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Thomas Schroedter: Jugend als Privileg und Diskriminierung

Cover Thomas Schroedter: Jugend als Privileg und Diskriminierung. Ein Beitrag zur intersektionellen Verortung des Phänomens. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 297 Seiten. ISBN 978-3-7799-3609-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Die Studie untersucht das Phänomen Jugend aus einer diskurs- und machttheoretischen Perspektive. Fokussiert wird das gesellschaftliche Konstrukt Jugend insbesondere im Hinblick auf Privilegierung und Diskriminierung von Jugend bzw. Teilgruppen von Jugend und den Anteil der Jugendforschung an der Phänomenkonstruktion sowie der genannten Privilegierung und Diskriminierung. Dieses anspruchsvolle Vorhaben wird über die machttheoretisch fundierte Analyse verschiedener Phasen, Verfasser/innen und Gegenstände von Jugendforschung realisiert.

Autor

Dr. Thomas Schroedter war nach seinem Studium der Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaft lange Zeit in der außerschulischen Jugendarbeit tätig, bevor er als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Schwerpunkt Jugendsoziologie an der Universität Paderborn tätig wurde.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um die Dissertation des Verfassers, die ihren Ausgangspunkt in den Erfahrungen in und Überlegungen zur Jugendarbeit hat. Diese Erfahrungen bildeten den zentralen Anstoß für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Jugend als Privileg und Diskriminierung.

Aufbau

Aus meiner Perspektive lässt sich das Buch in zwei Teile strukturieren.

  1. Der erste Teil (Kap. 1-4) stellt die Fragestellung, die begrifflichen Grundlagen sowie die Gegenstände der Analyse dar.
  2. Im zweiten Teil (5-12) werden die Ergebnisse der Analyse präsentiert.

Generell folgt die Ergebnispräsentation einer historisch-chronologischen Logik, indem der Anfangspunkt der Analyse bei den Anfängen der Jugendforschung gesetzt und deren Entwicklung bis heute verfolgt wird. Diese chronologische Entwicklung wird vor allem anhand von Personen, ihrem Wirken und Positionen entfaltet. Daneben wird gefragt, wann und wie spezifische, gesellschaftliche Differenzlinien (Geschlecht, Klasse, Ethnizität) Eingang in den Diskurs von Jugendforschung finden. Nicht zuletzt dadurch rücken schließlich „transhistorische“, also überdauernde Elemente des Phänomens Jugend in den Blick und die Chronologie von Jugendforschung in den Hintergrund.

Zum ersten Teil

Im ersten Teil werden eingangs im ersten Kapitel („Einleitende Fragen: Macht Jugend Geschichte“) die Zielstellung und die Fragen der Arbeit geklärt. Das komplexe Ziel der Arbeit beschreibt der Verfasser wie folgt: „Die vorliegende Arbeit geht mit dem Fokus auf Diskriminierung und Privileg den Rahmenbedingungen dieser ‚Ambivalenz der Jugend‘ mit der Fragestellung nach, wie Lebensphase als Strukturmerkmal und hier insbesondere die Lebensphase Jugend innerhalb der Verflechtung von Macht- und Herrschaftsstrukturen verortet werden können. Die Ambivalenz von Problem und Hoffnung wird bei Jugendlichen maßgeblich durch die Dichotomie von Privilegierung und Diskriminierung beeinflusst. Auf dieser Arbeit ist es darüber hinaus aufzuzeigen, wie Jugendlichkeit auch auf Ethnizität, Klasse und Geschlecht Einfluss hat.“ (S. 16) Er fasst Jugend bzw. Lebensphase somit als eine zentrale gesellschaftliche Struktur auf, was er jedoch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Jugend und mit gesellschaftlichen Strukturen resp. gesellschaftlicher Ungleichheit vernachlässig sieht.

In der Folge und insbesondere im zweiten Kapitel („Verschiedene Konzeptionen von Lebensaltern“) setzt er sich mit den Definitionen und Beschreibungen von Jugend, Pubertät, Adoleszenz und Lebensphasen bzw. Lebensaltern auseinander. Deutlich wird hier, dass er der Wissenschaft resp. der Jugendforschung eine besondere Bedeutung auch für die gesellschaftliche Konstitution der Lebensphase Jugend zuschreibt. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Jugendforschung der Gegenstand seiner Analyse.

Im dritten Kapitel („Der Kanon der Jugendforschung“) bemüht er sich diesen Gegenstand zu systematisieren, indem er Jugendforschung in ihrer historischen Genese und in ihren Traditionen analysiert und darlegt.

Abschließend kritisiert er im ersten Teil (Kapitel 4: „Jugend war anders“) die Idee, dass Jugend als Lebensphase erst mit der industriellen Revolution und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen etabliert habe. Seine These ist vielmehr, dass es Jugend schon immer gegeben habe – wenn auch in einem anderen Gewand.

Zum zweiten Teil

Im zweiten Teil beginnt der Gang durch die Analyse bzw. die Ergebnisse, der anfangs noch vorrangig einer historischen Systematik folgt. So werden im 5. Kapitel „die Herren der frühen Jugendforschung“ fokussiert. Es werden vor allem Granville Tanley Hall, Ernst Meumann und Otto Rühle vorgestellt und in Kontext der damaligen gesellschaftlichen Entwicklungen diskutiert. So geht der Verfasser z.B. dem Zusammenhang zwischen Jugendforschung und Jugendbewegung nach. Nicht zuletzt seiner eigenen machtkritischen Verortung folgend fokussiert der Verfasser jedoch nicht ausschließlich zu erwartenden ‚Klassiker‘ der Jugendforschung, sondern auch randständige Themen und Forschende.

