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Felix Manuel Nuss: Wie viel Wille ist gewollt?

Cover Felix Manuel Nuss: Wie viel Wille ist gewollt? Beitrag zum philosophischen Verständnis von Selbstbestimmung und Willensfreiheit im Kontext Sozialer Arbeit. Tectum-Verlag (Marburg) 2017. 100 Seiten. ISBN 978-3-8288-3896-3. D: 19,95 EUR, A: 19,95 EUR.
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Thema

In einer sogenannt postmodernen Sozialen Arbeit erscheinen die Adressat*innen nicht als schlichte Objekte sozialarbeiterischer Behandlung sondern werden als eigenaktive Subjekte in einer demokratischen Bürger*innengesellschaft verstanden, in welcher sie mit ihren Anliegen eine personenbezogene Dienstleistung in Anspruch nehmen (Thiersch 2003). Dies begründet sich in einem grundsätzlich emanzipatorisch verstandenen Konzeptansatz Sozialer Arbeit (Mollenhauer 1968:27). Der „Bürgerstatus“ (Schaarschuch 2003:166) wird dabei als zentral angesehen. Zugleich stellt ein solches Vorgehen in der Praxis besondere Herausforderungen für das eigene Professionsverständnis dar. In der reflexiven Moderne (Beck u.a. 1996) wird eine „Umwandlung des Expertensystems zu einer demokratisch organisierten, durch Dialoge bestimmten öffentlichen Sphäre“ (Lash 1996:345) gefordert. Bezogen auf die Soziale Arbeit korrespondiert diese Ableitung mit dem „Abschied vom Experten“ (Olk 1986) und dem „Abbau von Deutungsasymmetrien zwischen sozialarbeiterischen Professionellen und Klienten durch das alltagsweltliche Handlungskonzept“ (Olk 1986, 241). Wenn eine Normalitätsbiografie im Individualisierungsprozess der Gesamtgesellschaft nicht mehr eindeutig ausmachbar und vor allem auch hervorsagbar ist, werden Normalisierungsaufgaben für die Soziale Arbeit ungemein schwerer zu greifen und es entsteht ein Raum von „Nichtwissen und Ungewissheit“ (Kade/Seitter 2005:56). Dies bedeutet eine notwendige Veränderung für das Selbstverständnis der professionellen Rolle in der Beziehung zwischen Sozialarbeiter*in und Adressat*in. Um eine „Inklusionsvermittlung“ (Scherr 1999:50) für Menschen in benachteiligten Lebenslagen zu realisieren und somit die Adressat*innen bei der Ermöglichung eines selbstbestimmteren gelingenderen Alltags (Thiersch 1986) zu unterstützen, ist eben dabei der Status der Adressat*innen als gestaltende Bürger zu wahren und sie nicht durch ein vermeintliches Expert*innenwissen als Klient_innen zu schwächen bzw. zu überformen. Das eigene Interesse, die Selbstbestimmung bzw. der „Wille“ (Hinte 2007:106ff; Hinte/Treeß 2007:46) und damit durchaus auch die Würde der Betroffenen selbst wird hierbei zum zentralen Faktor.

Autor

Felix Manuel Nuss ist diplomierter Sozialpädagoge/Sozialarbeiter und hat einen Master Degree in Sozialer Arbeit. Zudem promoviert er aktuell zum Thema dieses Buches. Beruflich ist er an einer Privaten Schule im co-curricula educational program sowie als Hochschuldozent tätig.

Aufbau und Inhalt

Das für die komplexe Thematik übersichtlich gehaltene Buch ist in sieben Kapitel gegliedert.

Nach einer thematischen Einleitung wird in Kapitel zwei in drei philosophischen Zugängen – von der ‚Utopie einer totalen Willensfreiheit‘, dem ‚Existenzialismus‘ sowie der ‚Notwendigkeit der Handlungsfreiheit‘ – ein Klärungsversuch der Kategorie Selbstbestimmung angegangen.

Daran fügt sich im dritten Kapitel eine Ausführung zur „Freiheit als Handwerk“ (S.43) an, die maßgeblich auf eine Selbstbestimmung im Sinne einer Selbsterkenntnis, eines konkreten Möglichkeitsraumes der Bewertung und der sozialen Interaktion fokussiert, wobei der Autor sich deutlich an den Ausarbeitungen des Schweizer Philosophen Peter Bieri orientiert.

Es schließt sich daran in Kapitel vier eine vielschichtige Ausführung zur Thematik der „Sozialen Arbeit ‚zwischen den Stühlen‘ “ (S.49) mit Explikationen zum sogenannten doppelten Mandat Sozialer Arbeit an im Spannungsfeld zwischen sozialer Integration in Bestehendes und der Veränderung bestehender Verhältnisse, um zugleich den Blick auf „Soziale Arbeit als intermediäre Instanz“ (S.52) sowie die „Orientierung an den Menschenrechten“ (S.56) zu richten und so den Bezug zur Notwendigkeit des Willens der Adressat*innen als zentrale Handlungskategorie Sozialer Arbeit wiederum herzustellen.

