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Sarah Dangendorf, Tobias Sander (Hrsg.): Akademisierung der Pflege

Cover Sarah Dangendorf, Tobias Sander (Hrsg.): Akademisierung der Pflege. Berufliche Identitäten und Professionalisierungspotenziale im Vergleich zu Sozialer Arbeit und Frühpädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-3479-0. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Sarah Dangendorf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Hannover mit den Arbeitsschwerpunkten Bildungsforschung, Alltagskulturen und Gender Studies.

Prof. Dr. Tobias Sander lehrt Soziologie und Soziale Arbeit an der Internationalen Berufsakademie und leitet ein Sondermittelvorhaben zu den Gesundheitsfachberufen an der Hochschule Hannover.

Entstehungshintergrund und Thema

Dieser Sammelband entstand in der Folge einer Tagung „Akademisierung der Pflege“, die 2016 an der Hochschule Hannover durchgeführt wurde und zum Programm der Sektion Professionssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gehörte. Zugleich enthält der Band Teilergebnisse des BMBF-Projektes „Kompetenzentwicklung von Gesundheitsfachpersonal im Kontext des Lebenslangen Lernens“ (KeGL).

Aufbau

Die zehn Einzelbeiträge dieses Sammelbandes sind drei Themengebieten beziehungsweise drei Kapiteln zugeordnet. Diese umfassen

  1. im ersten Kapitel den „Problemaufriss“ mit zwei Artikeln,
  2. im zweiten Kapitel „Berufliche und soziale Identitäten“ mit drei Beiträgen und
  3. im Kapitel 3 unter der Überschrift „Handlungsbezogene und vergleichende Perspektiven“ weitere fünf Einzelbeiträge.

Den Zusammenhang der übergreifenden Kapitel und auch der Einzelbeiträge stellt die Beschäftigung mit der Frage dar, wie sich insbesondere in den Pflegeberufen die seit Beginn der 1990er Jahre eingeführte Akademisierung bestimmter Berufsbereiche auf die Professionalisierung des Berufs ausgewirkt hat. Der Schwerpunkt dieser Betrachtungen und Untersuchungen liegt zum einen in der Analyse der Herausbildung beruflicher Identitäten und zum anderen im Vergleich mit den Entwicklungen in vergleichbaren Berufen, vor allem der Sozialen Arbeit, der Früh-/Kindheitspädagogik und der Medizin. Diese Analysen werden auf der Grundlage traditioneller professionstheoretischer Ansätze, aber auch auf deren Neuinterpretation durchgeführt. Nicht zuletzt werden Prognosen für die weitere Entwicklung gegeben und auch Konzepte für das Fortschreiten des Professionalisierungsprozesses entwickelt.

Aus dem breiten Spektrum an Beiträgen konzentriert sich diese Rezension auf die eher grundlegenden und im Besonderen auf die Artikel, die sich mit Fragen sozialer Identitäten, des beruflichen Habitus und der Milieuzugehörigkeit der betreffenden Berufsgruppen beschäftigen. Damit wird die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt der Professionalisierung gelenkt, der in der Debatte um die Akademisierung und Professionalisierung der Pflege bisher wenig thematisiert wurde, jedoch wichtige Erkenntnisse in Bezug auf die Professionalisierbarkeit des Berufsfelds zu Tage bringt.

Zu 1: Problemaufriss

Im Eingangsbeitrag „Wer pflegt wen? Akademisierung und Professionalisierung in der Pflege“ erläutert Tobias Sander den Status quo der beruflichen Integration von PflegeakademikerInnen. Dabei zeigt er deutlich, dass es leitende, höher bezahlte Tätigkeiten, die explizit für Pflegende mit Hochschulabschlüssen ausgeschrieben sind, nur wenig gibt. Angeboten werden solche Positionen im Unterrichts- und Managementbereich. Gleichwohl finden sich auf diesen Stellen keineswegs exklusiv PflegeakademikerInnen. Im Gegenteil, sie konkurrieren hier mit Pflegekräften mit entsprechender Berufserfahrung und/oder Weiterbildung oder aber mit AkademikerInnen anderer Disziplinen. Eine Änderung dieser Situation ist nach Tobias Sander nicht absehbar, vor allen Dingen da gleichzeitig mit der Akademisierung eine Verlagerung pflegerischer Tätigkeiten auf Personal mit Hilfsqualifikationen zu beobachten ist. Davon ausgehend, dass zumindest Teile des pflegerischen Berufsfeldes eine Exklusivität von Wissen beanspruchen können, wie es die klassischen Professionen tun, stellt Sander mit großer Skepsis die Frage danach, ob sie entsprechende Felder in der Hierarchie im Gesundheitswesen besetzen „dürfen“ (als Folge von Aushandlungsprozessen). Weitaus kritischer fällt die Antwort auf die Frage aus, ob sie dieses überhaupt „wollen.“

