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Ruth Zeifert: Nicht ganz koscher. Vaterjuden in Deutschland

Cover Ruth Zeifert: Nicht ganz koscher. Vaterjuden in Deutschland. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2017. 218 Seiten. ISBN 978-3-95565-208-1.

Mit einem Vorwort von Micha Brumlik.
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Thema

Die Thematik der sogenannten Vaterjuden wurde in der deutschsprachigen Forschungsliteratur bisher kaum berücksichtigt. Mit ihrer bahnbrechenden Monografie öffnet Ruth Zeifert eine Diskussion über die Zugehörigkeit von und den Umgang mit den Juden, die einen jüdischen Vater und eine nichtjüdische Mutter haben. Dadurch befinden sie sich außerhalb der halachischen Definition des Jüdischseins, welche auf dem Prinzip der Matrilinearität als Kriterium der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft beruht.

Mit ihrer sozialisationstheoretischen und subjektorientierten Herangehensweise liefert Zeifert eine neue Perspektive auf die sozialwissenschaftliche Diskussion über die Vaterjuden, welche die Sichtweise der Akteure berücksichtigt und sie zur Sprache kommen lässt. Auch traut die Autorin sich daran, die zum Teil vorbelasteten Begrifflichkeiten, die für die Vaterjuden im deutsch-, niederländisch- und englischsprachigen Raum verwendet werden, zu dekonstruieren und mit Hilfe des Hybriditätsbegriffs Hypothesen aufzustellen.

Aufbau und Inhalt

Die Grundlage der Arbeit bilden biographisch-narrative Interviews, die Zeifert mit Patrilinearen unterschiedlicher Generationen führte, sowie Forschungstagebücher. Alle Interviewpartner verbindet die Tatsache, dass sie und ihre Vorfahren aus Deutschland stammen und entweder selbst oder ihre Eltern bzw. Großeltern die Shoah überlebt haben. Ein gemeinsamer Nenner besteht also darin, dass sie „gleichzeitig Nachkommen der Täter und der Opfer des Nationalsozialismus“ sind (S. 13). Im Zentrum der Arbeit stehen die Fragen danach, wie sich Verbindungen Patrilinearer zum Judentum und dem Jüdischen gestalten und wie bzw. ob sie sich in ihrer Selbstwahrnehmung von Matrilinearen und auch von Nichtjuden unterscheiden (S. 15).

In ihrem Interviewleitfaden stützt sich die Autorin auf vier Aspekte jüdischer Identität, die sich wie rote Fäden in Form von verschiedenen Hypothesen durch ihre Analyse ziehen:

  1. das (religiöse) Judentum,
  2. Familiengeschichte und Shoah,
  3. Antisemitismus,
  4. Israel und das Verhältnis zu Deutschland.

Um das Verhältnis Kinder jüdischer Väter zum Judentum zu beschreiben, führt Zeifert den Begriff der „ethnischen jüdischen Identität“ ein – in Anlehnung an den in den USA geläufigen Terminus „ethnic Jews“. Sie stellt fest, dass religiöse jüdische Identität von den Patrilinearen in der Regel zwar nicht gelebt wird, jedoch eine jüdische Identität, die aus Sozialisation, übermittelter Tradition, Wurzeln und Abstammung besteht, klar erkennbar ist (S. 151). Zeifert beobachtet, dass die Patrilinearen oft kein jüdisches Umfeld und somit keine Möglichkeit besitzen, jüdisches Leben in der Praxis zu führen. Diesen Umstand führt sie auf die Ausschlussmechanismen und Machtverhältnisse zurück, welche Patrilineare als eine Minderheit seitens jüdischer Gruppen oder anderer Juden erleben. So wird ihnen zum Beispiel die Gemeindemitgliedschaft verwehrt und sie dürfen als Kinder häufig nicht auf die jüdischen Freizeitlager mitfahren. Indem Zeifert zur Erklärung dieser Benachteiligung rassismus- und diskriminierungskritische Theorien heranzieht (S. 39), „befreit“ sie jüdische Akteure von ihrem „Bonus-Status“, den sie in der deutschen Forschungslandschaft genießen. Somit leistet die Autorin nicht nur einen Beitrag zur Soziologie des Judentums, sondern auch allgemein zur Erforschung des Verhältnisses zwischen den Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft.

