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Heike Stammer, Rolf Verres u.a.: Paarberatung und -therapie bei unerfülltem Kinderwunsch

Cover Heike Stammer, Rolf Verres, Tewes Wischmann: Paarberatung und -therapie bei unerfülltem Kinderwunsch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2004. 141 Seiten. ISBN 978-3-8017-1458-1. 26,95 EUR, CH: 46,90 sFr.

Reihe: Praxis der Paar- und Familientherapie - Band 3.
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Einführung

Bis Ende der neunziger Jahre gab es im deutschsprachigen Raum keine Konzepte für die Beratung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch. Der Forschungsverbund "Psychosomatik bei Fertilitätsstörungen" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung führte zwischen 1993 und 2000 zahlreiche Studien durch, die sich mit psychosozialen Aspekten ungewollter Kinderlosigkeit auseinander setzten. Ein Ziel des Verbunds war es darüber hinaus, ein Beratungskonzept zu entwickeln und zu evaluieren. Es sollte sich an den Bedürfnissen der Paare orientieren und das Leid am unerfüllten Kinderwunsch reduzieren. Dieses Beratungskonzept wird in dem Band von Stammer, Verres und Wischmann vorgestellt.

Die Autoren

Dr. Heike Stammer ist Psychologin und arbeitet seit 1990 als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Universitätsklinikums Heidelberg. Prof. Dr. Rolf Verres ist Arzt und Psychologe. Seit 1991 leitet er die Abteilung Medizinische Psychologie der Psychosomatischen Klinik an der Universität Heidelberg. Dr. Tewes Wischmann ist ebenfalls Psychologe. Er leitet seit 1999 die psychotherapeutische Ambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg und ist darüber hinaus 1. Vorsitzender des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch Deutschland e.V.

Thema des Buches

Stammer, Verres und Wischmann stellen in ihrem Buch Konzepte für die Beratung von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch vor. Das Buch ist praxisnah und sehr gut verständlich geschrieben. Zahlreiche Fallbeispiele verdeutlichen die spezielle Paardynamik bei unerfülltem Kinderwunsch und die Vorgehensweise in der Beratung. Besonders erfreulich ist, dass die Autoren mit dem veralteten Konzept der "psychogenen Sterilität" aufräumen. Mit diesem Begriff wurde in angelsächsischen Ländern bis in die achtziger Jahre, hier in Deutschland noch wesentlich länger, Konzeptionsschwierigkeiten beschrieben, bei denen eine psychische Verursachung vermutet wurde. Da allerdings keine wissenschaftlichen Nachweise für diese These erbracht werden konnten, empfehlen die Autoren, "den Begriff 'psychogene Sterilität' als zu simplifizierend und anachronistisch in den Ruhestand zu versetzen". Dies entpathologisiert betroffene Paare. Als Ziel von Beratung sehen die Autoren weniger eine Erhöhung der Schwangerschaftsrate als die psychische Entlastung der Paare.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in sechs Abschnitte aufgeteilt.

Im ersten Teil wird ein Überblick über den aktuellen Stand der Forschung gegeben. Hier werden psychosomatische Erklärungsmodelle für ungewollte Kinderlosigkeit erläutert und am momentanen Wissensstand gemessen.

Im zweiten Teil wird auf gesellschaftliche Entwicklungen in der Familienbildung und medizinische Entwicklungen in der Behandlung eingegangen. Nachvollziehbar skizzieren die Autoren Veränderungen in der Bedeutung von Kindern (weg von der unvermeidbaren Folge von Sexualität, hin zu Planbarkeit aufgrund von Kontrazeptiva) und die zunehmende Pluralität von Familienformen, hier vor allem der Zunahme von alleinstehenden Müttern. Leider etwas abfällig kommentieren die Autoren die Möglichkeiten alleinstehender Frauen und Männern, mit Hilfe von Reproduktionsmedizin ein Kind zu zeugen. Diese Familienformen, die im angelsächsischen Raum weniger diskriminiert werden und an Zahl zunehmen, scheinen in den Augen der Autoren weniger gewünscht zu sein. Als entscheidenden Punkt für die Zunahme von Kinderlosigkeit wird das Ansteigen des Alters der Erstgebärenden genannt; dies ist von 25 Jahre im Jahre 1980 auf inzwischen 29 Jahre angestiegen. Hinzu kommt, dass Deutschland innerhalb der EU zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate und dem Land mit dem höchsten Anteil dauerhaft Kinderloser zählt. Als mögliche Erklärungen für dieses Phänomen erwähnen die Autoren das Bedürfnis nach finanzieller Absicherung bei Familiengründung, was dazu führt, dass dies hinausgeschoben wird, sowie ein Mangel an Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbstätigkeit. Die Zunahme reproduktionsmedizinischer Möglichkeiten wird als ambivalent dargestellt. Einerseits erweitert es Behandlungsmöglichkeiten, andererseits kann sich der Leidensweg verlängern: Paare sind vor allem auch bei Entwicklung neuer Techniken immer wieder gefordert, eigene Grenzen neu abzustecken. Ungeachtet der medizinischen Entwicklungen ist die Lebendgeburtsrate nach reproduktionsmedizinischen Eingriffen in den letzten Jahren kaum gestiegen; sie liegt z.Zt. bei knapp 15%. Problematisch ist allerdings, dass viele medizinische Zentren als Erfolgszahlen die Schwangerschaftsrate an Patienten weitergeben; diese liegt mit ca. 20-30% pro Behandlung wesentlich über der tatsächlichen Geburtsrate. Weiterhin problematisch und in der Öffentlichkeit nicht ausreichend bekannt ist das hohe Mehrlingsrisiko nach reproduktionsmedizinischen Eingriffen und die damit verbundene erhöhte gesundheitlich Risiken. Darüber hinaus wird noch immer kontrovers diskutiert, inwieweit die gesundheitliche Entwicklung von Kindern, die mit Hilfe der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (angewandt vor allem bei stark eingeschränkter männlicher Fertilität) gefährdet ist.