Als Ergebnis einer Befragung von 439 PflegeakademikerInnen in Niedersachsen stellt er fest, dass diese nur zu einem Drittel irgendeine Art von Leitungspositionen bekleiden, die zudem nicht entsprechend vergütet werden. Das aber wird von den Befragten nicht oder kaum beklagt, vielmehr bekennen sie sich – genau wie ihre nicht akademisch qualifizierten KollegInnen – eher sozialen und kulturellen Kapitalien (im Sinne Bourdieus) verpflichtet denn ökonomischen. Für beide Gruppen gilt die Berufserfahrung als wichtigstes Kriterium für die berufliche Statuszuweisung. Diese mangelnde berufliche Identität als Angehörige eines akademischen Berufs führt Sander in Anlehnung an Pierre Bourdieu nicht nur auf die berufliche Sozialisation zurück, sondern in gleichem Maße auf die „mitgebrachten“ Alltagskulturen der AkteurInnen. Die genannte Untersuchung zeigte denn auch, dass sowohl die Pflegekräfte ohne als auch die mit akademischer Ausbildung aus identisch geprägten Milieus stammen, in denen Bildung eher instrumentell als soziale Aufstiegschance gesehen wird. Abschließend stellt Sander fest, dass eine derartige Konstellation von großem Vorteil für das Versorgungssystem ist, aber wenig zur Ausprägung einer pflegerischen professionellen Identität beitragen wird.

Karl Kälble skizziert in seinem ebenfalls einleitenden Beitrag „Zur Professionalisierung der Pflege in Deutschland. Stand und Perspektiven“ die Notwendigkeiten und Bedingungen der Akademisierung der Pflege. Außerdem fasst er die Erkenntnisse verschiedener professionssoziologischer Ansätze zur Entwicklung von Professionen und Professionalisierungsprozessen angesichts einer sich verändernden Hochschullandschaft zusammen. Darüber hinaus verweist er auf die neuesten Entwicklungen in der Umstrukturierung der Pflegeausbildungen, die auch eine primärqualifizierende Ausbildung an Hochschulen umfassen, deren Umsetzung er jedoch aufgrund mangelnder Ressourcen an den Hochschulen für wenig realisierbar hält. Etwas positiver bewertet er die Entwicklungsmöglichkeiten für eine größere Handlungsautonomie, wenn Pflegende künftig selbständig ärztliche Tätigkeiten als Heilberufe ausüben können – auch wenn er den Weg dahin als sehr lang beschreibt. Insgesamt erwartet er professionsrelevante Entwicklungen di durchaus eine weitergehende Professionalisierung ermöglichen können.

Zu 2: Berufliche und soziale Identitäten

Anke Gerlach fasst in ihrem Beitrag „Zur Frage der professionellen Identität akademisch Qualifizierter in der Pflege“ die Ergebnisse einer empirischen Studie zusammen, die in Form von Gruppendiskussionen mit AbsolventInnen unterschiedlicher Pflegestudiengänge geführt wurden. Dabei war es wichtig, diejenigen einzubeziehen, die vor oder nach dem Studium eine pflegerische Ausbildung abgeschlossen hatten. Die leitende Forschungsfrage war, ob überhaupt von Pflegeakademikerinnen als einer Gruppe gesprochen werden kann und ob sie über gemeinsame Haltungen und Orientierungen verfügen, also eine gemeinsame kollektive professionelle Identität teilen.

