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Holger Brandes, Markus Andrä u.a.: Macht das Geschlecht einen Unterschied?

Cover Holger Brandes, Markus Andrä, Wenke Röseler, Petra Schneider-Andrich: Macht das Geschlecht einen Unterschied? Ergebnisse der „Tandem-Studie“ zu professionellem Erziehungsverhalten von Frauen und Männern. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 197 Seiten. ISBN 978-3-8474-0616-7. D: 25,90 EUR, A: 26,70 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Brandes, Andrä, Röseler und Schneider-Andrich beschreiben in dem vorliegenden Buch die zwischen 2010 und 2014 durgeführte Studie zu geschlechtsspezifischem Verhalten pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Ziel dieser Untersuchung ist es, auf Basis eines kombinierten Methodenansatzes – mit systematisch durchgeführten Beobachtungen in quasi-experimentellen Settings sowie begleitenden Interviews und Fragebögen – differenziert zu untersuchen, ob sich Männer im Bereich professioneller Erziehung in ihrem Umgang mit Kindern von ihren Kolleginnen unterschieden. Ein wichtiger Unterschied zu existierenden Studien in diesem Feld liegt darin, dass die Untersuchungsgruppe aus Tandems zusammengesetzt ist, also aus weiblichen und männlichen Fachkräften, die jeweils zu zweit über eine längere Zeit in einer Einrichtung und mit einer Kindergruppe (im Alter von drei bis sechs Jahren) zusammenarbeiten. Das Buch ist somit an den Schnittstellen von Erziehungswissenschaft, Entwicklungspsychologie und Geschlechterforschung zu verorten.

Entstehungshintergrund

Die empirische Studie (Kurzbezeichnung „Tandem-Studie“) ist von November 2010 bis Juni 2014 an der Evangelischen Hochschule in Dresden durchgeführt worden. Gefördert wurde dieses Forschungsprojekt vom deutschen Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In den ersten Kapiteln des Buches werden die zentralen Argumente in der gegenwärtigen Debatte um den geschlechterspezifischen Unterschied in der frühkindlichen Betreuung sowie der Stand der Forschung zum Thema Geschlecht in der entwicklungspsychologischen Eltern- und Erziehungsforschung zusammengetragen. Im Zentrum des Buches stehen allerdings der Aufbau der „Tandem-Studie“, die zur Anwendung gekommenen Instrumente sowie Analyseverfahren und die gewonnenen Ergebnisse.

Zunächst wird das Verhalten der pädagogischen Fachkräfte in einer standardisierten, quasi-experimentellen Einzelsituation beurteilt. In der Situation stehen den TeilnehmerInnen unterschiedliche Materialien und Werkzeuge zur Verfügung (z.B. Hammer, Draht, Papier), um Objekte oder Subjekte mit den Kindern zu erzeugen. Durch ein standardisiertes Einschätzungsverfahren (Rating) wird bei diesen videografierten Einzelsituationen ein quantitativer Vergleich vorgenommen, der fünf zentrale Verhaltensdimensionen bewertet (Einfühlsamkeit, Herausforderung, dialogische Interaktion, Art der Kooperation und Kommunikationsinhalte). Zusätzlich werden qualitative Analysen des Videomaterials vorgenommen.

Im Anschluss daran wird die Untersuchung durch qualitative Analysen von teilstandardisierten Gruppensituationen ergänzt. In dieser Gruppensituation wird den Tandems und der Kindergruppe ein kommerzielles Spiel vorgeben und ebenfalls per Video dokumentiert. Diese Vorgehensweise ermöglicht es Schlüsselszenen zu identifizieren, die Hinweise auf Praktiken von ‚doing-gender‘ geben. Zuletzt wird die subjektive Sicht der Fachkräfte in die Studie integriert, indem Leitfadeninterviews mit den Tandems durchgeführt werden.

Die Ergebnisse der Studie basieren auf einer Stichprobe von 41 männlichen und 65 weiblichen pädagogischen Fachkräften und lassen sich wie folgt zusammenfassen: Zunächst zeigt sich, dass sich die beiden Gruppen der männlichen und der weiblichen Fachkräfte in der Qualität ihres professionellen Verhaltens (hinsichtlich der fünf Verhaltensdimensionen Einfühlsamkeit, dialogische Interaktion usw.) gegenüber Kindern im Altern von drei bis sechs Jahren nicht signifikant unterscheiden. Daraus schließen die AutorInnen, dass ausgebildete männliche Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen qualitativ genauso gut wie weibliche Fachkräfte zur Entwicklung der Kinder beitragen können, gleichzeitig unterstreicht dieser Befund allerdings auch, dass sie es keineswegs besser machen, nur weil die Männer sind (S. 158).