Zeifert konstatiert, dass obgleich Patrilineare eine deutlich erkennbare ethnische jüdische Identität besitzen, sie in ihrer Identität unsicher sind: „Sie fühlen sich, als gehörten sie nicht zur jüdischen und nicht zur nichtjüdischen Seite“ (S. 38). Die Stereotype und Vorurteile, die Patrilineare als eine Minderheit innerhalb der jüdischen Gesellschaft erfahren, führen zur Ambivalenz im Umgang mit der jüdischen Identität: auf eine Abwendung folgt wiederholte Auseinandersetzung (S. 91). Zudem, so Zeifert, sei die jüdische Identität bei Patrilinearen eine Teilidentität und muss auch nicht eine durchgängig bleibende Bedeutung in ihrem Leben haben. Allerdings trifft diese Beobachtung sowie der Terminus der „multiplen Religionszugehörigkeiten“, den die Autorin in Zusammenhang mit dem Lebensstil Patrilinearer verwendet, nicht lediglich auf diese Gruppe, sondern auf alle religiösen und kulturellen Identitäten zu, die in der postmodernen Gesellschaft gelebt werden. Vor dem Hintergrund der nahezu unübersichtlichen Vielzahl an identitätsstiftenden Angeboten werden verschiedene (religiöse) Zugehörigkeiten a) in Abhängigkeit von der Situation gelebt und b) zeichnen sich durch ihren temporären Charakter aus (vgl. Hitzler, Ronald et al. (Hg.): Posttraditionale Gemeinschaften. Theoretische und ethnografische Erkundungen. Wiesbaden 2008).

Im Zusammenhang mit der jüdischen Identität Patrilinearer spricht Zeifert zudem ein anderes, in der Forschung noch kaum berücksichtigtes Thema an – die Konversion. Keiner ihrer Interviewpartner hat sich für den offiziellen Übertritt zum Judentum bereit erklärt. Der bewusste Gedanke der Konversion wird abgelehnt, weil sich Menschen bereits als jüdisch verstehen oder empfinden. Dabei definiert sich das Gefühl, jüdisch zu sein, oft dadurch, dass man sich im Vergleich zu der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft irgendwie „komisch“, anders fühlt (S. 87). Im Verständnis des Jüdischseins ist auch hier nicht die Tradierung einer religiösen Identität zentral, sondern ethnische, kulturelle oder historische Zusammenhänge.

In Bezug auf die Familiengeschichte zeigt sich, dass jüdische Väter das Judentum an ihre Kinder in Form von Wissen wie etwa jiddische Lieder, religiöse Bücher, Erzählungen über die Feiertage weitergeben, dieses Wissen in den Familien jedoch nicht gelebt oder tradiert wird. Deshalb bleibt das Jüdische bei den Kindern jüdischer Väter in den meisten Fällen in Form von Kindheitserinnerungen präsent (S. 27). Als Heranwachsende oder Erwachsene schöpfen sie ihr Wissen über das Judentum häufig aus verschiedenen Kursen wie israelische Tänze, Literatur- oder Hebräischkurse. An dieser Stelle nähert sich die Autorin einer Forschungslücke, in dem sie die Rolle der nichtjüdischen Mutter in der jüdischen Sozialisation der Kinder jüdischer Väter anspricht. Dabei stellt sie die Hypothese auf, dass „das Wohlwollen der Mutter zum Judentum notwendig ist, um bei den Kindern ein jüdisches Selbstverständnis erwachsen zu lassen“ (S. 162).

Zum wichtigsten Familiengeheimnis, über das nicht gesprochen wird, gehört die Shoah. Die Autorin geht der Frage nach, inwieweit die Shoah im Familiengedächtnis tradiert wird und in wieweit mit dieser Tradierung eine jüdische Identität konstruiert werden kann (S. 95). Dabei kommt sie zum Schluss, dass im Vergleich zu zwei jüdischen Elternteilen „weniger die Verarbeitung dessen, was vorgefallen ist, im Vordergrund steht, als vielmehr die Suche nach der eigenen familiengeschichtlich begründeten jüdischen Identität“ (S. 102).

Zu den Definitionsfaktoren der jüdischen Identität gehört für Zeifert auch Antisemitismus. Dabei stellt sie aufgrund von Interviewanalysen fest, dass Antisemitismus den Kindern jüdischer Väter zur Stärkung ihrer jüdischen Identität dient – einer Identität, die ihnen sonst nicht zugestanden wird, weil sie oft Ausgrenzung und Abwertung durch andere jüdische Gruppen oder Juden, aber auch durch Nichtjuden erfahren können (S. 110). Allerdings kann Antisemitismus laut Zeifert in einzelnen Fällen auch zur Schwächung jüdischer Identität führen.