Die Ergebnisse bestätigen in weiten Teilen, was Tobias Sander in seiner Untersuchung zum alltagskulturellen Kapital von Pflegekräften herausgefunden hat. Die wenigen gemeinsamen Haltungen, die die befragten PflegeakademikerInnen in der von Gerlach vorgestellten Studie zeigten waren folgende:

  • der „Chamäleoneffekt“: Pflegeakademikerinnen machen die eigene Vorstellung von ihrem Gegenüber abhängig; je nach Kontext stellen sie die akademische Qualifikation oder die pflegerische Handlungskompetenz in den Vordergrund;
  • die zentrale Bedeutung, die dem pflegerischen Ausbildungsexamen beigemessen wird;
  • eine Karriereorientierung, die nicht nur monetär, sondern auch mit höheren Positionen motiviert ist;
  • Kritik an Rahmenbedingungen und gesellschaftlichem Ansehen der Pflege;
  • krisenbelastete Verortung im Berufsfeld (schlechtes Gewissen gegenüber traditioneller Pflege). Dabei sind es vor allen Dingen die PflegeakademikerInnen mit einer beruflichen Primärsozialisiation, die eine wissenschaftliche Qualifikation negativ bewerten, so wie es in bildungsfernen Milieus anzutreffen ist.

Trotz solcher Gemeinsamkeiten offenbarte die Untersuchung, dass aktuell wohl nicht von einer Gruppe mit gemeinsamer Identität gesprochen werden kann. Dennoch scheint nach Gerlach eine solche Entwicklung einzusetzen, die gleichwohl von zwei Gruppen mit konträren Orientierungsrahmen getragen wird. Das ist einerseits der ‚akademische‘ und andererseits der ‚traditionelle‘ Orientierungsrahmen, der sich abhängig davon, ob eine berufliche Primärqualifikation vorliegt oder nicht, ausprägt. Welcher der beiden Orientierungsrahmen sich durchsetzen wird, so die Schlussfolgerung von Anke Gerlach, hängt von der Entwicklung im Berufsfeld ab. Es bleibt also vorerst offen, ob sich eine kollektive Identität der PflegeakademikerInnen herausbilden wird, die die Professionalisierung vorantreiben könnte.

Eine andere Komponente der Herausbildung einer professionellen Identität beschreibt Constanze Eylmann in dem Beitrag „Professionalisierungsbestrebungen und Habitus“, in dem sie die Ergebnisse einer empirischen Studie in der Altenpflege vorstellt. Sie bezieht sich dabei auf das Habitus-Konzept wie es Pierre Bourdieu entwickelt hat, nämlich die verinnerlichten materiellen und kulturellen Lebensbedingungen, die im Habitus eines Subjektes sichtbar werden. In der genannten Studie (2012 – 2014) von Eylmann wurde versucht, den in der Altenpflege vorherrschenden Habitus zu identifizieren und in Relation zu setzen zu den Kriterien, die nach Eylmann eine klassische Profession ausmachen: Autonomie, Identität, Image und Monopol. Die Charakteristika des Habitus, die in der Untersuchung offenbar wurden und in diesem Beitrag an den Beispielen Arbeitsethos und Belastungswahrnehmung expliziert werden, beinhalten Folgendes

  • das Selbstbild einer ‚leidensfähigen‘ Profession, die arbeitet ohne aufzubegehren
  • habituell verankerte Strategien des Selbstausschlusses aus der Öffentlichkeit
  • fehlende öffentliche Selbstrepräsentation
  • mangelnde Auflehnung gegen Arbeitsbedingungen.

Damit fehlen alle Eigenschaften, mit denen Autonomie, Identität, Image und Monopol herausgebildet werden könnten. Diesem Mangel kann nach Constanze Eylmann begegnet werden, indem bei der Gestaltung beruflicher Lehr- und Lernprozesse bestehende soziale Ungleichheiten berücksichtigt und aufgehoben werden. Deshalb appelliert sie an die Lehrenden, in der Ausbildung kritische Reflexions- und Urteilsfähigkeit ebenso wie Widerstandsfähigkeit zu fördern, um die Berufsangehörigen zu befähigen, Berufssituationen deuten, Problemlösungen entwickeln und autonome Entscheidungen fällen zu können.