So widmet er sich im Kapitel 6 („Jugendarbeiterinnen im Fokus der Forschung“) explizit den weiblichen Jugendlichen bzw. ihrer Repräsentanz in der frühen Jugendforschung, die als eher gering einzuschätzen sei.

Im Kapitel 7 („Jugendforschung und Nationalsozialismus“) verfolgt er wie insbesondere rassistisches Gedankengut bei Eduard Spranger und Otto Tumlirz einen Anschluss an nationalsozialistische Ideen erlaubte. Insbesondere wird jedoch kritisiert, dass die Werke der beiden Verfasser auch nach 1945 noch prägend und leitend für die deutsche Jugendforschung waren.

Diese Entwicklung wird im 8. Kapitel entfaltet („Jugenforschung nach 1945“). In den Blick kommt hier eine soziologisch-empirisch inspirierte Jugendforschung wie von Helmut Schlesky und Friedrich H. Tenbruck. Als zentrale Kritik wird vor allem an Helmut Schlesky eine Vereinheitlichung von Jugend angeführt, wonach mit dem Begriff Jugend nur sozial privilegierte, männliche, weiße Jugendliche gefasst würden.

Nicht zuletzt deshalb habe Jugendforschung die Proteste in den 1968er Jahren nicht vorhersehen können – so die zentrale These des 9. Kapitels („Soziologie und Jugendprotest in den 1960er Jahren“): Jugendliche, die bei diesen Protesten eine tragende Rolle spielten, seien von der Forschung marginalisiert worden bzw. aus deren Blick geraten.

Abschließend wird diese enge historische Systematik verlassen und transhistorische Elemente der Jugend fokussiert. Das erste Element „Stil“ untersucht der Verfasser im Kapitel 10 („Jugendforschung entdeckt den Stil“). Damit vollendet er zugleich den Gang durch die Entwicklung durch die Jugendforschung, indem er die Fokussierung von Stil und damit von Sport, Tanz, Bewegung und Körper vor allem als eine Entwicklung der Jugendforschung im 21. Jahrhundert sieht. Zugleich greift er auf ältere Zugänge und Ergebnisse zurück, um genau diese Phänomene als zentrale und überdauernde Elemente Jugend zu argumentieren.

Als noch wichtigeres transhistorische Element macht der Verfasser Migration im Kapitel 11 („Migration: Vom ‚Wandertrieb‘ zur Norm der Flexibilität“) aus: So weist er die Bezeichnung Wandertrieb als unpassend zurück und analysiert vielmehr die Migration von Jugend als eine gesellschaftlich bedingte, die zugleich als ein zentrales Merkmal von Jugend dargestellt wird.

Im abschließenden „Resümee“ werden wichtige Schlaglichter der Studie noch einmal zusammengefasst und bilanziert: Der Verfasser warnt geradezu vor biologistischen Sichtweisen und weist auf die Relevanz anderer Differenzlinien wie Geschlecht, Klasse und Ethnizität hin.

Fazit

Der Anspruch und die Fragen der Arbeit sind sehr berechtigte und zugleich sehr komplexe. Es erscheint durchaus notwendig gerade machttheoretisch sensibilisiert zu fragen, welchen Beitrag die Jugendforschung selbst zur nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch zur gesellschaftlichen Konstruktion von Jugend beigetragen hat. Genau diese Frage wird analytische sorgsam und nachvollziehbar insbesondere in Hinblick auf die besonders diskursrelevanten Forschenden beantwortet. Besonders erkenntnisreich sind dabei das Nachzeichnen der Entwicklung und die Durchsetzung spezifischer Diskurspositionen. Für Studierende und auch Wissenschaftlerinnen, die sich mit der Entwicklung von Jugendforschung oder auch mit dem Werken einzelner Jugendforscher/innen befassen, liefert dieses Buch damit Einsichten, die über gängige Darstellungen von Jugendforschung hinausgehen.

Der zwar durchaus verständliche und dennoch eher querliegende Anspruch, mit dieser Studie zugleich Jugend bzw. Jugendlichkeit als sozial unterschiedlich geformte Erscheinung mit jedoch transhistorischen Elementen auszumachen bzw. zu entwerfen, wird weniger nachvollziehbar eingelöst. So erscheinen hier die Betrachtung zu den Differenzlinien oder auch zu der Frage der Privilegierung und Diskriminierung eher oberflächlich und nicht herausragend erkenntnisbringend. Insbesondere die Feststellung, dass in der Jugendforschung vor allem der männliche, weiße, privilegierte Jugendliche fokussiert und damit auch konstituiert wird, ist letztlich keine besonders neue – wie der Verfasser selbst auch durch die Verweise auf die entsprechende Literatur dokumentiert. Vielleicht hätte es der Studie an dieser Stelle gut getan, eher exemplarisch an einer Differenzlinie zu arbeiten und deren Be- und Verarbeitungen im Diskurs kleinschrittiger zu betrachten. Insbesondere die Überlegungen zu Migration als einem transhistorischen Element von Jugend hätten sich dazu angeboten, da sie einen schlüssigen und zusammenführenden Schlusspunkt der gesamten Studie liefern.


Rezensentin
Dr. Nora Katenbrink
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Zitiervorschlag
Nora Katenbrink. Rezension vom 29.11.2017 zu: Thomas Schroedter: Jugend als Privileg und Diskriminierung. Ein Beitrag zur intersektionellen Verortung des Phänomens. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3609-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22485.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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