Während das Verhältnis Patrilinearer zur Deutschland aufgrund der nationalsozialistischen Geschichte ambivalent ist und das Leben in Deutschland gegenüber Dritten legitimiert werden muss, hat keiner der Interviewpartner jemals ernsthaft darüber nachgedacht, Deutschland zu verlassen. Gleichzeitig stellt Zeifert fest, dass das Verhältnis zur Nation für Personen jüdischer Herkunft in Deutschland immer mit dem Verhältnis zu Israel verbunden ist. Besonders für Kinder jüdischer Väter stellt Israel einen zentralen verstärkenden Faktor ihrer jüdischen Identität dar: das israelische Rückkehrgesetz berechtigt sie als Nachkommen jüdischer Vorfahren zum israelischen Pass. Es zeigt sich, dass Israel ein realer Aspekt jüdischer Identität Patrilinearer ist und sein kann (S. 141). Auffällig ist auch, dass Patrilineare mit einem israelischen Vater sich auf ihre israelischen und nicht auf ihre jüdischen Wurzeln beziehen. Familienbeziehungen zu Israel sind somit Aspekte der natürlichen Zugehörigkeit zu „den Juden“, die häufig verwehrt wird. Angesichts dieser Beobachtungen bezeichnet Zeifert Israel für die Patrilinearen als emotionale Heimat.

In Rückblick auf diese in vielen Aspekten bahnbrechende Studie fällt allerdings auf, dass sie die jüdischen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und ihre Nachkommen, die in Deutschland statistisch gesehen die größte Gruppe sowohl innerhalb der jüdischen Community allgemein, als auch unter den Patrilinearen darstellen, gänzlich ausklammert. Zwar ist die Autorin sich dieser Lücke bewusst. Sie konzentriert sich ausdrücklich auf die Kinder jüdischer Väter, die aus Deutschland stammen und gleichzeitig Nachkommen der Opfer und Täter des Nationalsozialismus sind. Jedoch überzeugt ihre von Julia Bernstein entlehnte Argumentation, dass die Gruppe russischsprachiger Juden „zunächst häufig identitäre Aufgaben im Zusammenhang einer Migration zu lösen hatte“ (S. 36) nicht. Denn für die junge Generation, der Zeifert einen großen Teil ihrer Studie widmet, trifft diese Behauptung nicht notwendigerweise zu. Auch bedient sich die Autorin in ihren Ausführungen zur jüdischen Identität Theorien, die eine Nähe zwischen Adoleszenz und Migration aufweisen: So wirken sowohl auf Patrilineare, als auch auf Adoleszente mit Migrationshintergrund gesellschaftliche Bedingungen oft wie Strukturen sozialer Ungleichheit. Gerade weil es solche gemeinsamen Momente gibt, welche das Verhältnis dieser beider Gruppen zur Mehrheitsgesellschaft beschreiben, könnte die Berücksichtigung russischsprachiger Patrilinearer in dieser Arbeit möglicherweise zu fruchtbaren Ergebnissen führen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Autorin das Vorhandensein der jüdischen Identität bei Patrilinearen im Sinne von Selbst- und Fremddefinition feststellt. Ihre Familiengeschichten zeigen Verbindungen zur Schicksalsgemeinschaft der Juden, sie können antisemitische Anfeindungen erleben und sehen sich häufig mit Israel verbunden. Durch den Zugriff auf rassismus- und diskriminierungskritische Theorien schafft Zeifert die Gelegenheit, Patrilineare als Gruppe zu konstruieren, deren Gruppenidentität möglicherweise auf gemeinsamen Diskriminierungserfahrungen basiert. Denn, wie die Autorin selbst feststellt, obgleich in Deutschland ca. die Hälfte der Kinder, die einen jüdischen Vater haben, nicht von einer jüdischen Mutter geboren wird, besitzen die Patrilinearen keine Gruppenidentität. Interessant ist die Beobachtung, dass in der letzten Zeit einige Zusammenkünfte Patrilinearer in Deutschland entstanden sind, die möglicherweise durch zunehmende wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit der Thematik angeregt wurden. Es wäre eine wichtige Forschungsaufgabe, diese Tendenz zu beobachten, um weitere Aussagen über die eventuelle Entwicklung der Gruppenidentität Patrilinearer in Zukunft treffen zu können.


Rezensentin
Alina Gromova
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Zitiervorschlag
Alina Gromova. Rezension vom 15.09.2017 zu: Ruth Zeifert: Nicht ganz koscher. Vaterjuden in Deutschland. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-95565-208-1. Mit einem Vorwort von Micha Brumlik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22498.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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