Tobias Sander und Martin Schmidt beschäftigen sich in ihrem Beitrag „Akademisierte Beruflichkeit, bürgerliches Milieu“ mit der übergreifend sozialen, über den Beruf hinausgehenden Position der PflegeakademikerInnen. Es geht ihnen um soziale Ungleichheit und vor allem um deren alltagskulturelle Dimension. Dazu haben sie untersucht, aus welchen typischen Milieus Pflegeakademikerinnen sich rekrutieren und ob sich diese von denen der Pflegefachkräfte unterscheiden. Ihre Untersuchung konzentrierte sich auf die Alltagskulturen und die alltagskulturellen Orientierungen der beiden Gruppen.

Bei den Befragten handelte es sich um die oben erwähnten 439 PflegeakademikerInnen, die seit Mitte der 1990er Jahren in Niedersachsen ein Pflegestudium absolviert hatten. Zur Bewertung des alltagskulturellen Kontextes wurde ein Index erarbeitet, der die Faktoren Bedeutung des Privatleben, des Berufsansehens, der Nützlichkeit für die Gesellschaft, der Pflichterfüllung, der Familie, der Arbeitsunwilligen des politischen und sozialen Engagements ebenso umfasste wie die soziale Herkunft. Anhand dieser Kriterien konnten vier unterschiedliche Fraktionen von PflegeakademikerInnen identifiziert werden: Caritativ-Asketische, Statusorientierte Aufsteiger, selbstbestimmt Kritische und Leistungsorientierte.

Als zentralen Befund der Untersuchung nennen Sander und Schmidt die Tatsache, dass sich die PflegeakademikerInnen in ihrer alltagkulturellen sozialen Position nur wenig von den Pflegefachkräften unterscheiden. Ein weiteres wichtiges Ergebnis zeigt, dass es sich bei den PflegeakademikerInnen keineswegs ausschließlich um Angehörige intrinsisch berufsgebundener, selbstverwirklichungsorientierter Milieus handelt. Darüber hinaus stammen sie aus aufstiegsorientierten Milieus der Mittelschicht, für die – im Vergleich zur Elterngeneration – allerdings der Pflegeberuf bereits einen sozialen Aufstieg darstellt. Dem weiteren Aufstieg bzw. der Entwicklung einer akademischen beruflichen Identität steht jedoch die Bindung an die berufliche Praxis entgegen. Teilweise herrscht auch ein utilitaristisches Bildungsverständnis vor, das einer akademischen forschenden Identität grundsätzlich widerspricht. PflegeakademikerInnen sind also auch sozial gesehen von Pflegefachkräften nicht zu unterscheiden. Folglich sehen Sander und Schmidt die Ursache für die Fragilität der akademischen Identität nicht allein in der professionellen Sozialisation, sondern auch im „Personal der Profession“. Darüber hinaus behindert die instrumentelle Bindung an den scheinbar nur von ‚Berufenen‘ gewählten Beruf die Ausprägung einer akademischen Identität.

Zu 3: Handlungsbezogene und vergleichende Perspektiven

Auf drei Beiträge dieses Kapitels kann hier aus Platzgründen nur verwiesen werden, nämlich die von Roland Becker-Lenz, Hannes Ummel et al. und von Kirstin Fuchs-Rechlin. Eingegangen wir auf zwei Beiträge, da sie zum einen, ein neues Modell der Professionalisierung vorstellen und zum anderen die in diesem Band zusammengetragenen Milieustudien um einen Vergleich mit der anerkannten Profession der Medizin erweitern.

Wie bereits der Titel „Das Transtheoretische Professionalisierungsmodell (TraP). Grundlagen und Perspektiven für die therapeutischen Gesundheitsberufe“ verrät, stellt Bernhard Borgetto sein „neues“ Modell für die Professionalisierung der therapeutischen Gesundheitsberufe – Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie – vor. Dieses stellt er unter die Vorzeichen „eines normativen Qualitätsanspruchs bzw. einer empirischen Qualitätssicherung“. Damit sieht er das Modell sowohl in der wissenschaftlichen Theorie als auch in der gesellschaftlichen Praxis verankert.