In den nächsten drei Teilen, den Hauptteilen des Buches, wird ein Beratungs- und Therapiemodell in Theorie und Praxis erläutert. Basierend auf systemtherapeutischen und tiefenpsychologischen Ansätze wird im dritten Teil das "minimal-invasive" Konzept der Autoren dargestellt. Hierbei werden Paaren zunächst zwei Beratungstermine angeboten, bei Bedarf wird die Beratung bis auf zehn Termine erweitert. Die folgenden Leitlinien sind sind in diesem Konzept handlungsbestimmend:

  • Eindeutige, falls erforderlich auch wiederholte Auftragsklärung,
  • Normalisierung des Erlebten,
  • Lösungs- und Ressourcenorientierung, um individuell passende Lösungen zu finden,
  • Systemorientierung zur konstruktiven Einbeziehen des sozialen Umfelds,
  • Explizite Erlaubnis zum Jammern und Klagen, um damit einen konstruktiven Umgang zu finden,
  • Respektvoller Umgang mit Humor,
  • Fließender Übergang zwischen Beratung und Therapie,
  • Sinnfindung und Relativierung von Handlungsdruck, um vom Kinderwunsch unabhängige Lebensinhalte wieder oder neu zu entdecken.

Zu begrüßen ist, dass die Autoren als primäres Ziel der Beratung nicht den Eintritt einer Schwangerschaft, sondern einen stressfreieren Umgang mit der Kinderlosigkeit und die Eröffnung von Handlungsoptionen definieren. Dies tritt möglichen unrealistischen Erwartungen entgegen. Der beraterische Umgang mit dysfunktionalen Paarmuster rundet dieses Kapitel ab.

Im vierten Teil werden Beratungs- und Therapieinterventionen im Praxiskontext dargestellt. Schritt für Schritt erläutern die Autoren spezifische Beratungsinhalte wie beispielsweise der Umgang mit der medizinischen Behandlung, subjektive Ursachenzuschreibung, sexuelles Erleben, Kinderwunschmotive, alternative Lebensentwürfe und Rituale. Diesen stehen typische Aussagen von Paaren voran, sie werden theoretisch erläutert und es werden Schlüsselfragen für die Praxis vorgestellt. Vor allem diese Kombination von Praxis, Theorie und Interventionen macht diesen Teil besonders wertvoll. Die Schlüsselfragen zielen nicht nur darauf, dass sich Paare selbst und dem Berater mitteilen, sondern hinterfragen auf empathische Art Verhaltens- und Denkweisen und regen somit zu einem Umdenken an.

Spezielle Beratungsthemen wie Fehl- oder Totgeburt, sexuelle Störungen, Paare aus anderen Kulturen, sekundäre Sterilität oder Familienbildung mit Spendersamen werden im fünftenTeil erläutert. Auch hier erleichtern kommentierte Fallbeispiele das Verständnis für Paare, die mit solchen "besonderen Vorbedingungen", wie diese von den Autoren sympathisch-neutral bezeichnet werden, eine Beratung aufsuchen. Bei der Familienbildung mit Spendersamen allerdings wurde nicht berücksichtigt, dass es inzwischen eine Rechtssicherheit für den Vater gibt. Nach der Einführung des Kindschaftsrechtsverbesserungsgesetz im Jahre 2002 kann die Vaterschaft nicht mehr angefochten werden, wenn der Partner der zukünftigen Mutter der Behandlung zugestimmt hat. Zudem wird, in Anlehnung an die Erfahrungen aus dem Adoptionsbereich, in internationalen Fachkreisen inzwischen die frühzeitige Aufklärung von Kindern empfohlen. Zu warten, bis Kinder nach ihrer Entstehung fragen, wie dies die Autoren am Ende des Kapitels nahe legen, gilt inzwischen als überholt.

Ein Ausblick, Hinweise auf weiterführende Literatur, Internet-Adressen sowie Beratungs- und Fortbildungsmöglichkeiten runden das Beratungsmanual ab.

Zielgruppen und Fazit

Das Beratungsmanual richtet sich an alle psychosoziale Fachkräfte, die Paare mit Fruchtbarkeitsstörungen beraten. Die ausführliche und gut verständliche Darstellung und vor allem die Kombination von Fallvignetten und Vermittlung theoretischer Aspekte macht ihn nicht nur für Fachkräfte wertvoll, die sich in die Thematik einarbeiten möchten, sondern auch für diejenigen, die (weitergehende) Information zu spezifischen Beratungsthemen bei unerfülltem Kinderwunsch suchen.


Rezension von
Dr. phil. Petra Thorn
Dipl. Sozialarbeiterin,Dipl. Sozialtherapeutin.
Tätig in eigener Praxis für Paar- und Familientherapie; Arbeitsschwerpunkte: Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, Familienbildung mit Spendersamen
Homepage www.pthorn.de
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Zitiervorschlag
Petra Thorn. Rezension vom 08.02.2005 zu: Heike Stammer, Rolf Verres, Tewes Wischmann: Paarberatung und -therapie bei unerfülltem Kinderwunsch. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2004. ISBN 978-3-8017-1458-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2247.php, Datum des Zugriffs 22.01.2020.


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