socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Bieri: Wie wollen wir leben?

Cover Peter Bieri: Wie wollen wir leben? Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2015. 6. Auflage. 90 Seiten. ISBN 978-3-423-34801-0. D: 7,90 EUR, A: 8,20 EUR, CH: 11,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Philosoph Peter Bieri stellte in seinem kleinen Büchlein existenziell wichtige Fragen nach Würde und Selbstbestimmung und gibt in drei Vorlesungen Antworten zum Weiterdenken. Die drei Vorlesungen über Selbstbestimmung, Vernunft und freien Willen sind 2011 in Graz an der dortigen Akademie gehalten und als Buch zum Nachlesen bereits 2011 publiziert worden. Am Schluss des Buches gibt Bieri Auskunft über nützliche Literatur zum Thema und auch über seine Quellen.

Autor

Dr. Peter Bieri, ist Professor em. für Philosophie und auch als Schriftsteller unter dem Namen Pascal Mercier bekannt; Peter Bieri lehrte an verschiedenen Universitäten Philosophie.

Aufbau

Das Buch gliedert sich wie folgt:

  • 1. Vorlesung: Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?
  • 2. Vorlesung: Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?
  • 3. Vorlesung: Wie entsteht kulturelle Identität?

Das Buch endet mit den Literaturhinweisen und einer Danksagung.

Zur 1. Vorlesung: Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?

Die erste Frage Bieris ist ganz einfach und lautet: Was bedeutet Selbstbestimmung (S. 7)? Selbstbestimmung sei, so Bieri in seiner Einleitung, mit „Gedanken, Gefühlen und Wünschen leben [...] Keine äußere Tyrannei also und keine Erpressung, aber auch nicht Krankheit und Armut, die uns verbauen, was wir erleben und tun möchten.“ (S. 8) Peter Bieri geht es in der Bestimmung des Begriffs um ein „selbstständiges Leben in einer Gemeinschaft“, bestimmt durch rechtliche und moralische Regeln, über die wir mitbestimmen können (S. 8). Es gehe dabei also nicht nur um die Unabhängigkeit von den Anderen, es gehe auch darum, zum Autor und zum Subjekt des eigenen Lebens zu werden (S. 9), obwohl jeder in bestimmten Grenzen und Prägungen lebe (S. 10) und obwohl jede_r in „Beziehungen der Bedingtheit“ lebe (S. 10). Subjektsein bedeute, dass jeder Mensch nicht das erlebt, was ihm subjektiv widerfährt, sondern das Leben aktiv gestalten kann (S. 11) – Selbstbestimmung bedeute, genau diesen Konflikt wahrzunehmen und ihm zu widerstehen (S. 11). Wichtig sei, Abstand zum eigenen Erleben zu gewinnen, einmal durch den Modus des Erkennens und zum anderen durch den Modus des Verstehens (S. 12). Dass andere Menschen andere Möglichkeiten des Erkennens und Verstehens haben können, verlangt nach einem Sinn für das Mögliche, also Phantasie und Empathie (S. 12): „Selbstbestimmt ist unser Leben, wenn es uns gelingt, es innen und außen in Einklang mit unserem Selbstbild zu leben – wenn es uns gelingt, im Handeln, im Denken, Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein möchten.“ (S. 13) sich in sich selbst auskennen, wäre das Ziel, wozu aber Selbsterkenntnis notwendig ist: „Selbsterkenntnis ist dasjenige, was dazu führt, daß wir eine transparente seelische Identität ausbilden und dadurch in einem emphatischen Sinne zu Autor und Subjekt unseres Lebens werden können. Sie ist also kein freischwebender Luxus und kein abstraktes philosophisches Ideal, sondern eine sehr konkrete Bedingung für ein selbstbestimmtes Leben und damit für Würde und Glück.“ (S. 15)