Im Gegensatz dazu zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede insofern, da sowohl männliche als auch weibliche Fachkräfte der Stichprobe mit Jungen bzw. Mädchen andere Schwerpunkte setzen. Zum Beispiel wird mit Jungen in höherem Maße sachlich-gegenstandsbezogen und funktional kommuniziert, während bei Mädchen der persönliche-beziehungsorientierte bzw. narrative Kommunikationscharakter im Vordergrund steht. Geschlechtsspezifische Neigungen zeigen sich außerdem bei den realisierten Themen und eingesetzten Materialien in den standardisierten Einzelsituationen. Auf Seiten der weiblichen Fachkräfte werden signifikant häufiger Perlen und Papier genutzt bzw. öfter Subjekte gebaut. Auf Seiten der männlichen Fachkräfte sind tendenziell eher Holz und Metall im Einsatz um Objekte zu bauen. Dieser Effekt verstärkt sich bei gleichgeschlechtlichen Konstellationen Mann/Junge bzw. Frau/Mädchen. Aus der Analyse der Gruppensituationen geht hervor, dass der Großteil der Tandems partnerschaftlich interagieren und geschlechtstypsche Neigungen und Vorlieben vor allem in emotional verdichteten Situationen zu Tage treten. Aus der Sicht der AutorInnen wirken die Fachkräfte beider Gruppen in diesen Szenen häufig in besonderen Maße involviert und spontan handelnd.

Zusammengenommen zeigt sich in der Tandem-Studie so zwar hinsichtlich des ‚wie‘ – also der Art und Weise des pädagogischen Handelns – kein Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Fachkräften. Anders ist dies aber hinsichtlich des ‚was‘ der gemeinsamen Aktivität, der Themen und der bevorzugten Materialen (S. 161). Eine grundlegende Erkenntnis aus der Tandem-Studie ist, dass es wenig Sinn macht, nach Wirkung des Geschlechts der Fachkräfte zu fragen, ohne zugleich das Geschlecht der Kinder in den Blick zu nehmen (S. 163). Kritisch reflektiert wird darüber hinaus der biografische Hintergrund der Fachkräfte und mögliche andere Einflussgrößen, die in der vorliegenden Studie nicht berücksichtigt wurden: „Unterschiede im Verhalten männlicher und weiblicher Fachkräfte implizieren nicht zwingend, dass es das Geschlecht per se ist, das diese Unterschiede ursächlich bedingt. Zumindest ist nicht auszuschließen, dass es neben dem Geschlecht noch andere Variablen gibt, die zu diesen Verhaltensunterschieden beitragen.“ (S. 167)

Diskussion und Fazit

Insgesamt liegt mit dem Buch „Macht das Geschlecht einen Unterschied? Ergebnisse der ‚Tandem-Studie‘ zu professionellem Erziehungsverhalten von Frauen und Männern“ eine ambitionierte Beschreibung der vom BMFSFJ geförderten Studie zum geschlechtsspezifischen Verhalten von pädagogischen Fachkräften vor. Führt man die Einzelbefunde aus der Studie zusammen, zeigt sich, dass sich männliche und weibliche Fachkräfte nicht in der pädagogischen Qualität des Umgangs mit Kindern unterscheiden (Wie). Unterschiede ergeben sich allerdings hinsichtlich der Themen, Materialien, Aktivitäten und Spielprinzipien (Was). Darüber hinaus belegen die Ergebnisse der vorliegenden Studie auch, dass das Interaktionsgeschehen durchaus vom Geschlecht der Kinder beeinflusst ist und dass zudem männliche wie weibliche Fachkräfte mit Jungen anders umgehen als mit Mädchen. Die umfangreichen Ausführungen zur Tandem-Studie, ihrem Aufbau, ihren Instrumenten und Ergebnissen, erleichtern der LeserIn eine kritische Bewertung der zugrundeliegenden Arbeit.


Rezensentin
Mag.Dr. Nina-Sophie Fritsch
WU Wien
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Zitiervorschlag
Nina-Sophie Fritsch. Rezension vom 17.09.2018 zu: Holger Brandes, Markus Andrä, Wenke Röseler, Petra Schneider-Andrich: Macht das Geschlecht einen Unterschied? Ergebnisse der „Tandem-Studie“ zu professionellem Erziehungsverhalten von Frauen und Männern. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0616-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22463.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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