socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Beata Urbaniak: Applied Behavior Analysis (ABA) in der Therapie bei Kindern mit Autismus

Cover Beata Urbaniak: Applied Behavior Analysis (ABA) in der Therapie bei Kindern mit Autismus. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-029092-1. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch beruht auf der Dissertation der Autorin aus dem Jahr 2013. Dabei geht es nicht um eine Rechtfertigung von ABA oder gar Herausstellung gegenüber anderen therapeutischen Verfahren, sondern um die Fragestellung: was hilft Kindern mit Autismus? Allerdings gehört dazu auch das Eingeständnis, dass das, was im Einzelfall geholfen hat, nicht für alle anderen betroffenen Kinder gleichermaßen gelten muss (S. 6).

Autorin

Beata Urbaniak ist Sonderpädagogin, Therapeutin und Leiterin des Kindergartens für Kinder mit Autismus und anderen Behinderungen in Swarzędz (Polen). Sie lehrt an mehreren Hochschulen und ist Vorsitzende des Internationalen Zentrums für „Autism-Competence“. Das Buch ist eine Übersetzung aus dem Polnischen, was man u. a. daran merkt, dass einige Zitate im Original als Fußnote abgebildet sind und es wenige (leicht zu verschmerzende) orthographische Fehler gibt, z. B. „Falle“ statt „Fälle“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert:

  • Teil 1 bildet den aktuellen Wissensstand zu Autismus ab,
  • Teil 2 geht auf ABA als therapeutische Methode ein, bildet eine empirische Untersuchung ab und zieht daraus Schlussfolgerungen.

Das 1. Kapitel referiert die bekannten wesentlichen Symptome zu Autismus. Es ist sehr knapp gehalten, reicht aber in der Übersicht, da später auf das DSM-5 eingegangen wird.

Daran schließt sich das 2. Kapitel mit epidemiologischen Angaben an, wobei auch Studien aus verschiedenen Ländern zitiert und gegenübergestellt werden.

Das 3. Kapitel geht ausführlich auf die verschiedenen Symptome ein, die das DSM-5 nennt. Diese sind:

  • Defizite in der sozial-emotionalen Gegenseitigkeit
  • Defizite im nonverbalen Kommunikationsverhalten, das in sozialen Interaktionen eingesetzt wird
  • Defizite in der Aufnahme, Aufrechterhaltung und dem Verständnis von Beziehungen
  • eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten
  • stereotype oder repetitive Bewegungsabläufe, stereotyper oder repetitiver Gebrauch von Objekten oder von Sprache
  • Festhalten an Gleichbleibendem, unflexibles Festhalten an Routinen oder an ritualisierten Mustern verbalen und nonverbalen Verhaltens
  • hochgradig begrenzte, fixierte Interessen, die in ihrer Intensität oder ihrem Inhalt abnorm sind
  • Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische Reize oder ungewöhnliches Interesse an Umweltreizen sowie begleitende Symptome

Dazu wird jeweils auf relevante Studien verwiesen bzw. daraus zitiert. Damit ist ein sehr umfassender und prägnanter Überblick über die Symptome gegeben.

Letztendlich gehört in diesen Kontext auch das 4. Kapitel, das sich mit dem Wissen um die Ursachen von Autismus beschäftigt. Die Autorin unterteilt dieses Kapitel in verschiedene Bereiche, wo sie ebenfalls relevante Studien anführt und Übersichten zusammenstellt:

  • Genetische Faktoren
  • Biochemische Faktoren
  • Neuroanatomische Faktoren
  • Atypische Bildung neuronaler Verbindungen (inklusive Spiegelneuronen) und
  • Interaktion zwischen biologischen Faktoren und Umweltfaktoren

Bei aller Sorgfalt, den die Autorin hier zeigt, wird trotzdem wieder deutlich, dass es keine eindeutigen kausalen Zusammenhänge gibt, wohl aber eine Reihe verdichteter Plausibilitäten.

Ab hier beginnt Teil 2 des Buches unter der Fragestellung: Kann man Kindern mit Autismus helfen? Einleitend stellt die Autorin ihre Empirie dar, die sich aus 30 Kindern, die mindestens 7 Monate an einer ABA-Therapie teilgenommen haben, zusammensetzt. 23 Kinder davon haben sogar zwei Jahre an einer solchen Therapie teilgenommen, die noch differenzierter untersucht wurden. Wichtig war auch eine Unterscheidung der Altersgruppen: bis zum 4. Lebensjahr und ab dem 4. Lebensjahr (49 Monate und älter).

Kapitel 5 stellt die Grundlagen der therapeutischen Arbeit mit ABA dar. Dabei unterscheidet die Autorin zwischen Methoden und Techniken, wobei es um Methoden der Verhaltensforschung als auch der Verhaltensreduktion geht, während die Techniken verschiedene Lernsettings darstellen. Schließlich geht es um die Frage der Messung von Wirksamkeit, wo sich die Autorin auf die Kriterien des norwegischen Forschers Eikeseth bezieht.

