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Meinolf Peters: Die gewonnenen Jahre

Cover Meinolf Peters: Die gewonnenen Jahre. Von der Aneignung des Alters. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. 170 Seiten. ISBN 978-3-8379-2650-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Weder kämpferische Alters-Abwehr noch weiche Altersverklärung helfen entscheidend. Man braucht im Alter nicht unbedingt in rastlose Aktivitäten auszubrechen, aber auch die Hände nicht in den Schoß zu legen. Die Haltung, die der MarburgerTherapeut Meinolf Peters in seinem neu aufgelegten Buch „Die gewonnenen Jahre“ empfiehlt, ist ein nicht einfacher Balanceakt: Sich das anzueignen, was das Alter neben den Verlusten doch noch bereit hält. Bewußt seine noch vorhandenen Stärken zu erkennen und einzusetzen. So können wir die „alterslosen“ Teile in uns aktivieren, die wir neben dem vielen Alternden in uns ja auch noch besitzen. Peters geht es um ein solches Aus-der-Zeit-heraus-Treten, das er für hilfreich und möglich hält.

Autor

Diplom-Psychologe Dr. phil. Meinolf Peters arbeitet als psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker und lehrt als Honorarprofessor an der Universität Marburg. In der psychosomatischen Klinik am Hainberg Bad Hersfeld vertritt er die gerontpsychiatrischen Interventionen.

Aufbau und Inhalte

Das 2008 erstmals aufgelegte Buch „Die gewonnenen Jahre“ umfaßt sechs Abschnitte.

Das uns noch weitgehend unbekannt bleibende Alter nehmen wir zu wenig in den Blick. Die Unsicherheiten des auf uns Zukommenden sollten eigenverantwortlich angegangen werden.

Verkrampftes Anti-Aging ist dazu nicht der rechte Weg. Gegnerschaft, Verneinung und Verleugnung sind nicht ratsam. Gegen Gesundheitsförderung an sich ist nichts einzuwenden. Altern ist eine Erscheinung von Unumstößlichkeit. Dabei hinkt unser gefühltes Alter dem tatsächlichen Alter hinterher, wie wir auch unser Gesundheitsempfinden besser veranschlagen als es unserem tatsächlichen Gesundheitszustand entspricht (sog. Altersparadoxon). Hier spielt auch unser Alters-Selbstbild hinein: Ist es positiv, kann das zur Lebensverlängerung beitragen. Die sich von Diszipliniertheit zum Einfordern von der Kriegs- zur 1968er-Generation gewandelte Altenpopulation kann dem Altern neuen Sinn geben: Trotz Einschränkungen die noch vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen.

Diese Erweiterung kann über einen neuen Umgang mit sich selbst erfolgen: Auf Gesundheit achten, in Bewegung bleiben, Gelassenheit und Spiritualität praktizieren, sich nicht vereinnahmen lassen, dennoch Ehrenämter übernehmen, aber auch Rückkehr zu sich selbst üben über Familie, Kunst, Kultur und die Wahrnehmung der eigenen Träume.

Dem Alter kann etwas abgewonnen werden durch Demut, durch Verarbeiten erfahrener Verluste, durch innerliches Sich-Einrichten in einem neuen Zustand und durch Sich-Einfinden in neuen Befindlichkeiten. Sechs Felder und Beispiele solcher Alters-Aneignung beschreibt der Autor abschließend überwiegend aus dem Therapeuten-Kabinett.

Diskussion

Der psychotherapeutisch orientierte Gerontologe Meinolf Peters gibt am Beispiel problematischer Alternsdurchläufe aus seiner Praxis differenzierte Ratschläge für einen förderlichen Balanceakt im Alter zwischen Weiter-wie-bisher-Aktivität um jeden Preis und resignativem Rückzug. Am besten hört man auf sein Inneres, um das Altern einerseits nicht abzuwehren, aber andererseits sich noch bietende Teilhaben nicht auszuschlagen.

Interessant ist, dass der Autor den neuen Alterstyp der Aktiven Ex-1968er, nicht mehr passiv bleibenden Alten (wie die der Kriegsgeneration) mit dem Aufbruch in die Postmoderne berücksichtigt. Diese wachen, informierten Alten sind mobil, aktiv, initiativ, konfliktbereit, nicht mehr leicht zu vereinnahmen und treiben keinen Selbstbetrug. Das kann dazu führen, dass sie auf bestimmten Feldern aktiv, auf anderen passiv sind, dass sie sowohl neu entdecken als auch nur resümieren, sich Neuem öffnen und mit bestimmten Dingen auch abschließen: Sich auf Neuland begeben und auch ins Schneckenhaus verkriechen. Solche Ambivalenz bedeutet bewußte Aneignung des Alters. Vorteilhaft sind also die Zwischentöne des Alters schattiert. Es gehören eben auch im Alter Abwehrmechanismen und Verdrängungen zur Identitäts-erhaltenden Strategie der Persönlichkeit. Aber Peters verbleibt mit seinen Ratschlägen nicht im Therapeutischen stecken, sondern rät zu Altruismus, Sublimation und Humor (Seite 95). Manches liest sich zwar wie eine Idylle, wobei man in Rechnung stellen muß, dass der Autor vom Innenleben her und nicht sozialstruktrell argumentiert.

Eindrucksvoll ist die förderliche Aufarbeitung von Träumen beschrieben, um aus „ihnen Neues zu schöpfen“ und sie „für die eigene Selbsterkenntnis im Alter zu nutzen“ (Seite 87).

Der Ratgeber ist nicht frei von psychosomatischen Fachtermini, liest sich aber dank vieler lebensvoller Beispiele leicht und flüssig. Die Zitat-Blöcke sind leider zu dunkel eingedruckt. Orthografische Fehler finden sich auf Seiten 41, 69, 83, 89 und 154.

Fazit

Für ihren Lebensablauf reflektierende Persönlichkeiten legt Meinolf Peters mit seinem Ratgeber „Die gewonnenen Jahre“ einen differenziert-hilfreichen Ratgeber vor, der sich unter den vielen Altersratgebern wohltuend abwägend hervor tut.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 13.03.2017 zu: Meinolf Peters: Die gewonnenen Jahre. Von der Aneignung des Alters. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. ISBN 978-3-8379-2650-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22481.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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