Es gehe darum, für sich selbst die richtigen Worte zu finden, für sich selbst sprachfähig zu werden, sich in einem Prozess der Aufklärung zu überprüfen (S. 16). Bieri nennt das aufklärerisch Wachheit, die in zwei Fragen zum Ausdruck kommen: „Was genau bedeutet das? Und: Woher weiß ich das?“ (S. 17) Das Erleben müsse in Worte gefasst werden: „Wenn unsere Sprache des Erlebens differenzierter wird, wird es auch das Erleben selbst. Das ist mit dem Ausdruck éducation sentimentale gemeint.“ (S. 19) Das besagt, dass wir im Finden der passenden Sprache an unserer Selbstbeschreibung arbeiten, d.h. an unserer persönlichen Identität (S. 19): „Das also sind zwei Weisen, in denen wir durch sprachliche Artikulation Einfluß auf unsere Affekte nehmen und den Radius der Selbstbestimmung nach innen ausweiten können: Differenzierung von bewußtem Erleben auf der einen Seite, Erschließen von Unbewußtem auf der anderen.“ (S. 20) Es gehe um das Erarbeiten einer persönlichen Identität durch das Sprechen einer eigenen Sprache: „Sie hilft uns, die Erinnerungen zu ordnen.“ (S. 21) Erinnerungen seien ein wesentliches Teilstück der Selbstbestimmung: „Als erzählte Erinnerungen werden sie zu verständlichen Erinnerungen, denen wir nicht länger als wehrlose Opfer ausgeliefert sind [.] Selbstbestimmt werden erst durch die Position des Verstehens: Indem wir ihre Wucht und Aufdringlichkeit als Ausdruck unserer seelischen Identität sehen lernen, verlieren die Erinnerungen den Geschmack der erinnerten Fremdbestimmung und hören auf, uns als Gegner zu belagern.“ (S. 23)

Selbstbestimmung über Sprache muss aber angeeignet werden, z.B. auch über Literatur (S. 24): „Was wir aus Literatur lernen können, ist, wie man sich selbst erzählt. Und was uns Literatur und eigentlich nur sie zu lehren vermag, ist die dramatische Zuspitzung, die den Kern des Selbstbildes beleuchtet.“ (S. 25) In der Selbstbestimmung gehe es auch um „Vergegenwärtigung von Erfahrung“ (S. 26). Wichtig sei, die Einbildungskraft in der Literatur, im Film usw. zu stärken (S. 27) und sich auch der Beziehung zu anderen Menschen klar zu werden (S. 27). Bieri spricht dann in einem engeren Zusammenhang von „moralischer Intimität“ (S. 28): „Wenn moralisches Bewußtsein mit Selbstbestimmung verträglich sein soll, dann darf es nicht in Angst begründet sein und auch nicht in dürrer Pflichterfüllung. Es muß sich seinerseits als Ausdruck von Selbstbestimmung verstehen lassen.“ (S. 28) Moralische Intimität benötige, so der Autor, Partner_innen und Freund_innen: „Denn moralische Empfindungen werfen implizit stets die Frage danach auf, wer wir sein möchten – diejenige Frage also, die uns leitet, wenn es um Selbstbestimmung geht. Moralische Intimität ist eine Beziehung zwischen Menschen, in der sich ihre Fähigkeit zur inneren kritischen Distanz sich selbst gegenüber zeigt.“ (S. 29) Im Blick der Anderen komme auch unser eigenes Bedürfnis nach Anerkennung (S. 30) zum Ausdruck: „Sich selbstbestimmt zu entwickeln, kann nur heißen, dem Blick der Anderen zu begegnen und ihm standzuhalten.“ (S. 31) Selbstbestimmung und selbstbestimmtes Leben gingen nur, wenn die Fremdheit der Anderen zugelassen und ausgehalten werde (S. 31).

Das Selbstbild kann jedoch auch manipuliert sein, wenn ich die Fremdheit der Anderen nicht zulasse und nur um mich selbst kreise, weil es keine Kontrolle des Selbstbildes von außen mehr gibt (S. 32). Bieri kann deshalb auch sagen: „Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre eine leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der Dinge so eingerichtet wären, daß jedem geholfen würde, zu seiner eigenen Stimme zu finden.“ (S. 34)

Zur 2. Vorlesung: Warum ist Selbsterkenntnis wichtig?

