Leithypothesen untersucht, die in Bezug zum jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkt nochmals ausdifferenziert werden. Eine kritische Methodenreflexion und eine Kontextualisierung der Ergebnisse schließen die Studie ab.

Inhalt

In diesem Buch werden die Einflüsse von unterschiedlichen Lebensereignissen – wie zum Beispiel die Geburt eines Kindes oder Heirat – auf das (veränderte) Verkehrshandeln von Individuen über den gesamten Lebensverlauf untersucht. Im Gegensatz zu bisher vorliegenden Querschnittstudien wird eine langfristige Perspektive angewendet; dies geschieht sowohl intraindividuell durch die retrospektive Betrachtung des Lebensverlaufs als auch interindividuell durch den Vergleich verschiedener Generationen und historischer Kontexte (S. 54). Müggenburg formuliert die folgenden drei Forschungsfragen als Grundlage für ihre empirischen Analysen:

  1. Wie entwickeln sich die Lebensereignisse und Mobilitätsbiographien im Lebensverlauf?
  2. Welche Unterschiede gibt es zwischen Generationen bezüglich ihrer Mobilitätsbiographien?
  3. Welche Auswirkungen haben Lebensereignisse im Verlauf der Biographie auf das Verkehrshandeln?

Die Erhebung umfasst einen standardisierten retrospektiven Fragebogen, der die Themenbereiche Alltagsmobilität, Umzugsmobilität, Lebensereignisse, Wohnen und Präferenzen zu Verkehrsmittelnutzung erfragt. Der Fragebogen wurde an Studierenden der TU Dortmund durchgeführt; diese befragten im Anschluss daran ihre Eltern sowie ihre Großeltern.

Die Analysen weisen darauf hin, dass Lebensereignisse häufig zu einem Wohnortwechsel führen und dass sich die Anzahl der Lebensereignisse und Änderungen im Verkehrshandeln mit dem Alter und differenziert nach Geschlecht ändern. Vor allem bei Heirat, Scheidung und Umzügen finden Wechsel im Verkehrsmittelbesitz – und handeln statt. Müggenburg kann außerdem signifikante Unterschiede zwischen den drei Generationen im Verkehrshandeln feststellen: Die Elterngeneration hat mehr Umzüge, auch aufgrund von beruflichen Veränderungen, erlebt als die Großelterngeneration. Hinsichtlich des Verkehrsmittelbesitzes zeigt sich, dass die jüngeren Generationen einerseits früher einen PKW kaufen, andererseits weitere Distanzen bei Ausbildungs- und Berufswegen zurücklegen und dabei auf eine höhere Anzahl von Mobilitätsoptionen in Anspruch nehmen (S. 232). Letztlich findet Müggenburg sozialisatorische, familiäre Einflüsse und eine Angleichung der Geschlechter im Verkehrshandeln: Für die Großelterngeneration konnte gezeigt werden, dass die Kinder ohne Auto selbst erst später einen PKW besitzen, als die Kinder von Eltern mit Auto. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Verkehrsmittelnutzung, sowie beim Besitz eines Führerscheins oder PKWs werden mit den jüngeren Generationen geringer.

Diskussion und Fazit

Insgesamt hat Müggenburg eine ambitionierte Schrift zum Zusammenhang von Mobilität bzw. Verkehrshandeln von Personen und Lebensereignissen vorgelegt. Mit dem Vergleich über drei Generationen hinweg und der retrospektiven Befragung der Individuen können neue Perspektiven auf diesen Themenbereich aufgezeigt werden. Für weitere Veröffentlichungen können zwei Punkte angemerkt werden:

  1. Eine konsequentere Zuspitzung der Hypothesen in präziser Abstimmung mit besonders relevanten Forschungsbereichen wäre eine äußerst lohnende Aufgabe.
  2. Eine Einbettung der kritischen Reflexion zum Erhebungsinstrument in das Studiendesign bzw. den Datenerhebungsprozess (zum Beispiel in Form eines Pretests) würde die Qualität der Daten und der Arbeit noch weiter steigern.

Rezensentin
Mag.Dr. Nina-Sophie Fritsch
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Zitiervorschlag
Nina-Sophie Fritsch. Rezension vom 19.01.2018 zu: Hannah Müggenburg: Lebensereignisse und Mobilität. Eine generationsübergreifende Untersuchung von Mobilitätsbiographien. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-16067-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22461.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


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