Das 6. Kapitel nimmt mit 100 Seiten den größten Raum des Buches ein (50 %) und stellt anhand von Kasuistiken in verschiedenen Feldern den Einsatz und die Wirkung von ABA vor. Diese Felder sind:

  • Aufnahmen des Blickkontakts
  • Erkennen gemeinsamer Objekteigenschaften
  • Befolgen von Anweisungen
  • Imitation grobmotorischer Bewegungen
  • Imitation der Sprache
  • Verwendung der Sprache beim Benennen
  • Initiieren verbaler Interaktionen
  • Spielen

Den Kriterien wissenschaftlicher Untersuchungen folgend, arbeitet die Autorin bei der Darstellung immer nach dem gleichen Schema: Erst geht es um die Darstellung der Veränderungen, dann welche Methode von ABA genutzt wurde, ferner um Ergebnisse in den ersten Wochen nach Einführung der ABA-Methode und schließlich um Schlussfolgerungen. Dies wird insgesamt an einer Kasuistik in dem jeweiligen Feld noch praktisch belegt. Dazu sind Fotos des jeweiligen Kindes abgebildet, die Eltern stellen ihre familiäre, soziale und teilweise persönliche Situation vor und nach der Therapie dar, ergänzt um kurze Beschreibungen aus dem therapeutischen Verlauf. Eine Zusammenfassung zu den Verhaltensänderungen im Bereich grundlegender Fähigkeiten rundet dieses sehr umfassende Kapitel ab.

Kapitel 7 ist mit Schlussfolgerungen, Fragen, Zweifeln überschrieben und so darf der Leser sicher sein, hier nicht die Königsmethode der Therapie bei Kindern mit Autismus gefunden zu haben, wohl aber eine, die vielfach wirksam sein kann, sofern es nicht um das gewünschte Ergebnis geht, sondern das Kind Hauptperson in diesem Prozess bleibt (vgl. S. 200). Interessant ist der Hinweis, dass die Therapie im frühen Lebensalter Chancen bietet, neuronale Prozesse anzustoßen, die bisher nicht aktiviert wurden, was auch erklären würde, warum therapeutische Verfahren nach dem 49. Lebensmonat ungleich schwieriger und aufwendiger sind, da sich hier bestimmte neuronale Vorgänge (oder auch Grunddefizite) bereits gefestigt haben.

Kapitel 8 rundet das Buch mit einem gelungenen Fazit und Hinweisen für die Planung und Durchführung einer Therapie für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen ab. Dabei „war es nicht das Ziel der vorliegenden Ausarbeitung zu bestimmen, ob die Therapie mit den Methoden der ABA wirksamer ist als eine Therapie, die mit anderen Methoden durchgeführt wird. Sie zeigt, welche Veränderungen im Verhalten durch die Anwendung der ABA-Methode möglich sind“ (S. 204).

Diskussion und Fazit

Der Autorin ist es gelungen, ABA als therapeutische Möglichkeit umfassend und differenziert darzustellen, ohne irgendeinen Anspruch von Absolutheit zu erheben. Es ist einerseits so umfassend, wie man es von einer wissenschaftlichen Arbeit erwarten darf und andererseits so gut in der Darstellung, dass auch Laien ein gutes Verständnis davon erlangen, was ABA ist und wie dieses therapeutisch genutzt werden kann. Gleichzeitig bekommt man einen guten Überblick über den gegenwärtigen Forschungs- und Diskussionsstand zu Autismus-Spektrum-Störungen. Die gezogenen Schlussfolgerungen sind plausibel und stellen in ihren vorsichtigen Formulierungen überzeugende Argumente dar ohne Absolutheitsanspruch oder dergleichen.

Das Buch ist für alle Menschen wichtig, die mit Kindern mit Autismus zu tun haben. Das betrifft natürlich alle Therapiezentren, aber auch Schulen, Kinderbetreuungseinrichtungen und andere Bereiche, wo Fachleute in der Förderung und Betreuung von Kindern mit Autismus tätig sind.

Darüber hinaus ist das Buch hervorragend geeignet, so manche ethische (deutsche) Debatte über das Für und Wider zu entschärfen und diese Diskussion inhaltlich neu zu beleben. Sehr sympathisch in diesem Zusammenhang sind die letzten Zeilen des Buches, ein Zitat von Dr. Christine Preißmann, die für gegenseitiges Verständnis und Toleranz plädiert (vgl. S. 208).

Summary

ABA is described as a method in a wide range to foster children with autism and pervasive development disorders. It is also a book for experts as laypersons. Also you get a good overview in current research results in autism and pdd. The book is important for all people working in forstering children with autism and pdd.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
E-Mail Mailformular


Alle 47 Rezensionen von Stefan Müller-Teusler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 24.05.2017 zu: Beata Urbaniak: Applied Behavior Analysis (ABA) in der Therapie bei Kindern mit Autismus. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-029092-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22476.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung