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Mario Schreiner: Teilhabe am Arbeitsleben (Menschen mit Behinderung)

Cover Mario Schreiner: Teilhabe am Arbeitsleben. Die Werkstatt für behinderte Menschen aus Sicht der Beschäftigten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 164 Seiten. ISBN 978-3-658-16918-3. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Die vorliegende Publikation untersucht auf der Basis von 20 problemzentrierten Interviews, die mit der qualitativen Inhaltsanalyse und der empirisch begründeten Typenbildung ausgewertet wurden, wie sich Beschäftigung in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) auf ihre Beschäftigten auswirkt. Mario Schreiner beleuchtet dabei die Wahrnehmung von sozialer Teilhabe und gesellschaftlicher Anerkennung durch diese besondere Beschäftigungsform und identifiziert vier Typen von Werkstattbeschäftigten. Die theoretische Grundlage der empirischen Untersuchung bildet die Verbindung von Teilhabekonzept und Anerkennungstheorie.

Autor

Dr. Mario Schreiner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Behinderung und Inklusion an der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

Insbesondere im Kontext der Umsetzungsbemühungen der UN-Behindertenrechtskonvention sowie der Reformierung des neunten Sozialgesetzbuchs (SGB IX) gelangen die Werkstätten für behinderte Menschen erneut in den Fokus der fachpolitischen Debatte. An diesem Diskurs setzt die vorliegende Publikation an, bei der es sich um eine Dissertation am Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Kassel handelt.

Aufbau

Das vorliegende Buch „Teilhabe am Arbeitsleben“ ist in acht Kapitel unterteilt. Es beginnt mit einer Einleitung und schließt mit der Diskussion der Ergebnisse.

Ebenso gliedert sich die Arbeit in zwei Teile.

  1. In Teil I (Kapitel Zwei bis Vier) werden die theoretischen Grundlagen gelegt.
  2. In Teil II (Kapitel Fünf bis Sieben) erfolgt die empirische Untersuchung der Wahrnehmung von Teilhabe und Anerkennung durch Werkstattbeschäftigung.

Inhalt

In der gut strukturierten Einleitung versteht es der Autor, in die komplexe Diskussion und die Hintergründe der Debatte einzuführen. Es folgen Erklärungen zum inhaltlichen Aufbau der Publikation.

Kapitel Zwei gibt einen kompakten Überblick über die Themen Behinderung und Teilhabe am Arbeitsleben, indem mögliche Definitionen von Behinderung, die Daten- und Rechtslage sowie die Arbeitsmarktsituation behinderter Menschen dargestellt und diskutiert werden. Insgesamt stellt dieses Kapitel eine sehr gute Analyse der aktuellen Rahmenbedingungen von Menschen mit Behinderungen in der Bundesrepublik Deutschland dar.

Kapitel Drei liefert einen sozialhistorischen Abriss über die Entwicklung der WfbM, ebenso wie eine kritische Reflexion der Übergangsmöglichkeiten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Darüber hinaus werden die rechtlichen Rahmenbedingungen und Zugangsvoraussetzungen detailliert dargestellt, ebenso aktuelle Belegungs- und Zugangszahlen benannt.

Im vierten Kapitel werden in einem ersten Schritt arbeitssoziologische Aspekte zur Bedeutung von Arbeit aufgegriffen und diese als menschliches Grundbedürfnis definiert. Im Anschluss daran werden Ansätze der Teilhabeforschung sowie die Anerkennungstheorie vorgestellt und im Hinblick auf die folgende empirische Untersuchung analysiert.

Kapitel Fünf fasst die theoretischen Erkenntnisse zusammen und spezifiziert die forschungsleitenden Fragestellungen. Hieran schließt sich die ausführliche Erörterung methodologischer Aspekte und die Vorstellung des Forschungsdesigns an. Insbesondere die Verbindung inhaltsanalytischer Strukturierung und sich anschließender Typenbildung wird ausführlich behandelt.

Kapitel Sechs diskutiert die angewandten Methoden im Hinblick auf den Forschungsprozess und reflektiert alternative Vorgehensweisen.

Im siebten Kapitel erfolgen die detaillierte Darstellung der Ergebnisse und eine abschließende Charakterisierung der Typen von Werkstattbeschäftigung. Als Folge der Werkstattbeschäftigung werden insgesamt vier Typen von Werkstattbeschäftigten herausgearbeitet:

  • Typ 1: resignativ zufrieden
  • Typ 2: unzufrieden
  • Typ 3: kritisch-ambivalent
  • Typ 4a: überzeugt
  • Typ 4b: „vorläufig“ überzeugt.

Kapitel Acht greift die in Kapitel sieben dargestellten Ergebnisse erneut auf und diskutiert diese im Hinblick auf die gesellschaftlichen Teilhabechancen von Menschen mit Behinderungen. Abschließend erfolgt ein kurzes Resümee und es werden einige Perspektiven bezüglich wirksamerer Teilhabekonzepte am Arbeitsleben dargestellt.

Diskussion

Das Buch bietet einen hervorragenden Überblick zur Entwicklung von Werkstätten für behinderte Menschen in der Bundesrepublik Deutschland. Ebenso greift es den aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen auf und liefert einen sehr guten Einblick in die strukturellen, institutionellen und sozialrechtlichen Besonderheiten der Eingliederungshilfe. Die aktuelle Debatte der Reformierung des SGB IX spart der Autor indes aus, ebenso wie die viel diskutierte Herauslösung der Eingliederungshilfe aus der Sozialhilfe.

Mit der theoretischen Grundlegung von arbeitssoziologischen Erkenntnissen, Teilhabeforschung und Anerkennungstheorie, gelingt es außerordentlich gut, eine profunde Reflexionsebene für die empirischen Ergebnisse vorzuhalten. Es wird deutlich, dass mit der Teilhabe am Arbeitsleben auch weitergehende gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten und Potentiale der Anerkennung verbunden sind. Mit der kausalen Verortung von Arbeit als Grundbedürfnis, mit den Folgen gesellschaftlicher Anerkennung oder Missachtung, wird eine kritische Diskussion von Erwerbsarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen nicht angestrebt. Diese könnte indes im Kontext neuerer Ansätze der solidarischen oder feministischen Ökonomie (oder auch Care Ökonomie), in denen die Produktion in einem kausalen Zusammenhang der Reproduktionsfähigkeit von Gesellschaft gestellt wird, von Bedeutung sein. Wenn neben der klassischen Fokussierung auf Erwerbsarbeit weitere Perspektiven von Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen ins Zentrum gesamtgesellschaftlicher Reproduktionsfähigkeit rücken, wäre auch der Verweis auf ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung als Kriterium der Aufnahme in den Arbeitsbereich einer WfbM ad absurdum geführt, wenngleich dies nicht die Exklusivität von Werkstätten in Frage stellt.

Neben der detaillierten und strukturierten Darstellung des empirischen Materials, überzeugt ebenfalls die sehr gut aufbereitete methodische Vorgehensweise und das partizipative Forschungsdesign, indem die Nutzerinnen und Nutzer der WfbM von Anfang an in den Forschungsprozess mit einbezogen werden.

Diese Sichtweisen der Werkstattbeschäftigten zeichnen dann auch ein sehr differenziertes multiperspektivisches Meinungsspektrum und es wird deutlich, dass die persönliche Einschätzung zur WfbM nicht ausschließlich von der Dienstleistungsqualität der Werkstätten abhängt, sondern in wesentlichem Maße von persönlichen Berufsbiographien geprägt wird. Nichtsdestotrotz bleiben WfbM, auch in der Betrachtung ihrer Nutzerinnen und Nutzer, besondere Arbeitsorte mit besonderen Arbeitsbedingungen. Diese Diskrepanz findet ihren Ausdruck in der Unterscheidung von Lebensbereichen „Drinnen“ und „Draußen“.

Fazit

Das Buch liefert einen sehr guten Überblick über die aktuell geführte Diskussion zur Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit Behinderungen. Als Dissertation verfasst und publiziert verfolgt es einem formalen und logischen Aufbau. Das Buch ist sehr geeignet für Lehrende, Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die sich mit Fragen der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen beschäftigen und über „gewisse“ Vorkenntnisse verfügen. Insbesondere die Kapitel Zwei und Drei eignen sich hervorragend für eine strukturierte Einführung in die Thematik, ebenso wie die gute Darstellung methodologischer Aspekte und partizipativer Forschungsmethoden in Kapitel Fünf und Sechs.

Nicht zuletzt leistet das Buch einen wertvollen empirischen Beitrag zur Nutzerinnen und Nutzerforschung im Kontext der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Darüber hinaus bieten sich zahlreiche Schnittstellen für weitergehende Forschungsbemühungen an.


Rezensent
Prof. Dr. Michael Boecker
Lehrgebiete: Sozialmanagement und Wirkungsorientierung der Sozialen Arbeit, Teilhabe von Menschen mit Behinderungen an der Fachhochschule Dortmund am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Michael Boecker. Rezension vom 23.06.2017 zu: Mario Schreiner: Teilhabe am Arbeitsleben. Die Werkstatt für behinderte Menschen aus Sicht der Beschäftigten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-16918-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22483.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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