In dem Modell sollen unterschiedliche professionstheoretische Ansätze zusammengeführt werden, die Borgetto ohnehin als eher komplementäre, denn als konkurrierende Analysen versteht. Diese Annahme begründet er, indem er sich allein auf die Merkmale von Professionen bezieht, die allen ansonsten sehr unterschiedlichen theoretischen Ansätzen gemeinsam sind: das professionelle, teils theoretische Wissen, die formalrechtliche Definition des Tätigkeitsfeldes mit der Monopolisierung desselben, den Berufsverbänden zur Selbstverwaltung der Profession. Andere Identifikationsmerkmale, insbesondere die des machttheoretischen Ansatzes, schließt er aus, da sie nicht kohärent mit dem TraP seien. In der Folge bezieht er sich fast ausschließlich auf handlungsbezogene Ansätze, vor allen Dingen den Ulrich Oevermanns. Mit dessen Theorie professionalisierten Handelns setzt sich Borgetto in seinem Beitrag ausführlich auseinander, indem er dessen zentrale Postulate erläutert und zum Teil erweitert bzw. um neue Erkenntnisse ergänzt. Im Ergebnis formuliert er die „Umrisse des transtheoretischen Modells der Professionalisierung“, die wesentliche Kriterien der Professionalisierung ebenso beinhalten wie die dafür erforderlichen institutionellen Erfordernisse. Auf dieser Grundlage analysiert er anschließend die Professionalisierungsbedürftigkeit und Professionalisierbarkeit der genannten Gesundheitsberufe, für deren Existenz er ausreichende Indizien vorlegt. Daraus leitet er weitere Maßnahmen ab, nämlich die rechtliche Absicherung der Handlungsautonomie und eine schrittweise Akademisierung. Nicht zuletzt sieht er die besondere Aufgabe der letzteren darin, einen professionellen Habitus im Sinne Oevermanns und eine professionelle Identität herauszubilden.

Im abschließenden Beitrag des Sammelbandes erläutert Tobias Sander die „Milieuzugehörigkeiten von Pflegekräften und MedizinerInnen“, die er in einer Studie zu den Alltagkulturen der Angehörigen der beiden Berufsgruppen analysiert hat. In dieser Untersuchung wurden die 18 ÄrztInnen und 120 examinierte Pflegekräfte im weiteren Kontext von JuristInnen, höhere LehrerInnen (klassische Professionen), IngenieurInnen und BeriebswirtInnen (neoklassische Professionen) betrachtet, und zwar im Hinblick auf ihre Alltagspraxen bzw. Alltagskulturen. Die Daten wurden der repräsentativen Albus-Befragung zu Präferenzen der Freizeitgestaltung, zum politischen Interesse und zur Zustimmung zu traditionellen versus mit-/selbstbestimmungsorientierten Politikstilen entnommen. Ausgehend von der wachsenden gesellschaftlichen Kritik an ÄrztInnen und die Veränderungen in den Rahmenbedingungen ihrer Arbeit, die den Professionsstatus der Medizin zunehmend prekärer erscheinen lässt, wurden die Daten hinsichtlich der Frage, ob sich die besondere Differenz zwischen den Professionellen und den Fachkräften in den letzten Jahrzehnten verändert hat, ausgewertet.

Aufgrund einer Vielzahl von Einzelergebnissen zieht Sander das folgende Resümee: Die MedizinerInnen nehmen sowohl gegenüber den Pflegekräften als auch gegenüber den anderen Professionen eine Sonderrolle ein, was darin begründet scheint, dass diese sich weiterhin aus Angehörigen elitärer Milieus rekrutieren. Der Unterschied zwischen den anderen Professionen und den Pflegekräften ist hingegen eher graduell denn markant. ÄrztInnen kommen auch heute noch überwiegend aus dem traditionell (bildungs-)bürgerlichen Milieu, denen Pflicht und Leistung, Hierarchie und soziale Distanz wichtig sind. Dagegen orientieren sich Pflegekräfte eher an Werten wie Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Auch das Pflegestudium bewirkt keine Änderung des sozialen Profils, da es nur als eine Aufstiegsfortbildung unter anderen fungiert. Um Änderungen in diesen sozialen Konstellationen zwischen den Berufen zu ermöglichen, plädiert Sander dafür, mehr im medizinischen als im pflegerischen Rekrutierungs- und Ausbildungssystem neue Formate einzuführen. Damit müsse es ermöglicht werden, soziale Unterschiede im Berufseingang zu ermöglichen und somit eine stärkere Mischung bei den Berufsangehörigen zu erzielen.

Diskussion

Der hier vorgestellte Sammelband umfasst eine Auswahl an Beiträgen die auf sehr unterschiedliche Weise für eine Förderung der Professionalisierung in den Gesundheitsberufen, insbesondere in der Pflege sprechen. Neben Rekursen auf bekannte Professionstheorien, die die breite Spanne traditioneller und neuerer handlungstheoretischer Ansätze repräsentieren, dabei allerdings machtkritische und feministische kaum bis gar nicht zur Kenntnis nehmen, sind besonders die Beiträge hervorzuheben, die sich mit sozialen Komponenten der Berufsprofile beschäftigen. Die Thematisierung der Milieuzugehörigkeit mit der daraus folgenden fehlenden professionellen Identität und der tiefen Bindung an die klassische Pflegeausbildung findet sich ansonsten selten in den Analysen des Professionalisierungsprojektes Pflege. Dabei bieten gerade solche Untersuchungen neue Erkenntnisse über die Hindernisse, die einer Professionalisierung entgegenstehen.

Ein bemerkenswerter Aspekt ist auch, mit welch unterschiedlichen professionstheoretischen Ansätzen von den verschiedenen Autoren – zumeist implizit – gearbeitet wird. Dass der obligatorische einleitende Überblick über solche Ansätze erfolgt, der bei Eylmann und Borgetto darin mündet, diese irgendwie synthetisch zusammenzuführen, als integriertes Professionsverständnis oder transtheoretisches Professionalisierungsmodell, trägt nicht notwendigerweise zum besseren Verständnis der unterschiedlichen Implikationen bei. Dieses sollte doch gefördert werden, um den in den abschließenden Fazits erfolgenden Empfehlungen für die weitere Professionalisierung Nachhaltigkeit zu verleihen.

Auf jeden Fall handelt es sich hier um einen Band, der allen, die sich mit der Professionalisierung der Gesundheitsberufe auseinandersetzen, sei es theoretisch oder in der Alltagpraxis, empfohlen wird. Die LeserInnen erhalten einen Überblick über aktuelle Entwicklungen, Anregungen für die Auseinandersetzung mit dem Thema und Bestärkung für die Fortsetzung des Prozesses.

Fazit

Der Sammelband „Akademisierung der Pflege. Berufliche Identitäten und Professionalisierungspotentiale im Vergleich der Sozial- und Gesundheitsberufe“ vereint professionssoziologische Analysen, Untersuchungen zu beruflichen Identitäten und der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Milieus mit Beiträgen zu Professionalisierungsprojekten in spezifischen Berufsfeldern (Alten-/Pflege, Frühpädagogik, Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie). Damit wird ein Überblick über unterschiedliche oder ähnliche Entwicklungen gegeben, also der Status quo erfasst. Gleichzeitig werden Konzepte vorgestellt, mit denen die Professionalisierung gefördert werden könnten. Diese umfassen Anregungen für die Umgestaltung der Ausbildung und Studiengänge ebenso wie für notwendige Maßnahmen in der Praxis und der Berufspolitik.


Rezensentin
Dr. Eva-Maria Krampe
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Zitiervorschlag
Eva-Maria Krampe. Rezension vom 13.09.2017 zu: Sarah Dangendorf, Tobias Sander (Hrsg.): Akademisierung der Pflege. Berufliche Identitäten und Professionalisierungspotenziale im Vergleich zu Sozialer Arbeit und Frühpädagogik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3479-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22488.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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