Nun folgen in einem fünften Kapitel konkretisierende Ausführungen eben zu dieser Verknüpfung „Soziale Arbeit und der (freie) Wille“ (S.61), wobei der Autor sich dabei an einem ‚sowohl als auch‘ bezüglich der Notwendigkeit zur Schaffung von Ermöglichungsbedingungen für das Handeln des Individuums aus sich selbst heraus und zugleich um Bedingungen, die dieses indivi­duelle Handeln auf einer gesellschaftlichen Ebene beeinflussen, orientiert. Dabei werden die zuvor theoretisch begründeten Kategorien der inneren und der äußeren Freiheit in Bezug zur Handlungsdimension Sozialer Arbeit luzide herausgearbeitet.

In einem sechsten Kapitel wird in das Fachkonzept „Sozialraumorientierung“ (S.73) eingeführt, das sich maßgeblich an eben diesen zuvor benannten Leitkategorien begründet und aufbaut.

Das mit „Resümee“ (S.83) überschriebene siebte Kapitel rundet diese spannend zu lesende und erkenntnisreiche Publikation inhaltlich ab, in dem der Autor nochmals die theoretischen Linien der Willensbildung als Grundlage einer Selbstbestimmung in Eingebundenheit einer sozialen und materiellen Welt herausstellt, normative Postulate an die Fachpraxis formuliert sowie insbesondere den Aspekt der menschenrechtsgestützten Adressat*innenorientierung fokussiert, im Wissen um dieses durchaus „hoch gesetzte Ideal“ (S.85) der Selbstbestimmung.

Fazit

Dieses wissenschaftlich-philosophische Buch überzeugt durch seine inhaltlich-fachliche Tiefe und die differenzierte Darlegung einer hochanspruchsvollen Materie. Dabei wird der Zugang durch die systematische Gliederung, die sprachliche Schärfe ohne unnötige Abstraktionen sowie die konzeptionell abgeleiteten Praxisbezüge ausgezeichnet gewährleistet. Dieses Buch kann uneingeschränkt sowohl für Studierende, Lehrende und zudem für Handlungspraktiker*innen empfohlen werden. Daher sollte es in keiner Bibliothek der Sozialen Arbeit fehlen, um in Seminaren den Zugang zum besseren Verständnis einer Notwendigkeit der Selbstbestimmungskategorie als Grundlegung Sozialer Arbeit dienlich zu werden. Oder wie es Kollege Schaarschuch etwas herausfordernder formuliert hat: „Soziale Dienstleistung ist ein vom nachfragenden Subjekt als produktiver Konsument ausgehender und gesteuerter professioneller Handlungsmodus, der im Erbringungskontext des Sozialstaates per­spektivisch die Symmetrie des Machtverhältnisses von Nutzer und Professionellem sowie die Demokratisierung der Einrichtungen Sozialer Arbeit zur Voraussetzung hat. Ihr gesellschaftlicher Bezugspunkt und ihre Legitimation ist in ihrer Ausrichtung auf die Herstellung, Reproduktion und Sicherung des Bürgerstatus ihrer Nutzer begrün­det.“ (Schaarschuch 2003: 165)

Die Lektüre dieses Büchleins ermutigt und fundiert zugleich und macht somit professionsbezogen durchweg Spaß!

Literatur

  • Hinte, W. (2007): Das Fachkonzept „Sozialraumorientierung“. In: Haller, D./ Hinte, W.; Kummer, B. (Hg): Jenseits von Tradition und Postmoderne – Sozialraumorientierung in der Schweiz, Österreich und Deutschland, Weinheim, S.98-115
  • Hinte, W./ Treeß, H. (2007) Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe, Weinheim.
  • Kade, Jochen / Seitter, Wolfgang (2005): Jenseits des Goldstandards – Über Erziehung und Bildung unter den Bedingungen von Nicht-Wissen, Ungewissheit, Risiko und Vertrauen. In: Helsper, W. / Hörster, R. / Kade, J. (Hg): Ungewissheit – Pädagogische Felder im Modernisierungsprozess. 2. Aufl. Weilerswist. S. 50-72
  • Lash, Scott (1996): Expertenwissen oder Situationsdeutung? Kultur und Institutionen im desorganisierten Kapitalismus. In: Beck, Ulrich/ Giddens, Anthony/ Lash, Scott: Reflexive Modernisierung – eine Kontroverse. Frankfurt a.M. S.338-364
  • Mollenhauer, K. (1968) Erziehung und Emanzipation, München
  • Olk, Thomas (1986): Abschied vom Experten. Sozialarbeit auf dem Weg zu einer alternativen Professionalität. Weinheim-München
  • Schaarschuch, Andreas (2003): Die Privilegierung des Nutzers. In: Olk,Thomas/ Otto, Hans-Uwe(Hg): Soziale Arbeit als Dienstleistung – Grundlegungen, Entwürfe und Modelle. München S.150-169
  • Scherr, Albert (1999): Inklusion/ Exklusion – Soziale Ausgrenzung – Verändert sich die gesellschaftliche Funktion der Sozialen Arbeit? In:
  • Thiersch, Hans (2003): 25 Jahre alltagsorientierte Sozial Arbeit – Erinnerung und Aufgabe. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik 1. Jahrgang Heft 2 S. 114-130; 114
  • Thiersch, Hans (1986): Die Erfahrung der Wirklichkeit. Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik. Weinheim und München

Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Professor für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt Gemeinwesenarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 17.03.2017 zu: Felix Manuel Nuss: Wie viel Wille ist gewollt? Beitrag zum philosophischen Verständnis von Selbstbestimmung und Willensfreiheit im Kontext Sozialer Arbeit. Tectum-Verlag (Marburg) 2017. ISBN 978-3-8288-3896-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22508.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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