Wichtig sei Selbsterkenntnis deswegen, weil das Verständnis dessen, was gewollt ist und getan werden soll, Voraussetzung für alles Weitere sei (S. 35). Wir müssen nicht immer nach innen blicken, sondern von außen auf unsere Empfindungen, auf die Situation, auf die eigene Geschichte (S. 37) und man müsse, so Bieri, Widerstand gegen leichtgängige und scheinbar alltagstaugliche Metaphern leisten, die behaupten, der Blick nach innen genüge, um Licht ins Dunkel der Erkenntnis zu bringen (S. 37).

Man könne zwar Achtsamkeit und Aufmerksamkeit lernen, was aber nicht helfe zu verstehen, warum ich was tue (S. 38) – nur Wahrhaftigkeit gegenüber eigenen Anfälligkeiten und Abgründen würde helfen (S. 41), um vor Selbsttäuschungen sicherer sein zu können. Das Netz der Selbsttäuschung wird von Bieri wie folgt beschrieben: „Eine Selbsttäuschung ist ein interessegeleiteter Irrtum über uns selbst.“ (S. 41)

Sich selber – auch in den eigenen spezifischen Abgründigkeiten wahrnehmen und erkennen zu können – ist eine Form der Selbstbestimmung (S. 42), die eng mit Selbsterkenntnis verbunden bleibt. Bieri behauptet nun, dass diese Form der Selbsterkenntnis dazu verhelfe, aus dem Erkennen auch Maßstäbe fürs Handeln und für Veränderungsprozesse gewinnen zu können (S. 43). Bieri schreibt weiter: „Jetzt erst, wo wir die Macht der Zensur durchschauen lernen, können wir gegen sie arbeiten und zu einer neuen Einschätzung der fraglichen Tat gelangen, die es uns erlaubt, sie als einen annehmbaren Teil unseres Lebens anzuerkennen. Wir arbeiten durch Selbsterkenntnis an unserer persönlichen Identität.“ (S. 45) Bieri empfiehlt in Anlehnung an Max Frisch das biografische Schreiben als „Exerzitien der einfühlenden Phantasie von unschätzbarem Wert.“ (S. 49) Am besten sei das Entwickeln von Erzählungen geeignet (S. 53), um an das „Gravitationszentrum der eigenen Emotionen“ heranzukommen (S. 55). Selbstachtung sei so mit Selbsterkenntnis verknüpft: „Und diese Verknüpfung ist ein wichtiger Grund, warum es uns zu einem gelingenden Leben zu gehören scheint, daß wir uns in der Art, wie wir leben, richtig verstehen.“ (S. 57)

Selbsterkenntnis sei so „Quelle von Freiheit und [.] von Glück.“ (S. 58) Voraussetzung hierfür sei der Modus der Anerkennung meiner selbst und auch der anderen Menschen (S. 59).

Zur 3. Vorlesung: Wie entsteht kulturelle Identität?

