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Wolfgang Schroeder: Konfessionelle Wohlfahrtsverbände im Umbruch

Cover Wolfgang Schroeder: Konfessionelle Wohlfahrtsverbände im Umbruch. Fortführung des deutschen Sonderwegs durch vorsorgende Sozialpolitik? Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 213 Seiten. ISBN 978-3-658-16298-6. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Autor

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schroeder lehrt seit Mai 2006 an der Universität Kassel am Lehrstuhl „Politisches System der BRD – Staatlichkeit im Wandel“. Vorher war er viele Jahre beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M. tätig, zunächst als Referent für Grundsatzfragen, als Ressortleiter für europäische Tarifkoordination und ab 2003 als Leiter der Abteilung Sozialpolitik. Von 2009 bis 2014 war Wolfgang Schroeder Staatssekretär in Brandenburg.

Aufbau und Inhalt

Wolfgang Schroeder geht von dem Befund aus, dass die enge Kooperation der konfessionellen Wohlfahrtsverbände Deutscher Caritasverband und Diakonisches Werk der Ev. Kirche in Deutschland mit dem deutschen Sozialstaat den „deutschen Sonderweg“ des sozialpolitischen Verbändekorporatismus geprägt haben. Seit den 1990er Jahren wurden neue Steuerungsmodelle eingeführt, die zu einem Rückbau der Privilegien der Wohlfahrtsverbände führten. Nichtsdestotrotz wurde deren Funktion als bedeutende sozialpolitische Akteure eher stärker. Die struktur- und identitätsbildende Bedeutung der Kirchen ging zurück, die gesellschaftspolitische Bedeutung von Caritas und Diakonie ist angestiegen, was nicht zuletzt am Anstieg der Beschäftigtenzahlen auf mittlerweile 1,1 Millionen deutlich wird.

Als Folge neuer Steuerungsmodelle durch die „Modernisierung des Sozialstaats“ ändert sich zunehmend auch dessen programmatische Ausrichtung hin zum Paradigma der vorsorgenden Sozialpolitik. Wolfgang Schroeder untersucht, inwiefern sich die konfessionellen Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie auf diesen Transformationsprozess eingestellt haben: Wie hat die Umstellung auf betriebswirtschaftliche Steuerungsmethoden die kirchliche Identität beeinflusst? Wie hat sich das Verhältnis zu den öffentlichen Trägern verändert? Was hat sich verändert auf organisatorischer, programmatischer oder auch alltagspraktischer Ebene? Wie konnte sich das Paradigma vorsorgender und befähigender Sozialpolitik in neuen Konzepten, Projekten und Programmen von Caritas und Diakonie niederschlagen?

Zunächst wird ein Überblick über die bestehenden Forschungslinien zum sogenannten Verbändekorporatismus gegeben, bevor in die Programmatik vorsorgender Sozialpolitik mit den Merkmalen Befähigung, Lebensverlaufsperspektive, Kooperation und Netzwerke, Verzahnung von Nachsorge und Vorsorge sowie des Erfordernisses einer personenbezogenen Infrastruktur eingeführt wird. Ausführlich und kenntnisreich wird sodann die historische Entwicklung der Rolle der konfessionellen Wohlfahrtsverbände in der sozialstaatlichen Entwicklung, insbesondere seit 1945, rekonstruiert und erörtert. Statistisches Material etwa zum Umfang der Angebote, Beschäftigtenzahlen u.a. gibt einen Einblick in die quantitative Bedeutung, gefolgt von ausführlichen Fallstudien zum Transformationsprozess von Caritas und Diakonie. Diese geben Auskunft über den Stand der trägerspezifischen Bewältigung des Spannungsfeldes von christlich-ethischen, ökonomischen und gewandelten gesellschaftlichen Herausforderungen. Die organisatorischen und strukturellen Reformprozesse werden im Hinblick auf die qualitative Umsetzung der Befähigungsprogrammatik dargestellt. Wolfgang Schroeder kommt zu folgenden Ergebnissen:

  • Unterstützende Sozialpolitik muss bei den individuellen Lebenslagen ansetzen
  • Die Bedeutung der Kirchen stabilisiert sich in ihrer Funktion als Wohlfahrtsverbände, verliert aber an Einfluss auf das politische System
  • Trotz weitgehender betriebswirtschaftlicher Steuerung vermögen die konfessionellen Wohlfahrtsverbände im Großen und Ganzen ihre diakonische und karitative Identität zu erhalten, wenn sie sich neuen Konzeptionen wie Befähigung und präventiver Sozialpolitik öffnen
  • Es gibt aber noch viele ungenutzte Potentiale
  • Gelingt der Transformationsprozess der konfessionellen Wohlfahrtsverbände kann der deutsche Sonderweg staatlicher Sozialpolitik fortgesetzt werden

Sechs ausführliche transkribierte Interviews mit hochkarätigen Akteuren aus Wissenschaft und Praxis des wohlfahrtsverbandlichen Diskurses schließen das Buch ab. Zu Wort kommen

  • Prof. em. Dr. Dr. Dr.h.c. Karl Gabriel,
  • Prof. Dr. Johannes Eurich,
  • Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse,
  • Prof. Dr. Karl-Heinz Boeßenecker,
  • apl. Prof. Dr. Ulrike Kostka und
  • Maria Loheide.

Diskussion

Diese Veröffentlichung besticht durch außerordentlich umfangreiches Faktenwissen zur Entwicklung und zum gegenwärtigen Zustand der konfessionellen Wohlfahrtsverbände, welches allerdings sehr komprimiert dargestellt wird. Die 113 Seiten des Theorieteils einschließlich der quantitativen Erhebung und qualitativen Beschreibung von Caritas und Diakonie unter dem Gesichtspunkt der vorsorgenden Sozialpolitik können keinesfalls flüchtig durchgeschaut werden. Um die umfangreichen Wissensbestände vollumfänglich zu rezipieren muss es gründlich, vielleicht auch zweimal durchgearbeitet werden.

Die nach dem Theorieteil folgenden über 90 Seiten Interviews mit namhaften Akteuren sind dann umso spannender zu lesen: sie vertiefen das Gelernte mit fachlichem Hintergrund, manch kritischer Bemerkung über den Wohlfahrtskorporatismus, sie geben der Theorie den fachlich-praktischen Hintergrund und gewähren Einblick in die Breite des caritas- bzw. diakoniewissenschaftlichen Diskurses.

Ich empfehle die Lektüre dieses Buches uneingeschränkt allen Akteuren, die durch eigenen beruflichen, wissenschaftlichen oder politisch mitgestaltenden Hintergrund über Vorwissen und eigene Hypothesenbildung über den konfessionellen Wohlfahrtskorporatismus verfügen.

Fazit

Die Veröffentlichung beschreibt die Entwicklung der Wohlfahrtsverbände und ihr Verhältnis sowohl zum Sozialstaat als auch zu den Kirchen und ihre aktuelle Auseinandersetzung zum neuen sozialstaatlichen Paradigma der vorsorgenden Sozialpolitik. Es vermittelt komprimiert und kenntnisreich Fakten zum „deutschen Sonderweg“ der sozialstaatlichen Organisation und Programmatik. Das Buch besticht durch einen konzentrierten Theorieteil, die Vermessung wesentlicher quantitativer Daten zu Caritas und Diakonie und durch den Abdruck von sechs ausführlichen Interviews mit Wissenschaftlern und Akteuren, die zum deutschen konfessionellen Wohlfahrtskorporatismus wesentliches zu sagen haben. Meine Empfehlung: unbedingt lesen!


Rezensentin
Dipl.-Sozialpädagogin Iris Jänicke
M.A. Diakoniemanagement. Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes des Ev. Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg
Homepage www.xing.com/profile/Iris_Jaenicke2?sc_o=mxb_p
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Zitiervorschlag
Iris Jänicke. Rezension vom 21.06.2017 zu: Wolfgang Schroeder: Konfessionelle Wohlfahrtsverbände im Umbruch. Fortführung des deutschen Sonderwegs durch vorsorgende Sozialpolitik? Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-16298-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22492.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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