Jeder Mensch erwerbe eine kulturelle Identität durch die ihn umgebenden „bedeutungsvollen sinnstiftenden Aktivitäten“ (S. 61). Kulturelle Identität sei jedoch dynamisch und auch veränderlich (S. 61) und sie werde zuerst durch Sprache erworben (S. 63) und hier kognitiv über Begriffe. Die erste Stufe der Aneignung kultureller Identität gehe über den Erwerb der Sprache als Muttersprache (S. 64). In der zweiten Stufe komme das umsichtige Umgehen mit Sprache in Form von Semantik und Grammatik hinzu: „Die sprachliche Identität wird erkennbar als Manifestation einer geistigen Identität.“ (S. 65) Die Einsicht in fremde Sprache ermögliche auch einen Einblick in fremde kulturelle Identitäten; das Erlernen einer Fremdsprache ermögliche dann auch Toleranz und bewahre vor „Überheblichkeit, Dogmatismus und dem trotzigen Aufstampfen angesichts des Fremden“ (S. 66). Die letzte Stufe der Aneignung bestehe darin, in einer bestimmten Sprache bewusst zu sprechen und auch schreiben zu wollen (S. 67): „Wenn wir Sätze einer Sprache lernen, lernen wir auch, was aus ihnen folgt und was sie voraussetzen. Und das heißt: Indem wir eine Sprache lernen, lernen wir auch die Idee des Begründens.“ (S. 67) Bildung bestehe nach Bieris Überzeugung auch darin, Fremdes als Fremdes zu erkennen und auch anzuerkennen, ohne es auf Fremdheit festlegen zu wollen und bei der eigenen Vernunft zu bleiben (S. 70). Für die Persönlichkeitsentwicklung ist die Erkenntnis wichtig, dass prägende Ereignisse für andere Menschen andere Perspektiven bedeuten können und dass man vieles auch anders erleben kann. Diese Wahrnehmung anderer Perspektiven stellt für Peter Bieri Bildung dar: „Bildung als die aktive, reflektierende Beschäftigung mit Kultur wird sich immer auch mit Vorstellungen davon beschäftigen müssen, was als eine würdige und würdelose Einstellung zu Anderen und zu sich selbst gilt.“ (S. 73)

Der Verlust an Würde habe, so Bieri, auch mit einem Verlust an Selbstbestimmung zu tun (S. 73). Eingebettet sein in eine Kultur, bedeute auch, sich mit Lösungsvorschlägen für Konflikte auseinanderzusetzen und überhaupt die Möglichkeit dazu zu haben: „Tatsächlich findet sich in jeder Kultur der Gedanke, daß die Interessen Anderer für mich ein Grund sein können, etwas zu tun, was einen Verzicht auf meine eigenen Wünsche bedeutet. Das ist der Standpunkt der Moral.“ (S. 75). Kulturelle Identität bedeute auch eine moralische Identität einzunehmen – wenn man etwas für indiskutabel hält, dann sei das auch für das betreffende Individuum auch absolut so (76). Bieri geht davon aus, dass die moralische Identität oft auch mit einer religiösen verknüpft sei (S. 77); aber auch hier gelte der Prozess der Aneignung als „Stufen auf dem Weg zu einer Identität, die sich aus dem Bedürfnis heraus formt, Stimmigkeit zu erreichen, indem man sich bewußt und mit der Bereitschaft zu entsprechendem Handeln für bestimmte Elemente und gegen andere entscheidet, stets im Wissen darum, daß solche Entscheidungen historisch, gesellschaftlich und psychologisch bedingt und also kontingent sind.“ (S. 79)

Kultur sei also auch immer als ein narrativer Raum anzusehen, in dem man sich bewegt – wichtig sei dabei aber immer auch, dass man sich in diesem Raum eine Identität in verschiedene Richtungen angeeignet habe, sich darin artikulieren könne. Das bedeute, in seiner eigenen kulturellen Identität zu leben, sodass die Kultur nicht rein beim Äußerlichen bleibe (S. 81). Bieri greift noch einmal am Schluss des Buches seine aufklärerische Position auf und schreibt: „Sich bilden – das ist wie aufwachen.“ (S. 83)

Fazit

Peter Bieris Vorlesungen sind gut nachvollziehbar und das geschriebene Wort ist wunderbar einfach und steckt doch voller Überraschung. Das Buch macht Lust auf die Philosophie der Aufklärung in einem „postmodernen Zeitalter“ und auch darauf, nicht nur die Literatur von Pascal Mercier zu lesen, sondern auch das philosophische Werk Bieris zu rezipieren.


Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
E-Mail Mailformular


Alle 63 Rezensionen von Wilhelm Schwendemann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 15.03.2017 zu: Peter Bieri: Wie wollen wir leben? Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2015. 6. Auflage. ISBN 978-3-423-34801-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22494.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht